Tag 414: Eingesperrt

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Tag 414: Eingesperrt

Tag 414: Eingesperrt

Die Nonnen vom Clarissa-Orden waren wahre Schätze! Es war ein wirklich herzlicher Kontakt über den wir uns ebenso freuten wie sie. Sogar die Mutter Obere tauchte kurz auf um uns einen Tee zu bringen und damit ihre Neugier für die fremden Reisenden zu tarnen. Zum ersten Mal seit Tagen hatten wir wieder ein wirklich warmes Zimmer in dem es sogar gemütlich genug für eine Massage war. Gott sind wir verspannt! Ihr glaubt gar nicht, wie hart Muskeln sein können! Und nicht die ‚ich habe einen gestählten Körper’-Art von hart, sondern eher die ‚meine Muskeln sind so verhärtet, dass ich mich nicht mehr rühren kann’-Variante. Ich weiß nicht, für wen die Massagesession jeweils härter war, für den Massierten, der sich unter dem Druck auf seine Muskeln wand wie ein Aal, oder für den Masseur, dessen Hände sich durch Beton wühlen mussten. Das einzige, was die Massage überhaupt noch möglich machte, war das Massageöl mit beruhigender Kamille, das wir mit dem letzten Paket von Reine Olive bekommen haben. Vielen Dank noch einmal dafür, das ist im Moment wirklich unsere Rettung.

Allerdings hatte unser Quartier auch eine Tücke. Die Badezimmertür ließ sich nur von außen öffnen. Von innen konnte man zwar die Türklinke drücken, doch der Schließer bewegte sich dabei nicht mit. Aus einem mir noch immer unerklärlichen Impuls heraus, merkte ich es jedoch bevor ich die Tür zum Duschen ganz schloss. Man war ich stolz auf mich! Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit war ich aufmerksam gewesen und habe die Gefahr erkannt, bevor ich mich im Bad einschloss und gerettet werden musste. Vielleicht mache ich ja wirklich langsam Fortschritte.

Unter der Dusche musste ich dann an eine Situation denken, die mir vor ein paar Jahren in Nürnberg passiert war.

Heiko und ich haben dort abends nach einem Termin noch eine Stadtrunde gedreht und nach einiger Zeit musste ich zur Toilette. In der Nähe vom Bahnhof kamen wir an einer Dönerbude vorbei, die ich mir als Ort des Loslassens auswählte. Es war bereits dringend, also huschte ich ohne ein Wort zu sagen an der Schlange vor dem Tresen vorbei und folgte den Wegweisern zum WC. Das stille Örtchen befand sich in einem Seitenraum am ende eines schmalen Flures. Ohne auf irgendetwas zu achten stürzte ich in die abstellraumgroße Kammer und warf die Tür hinter mir zu, wobei ich die Hose bereits in den Kniekehlen hatte. Während ich mich erleichterte, begann ich mich zum ersten Mal in dem kleinen Raum umzusehen. Die Gegend hier musste ein heißes Pflaster sein, in dem einige aggressive Menschen lebten, denn die Tür zeigte einige Anzeichen dafür, dass man mehrfach versucht hatte sie einzuschlagen oder einzutreten. Was die Menschen wohl zu solch einer Zerstörungswut gegenüber einer unschuldigen Tür getrieben hatte? Fragte ich mich, als mein Blick plötzlich auf die Türklinke fiel. Genauer gesagt fiel er dorthin, wo eigentlich eine Türklinke hätte sein sollen. Doch dort befand sich nur ein quadratisches Loch. Sonst nichts. Im ersten Moment machte ich mir deshalb noch keine Sorgen, denn noch war ich nicht fertig und wollte das Klo ja noch nicht verlassen. Doch bereits wenige Sekunden später änderte sich das drastisch. Denn jetzt stellte ich fest, dass es wirklich keinen Weg gab, um die Tür ohne besagte Klinke zu öffnen. Plötzlich verstand ich die Einschlaglöcher in der Tür, denn ich war nun kurz davor, selbst welche hinzuzufügen. Doch wie bereits meine Vorgänger gezeigt hatten, war dies ein hoffnungsloses Unterfangen.

„Hallo?“ rief ich vorsichtig. „Ich bin hier eingesperrt, kann mich jemand hören?“

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Nichts.

Ich versuchte es lauter.

Nichts.

Ich begann zu schreien.

Nichts.

Langsam kehrte die Erinnerung von meinem kurzen Weg durch die Restaurantstube zu mir zurück. Es war nicht nur übertrieben voll gewesen, er hatten auch noch ein Radio und ein Fernseher mit voller Lautstärke um die Wette geplärrt. Es war also mehr als nur naiv zu glauben, dass mich durch zwei geschlossene Türen und einen langen Flur irgendjemand in dem Partyraum dort vorne hören konnte.

Ich war gefangen und hatte nach kurzer Überlegung nur noch eine Option. Einer Option die mir gar nicht gefiel und die ich lieber vermieden hätte, weil die Situation auch so schon peinlich genug war.

Langsam zückte ich mein Handy und rief Heiko an.

„Tobi, wo steckst du denn?“ fragte seine Stimme am anderen Ende, „bist du ins Klo gefallen?“

Verdammt, dachte ich, woher weiß er das?

„Nicht ganz,“ gab ich zurück, „aber ich wurde in der Toilette eingesperrt. Ich habe nicht darauf geachtet, dass diese Klotür keine Klinke hat und jetzt komme ich nicht mehr raus.“

Die Reaktion war wie erwartet. Es folgte ein etwa fünfminütiger Lachflash, bevor die nächste Antwort kam. Ich konnte es ihm nicht verdenken, die Situation war ja selbst für mich hier zu lächerlich, um sie ernst zunehmen. Von der Tatsache mal abgesehen, dass ich wirklich in der Falle saß.

„Warte kurz, ich schau mal, dass ich dich befreien kann!“ stieß Heiko schließlich unterm Lachen hervor.

Er dauerte nun noch knapp fünf Minuten, dann sah ich, wie sich ein Metallstift von außen in das eckige Loch schob und kurz darauf öffnete sich die Tür. Heiko stand mit einem breiten Grinsen darin.

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Erst jetzt wurde mir bewusst, dass die Tür auch von außen schon keine Klinke gehabt hatte. Es war ein Trick des Dönerbudenbesitzers, der damit verhindern wollte, dass seine Toilette einfach von irgendjemandem benutzt wurde, der nichts bei ihm aß. Und ich war mal voll auf seine Masche hereingefallen. Vorne im Laden hing ein Schild mit der Aufschrift: „Toilettenklinke an der Theke“ Wer das Klo also benutzen wollte, der musste sich von ihm erst einmal die Klinke abholen. Wer das nicht machte, der machte sich selbst zum Gefangenen und musste auf den nächsten Gast warten, der Lesen konnte und der ihn befreite.

Auch heute war wieder ein schöner, sonniger Tag und diesmal war es sogar windstill. Die Straßen waren ruhig, die Aufstiege sanft und die Aussicht beeindruckend. Es war wieder ein richtiges Wandern auf einer Strecke auf der man gerne unterwegs war.

In Acquasparta trafen wir zwar wieder keinen Pfarrer, dafür jedoch die Betreiberinnen eines Babymodengeschäftes, die uns zum Mittagessen einluden und die uns versprachen, uns auch bei der Schlafplatzsuche zu helfen. Die beiden waren Mutter und Tochter, wobei die Tochter eigentlich Grafikerin war, jedoch aufgrund der Jobflaute bei ihrer Mutter im Geschäft aushalf. Während wir aufs Essen und später auf den Pfarrer warteten, kamen wir tiefer mit ihr ins Gespräch. Auf eine gewisse Art wirkte sie in ihrem Leben genauso gefangen wie ich damals auf der Toilette in der Dönerbude. Da sie abgesehen von ein paar Worten Englisch so gut wie keine Fremdsprachen sprach, konnte sie sich keinen Job im Ausland suchen und in Italien hatte sie keine Hoffnung einmal eine Stell in dem Job zu bekommen, den sie sich wünschte. Sie hatte sich bereits damit abgefunden, die Mitarbeiterin ihrer Mutter zu sein und obwohl sie an einem so schönen Ort lebte, wusste sie nichts mit sich anzufangen. Hobbys hatte sie keine, Zukunftspläne auch nicht und nicht einmal am Wochenende unternahm sie etwas mit ihren Freunden. Hier in Acquasparta wurde für Jugendliche und junge Erwachsene nicht viel geboten, doch in größere Orte fuhren sie nur selten. Die einzige Freizeitbeschäftigung, die sie hatte war Klavierspielen, doch das tat sie nicht wirklich für sich, sondern eher deshalb, weil ihre Mutter wollte, dass sie es lernt. Bereits als kleines Kind hatte sie damit angefangen und nun war es zu einer Gewohnheit geworden. Es war schade zu sehen, dass ein so herzensguter Mensch so wenig mit seinem Leben anzufangen wusste.

Wie sich herausstellte war der Pfarrer krank und so dauerte es noch über eine Stunde, bis wir eine endgültige Lösung hatten. Dann holte die junge Grafikerin einen Schlüssel und führte uns zu einem Gemeindehaus am Rande der Stadt. Auch dies war eine Sache, die wir nicht ganz verstanden. Wenn dieses Gemeindehaus von Anfang an eine Option gewesen war, die wir ohne Einwilligung des Pfarrers nutzen konnten, warum mussten wir dann erst drei Mal durch die ganze Stadt irren um nach anderen Alternativen zu suchen. Das gleiche Prinzip ist uns nun bereits viele Male begegnet. In Italien geht es selten auf dem direkten Weg, sondern meist erst nachdem man sich drei Mal im Kreis gedreht hat. Warum das so ist, ist mir ein Rätsel. Vielleicht ist es eine Mentalitätsfrage. Vielleicht ist es aber auch nur ein Spiegel für uns, weil wir uns geistig auch gerade wieder einmal tüchtig hin und her winden.

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Spruch des Tages: Warum einfach wenn es auch kompliziert geht?

 

Höhenmeter: 230 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 7605,77 km

Wetter: sonnig und frühlingshaft

Etappenziel: Pfarrhaus, 05021 Acquasparta, Italien

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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