Tag 371: Der Bischof

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Tag 371: Der Bischof

An der Kathedrale verwies man mich an Don Stefano, einen Pfarrer, der sich auch um die Auszubildenden kümmerte. In einem Hinterzimmer wurden gerade die Adelsträger der Kirche für die große Messe am Abend vorbereitet. Ein halbes Dutzend Männer stand hier in prunkvollen Roben, zwei in Gold, zwei in Magenta und zwei in Weiß. Ich konnte es nicht genau erkennen, doch ich glaubte zu sehen, dass sie für ihren Auftritt auf der Bühne Gottes sogar geschminkt wurden. Es schien also wirklich eine besondere Messe zu werden.

Don Stefano erklärte mir, dass er ein Zimmer für uns habe und dass wir auf jeden Fall als Gäste willkommen waren. Doch jetzt begann die Messe und so müssten wir noch abwarten, bis sie vorüber war. Erst dann könne er sich um uns kümmern.

Angesichts der vielen wichtig aussehenden Männer in ihrer Prunkkleidung war ich von der Idee sogar etwas begeistert. Unser verspätetes Weihnachten hatte bereits so vielversprechend angefangen, da war es doch spannend zu sehen, was die Kathedrale so zu bieten hatte.

Heiko teilte meine Begeisterung nur zum Teil. Noch mehr Lärm wollte er sich nur ungern antun, doch die Aussicht auf ein paar Fotos vom Bischof überredete ihn schließlich. Ein Kirchensekretär erklärte uns, dass die Messe bis 18:15 Uhr dauern würde. Es war also gerade einmal eine Dreiviertelstunde. Das konnte man schon mitmachen. Und wenn es nichts für uns war, konnten wir ja immer noch wieder gehen.

Wir betraten die Kathedrale durch einen Seiteneingang, der direkt aus dem Seminar in das Gotteshaus führte. Das Kirchenschiff war zu gut 70% gefüllt und die Ordensträger stolzierten gerade in Richtung Altar.

Auf der linken Seite vom Altar standen zwei Stühle. Ein normaler und einer, der aussah wie ein Thron. Hier nahm ein dicker alter Mann in einer goldenen Robe platz, der eine lustige rote Zipfelmütze trug. Einen Moment lang überlegten wir, ob es sich vielleicht um den Weihnachtsmann handelte, doch dafür fehlte es ihm eindeutig an Haaren. Sowohl auf dem Kopf, als auch im Gesicht. Neben ihm nahm der zweitwichtigste Mann der Zeremonie platz, der ebenfalls in Gold gewandet war. Dann begann ein dritter Mann, einer von denen mit purpurfarbener Kleidung zu sprechen.

Nach der Messer und der Weihnachtsfeier der ukrainischen Gemeinde wirkte dieser Prunkfasching wie blanker Hohn. Der Bischof saß gelangweilt und mit herabgesunkenem Kopf auf seinem Thron, die anderen Geistlichen saßen oder standen irgendwo in der Gegend herum und die Worte des Sprechers klangen in unseren Ohren vollkommen belanglos. Wo war hier die Gemeinschaft? Wo war die Verbindung? Wo war die Energie? Und vor allem: Wo war die Spannung? Nach dem Aufzug im Flur hatte ich eine echte Show erwartet, doch es kam nicht das geringste. Es passierte nichts. Dafür war der Raum so vollgefüllt mit selbstgefälliger Scheinheiligkeit, dass es selbst Jesus an Kreuz vor Fremdscham kalt den Rücken herunter lief.

Wir schafften wieder unsere üblichen 10 Minuten, dann wechselten wir einen alles sagenden Blick und verließen die Kirche. Draußen stolperten wir als erstes über den Sekretär, was wir eigentlich vermeiden wollten. Denn wenn uns die Jungs hier schon aufnahmen, dann wollten wir nach Möglichkeit nicht ganz so respektlos wirken. Doch innen hätten wir es nicht länger ausgehalten. So schlenderten wir nun lieber wieder durch die kalte Nacht, so wie wir es am Heiligabend auch schon gemacht hatten. Bei einem China-Restaurant fragten wir noch nach etwas Essen für den späteren Abend. Der Chef wollte nicht, doch die Bedienung schenkte uns fünf Euro von ihrem Trinkgeld. Wenn das nicht eine schöne Bescherung war!

Um 18:00 Uhr kamen wir noch einmal an einer Dönerbude vorbei und überlegten, ob wir auch dort noch einmal nachfragen sollten. Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht etwas verfressen, aber ihr müsst auch bedenken, dass wir zu diesem Zeitpunkt schon knapp 650 Höhenmeter hinter uns hatten.

Da wir unsicher waren, ob wir dann nicht das Ende der Messe verpassen würden, verzichteten wir jedoch auf den Döner und kehrten zur Kathedrale zurück. Eine Entscheidung, die wir in den kommenden eineinhalb Stunden noch etliche Male bereuen sollten. Denn wie sich herausstellte hatte uns der Kirchensekretär eiskalt belogen, was die Dauer der Messe anbelangte. Als wir das Seminar betraten kam uns eine Prozession aus den höchsten Geistlichen entgegen, denen wir eine gute halbe Stunde zuvor den Rücken gekehrt hatten. Der Bischof trug nun so eine goldene Papstmütze und ging in der Mitte der Prozession mit einem Weihrauchwedler. Der andere Goldgewandträger trug ein ebenfalls vergoldetes Buch in den Händen, dass er hoch über seinen Kopf hielt. Es stand kein Titel darauf, doch anhand des Kreuzes auf dem Cover und aufgrund des Ortes an dem wir uns befanden, würde ich darauf Tippen, dass es sich dabei um die Bibel handelte. Des Weiteren gehörten zwei jüngere Männer mit schwarz-weißen Roben und langen Kerzen in den Händen, sowie die Purpur-Träger zur Prozession. Einer von ihnen hielt ein großes, silbernes Kreuz mit drei Querbalken in den Händen. Warum es drei Querbalken hatte leuchtete mir nicht ein. Schließlich hatte Jesus ja auch keine drei Arm-Paare. Oder doch?

Um der Prozession nicht im Weg zu stehen drückten wir uns andächtig mit gefalteten Händen an die Wand. So machte man das wahrscheinlich, wenn man Zeuge eines solchen Aufmarsches wurde. Doch die Geistlichen bogen bereits nach links ab, bevor sie uns erreichten und verschwanden in der Kirche. Da wir nicht wussten, wie es nun weiterging kehrten wir ebenfalls in das Kirchenschiff zurück.

Seit unserem Verlassen hatte sich nicht viel verändert. Die prunkvollen Geistlichen schritten wieder auf den Altar zu und nahmen dort ihre ursprünglichen Plätze wieder ein. Der einzige Unterschied bestand darin, dass der Bischof nun keine Weihnachtsmannmütze mehr trug, sondern die eines Bischof.

Alles wirkte auf uns wie ein großes Theaterstück, bei dem der Regisseur vergessen hatte, sich ein Storybord zu überlegen. Ich kann im Nachhinein nicht einmal mehr sagen wie sie es geschafft haben, doch sie füllten noch weitere eineinhalb Stunden damit, auf dem Altar zu stehen, ohne das etwas passierte. Im Wechsel wurde von verschiedenen Personen immer wieder etwas gesagt, dann setzte die Orgel ein und es wurde gesungen, dann wurde geschwiegen und anmutig von A nach B gegangen und schließlich wurde wieder gesprochen. Nach einer besonderen Gesetzmäßigkeit, die offensichtlich alle außer mir verstanden, setzten wir uns hin, standen dann wieder auf, bekreuzigten und uns durften dann nach einiger Zeit wieder sitzen, nur um Minuten später erneut aufzustehen.

Ich musste an eine Zelebration mit einer indischen Geistführerin zurückdenken, die ich vor einigen Jahren einmal in München besucht hatte. Auch dieses Spektakel war eine einzige große Show gewesen, die nichts authentisches mehr an sich hatte. Während die Priesterin in Akkordarbeit tausende von Menschen umarmt hatte, wurden am anderen Ende der Halle lauter Souvenirs mit ihrem Namen darauf verkauft. Ich weiß nicht mehr was es alles gab, aber es waren auf jeden Fall heilige Kekse und Socken dabei. Ich glaube man konnte sogar ihre getragene Unterwäsche erstehen. Vielleicht war das aber auch nur ein Scherz. Als die Massenumarmerei schließlich vorbei war, trat die Führerin in einer ähnlichen Prozedur auf die Bühne und die Menschenmenge begann gemeinsam mit ihr zu beten und zu meditieren. Damals war ich gleichzeitig zu tiefst beeindruckt und beängstigt, von der unglaublichen Kraft, die diese Messe hatte. Ich habe keine Ahnung was es war, doch es herrschte eine starke Energie im Raum, die alle Menschen gemeinsam aufbauten. Es war eine Kraft mit der man alles erreichen konnte. Und gleichzeitig wurde überdeutlich, dass man die Menschen mit dieser Kraft so manipulieren konnte, wie man es nur wollte. In diesem Moment verstand ich, wie religiöse Führer ihre Anhänger dazu bringen können, kollektiven Selbstmord zu begehen, Revolutionen anzuzetteln oder in fremde Staaten einzufallen um alles niederzumetzeln. Gleichzeitig lag jedoch auch ein unglaubliches Potential für Heilung und Entwicklung in dieser Kraft. Es kam eben darauf an, wie man sie kanalisierte. Ich habe bis heute keine Ahnung, ob ich es als etwas Positives oder als etwas Negatives empfinden soll, doch Fakt ist, dass diese Kraft überdeutlich spürbar war.

Und hier? Was war hier?

Auf der Bühne schliefen sogar bereits diejenigen ein, die selbst an den Ritualen beteiligt waren. Ein Blick ins Publikum zeigte lauter ausdruckslose Gesichter, die an die Decke, auf den Boden oder in die Löcher in der Luft starrten, die ihre Augen bereits dort hineingebrannt hatten. Ich versuchte mich zu konzentrieren, die Messe zu verstehen, meine Aufmerksamkeit zu trainieren und mir die Gemälde oder den Altar einzuprägen. Doch es war zwecklos. Ich driftete immer wieder ab, versank in Traumwelten und nickte mindestens drei Mal ein. In diesem Raum gab es einfach keine Energie, keine Spannung und keine Kraft. Ein Blick zu Heiko verriet mir, dass es ihm ähnlich ging. Auch er versuchte sich in eine positive, gelassene Stimmung zu bringen, doch auf ihn hatte die Messe weniger eine einschläfernde als mehr eine aufreizende Wirkung. Er wurde von Minute zu Minute gereizter und überlegte sich ein paar Mal, ob er nicht auf die Bühne springen und laut „Buh“ rufen sollte. Die ätzende Langeweile in Kombination mit der extremen Lautstärke machten den Gottesdienst für ihn zur Qual.

„Verdammt,“ raunte er mir zu, „da hätten wir aber noch locker einen Döner essen können!“

„Stimmt,“ raunte ich zurück, „Ich wette Gott hat das schon längst gemacht. Das ist halt der Vorteil wenn man allwissend ist, dann passiert es einem nicht, dass man sich durch falsche Zeitangaben von etwas abhalten lässt.“

Vorne am Altar hatte der Bischof nun bereits zum siebten Mal seine Mütze wieder auf und abgesetzt. Er hatte zu diesem Zweck sogar zwei Personen, deren einzige Aufgabe in der Arbeit mit der Kopfbedeckung bestand. Ein kleines Mädchen, von dem wir zu diesem Zeitpunkt noch dachten, es sei ein kleiner Junge, durfte die Bischofsmütze halten. Es war selbst in ein langes samtenes, cremefarbenes Gewand gekleidet, zu dem ein langer goldener Schal gehörte. Dieser wurde ebenfalls immer mal wieder hierhin und dorthin gelegt, umgehängt und wieder zur Seite genommen. Ein Pfarrersanwärter aus dem Priesterseminar war dafür zuständig, darauf zu achten, dass das Mädchen die Mütze immer parat hielt, wenn diese gebraucht wurde. Dann trat er erst auf das Mädchen zu, nahm die Mütze, setzte sie dem Bischof auf den Kopf, verneigte sich und trat wieder zurück. Später nahm er sie dann wieder ab und überreichte sie erneut dem Mädchen. Insgesamt hatte der Bischof je nachdem was er gerade sagte oder tat drei verschiedene Kopfbedeckungen zur Auswahl: Die Weihnachtsmannmütze, eine kleine rote Unterkappe und die goldene Bischofsmütze. Was sollte dieses ständige Mütze-Glatze-Spiel? Rituale waren ja nicht verkehrt, aber gab es keine, die einen Sinn machten? Oder war der Sinn einfach so subtil, dass er mir als nichteingeweihten einfach verborgen blieb?

Die Mützen-Rituale waren jedoch nur ein Teil der Zeremonie, die dafür sorgten, dass sie einfach nicht enden wollte. Alles war irgendwie durch den Raum bewegt werden sollte, musste zuvor gesegnet, betrachtet und geheiligt werden. Am stärksten irritierte mich dabei die goldene Bibel. Wenn aus ihr vorgelesen wurde, dann ging der zweite Goldrobenträger mit ihr in den Händen hoch erhoben am Altar vorbei und hielt sie zunächst einmal in Richtung Publikum. Sofort begannen sich alle zu bekreuzigen, als wäre das kitschig verpackte Buch kein Ritualgegenstand sondern Gott selbst. Hieß es nicht eigentlich, dass eine Götzenanbetung in der christlichen Kirche nichts verloren hatte? Dies hier war nichts anderes! Wäre Gott in dieser Messe noch dabei gewesen und würde nicht bereits bei einem Döner unten im Hafen sitzen, so wäre er spätestens jetzt kopfschüttelnd aufgestanden und gegangen. „Nein, nein, nein,“ hätte er gesagt, „hört ihr mir eigentlich nie zu? War habe ich euch denn beigebracht? Warum mache ich mich denn die Mühe über tausende von Jahren hinweg alles aufschreiben zu lassen, was mir wichtig ist, wenn ihr dann genau das Gegenteil macht und dafür als hohn auch noch genau das Buch verwendet, in dem ich es euch erklärt habe! Hättet ihr nicht wenigstens ein anderes nehmen können?“

Dann passierte doch noch etwas. Jedenfalls sah es für einen Moment so aus. Zunächst gingen die Klingelbeutel herum. Eine besonders große Ausbeute gab es dabei diesmal jedoch nicht. In der letzten Messe hatte im Schnitt jeder Zweite einen Fünf- oder Zehneuroschein hineingeworfen. Hier gab es fast nur Kleingeld.

„Das kommt davon, wenn man es mit dem Langweilen seiner Gäste übertreibt“, flüsterte ich Heiko zu, der sich sofort das Lachen verkneifen musste. Wir fielen eh schon auf wie bunte Hunde. Heiko mit seiner versteckten Kamera und ich mit meinem riesigen Rucksack, der neben mir auf dem Boden lag. Jetzt kicherten wir auch noch wie zwei Schuljungen in uns hinein. Soviel also zu unserem Anstand. Doch war es nicht tragisch, dass man sich dafür schämen musste, wenn man Freude empfand? Darrel hatte uns immer beigebracht, dass Rituale vor allem lebendig sein müssen. Wenn sie Kraft entfalten sollen, dann dürfen sie nicht so Heilig sein, dass einem dabei der Atem stockt. Wie will man so einen Kontakt zu seinen Gefühlen aufbauen? Ein Ritual erkennt man daran, dass die Natur auf einen Reagiert und sich am Ritual beteiligt. Das konnte man hier natürlich schlecht erkennen, denn die Natur hatte man ja vorsorglich ausgesperrt. Doch wenn Tiere oder Pflanzen anwesend wären, dann wären sie nun sicher eingeschlafen, gegangen oder verwelkt. Das ist zwar auch eine Art der Reaktion, doch ich bin mir unsicher, ob Darrel das damit gemeint hatte.

Doch auf das Geld in den Klingelbeuteln kam es offensichtlich auch nicht an und so spielte es auch nicht so eine große Rolle, ob die Messe den Menschen gefiel oder nicht. Allein an Weihrauch hatten die Jungs im Laufe der Zeremonie ein vermögen in den Wind gesetzt. Von den teuren Kleidern und Ritualgegenständen ganz zu schweigen. Auch wenn es gerade nicht so wirkte, war die Kirche noch immer weitaus Mächtiger als wir glaubten. Was sie mit dieser Messe und den übertrieben langatmig leuchtet mir noch immer nicht ein, denn auf mich wirkte die Veranstaltung eher so, als wollten sie ihre Schäfchen loswerden. Doch eine Institution, die zweitausend Jahre die mächtigste der Welt war und die es bis heute aller Wahrscheinlichkeit nach noch immer ist, wird sicher nicht so dumm sein, sich mit einem solchen Ritual ins eigene Knie zu schießen. Wenn die Zeremonie so langweilig ist, dass sich einem dabei die Zehennägel aufrollen, dann soll sie so sein und zwar mit einem guten Grund. Die Frage ist nur, welcher Grund das ist. Der Unterschied zwischen der Katholischen Kirche und den Glaubensgemeinschaften um die besagte indische Priesterin und ähnliche Kandidaten ist, dass die einen im allgemeinen als Sekten gelten und die anderen nicht. Es ist ein bisschen wie mit Radiomusik und Mainstreamfilmen. Wenn man etwas erschafft, das besonders ist, das das Potential hat einen mitzureißen und zu begeistern, dann wird es mit Sicherheit auch viele Menschen geben, die es hassen. Je seichter und gleichbleibender etwas ist, desto größer ist die Zielgruppe, die man damit ansprechen kann. Wäre die katholische Kirche etwas besonderes, dann könnte sie vielleicht ein paar Menschen mitreißen und über alle Maßen begeistern. Andere würden sie jedoch sofort als Sekte ansehen und würden sich von ihr abwenden. Als Weltreligion hätte sie damit keine Chancen mehr. So aber ist sie schön langweilig und unauffällig, ebenso wie die immer gleichklingende Musik, die täglich im Radio läuft und die vom Kleinkind über die Jungend bis hin zur Uroma jeder hört, ohne dass es ihm überhaupt groß auffällt. So ist sie in der Lage, eine Staatsinstitution zu sein, die Steuergelder bekommt, von Menschen, die ihr ganzes Leben lang nicht einen einzigen Gottesdienst besuchen. So ist es ihr egal, ob die Menschen in den Messen einschlafen oder nicht. Sie kann ihr langatmiges Theater aufführen und damit von dem ablenken, was sie wirklich macht. Fäden spinnen zum Beispiel.

Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass meine Vermutung war, dass die Klingelbeutel das Ende der Messe einläuteten. Doch damit hatte ich weit gefehlt. Jetzt ging es an die Hostienverteilung. Dazu wurden in noch langsameren Zeremonien die Gefäße mit dem Wein und dem Wasser sowie Schalen mit den Oblaten zunächst wieder gesegnet und dann auf dem Altar aufgebahrt. Die Hostien wurden dabei aus einem kleinen goldenen Fach im Tabernakel geholt, das mit dem allsehenden Auge verziert war. Wieso tauchte eigentlich überall in der Kirche ständig dieses Auge auf. Es ist das gleiche, das auch die Dollarscheine ziert und das eigentlich das Symbol der Freimaurer ist. Der Kirche gefällt es offenbar auch recht gut. Oder ist es vielleicht kein Zufall?

Alles musste zunächst vom Bischof betatscht, bekreuzig und geheiligt werden, der dabei mit selbstgefälligem Blick von seinem Thron aus zusah, wie sich die anderen Gottesdiener vor ihm niederknieten. Dann passierte wieder eine gefühlte halbe Stunde lang nichts und schließlich stellten sich vier Pfarrer vorne vor den Altar, jeweils mit einer Schüssel voll Esspapier in der Hand. In der Mitte stand der Bischof höchst persönlich, um den den Gläubigen den Leib Christi zu überreichen. In der Eintönigkeit der Messe war dieser Moment sogar wirklich eine Art Highlight. Man durfte sich kurz bewegen, stand in einer Schlange, so wie man es sonst im Vergnügungspark oder an der Kasse macht und bekam dann sogar ein Geschenk. Ein pappiges, weitgehend geschmacksneutrales Geschenk aus trockener Weizenpampe, aber immerhin ein Geschenk. Und es wurde sogar noch als der Leib Christi gesegnet. So schlecht kann es dann also nicht sein. Anschließend ging jeder auf seinen Platz zurück und setzte sich wieder. Die Messe ging in gewohnter Eintönigkeit weiter. Langsam war ich fast ein bisschen stolz auf die Jungs, dafür dass sie es schafften, wirklich zweieinhalb Stunden Zeit zu füllen, ohne einen einzigen Spannungsbogen aufzubauen. Dazu gehörte auch eine gewisse Kunst. Nicht auszumalen, wie es uns ergangen wäre, wenn wir nicht wenigstens die erste knappe Stunde geschwänzt hätten. Heiko erzählte mir im Nachhinein, dass er einige Male kurz davor war zu gehen. „Ich habe mir wirklich überlegt, ob wir uns nicht lieber einen Zeltplatz am Strand suchen sollten, als das durchzustehen“, meinte er.

Dass wir mit unserer Meinung nicht alleine dastanden zeigten die Menschen, die den Gottesdienst bereits vor seinem Ende verließen. Als schließlich auch noch eine Gruppe von Nonnen in schwarzen Gewändern aufstand und ging, hatte die Ironie ihren Höhepunkt erreicht.

Doch schließlich war es dann soweit. Die Prozession raufte sich wieder in altbekannter Formation zusammen und schritt von der Bühne in Richtung Ausgang. Mit einigem Abstand folgten wir und nur wenige Minuten später trafen wir wieder auf Don Stefano, der uns auf unsere Zimmer führte. Zumindest dafür hatte sich das Warten gelohnt. Wir bekamen beide ein Einzelzimmer mit eigenem Bad und eigenem Wohnzimmer. Es waren Zimmer, die eigentlich für die Priesteranwärter gedacht waren, die hier im Seminar waren, doch diese beiden waren Zurzeit nicht belegt. Viel hatten wir von den Zimmern jedoch nicht, denn es war nun bereits 19:30 Uhr und um fünf vor acht trafen wir uns schon wieder mit den anderen, um zum Abendessen zu gehen. Das bedeutete für uns: Auspacken, Betten richten, Umziehen, Duschen und Frischmachen im Akkord, denn nach den Steigungen, die wir heute in der Januarsonne zurückgelegt hatten, stanken wir schlimmer als der Aal bei den Ukrainern. Unter der Dusche ließ ich mir die beiden unterschiedlichen Zelebrationen noch einmal durch den Kopf gehen. Es war schon faszinierend. Der eine hatte für seine Messe gerade einmal fünf Minuten gebraucht und hatte damit eine Verbindung und eine Weihnachtsstimmung hergestellt, wie wir sie bislang nicht erlebt hatten. Die anderen hatten zweieinhalb Stunden lang rumgeprädigt und damit nichts erschaffen außer Müdigkeit und Langeweile. Viel ist eben wirklich nicht immer besser. Heiko ergänzte diese Gedanken später am Abend noch mit seinen eigenen. Die Gewänder der Priester hatten viele Tausend Euro gekostet, während der ukrainische Pfarrer mit seinem Blechschmuck und seiner Robe eher ärmlich gewirkt hatte. Und doch hatte er eine Erhabenheit vermittelt, die den anderen fehlte. Man konnte ihn ernst nehmen, was einem bei dem Bischof mit seinem aufklappbaren Hütchen irgendwie schwer fiel.

Bevor es dann zum Essen ging landeten wir jedoch schon wieder in einer Kapelle. Es war nur ein kleiner Raum mit einem Altar und drei hölzernen Figuren, von denen eine an ein Kreuz genagelt war. Hier gab es eine fünfminütige Andacht in Stille, dann ein kurzes Gebet und dann ging es zum Essen. Für sich genommen war das ein schönes Ritual, doch nach der extended Version des Gottesdienstes kurz zuvor hatten wir allmählich die Schnauze voll.

„Jetzt mal im ernst“, meinte Heiko nach dem Essen. „Da stecken sie dich nach dem eh schon lauten Tag in einen zweieinhalbstündigen Gottesdienst in dem nur Geplärre herrscht, so dass dir die Ohren sausen wie nach einer Disko. Dann sollst du in Windeseile duschen um nicht alle voll zu stinken, wodurch die Geräusche im Kopf noch einmal lauter werden. Und dann ist von einer Sekunde auf die nächste absolute Stille, so dass du dich plötzlich lauter wahrnimmst als dir lieb ist und dabei sollst du dann nicht aggressiv werden?“

Außerhalb der Messen waren die Pfarrer und Pfarrersanwärter eine recht lustige Truppe. Der Bischof und sein Stellvertreter waren beim Essen natürlich nicht mit dabei. Erst jetzt wurden uns die Strukturen wirklich klar. Die Anwärter hatten in der Zeremonie so ehrenvolle Aufgaben gehabt, wie Kerzen zu tragen oder aufrecht zu stehen und nichts zu tun. Die Pfarrer durften Bibelseiten umblättern und Bischofsmützen aufsetzen und sogar hin und wieder mal ein Wort sagen. Ansonsten waren alle wichtigen Aufgaben dem Bischof und seiner rechten Hand vorenthalten gewesen.

Bevor das Essen auf den Tisch kam, sollten wir einen Blick in die Küche werfen. Hier begegneten uns zwei schrullige Hexen mit riesigen, warzigen Nasen. Der Tag der drei heiligen Könige war auch ein Tag von heidnischer Bedeutung, bei dem es irgenwie um Hexen ging. So genau verstanden wir es nicht, doch die beiden Köchinnen hatten sich dementsprechend zurecht gemacht. Es wurde viel gescherzt und gelacht, was nach der heiligen Zeit zuvor wirklich angenehm war.

Spannend war jedoch, dass keiner der zukünftigen Pfarrer eine Antwort auf die Frage hatte, warum sie sich für diesen Weg entschieden hatten. Alle gerieten ins stocken und meinten, es sei nicht leicht zu beantworten. Niemand wusste es. Heikos Eindruck war, dass sie von den Umständen der Ausbildung gefangen worden waren. Sie bekamen ihr Studium finanziert, konnten hier in diesen schönen Wohnungen kostenfrei leben und bekamen sogar noch das Essen gestellt. Und dann durften sie auch noch bei den Ritualen mitmachen und Roben tragen, die wirklich etwas hermachten. Wenn sie dann fertig waren, hatten sie in einem Land, das tief in der Wirtschaftskrise steckte einen relativ sicheren Job und bekamen finanzielle Mittel, von denen sie selbst entscheiden konnten, was sie davon der Gemeinde zugute kommen lassen wollten und was sich selbst. Kein schlechter Deal also.

Spruch des Tages: Gott wohnt nicht in den Kirchen, sondern in den Wäldern

 

Höhenmeter: 20m

Tagesetappe: 3km bis in den nächsten Ort und dann noch einmal 7km im Kreis

Gesamtstrecke: 6852,37 km

Wetter: Bewölkt und Windig, daher unangenehm frisch. Am Nachmittag wieder sonnig und warm

Etappenziel: Gemeindehaus, 16033 Lavagna, Italien

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

One Comment

  1. Francesco L'Ambasciatore 15. Januar 2015 um 10:57 - Antworten

    Comportati bene. Comportatevi bene contro la Santa Chiesa. Ci sono forze potenti in Italia.
    In caso contrario, il viaggio potrebbe presto finita. 😉

    Guardiamo i tuoi passi.

    Tanti saluti e arrivederci,
    Francesco

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