Tag 13: Tierbegegnungen

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Tag 13: Tierbegegnungen

Tag 13: Tierbegegnungen

Trotz der sehr bequemen Betten, in denen wir die Nacht verbringen durften, spürten wir heute morgen beide jeden einzelnen Muskel im Körper. Die Kälte in Kombination mit der andauernden Belastung durch unser Gepäck, führt täglich zu neuen Verspannungen. Gestern haben wir einmal versucht dem Desaster mit Dehnübungen entgegen zu wirken. Als wir jedoch feststellten, dass wir mit durchgestreckten Beinen kaum noch unsere Kniescheiben erreichen konnten, waren wir so deprimiert, dass wir den Versuch erst einmal wieder aufgaben. Mit dem festen Vorsatz natürlich, ab sofort täglich unsere Flexibilität zu trainieren.

Auch Lydia hatte uns zum Abschied ein sehr gutes Frühstück bereitet. Obwohl wir jeden Tag wo anders sind und immer wieder neue Menschen kennenlernen, von denen wir nach kurzer Zeit wieder Abschied nehmen müssen, fühlt es sich fast überall ein bisschen wie Heimat an. Wir könnten nicht sagen, wo wir am herzlichsten aufgenommen wurden oder wo wir uns am wohlsten gefühlt haben.

Unser Weg führte uns zunächst nach Möckmühl zurück. Wieder kamen wir durch die Altstadt und am Rathaus vorbei, wo uns die Dame am Vortag so freundlich weitergeholfen hatte. Die allgemeine Grundstimmung des Wetters und der Natur war noch immer die gleiche wie an den vergangenen Tagen. Trübe, grau, kalt, nebelig und feucht. Langsam wurde es schwierig, selbst fröhlich zu bleiben, wenn alles um einen herum die Atmosphäre eines Totenreichs ausstrahlt. Wie schafften es nur die Vögel bei diesem Wetter noch immer so gut gelaunt zu sein, dass sie fröhlich ihre Lieder trällern konnten? Nach ein paar Kilometern kamen wir am Schloss Assunstadt vorbei, wo wir von einer Dammwildherde empfangen wurden. Vorsichtig aber voller Neugier beobachteten sie unsere Schritte und kamen immer dichter auf uns zu. Als ich ihnen anbot, den Apfel mit ihnen zu teilen, den mir Lydia geschenkt hatte, fraßen sie mir sogar aus der Hand. Vor allem der Leithirsch konnte gar nicht genug bekommen und schleckte sogar noch meine Finger ab. Die kleinen Hirsche waren kaum größer als Ziegen und wirkten gleichzeitig verspielt und majestätisch. Ganz im Hintergrund hielt sich eine fast weiße Hirschkuh mit einem Schlappohr, die recht drollig dreinblickte.

Kaum hatten wir die Dammhirsche verlassen, begegneten wir auch schon den nächsten tierischen Weggefährten. Auf einer großen Weide tollten drei Pferde, die gerade dabei waren, ihren Morgensport auszuüben. Sie galoppierten hintereinander her, bissen sich gegenseitig zum Spiel in die Mähne und bäumten sich immer wieder auf. Es war ein beeindruckendes Schauspiel, dass uns sofort das Gefühl von Freiheit und unbändiger Wildheit übermittelte. Wie würde dieses Land wohl aussehen, wenn noch immer Herden von Wildpferden über die Ebenen ziehen würden? Wenn wir an ausgestorbene Tierarten in Deutschland denken, dann denken wir dabei fast immer an Bären und Wölfe. Doch die majestätischen Pflanzenfresser wie Wildpferde, Wildesel und wilde Rinder kommen uns fast nie in den Sinn. Wie würden sie das Landschaftsbild verändern wenn es sie wieder geben würde? Wird man sie je wieder in unseren Regionen beobachten können?

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Anstelle von Wildpferden konnten wir kurz darauf ein Klärwerk beobachten. Es vermittelte nicht ganz so sehr den Eindruck von Freiheit, wie die galanten Vierbeiner, brachte uns aber auch ins Grübeln. Wie oft hatten wir Seminarteilnehmer, die kein Wasser aus wilden Quellen trinken wollten, weil sie Angst vor möglichen Bakterien oder Krankheitserregern hatten. Und dann vertrauen wir auf der anderen Seite darauf, das diese ekelhaft stinkende braune Brühe im Klärwerksbecken am Ende so sauber ist, dass wir sie bedenkenlos Trinken können, wenn sie aus unseren Wasserhähnen fließt…

Unsere heutige Etappe hätte laut unserem Pilgerführer eigentlich 25,5km haben sollen. Zusammen mit den 2,5km an zusätzlicher Strecke wären wir dann heute auf 28km gekommen. In Anbetracht unserer schmerzenden Knie und Schultern, waren wir uns jedoch nicht sicher, ob wir heute wirklich soweit laufen wollen. Als es dann auch noch zu regnen begann und wir genau in diesem Moment am Pfarrhaus in Herbolzheim vorbeikamen, zögerten wir nicht lange und drückten auf die Klingel. Die Diakonin, die daraufhin öffnete, bot uns einen Platz im Kolpinghaus unterhalb des Kindergartens an. Den Nachmittag über verbrachten wir damit uns den kleinen Ort noch etwas genauer anzuschauen. Dabei zeigte sich wieder einmal, welche Kraft Gedanken, Wünsche und zweifelsfreier Glauben haben. Schon seit drei Tagen, wünschten wir uns Leberkäs-Semmeln mit Senf. Als ich in der Metzgerei um eine kleine Nahrungsspende bat, bot mir die Verkäuferin genau diese an. In einer kleinen Bäckerei trafen wir kurz darauf wieder auf unsere Diakonin, die dort mit einer Freundin bei einem Kaffee zusammensaß. Sie luden uns ein, uns dazu zugesellen und so nahmen wir an der offiziellen Herbolsheimer Kaffeeklatschrunde teil, zu der natürlich auch ein Kaffee und ein leckeres Stück Kuchen gehörte. Die Bäckerei war ein alter, traditioneller Familienbetrieb und das schmeckte man auch. Doch wie leider so oft bei Familienunternehmen in kleinen Ortschaften, würde es auch diese Bäckerei nicht mehr lange geben. Denn wenn die Bäckerin in Ruhestand ging, gab es keinen Nachfolger. Schon jetzt konnten sie ihren Betrieb nur deshalb aufrecht erhalten, weil ihnen die Räumlichkeiten seit Generationen gehörten. Das Leben in den kleinen Ortschaften starb immer mehr aus. Eine zweite Bäckerei war bereits geschlossen worden. Bald würde es nur noch den Supermarkt an der Hauptstraße geben. Und auch dieser wird wahrscheinlich irgendwann zu Gunsten einer noch größeren Filiale in der nächsten Stadt geschlossen werden.

Spruch des Tages: Glück ist nicht eine Station, an der man ankommt, sondern eine Art zu reisen.

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

2 Comments

  1. Peter Mark 14. Januar 2014 at 22:46 - Reply

    Was Ihr alles erlebt ist ja echt der Wahnsinn. Man kann da schon etwas neidisch werden, aber es steht ja jedem frei, sein Leben auch so abenteuerlich zu gestalten.
    Was ist denn das für eine Kamera, die Ihr verwendet? Welche Einstellung benutzt Ihr bei den Fotos? Die kommen sehr interessant rüber und manche Bilder wirken wie nachbearbeitet oder mit speziellem Modus aufgenommen.
    Weiterhin viel Spaß, alles Gute und tolle Erlebnisse.

    • info@naturspirit.de 15. Januar 2014 at 23:17 - Reply

      Zur Zeit fotografieren wir fast immer mit einer kleinen Sony-Kamera im HDR-Modus.

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