Tag 1082: Reisen im Wohn-Truck

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Tag 1082: Reisen im Wohn-Truck

Tag 1082: Reisen im Wohn-Truck

14.12.2016

Nach rund drei Stunden Wanderung entlang der Rhône begannen unsere Magen so laut zu knurren, dass sie sogar das Rascheln unserer Reifen im Kies übertönten. Der Weg war eben, einsam und verhältnismäßig ruhig, aber es gab nirgendwo eine Möglichkeit, um an Essen zu kommen. Erst jetzt erreichten wir den ersten Ort, so dass wir unser Glück versuchen konnten. Es ließ nicht lange auf sich warten. Am dritten Haus stießen wir auf die Beine eines jungen Mannes, die unter einem Wohn-Truck hervorlugten. Kurz darauf kam auch der Rest zum Vorschein, was praktisch war, wenn man ein Gespräch führen wollte. Er sprach Englisch und bot uns ein Mittagessen und einen Schlafplatz an. Das Essen nahmen wir gerne an, den Schlafplatz hingegen lehnten wir dankend ab. Als Alternativen standen uns ein Platz in einem Wohnmobil und ein kleiner Raum hinter dem Wohnzimmer zur Auswahl, der leider bis zur Decke mit allerlei Nützlichkeiten voll gestellt war. Es war also eher ein Notschlafplatz, der spät am Abend eine gute Möglichkeit gewesen wäre. Doch es war gerade erst Mittag und wir vertrauten darauf, das noch etwas passenderes kommen würde.

Kurze Zeit später saßen wir mit dem jungen Mann, seiner Freundin und seinen Eltern am Mittagstisch. Spannend war, dass die junge Frau optisch eine große Ähnlichkeit mit Heidi hatte. Sie trug Tattoos an den selben Stellen, hatte die selbe Farbe zum färben ihrer Haare gewählt und auch sie hatte Dreadlocks. Gemeinsam mit ihrem Freund lebte sie die meiste Zeit im Truck mit dem sie gemeinsam durch Europa tourten. Den Winter über hatten sie nun jedoch einen Job am Flughafen angenommen, um sich wieder neu aufstellen zu können.
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, setzten wir unsere Wanderung entlang der Rhône fort. Der Nebel hatte sich nun verzogen und die Sonne strahle vom Himmel. Es war ein angenehmes und schönes Wandern.

Der einzige Haken war nur, dass es doch deutlich schneller wieder kalt wurde, als wir dachten und dass auf unserer Strecke auch weiterhin kaum Ortschaften lagen. Jedenfalls keine, die nicht oben auf einem Berggipfel gebaut wurden. Dies führte dazu, dass wir schließlich doch wieder in eine zeitliche Bedrängnis kamen, wenn wir einen Platz vor Einbruch der Dunkelheit und der Extremen Kälte finden wollten. Bei der Suche nach einem geeigneten Platz wurde dann noch einmal deutlich, wie sehr sich die Menschen auch hier unterscheiden. Der erste Bürgermeister den wir per Telefon von einer Anwohnerin fragen ließen, schlug vor, dass wir doch einfach am Fußballplatz direkt neben der Hauptstraße unter dem Vordach eines verfallenen Gebäudes schlafen könnten. Ein Angebot, das einer Einladung zum Selbstmord gleichkam, denn in der Nacht fielen die Temperaturen wieder auf deutlich unter -10°C. Der Bürgermeister im nächsten Ort hingegen war der Meinung, dass man einen Gemeindesaal niemandem anbieten könne und nahm uns stattdessen selbst auf. Oder viel mehr, seine Frau nahm uns auf. Sie hatte früher leidenschaftlich gerne Pilger beherbergt, dies jedoch vor einer Weile aufgegeben. Als sie hörte, dass zwei Wanderer im Ort waren, konnte sie es kaum erwarten, ihr altes Gästezimmer wieder herzurichten.

15.12.2016

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Mit dem Wohnort der alten Dame, die uns beherbergte, endete auch die Strecke, die wir bislang auf der Karte herausgesucht hatten. Für die nächsten 6 km wanderten wir frei nach Schnauze in Richtung eines Ortes, den uns unsere Gastgeberin empfohlen hatte. Hier suchten wir die Touristeninformation um dort nach einer Karte für den weiteren Verlauf zu fragen. Der Jakobsweg teilte sich an dieser Stelle und führte einmal komplett oben über den Bergkamm und einmal etwas seichter am Hang entlang. Hier gab es außerdem kleine Straßen, denen man folgen konnte, um so zu vermeiden, dass man über steile Trampelpfade kraxeln muss. Kurz bevor es an den Anstieg zum Berg ging teilte sich die Straße einmal und führte zu beiden Seiten eines Flusses nach oben. Der Jakobsweg schlug die Rechte Flussseite vor, mein Bauchgefühl sagte, wir sollen auf der linken Seite bleiben. Doch wie fast immer in diesen Situationen entschied ich mich, mein Bauchgefühl zu ignorieren und führte und den Schildern folgend mitten auf einen steilen, steinigen Abhang. Der Weg war eigentlich sogar ganz schön, aber er war eben auch saumäßig anstrengend und es war wieder einmal bitterkalt. Auch dies wäre vielleicht sogar noch in Ordnung gewesen, wenn man nicht die ganze Zeit über hätte auf die Straße blicken können, die seicht und verlassen neben uns her führte, so als wolle sie sagen: „Na, macht ihr es euch wieder schön schwer, obwohl es gar nicht nötig ist?“

Dementsprechend geladen war auch unsere Stimmung. Vor allem Heiko war verärgert über die unnötige Energieverschwendung bei der Eiseskälte, da er extra noch einmal gefragt hatte, ob ich mir über den Weg sicher war und da ich ja kurz zuvor extra deswegen mit der Frau von der Touristeninformation gesprochen hatte.
Nach einer guten halben Stunde kamen wir wieder auf eine asphaltierte Straße, die kurz darauf wieder auf jene Straße führte, die uns zuvor ausgelacht hatte.

Nach einige Zeit hatten sich nun auch der Nebel und die Wolken verzogen und es wurde regelrecht sonnig. Das Areal in dem wir uns befanden war großartig. Es war der erste Ort seit langem, an dem wir uns vorstellen konnten, dass man hier gut, gesund und zufrieden leben konnte. Unter normalen Umständen hätten wir in dem kleinen, halb verlassenen Bergdorf sicher im Rathaus nach einem Platz gefragt, aber heute waren wir bereits versorgt. Die Dame in der Touristeninformation hatte bei einem Mann angerufen, der eine Pilgerherberge führte und der uns aufnehmen wollte. Leider hatte sie uns nicht gesagt, dass sich diese Herberge nicht in dem von ihr angegebenen Ort, sondern drei Kilometer abseits des Weges irgendwo dahinter befand. Dies führte dazu, dass wir wieder einmal deutlich länger wanderten als geplant und daher auch erst spät am Nachmittag ankamen. Zeit wurde damit wieder einmal zu einem großen Thema. Es ist fast ein bisschen wie verflucht. So als würde mir irgendetwas oder irgendjemand ganz bewusst die Zeit stehlen, damit ich nicht zu den Dingen komme, die ich eigentlich machen möchte. Gerade all jenes, das eigentlich Heilung und Entwicklung bringen würde und das so wahnsinnig wichtig wäre um aus diesem seltsamen und nicht gerade angenehmen Zombie-Zustand herauszukommen, in dem ich mich noch immer befinde, fällt ständig hinten herunter. Wahrscheinlich ist das auch kein Zufall.

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Spruch des Tages: Zeit ist relativ.

Höhenmeter: 60 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 19.821,27 km
Wetter: Nebel bis zum Nachmittag, dann bewölkt bei 3°C.
Etappenziel: Veranstaltungssaal neben der Sporthalle, Châbons, Frankreich

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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