Tag 651: Grenzerfahrungen – Teil 3

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Tag 651: Grenzerfahrungen – Teil 3

Tag 651: Grenzerfahrungen – Teil 3

Fortsetzung von Tag 650:

Als wir seinen Parkplatz wieder erreicht hatten, sagte er etwas zu mir, dass ich zunächst nicht verstand. Dann verstand ich es, konnte aber nicht glauben, dass er es gesagt hatte und glaubte deshalb lieber, es nicht verstanden zu haben. Fünf mal bat ich ihn, seine Worte zu wiederholen, bis ich sicher war, dass es sich nicht um ein Missverständnis aufgrund der Sprachbarriere handelte.

„Ich schlafe heute Nacht bei dem Mädchen von euch!“ sagte er, als sei das eine Beschlusssache, über die er mich nur Freundschaftshalber informieren wollte.

„Wie bitte?“ fragte ich noch einmal, denn so ganz glaubte ich es immer noch nicht.

„Ich schlafe heute Nacht bei dem Mädchen von euch!“ wiederholte er.

Dies wäre eigentlich der Moment gewesen, in dem ich ihn hätte anschreien sollen, was er für ein Perversling ist oder in dem ich ihm einen saftigen Schlag hätte verpassen müssen, damit er wieder auf den Boden der Tatsachen zurück kommt. Doch auch meine Höflichkeitsgrenze war dafür zu groß. Stattdessen sagte ich einfach nur: „Nein! Das wirst du nicht!“

„Warum nicht?“ fragte er. Wenn ich ihn bislang noch nicht verprügelt hatte, dann wäre es jetzt wohl angemessen gewesen. Was erdreistete sich dieser Kerl, von Paulina zu sprechen als wäre sie ein Objekt, dass er sich für diese Nacht einmal ausborgte? Wie konnte er glauben, damit durchzukommen, ohne eins auf die Fresse zu kriegen? Ach ja, richtig! In dem ich ihm signalisierte, dass von mir keine Gefahr ausging. In dem er wusste, dass er keine auf´s Maul bekommen würde. Und er bekam es auch nicht.

Ich ließ mich sogar auf das Spiel ein und begann zu begründen, warum es nicht möglich war. Als bräuchte ich dafür wirklich Gründe. Ich erklärte ihm, dass Paulina Heikos Freundin war, dass wenn überhaupt sie entscheiden musste, wer sich zu ihr ins Zelt legte und dass die ganze Art, wie er damit umging nicht in Ordnung war. Doch er stellte sich blöd und tat als würde er nichts verstehen. Er war darin sogar so gut, dass ich mir schon wieder unsicher war, ob ich ihn nicht auch einfach vollkommen falsch verstanden hatte. Ich erklärte es noch einmal und dieses mal meinte er: „Ok, dann gebe ich euch eben Geld dafür!“

Ich kann es nur noch einmal sagen: Wenn ich bislang keinen Grund gehabt hätte, dem Mann eine einzuschenken, dann war spätestens jetzt der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Nun hatte er Paulina auch noch als Nutte und uns als ihre Zuhälter bezeichnet. Wie konnte ich das nur zulassen? Ich weiß es nicht, aber ich ließ es zu.

„Nein, nein!“ sagte er schnell, „nicht falsch verstehen! Ich will keinen Sex mit ihr! Ich will nur neben ihr einschlafen!“

Ich habe keine Ahnung, was mit dem Mann los war. Vielleicht war das irgend ein komisches Spiel, vielleicht meinte er es auch ernst und er sehnte sich einfach nach menschlicher Nähe, die er sonst vielleicht nicht bekam. Ansicht hätte es mir vollkommen egal sein müssen, denn das was er da abzog ging ohne Zweifel über jede Grenze. Doch irgendwie schaffte er es mich zu besänftigen und aus irgendeinem Grund hatten wir sein Auto inzwischen verlassen und gingen sogar auf unser Camp zu.

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„Eines sage ich dir!“ sagte ich dem Mann und blieb dabei vor ihm stehen. „Wenn du später noch einmal in unser Camp kommst, dann wirst du es bitter bereuen! Paulina ist Heikos Freundin und wenn du ihn wütend machst, dann geht das für dich nicht gut aus! Hast du das verstanden?“

Er druckste etwas herum, aber es war klar, dass er mich verstanden hatte. Ich kann nicht mehr sagen warum, aber ich erlaubte ihm, zehn Minuten in unserem Camp zu verweilen, wenn er dann verschwand und sich nicht mehr blicken ließ. Damit war er einverstanden und so kam es, dass wir plötzlich wieder beide in unserem Lager standen, obwohl es das letzte war, was ich wollte.

Heiko war bereits im Zelt und schrieb an einem Text, während Paulina in der Mitte des Camps saß und kochte. Ich ging sofort zu ihr und erzählte ihr von dem Gespräch zwischen mir und dem Fremden. Sie war schockiert und konnte es nicht fassen, aber auch sie war zu höflich, um den Mann zu vertreiben. Nichts hätte dagegen gesprochen, wutentbrannt auf ihn loszugehen und ihm eine Backpfeife zu verpassen, die ihn aus den Latschen gehauen hätte. Auch damit wäre das Thema erledigt gewesen und sie hätte zweifelsfrei deutlich gemacht, dass sie ihm die Genitalien abreißen würde, wenn er es wagte, auch nur noch ein weiteres Mal an seinen Plan zu denken. Stattdessen blieb sie jedoch sitzen, kochte weiter und fühlte sich absolut unwohl.

Der Mann half noch beim Umfüllen des Wassers in unsere Trinkbeutel und dann verabschiedete ich mich offiziell von ihm. Ich gab ihm die Hand, wünschte eine gute Nacht und er erwiderte den Gruß. Doch anstatt zu gehen setzte er sich auf den Boden und zündete sich eine Zigarette an. Wieder saß er nur schweigend da und starrte uns an, doch dieses Mal wirkte er dabei sogar noch unheimlicher. Paulina versuchte ein paar mal, ihn mit neuen Ausreden zum Gehen zu bewegen. „Wir sind müde und wollen nun schlafen! Könntest du uns nun bitte alleine lassen?“

Er nickte und sagte, das sei natürlich kein Thema, bewegte sich aber keinen Zentimeter. Schließlich stand er auf, kamm auf mich zu und schaute mir zu, wie ich meinen Hüftgurt reparierte. Jetzt wurde es mir zu viel: „Du hast gesagt, du bleibt zehn Minuten!“ fuhr ich ihn an, „diese Zeit ist lange abgelaufen, also verschwinde jetzt endlich!“

„Ok, ok!“ sagte er beschwichtigend, „Ich wollte ja nur wissen, was du da machst!“

„Nein!“ sagte ich und wurde dabei dieses Mal strenger, „Geh!“

Diesmal verstand er es und er ging wirklich. Misstrauisch beobachteten wir noch, wie er langsam durch das Dickicht in Richtung Berghang verschwand.

Doch das Thema war damit noch lange nicht beendet. Beim Abendessen sprachen wir noch einmal über die Vorgänge und über den Verlauf der Ereignisse in den letzten Wochen. Am Anfang war es nur eine Theorie gewesen, dass Paulina ständig größeren Druck anzog, solange bis sie endlich eine Entscheidung treffen konnte. Nun zeigten die Ereignisse der vergangenen Tage und Stunden deutlich, dass diese Theorie der Wahrheit entsprach. Seit ihrer Ankunft stand die Entscheidung aus, ob sie wirklich mit allen Konsequenzen hier sein wollte und ob sie bereit war zu sich zu stehen und sich für sich selbst und die Gruppe einzusetzen. Seither war viel passiert und bereits viele Male waren wir an Punkte gekommen, an denen die Frage nach der Entscheidung absolut akut geworden war. Die drei Tage, die wir getrennt von einander verbracht hatten, waren in erster Linie dazu da gewesen, damit Paulina Zeit bekam um die Entscheidung für sich in Ruhe zu treffen. Doch das war nicht geschehen. Sie hatte das Thema nur wieder vom Tisch gedrängt. Auch die Beinahe-Vergewaltigung im Hotel hatte nicht ausgereicht um sie zu einer Entscheidung zu bewegen. Nun hatte sich bereits der nächste potentielle Täter in Form dieses verschrobenen Vogels angekündigt und damit wurde die Frage akuter denn je zuvor. Auch dieser Mann war noch ein Opfertyp, doch er hatte etwas an sich, dass ihn irgendwie wie einen Psychopathen erscheinen ließ. Es war unmöglich, ihn einzuschätzen und er mochte zu allem im Stande sein, wenn man ihm keine Grenzen aufzeigte. Was würde als nächstes kommen? Wenn es diese Nacht gut ging, dann kam vielleicht schon morgen ein wirklicher Gewalttäter, der nicht nur mit einer nächtlichen Kuschelattacke drohte, sondern wirklich zur Tat schritt. So gerne wir Paulina auch helfen wollten, dieses Ausweichen vor der Entscheidung konnten wir nicht unterstützen. Wenn wir das zuließen, machten wir uns gewissermaßen mitschuldig, wenn ihr etwas zustieß. Gleichzeitig zogen wir uns damit auch selbst ins Zentrum der Gefahr. Was war, wenn sich die Angreifer nicht mehr nur durch wütendes Schreien vertreiben ließen. Wenn sie in den Gegenangriff übergingen und dabei wohlmöglich in der Überzahl und bewaffnet waren? Klar würden wir Paulina verteidigen, wenn sie bei uns war, aber es konnte nicht sein, dass sie ganz bewusst Gewaltsituationen heraufbeschwor die uns unsere Gesundheit, unsere Freiheit oder wohlmöglich unser Leben kosten konnten. So gerne wir Paulina auch hatten, dafür waren wir nicht bereit. Vor allem deshalb nicht, weil die Lösung so einfach war. Klar war die Gefahr nicht vollkommen verschwunden, wenn Paulina sich wirklich für ihr Leben entschied. Das sah man ja an mir. Auch wenn ich mich entschieden habe, gerate ich noch immer häufig in Situationen, in denen ich nicht zu 100% zu mir stehen konnte. Aber es war ein Anfang und auf diese Weise konnte sie zumindest schon einmal dafür sorgen, dass der Druck nicht ständig erhöht wurde, sondern vielleicht gleich blieb. Irgendwann musste sie lernen, ihr Opfersein abzulegen und das konnte sie nur, wenn sie mit dem ersten Schritt begann. Und dieser bestand nun einmal darin, sich für das eigene Leben und nicht für die Anerkennung anderer zu entscheiden. Je länger sie damit wartete, desto härte wurden die Wegweiser und desto stärker machte sie das Leben für sich selbst und für uns zu einem Kampf, den keiner von uns führen wollte.

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Und doch war die Angst noch immer zu groß. Heiko und ich waren kurz vor der Verzweiflung.

„Nur noch einmal, damit ich das richtig verstehe“, versuchte ich die Essenzen der letzten halben Stunde zusammenzufassen, „du hast verstanden, dass du dir das Leben durch eine Nichtentscheidung zur Hölle machst, dass du immer gefährlichere Situationen anziehst und dass du jeglichen Frieden in unserer Herde zerstörst und trotzdem kannst du nicht Ja zu deinem Leben sagen?“

Paulina nickte. Was war es, was sie davon abhielt, ja zu sich selbst zu sagen? Wovor hatte sie so eine Angst.

Wir verstanden, dass noch immer der Glaubenssatz in ihr steckte, dass sie sterben müsse, wenn sie nicht mehr von den Menschen geliebt wurde, die ihr nahe standen. Und wir verstanden auch, dass sie Angst davor hatte, dass die Menschen, die ihr nahe standen nicht damit einverstanden waren, dass sie sich für ein Leben in Freiheit entschieden hatte und dass sie aufhören wollte, eine Schauspielerin zu sein. Sie hatte erlebt wie es bei mir und meinen Eltern verlaufen war und es gab keine Garantien, dass es bei ihr nicht ähnlich oder genauso werden könnte. Das wollte sie einfach nicht riskieren und deshalb konnte sie nicht mit ganzem Herzen hier sein. Doch dieses Halbherzige war es, was die Sache wirklich gefährlich machte. Sie war wie die Steuerfrau auf einem kleinen Floß, dass auf einen Wasserfall zufuhr. Um sich zu retten, musste sie nur entscheiden, ob sie nach links oder nach rechts ans Ufer paddeln wollte. Doch weil sie Angst davor hatte, das falsche zu tun, trieb sie einfach immer weiter geradeaus und wurde immer panischer, weil die Strömung ständig an Geschwindigkeit zu nahm. Bald schon würde sie in einen Abgrund stürzen, wenn sie es nicht schaffte, auf die eine oder auf die andere Art zu reagieren.

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Schließlich kam auch Paulina nicht mehr umhin, dass ihr die Notwendigkeit dieses Schrittes bewusst wurde. Doch anstatt besonnen zu überlegen was das beste für sie war, wurde sie noch panischer und schließlich schrie sie so laut sie konnte: „Verdammt! Dann geh ich eben nach Hause!!!“

Fortsetzung folgt…

 

Spruch des Tages: Wieso entscheidet man sich so oft gegen sein Bauchgefühl, obwohl es fast immer Recht hat?

Höhenmeter: 340 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 11.602,27 km

Wetter: bewölkt aber überwiegend trocken

Etappenziel: Zeltplatz auf einem Feld, 44003Raiko, Griechenland

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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