Tag 780: Ängstlicher Bürger – Teil 1

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Tag 780: Ängstlicher Bürger – Teil 1

Tag 780: Ängstlicher Bürger – Teil 1

Heute war wieder einer dieser Tage, an denen es schwer war nicht vollkommen den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Wir wanderten gut 40km und durchquerten vier verschiedene Ortschaften, ohne auch nur eine einzige hilfreiche Person zu finden. Was mich dabei am Meisten aufregte war jedoch nicht der Umstand, dass uns niemand half, sondern viel mehr die Scheinheiligkeit, die an den Tag gelegt wurde in Kombination mit den ständigen Fehlinformationen. Vieles konnte man ja vollkommen nachvollziehen. So zum Beispiel den alten, pensionierten Pfarrer, der so tatterig war, dass er nicht einmal seine Gegensprechanlage mehr richtig bedienen konnte und der mit der Bitte um einen Schlafplatz einfach überfordert war. Oder die kleinen, alten Nonnen, die zu viert in einem Kloster lebten und sich nicht trauten, nachts zwei großgewachsene, fremde Pilger aufzunehmen, von denen sie nicht wussten, ob sie wirklich gute Absichten hatten. Doch bereits bei den letzteren war der Umgang schon etwas speziell. Als wir klingelten war es bereits Dunkel und wir hatten die Hoffnung auf einen Schlafplatz schon nahezu aufgegeben. Eine kleine Frau mit einer Körpergröße von vielleicht gerade einmal 1,30m öffnete und ließ uns hinein. Sie bat uns zu warten, während sie mit der Mutteroberin sprach. Doch kaum hatte sie ihre Ordensleiterin aufgesucht, bekam sie die Standpauke ihres Lebens. Wäre sie nicht ohnehin schon so winzige gewesen, dann hätte sie ihre Cheffin nun auf die Größe einer Handpuppe zusammengestaucht. Wie konnte sie nur auf die absurde Idee kommen, nach Einbruch der Dunkelheit noch die Tür zu öffnen. Vollkommen gleich für wen! Da draußen wimmelte es nur so vor Halsabschneidern und Ganoven und sie öffnete ihnen Tür und Tor? Das konnte doch nicht ihr Ernst sein! Rauswerfen solle sie uns und zwar schnell!

Geknickt und traurig über die Antwort ihrer Chefin kam die kleine Nonne zurück. Doch so schnell gab sie nicht auf! „Ich kenne jemanden, der die Schlüssel von dem alten, verlassenen Franziskanerkloster hat. Ihn werde ich anrufen und dann könnt ihr dort bestimmt schlafen!“

Doch kaum hatte sie den Mann am Apperat, war ihr Eyphorismus auch schon wieder verschwunden. Er redete noch auf sie ein und erklärte seine Entscheidung mit verschiedensten Ausreden, doch sie schüttelte bereits den Kopf. „Es tut mir Leid!“ sagte sie traurig, „Er kennt euch nicht und will euch daher nicht helfen! Etwas anderes fällt mich nicht ein! Verzeiht mit bitte!“

In diesem Moment war die kleine Schwester so traurig, dass sie uns fast mehr Leid tat als wir ihr. Uns fiel es schwer, uns nicht über den Schlüsselwächter aufzuregen, aber in ihr existierten in diesem Moment nur noch Gefühle von Scham und Enttäuschung. Sowohl ihre Ordensleiterin als auch der Franzeskaner, der den Schlüssel betreute waren Menschen, die sie für großherzig, gütig und hilfsbereit hielt. Sie hatte sich diesen Glauben bewahrt, weil es nie Situationen gegeben hatte, in denen sie diese Qualitäten auch unter Beweis stellen mussten. Nun war die Gelegenheit gekommen und beide hatten jämmerlich versagt. Für sie brach damit eine Welt zusammen. Traurig schaute sie uns aus der Tür des Klosters hinterher, während wir in der eiskalten Nacht verschwanden.

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Bis zu diesem Punkt hatten wir schon einige Enttäuschungen hinter uns. Nach einer Wanderung von 16km und rund 450 Höhenmetern waren wir an ein kleines Dorf gekommen, das auf dem wohl steilsten Hügel lag, den ich je gesehen hatte. Selbst ohne Wagen gelang es mir kaum, die Straßen hinaufzusteigen, um die Kirche zu erreichen. Wie Autos das meistern wollten, war mir ein Rätsel. Vor allem, weil die Straßen nicht nur steil sondern auch noch spiegelglatt waren. Oben angelangt klingelte ich bei einer Familie, um nach der Telefonnummer oder dem Wohnort des Pfarrers zu fragen. Er wohnte außerhalb und so konnte ich nur mit ihm telefonieren. Von der Familie wusste ich, dass die kompletten Kirchengebäude in diesem Ort verwais waren. Das Pfarhaus stand ebenso leer, wie alles andere auch. Doch der Pfarrer behauptete steif und fest, dass er hier keinen Platz habe und das heute alle vorhandenen Räume mit Aktivitäten belegt wären. Als ich nach Einzelheiten fragte, legte er einfach auf. Zuvor riet er mir jedoch, in den nächsten Ort zu wandern, der nicht mehr als läppische 8km entfernt lag und in dem es jede Menge Strukturen gab. Wie in allen Orten dieser Region standen auch hier rund 60-90% aller Häuser leer. Trotzdem war es nicht möglich, jemanden zu finden, der im Besitz eines solchen Hauses war. Niemand sagte: „Sorry, aber ich will euch da nicht reinlassen!“ Die Antwort lautete stets: „Es tut mir leid, aber ich habe kein solches Haus und ich kenne auch niemanden, der eines besitzt!“ In einem Ort mit gerade einmal 1.000 Einwohnern, die sich alle untereinander kennen, ist das doch eher unrealistisch. Warum also kann man nicht ehrlich sein?

Am Fuß des Berges lag das Haus des Bürgermeisters. Auch er stritt zunächst ab, irgendwelche Gebäudlichkeiten zu besitzen, ließ sich dann aber plötzlich doch zu der Aussage hinreißen, dass es eines gab. Die Organisation dafür würde allerdings mindestens zwei Stunden dauern, wahrscheinlich länger. Was an einem Anruf zur Verabredung einer Schlüsselübergabe allerdings zwei Stunden dauern sollte, konnte er mir nicht erklären. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeigte das Termometer nicht einmal mehr 5°C an und so entschieden wir uns, das Angebot nicht anzunehmen. Wir waren lange genug im Land um zu wissen, dass „zwei Stunden“ hier mindestens drei oder vier Stunden bedeuteten und er hatte bereits angekündigt, dass es ein kalter Raum ohne Heizmöglichkeit sein würde. Wenn wir so lange in der Kälte waren, bis wir kurz vor dem Erfrierungstod waren, dann half uns ein ausgekühlter Raum nur dabei, die Sache auch zu Ende zu bringen. Außerdem waren wir in der gleichen Zeit auch im Nachbarsort angekommen und dort sollte es ja angeblich einen freundlichen Pfarrer geben.

Der besagte Pfarrer hieß Don Maurizio und war nach Angaben einiger Bürger tatsächlich der einzige Pfarrer in der näheren Umgebung, der wirklich ein guter Mann war. Der einzige Haken war nur, dass er zurzeit in als Missionar in Mexiko tätig war und frühestens in einem Monat wieder heimkehrte. Der Pfarrer, mit dem ich zuvor telefoniert hatte, hatte also genau gewusst, dass wir hier ins Leere laufen würden. Es war ihm nicht darum gegangen, uns eine Option aufzuzeigen, sondern nur unss möglichst schnell aus seinem Zuständigkeitsbereich zu bekommen, damit er fein raus war. Die einzige Alternative, die es in dieser zweiten Ortschaft gab, war der pensionierte Pfarrer, von dem ich schon berichtet habe.

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Es blieb uns also nichts weiter übrig, als noch einmal eine Etappe auf uns zu nehmen und zum nächsten Ort zu laufen. Auch dieser lag wieder über einen Berg verteilt. Ganz unten stand ein Franziskaner-Kloster, das leider geschlossen hatte. Als wir dieses erreicht hatten, wurde es erst richtig verrückt. Die Menschen, die hier lebten, schienen sich an Unmöglichkeit gegenseitig übertreffen zu wollen und hatten wohl eine Art Kontest im Pilger-Dissen organisiert. Anders war das, was wir hier erlebten kaum erklärbar.

Ein Mann erklärte uns den Weg zur nächsten Kirche. Dort wohne ein Pfarrer, der nicht nur ein netter Kerl sei, sondern außerdem die Schlüssel für dieses Kloster besaß. Die Kirche sei nicht weit, nur ein Stück die Straße runter und dann Richtung Ort hinauf. Er sagte kein einziges Mal die Worte: „Ich glaube, dass…“ oder „Vermutlich….“ oder „Wenn ich mich nicht irre…“ All seine Informationen brachte er rüber, als wären sie echte Erfahrungen, über dessen Wahrheitsgehalt er sich absolut sicher war. Doch tatsächlich stimmte nichts davon. Die Wegbeschreibung war falsch, die Kirche lag gute 100 Höhenmeter über unseren Köpfen und als wir dort ankamen fanden wir sie leer und verlassen vor. Ein Pfarrer wohnte hier nicht und er kam nicht einmal her um sie aufzuschließen. Doch die Frau, die ich um weitere Informationen bat, war sogar noch härte mit ihren Falschaussagen, als der Mann von zuvor. Der Pfarrer, ein gewisser Don Giuseppe, befände sich gerade in der Kirche oben auf dem Marktplatz und halte dort die Messe ab. Sie hatte zwar seine Nummer, doch anrufen bräuchte ich noch nicht. Die Messe habe gerade begonnen und würde eine Stunde dauern. Es war Punkt 18:00Uhr und die Temperatur war nun bereits auf knapp über Null Grad gesunken. Sollten wir wirklich eine Stunde auf den Pfarrer warten? Als Alternative blieb uns nur eine Nacht im Zelt und das war bei diesen Temperaturen nicht gerade verlockend. Also machten wir uns an den Aufstieg und schleiften unsere Wagen bis auf den höchsten Punkt der Stadt. Die Aussicht von hier war gigantisch, doch uns blieb kaum noch genügend Sauerstoff, um die Augen offen zu halten. Trotz der bitteren Kälte waren wir durchgeschwitzt wie nach einem Saunabesuch. Als wir den Kirchenplatz erreichten, stiegen gerade zwei Frauen aus einem Auto aus.

„Na, Kalt?“ fragte die eine schnippisch, als sie uns im T-Shirt sah. Allein für dieses Kommentar hätten wir ihr in diesem Moment am liebsten den Kopf abgerissen. Ihr könnt euch also sicher vorstellen, wie erfreut wir waren, als wir die Kirche wenige Sekunden später komplett verschlossen und leer vorfanden.

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„Nein! Der Pfarrer kommt heute nicht!“ sagte ein alter Mann aus einem Fenster heraus, „Sonntags ist nur am Mittag Messe. Er wohnt in einem Ort, gute 10km von hier, also werdet ihr ihn wohl kaum finden.“ Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch, dass der zweite Pfarrer, auf denen wir unsere Hoffnung gesetzt hatten, ebenfalls nicht in der Stadt lebte. Padura hatte zwei Teile. Padura Berg und Padura Tal. Wir befanden uns nun in Padura Berg, was wir nach dem steilen Anstieg auch schon fast vermutet hatten. Der Pfarrer jedoch wohnte in Padura Tal und das lag gute fünf Kilometer von hier entfernt direkt an der Autobahn. Der Mann bot mir an, die Nummer von jenem Pfarrer rauszusuchen und mir zu geben. Als ich kurz darauf anrief und ein seltsam kratziges Piepen hörte, wusste ich nicht mehr ob ich darüber nun lachen oder weinen sollte. Der Mann hatte mir eine Faxnummer gegeben!

Wir machten uns wieder an den Abstieg und kamen an einem zweiten Platz vorbei. Hier erst erfuhren wir das volle Ausmaß der Fehlinformationen meiner letzten Informantin: Don Giuseppe war an diesem Abend doch noch einmal in der Stadt gewesen, nur an einer anderen Kirche und zu einer anderen Zeit. Die Messe hatte um 18:00 nicht begonnen. Sie hatte um diese Zeit geendet. Der Mann, der mir das mitteilte war sich dessen zu 100% sicher, denn er hatte um fünf nach sechs seine Frau von der Messe abgeholt. Es war nun fast 19:00 Uhr. Hätte die Frau Recht gehabt, hätten wir den Pfarrer nun locker und entspannt antreffen können. Hätte sie uns die Wahrheit gesagt, hätten wir ohne Wagen auf direktem Wege hier her laufen können und hätten ihn gerade noch rechtzeitig erwischt. Doch so standen wir erneut mit leeren Händen da. Und wieder war der Hauptgrund dafür, das Erfinden von Aussagen, ohne dass die Menschen wussten, wovon sie sprachen. Wenn ich doch keine Ahnung habe, wo der Pfarrer wohnt, ob er heute noch kommt oder was immer auch gerade gefragt wurde, dann sage ich doch einfach: „Es tut mir leid, aber ich habe keine Ahnung!“ Oder ich formuliere meine Vermutung als Vermutung und nicht als unumstößliche Gewissheit, auf die sich jemand verlässt.

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Wunder geschehen immer dann, wenn wir uns gegen ein Leben in Furcht und für ein Leben in Liebe entscheiden. ( G. Bernstein )

Höhenmeter: 530 m

Tagesetappe: 24 km

Gesamtstrecke: 13.880,27 km

Wetter: windig aber sonnig und warm

Etappenziel: Franziskanerkloster, 71014 San Marco in Lamis, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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