Tag 100: 100 Tage auf Weltreise!

von Franz Bujor
12.04.2014 08:29 Uhr

 Heute ist es nun soweit! Unsere Weltreise wird 100 Tage alt. Damit sind wir nun länger unterwegs, als bei fast allen anderen Aktionen und Projekten, die wir in unserem Leben bisher gemacht haben. Noch ein Grund mehr, um sich bewusst zu werden, dass es diesmal etwas anderes ist, als ein Projekt. So großartig wie sich das Jubiläum anhört, fühlten wir uns heute jedoch nicht. Es war eher ein müder und leicht verschlafener Tag, den wir im Schatten des Heuschnupfens und der Allergien verbrachten.

In der Früh wurden wir von dem quirligen, kleinen Pfarrer geweckt. Er kam um halb neun in unseren Gemeindesaal und erklärte, dass er in einer Stunde zur Messe müsse. Wenn wir also noch duschen, frühstücken und sein Internet nutzen wollten, dann müssten wir das innerhalb der nächsten Stunde tun.

Unser Wecker hatte bereits zwei Mal geklingelt und wir hätten eh längst aufstehen wollen, aber irgendetwas hielt und mit aller Macht an unseren Isomatten fest. Mit verspanntem Rücken und verquollenen Augen wankten wir schlaftrunken ins Pfarrhaus herüber. Der Pfarrer hatte bereits alles eingedeckt und fing wieder fröhlich zu erzählen an. Es war schwer zu glauben, dass es eigentlich er war, der den Zeitdruck hatte und nicht wir, denn immer wieder mussten wir ihn daran erinnern, dass er um 9:30Uhr einen Termin hatte. Spannend war, dass wir den Mann trotz seines schnellen und nicht gerade deutlichen Französisch gut verstanden.

„Ich glaube es lag daran,“ überlegte Heiko später, „dass es eine wirklich ausgeprägte Mimik und Gestik hatte und das Sprechen vor vielen Menschen gewohnt ist. Ich denke einfach, er weiß, dass auf Worte eh niemand achtet und dass es vor allem auf die Art ankommt, mit der man etwas sagt. Es gibt also offenbar doch eine Art Universalsprache auch unter Menschen, zumindest unter denen, die damit umgehen können.“

Gerade als wir den Ort verlassen hatten und zurück auf unseren Fahrradweg kamen, wurden wir von einer Herde Dammhirsche begrüßt. Der erste stand an einem Hang und lief nach oben als wir kamen. Vorsichtig folgten wir ihm und entdeckten seine Freunde, die es sich auf den Felsen bequem gemacht hatten.

Der Vormittag war leicht verregnet, so dass wir unsere neuen Schuhe erst einmal wieder in unseren Packsäcken verstauten und auf die wasserfesten Winterschuhe zurückgriffen. Dabei hatten sich meine Füße doch so über die luftigen, neuen gefreut! Leider führte der Regen nicht dazu, dass die Luft von den Pollen gereinigt wurde. Er machte es sogar noch schlimmer, denn nachdem er aufgehört hatte, verteilte der Wind die abgeregneten Pflanzensamen voller Leidenschaft in der ganzen Umgebung. Meinen Augen gefiel das überhaupt nicht und sie begannen voller Inbrunst zu jucken, zu brennen und zu tränen. Heikos Lunge hatte sich wieder etwas erholt und die Pollen machten ihm heute nicht so viel aus wie zuvor. Dafür machten sich seine Ohren wieder stärker bemerkbar. In der Vergangenheit hatte er oft das Problem gehabt, dass sein Gehörsinn überempfindlich war, so dass er selbst leise Geräusche bereits als äußerst störend empfand. In abgeschwächter Form war das konstant der Fall, aber es blieb meist so, dass er gut damit umgehen konnte. Hin und wieder jedoch gab es Hochphasen, in denen es so unangenehm wurde, dass er sich kaum an Orten aufhalten konnte, an denen sich mehr als zwei Menschen befanden. In der letzten Zeit war das kaum noch vorgekommen und wenn dann meist in großen Städten oder in Stresssituationen. Heute kam es jedoch ohne deutlich erkennbaren Grund. „Meinst du, das könnte vielleicht mit unserer Traumreise zu tun haben?“ fragte er nachdem wir eine ganze Weile schweigend nebeneinander hergewandert waren. „Denn es ist ja schon ein bisschen auffällig, dass es uns heute beide so erwischt, dich mit den Augen und mich mit den Ohren. Vielleicht haben wir wirklich etwas angestoßen!“

Ich überlegte einen Moment. Möglich war es auf jeden Fall, auch wenn ich die Reise schon fast wieder vergessen hatte. Gestern hatten wir uns an einem Picknickplatz in die Sonne gelegt und eine Meditation gemacht, die Heiko von einigen Medizinleuten gelernt hatte. Es ging darum, im Geist zu einem Krafttier oder Tierboten zu reisen und ihn nach seiner Botschaft zu fragen. Wir hatten unsere Schlage ausgewählt, die wir zuvor getroffen haben. Beide waren wir während der Meditation recht weit abgedriftet und irgendwann eingeschlafen. Als wir wieder aufwachten, waren wir etwas enttäuscht, weil wir uns doch etwas mehr als Antwort erhofft hatten, als einen verworrenen Traum, den wir beim Aufwachen schon wieder vergessen hatten. Doch vielleicht kamen die Antworten ja auch etwas später und in ganz anderer Form als erwartet. Am späten Nachmittag jedenfalls hatten wir eine erneute Begegnung mit einer Schlange. Sie war deutlich kürzer als die letzte, aber ebenso intensiv. Wie aus dem Nichts war sie rund dreißig Zentimeter vor meinem Fuß im Gras aufgetaucht. Ich erschrak mich so sehr, dass ich einen Sprung nach hinten machte, was mit dem Wagen an meiner Hüfte äußerst komisch ausgesehen hat. Die Schlange erschrak sich ebenso sehr und verschwand mit einem Satz im Unterholz. Dann war sie verschwunden.

Am Mittag wurde unser Radweg von einem parkenden Auto versperrt. Als wir näher kamen sahen wir den quirligen Pfarrer, der mit einem Fotoapparat auf uns zu kam. „Ihr ward plötzlich weg und ich habe noch gar kein Foto gemacht!“ sagte er und lachte. Er wäre eh gerade auf dem Weg in die Stadt gewesen und dachte er schaue einmal ob er uns nicht finde. Als wir ihm wirklich begegneten freute er sich wie ein Honigkuchenpferd. Pilger kamen in seinem Ort nahezu nie vorbei und waren daher etwas Besonderes. Da er einmal im Jahr mit seiner Kommunionsgruppe ebenfalls ein Stück pilgerte, hatte er sich über unseren Besuch besonders gefreut. Es war faszinierend, wie unterschiedlich man von den Menschen aufgenommen wurde. „Erinnerst du dich noch an die Geschichte, wo wir innerhalb von einer Woche einmal als Teufel beschimpft und dann mit Jesus verglichen wurden?“ fragte ich Heiko. Er nickte und wir mussten beide Schmunzeln.

Es war kurz nach unserer Obdachlosentour gewesen. Unsere neue Ausbildung hatte gerade begonnen und wir waren auf der Suche nach Seminarhäusern in denen wir unsere Kurse abhalten konnten. Dabei waren wir auf ein katholisches Jugendhaus in der Nähe von Neumarkt gestoßen. Als ich dort anrief um zu fragen, ob das Haus an einer Zusammenarbeit interessiert war, musste ich mir vom zuständigen Abt eine zehnminütige Schimpftirade anhören. Unser Programm beschäftige sich mit heidnischen Riten und sei nicht im Geringsten mit dem christlichen Glauben vereinbar! Ich konnte sagen was ich wollte, der Mann geriet nur noch mehr in Rage. Am Ende verfluchte er mich als Teufelsanhänger und legte auf. Noch am gleichen Tag rief ein Pfarrer des gleichen Bistums an, der nichts von meinem Gespräch mit seinem Kollegen wusste. Er hatte gehört, dass wir ein Projekt mit Straßenkindern gemacht hatten und fragte ob wir nicht an einem Themengottesdienst als Referenten teilnehmen wollten. Wir sagten zu und standen am Sonntag darauf auf dem Podium der jungen Kirche in Nürnberg um etwas über Jugendarmut in Deutschland zu erzählen. In seiner Abschlusspredigt sagte der Pfarrer: „Zum Glück gibt es aber immer wieder Menschen wie Jesus, wie Mutter Theresa, wie Heiko und Tobias, die zu den Armen gehen und auf Augenhöhe mit ihnen sprechen und leben....“

„Hey!“ flüsterte ich Heiko zu, „hat er gerade wirklich unsere Namen in einem Satz mit Jesus erwähnt?“

„Ja,“ flüsterte Heiko zurück, „und das von einem Pfarrer bei seiner Predigt und nur vier Tage, nachdem man uns für den Teufel gehalten hat!“

A Pros Pros heidnische Rituale: Jetzt da wir die neuen Schuhe hatten, mussten wir natürlich noch gebührend Abschied von unseren alten nehmen. Dies taten wir in guter alter Pilgermanier, indem wir sie an einem Baum bestatteten und uns bei ihnen für die 2000km bedankten, die sie uns getragen hatten. Passend dazu hatte uns der Pfarrer in der Früh zwei Jakobsmuscheln geschenkt, mit denen wir die Schuhe nun verzierten. Ruht in Frieden ihr treuen Wanderschlappen! Auch wenn ihr am Ende stärker gestunken habt als ein Rudel verfaulende Opossums, wenn ihr keinen Tropfen Wasser mehr abhalten konntet, wenn eure Löcher größer waren als der Teil, der noch keine hatte und wenn eure Sohlen bereits in zwei Teile zerbrochen waren, ihr habt uns doch immer treu zur Seite gestanden!

Kurze Zeit später kamen wir an einer weiteren ungewöhnlichen Beerdigung vorbei. Diesmal allerdings als Zaungäste. Es handelte sich um die Beerdigung zweier Landmaschinen. Ein Bauer hatte einen Sattelschlepper über sein Feld fahren wollen und die Reifen dabei so lange durchdrehen lassen, bis dieser ganz im Sand eingesunken war. Dann hatte er einige Helfer hinzugeholt, die nun vor dem großen, eingegrabenen Gefährt standen, die Hände in ihren Hosentaschen hielten und nach einer Lösung suchten. Ein kleinerer Traktor, der vor den großen gespannt worden war, war auch bereits einen halben Meter tief eingesunken. In der Zeit, in der wir das Szenario beobachteten, unternahmen sie einen Versuch, beide Fahrzeuge aus dem Sand zu ziehen. Er endete damit, dass das Stahlseil riss und alle beteiligten Reifen noch weiter durchdrehten. Gerne hätten wir noch abgewartet, ob es am Ende doch noch ein Happy End gab, aber dann würden wir wahrscheinlich noch immer dort stehen.

Nach rund 18km erreichten wir eine kleine Ortschaft namens Hinx, in der wir nach einigem hin und her einen Raum im Gemeindehaus bekamen. Von 20:00 bis 23:00 findet hier heute der Kirchenchor statt. Ich hoffe er ist gut!

Zur Feier unseres 100. Tages bekamen wir dann im Supermarkt noch ein Baguette, etwas Schinken und eine KAS geschenkt. Das ist eine französische Fanta, die ich bis dahin noch nicht kannte. Heiko hatte sie auf seinem ersten Jakobsweg einige male getrunken und war ganz aus dem Häuschen, weil er einige wirklich gute Erinnerungen damit verband.

Spruch des Tages: Es ist an der Zeit, zu sich zu stehen! Tagesetappe: 17,5km Gesamtstrecke: 2048,07 km
Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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