Tag 844: Kohleabbaugebiet

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Tag 844: Kohleabbaugebiet

Tag 844: Kohleabbaugebiet

09.04.2016
Am Abend erlebten wir noch eine kleine Überraschung. Gegen acht Uhr kam ein rupp Fußballspieler in unser Quartier, um sich auf das Training vorzubereiten. Sie nutzten die Kabine neben uns, aber trotzdem stolperte fast jeder erst einmal zu uns herein. Dies brachte uns jedoch auf eine Idee. Die einzige Steckdos, die es in unserem Raum gab befand sich fast unter der Decke und wenn eh schon ständig Menschen kamen, konnten wir sie auch nach einem Verlängerungskabel fragen. Der Trainer der Mannschaft war eine Art grimmige und grauhaarige Version von Rudi Völler und er reagierte auf unsere Bitte nicht ganz so wie erwartet.

„Kein Kabel! Die Stromversorgung ist nicht gut!“ lautete seine Antwort.
Also bauten wir uns aus den Umkleidebänken einen schiefen Turm von Pisa und stellten unseren Kocher ganz oben auf die Spitze. Drei Minuten ging das gut. Dann fiel der Strom aus und wir saßen im Dunkeln. Jetzt verstanden wir plötzlich, was der Mann gemeint hatte, als er über die schlechte Qualität des Stromnetzes sprach. Ein kleiner Hinweis in diese Richtung wäre durchaus auch nett gewesen.
Wir selbst konnten an der Situation nichts ändern, also kehrte ich noch einmal zum Haus des Bürgermeisters zurück und bat dort um Hilfe. Ein kurzer Anruf genügte und wenig später stand Costa, unser Schlüsselmeister vor der Tür. Er brachte den Saft wieder zum Fließen und löste dabei auch das Problem. Die Fußballer hatten eine Extra-Stromversorgung für das Warmwasser der Duschen eingeschaltet. So lange diese am Laufen war, durfte man sonst nichts mehr anschließen. Das Problem war jedem bekannt, denn das war schon immer so. Rudi Völler 2 hätte also einfach die Sicherung lösen können, die er zuvor eingeschaltet hatte und alles wäre kein Thema gewesen. Doch die Sache hatte auch etwas gutes. Denn Costa brachte uns bei seiner Hilfsaktion gleich noch zwei Pizzen mit und so konnten wir uns das Kochen schließlich sparen. Die Pizzen waren übrigens super! Sie waren sogar weitaus besser, als viele, die wir in Italien bekommen hatten.

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In der Früh wurden wir dann von einer Frau namens Anna begrüßt, die fließend Deutsch sprach und sogar als Dolmetscherin und Sprachlehrerin arbeitete. Sie lud uns in eine Bar ein, wo wir noch einmal auf Costa und den Bürgermeister stießen. Unser Gespräch entwickelte sich zu einem Interview, bei dem Costa noch einige Filmaufnahmen von uns machte. Ob und wo die Kurzdoku veröffentlicht wird, konnten wir leider noch nicht in Erfahrung bringen. Spannend war jedoch, dass alle drei, sowohl Costa als auch Anna und der Bürgermeister sehr genau über die Umsände in Griechenland und Europa bescheid wussten. Ihnen war vollkommen bewusst, dass die Medien und die Regierungen dirigiert wurden, dass die ganze Wirtschaftskrise eine Inszenierung war, die dazu diente, ihr Land in den Ruin zu treiben und dass Griechenland aufgrund seiner Rohstoffe theoretisch eines der reichsten Länder der Welt sein könnte. Nur half ihnen dieses Wissen wenig, weil sie dass Gefühl hatten, an der Situation letztlich doch nichts ändern zu können.

Passend zu unserem Gespräch über Rohstoffe landeten wir kurze zeit später in einem gigantischen Kohleabbaugebiet. Und ich meine gigantisch hier nicht, weil ich das irgendwie besonders darstellen will, sondern weil es so groß war, dass man es dich kaum vorstellen konnte. Das komplette Tal war auf einer Länge von mehr als 20km ausgehoben worden. Auf insgesamt sieben verschiedenen Ebenen standen Bagger, LKWs und riesige Tagebaumaschinen, die im Sekundentackt den schwarzen Rohstoff aus dem Boden rissen. Teilweise war es unvorstellbar, dass dies wirklich von Menschen gemacht worden war. Es wirkte eher wie ein schwarzer Canyon, der über Jahrtausende hinweg von einem heftigen Wildwasserstrom in den Boden gerissen wurde. Doch all dies war das Werk von einigen Menschen und überdimensionierten Maschinen. Innerhalb weniger Jahre hatten sie der Erde an dieser Stelle ein vollkommen neues Gesicht gegeben. Im Boden klaffte eine gewaltige Wunde. Sie sah nicht hässlich aus, eher faszinierend und beeindruckend und doch blieb es eine klaffende Wunde. Oben an der Abbruchkante standen zwei alte, ausrangierte Abbaumaschienen, die wir gigantische, stählerne Monster aussahen. Allein eine einsige Schaufel an dem riesigen Rad war so groß, dass ich bequem darin hätte schlafen können.

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Früher hatten diese beiden Maschinen dazu beigetragen, den Lebensraum unzähliger Tiere und Pflanzen zu zerstören. Nun standen sie als Wraks in der Gegend herum und waren vollkommen harmlos. Sie waren ein erstklassiges Beispiel dafür, dass Tiere kein Ego haben können, denn nun da die Stahlmonster tot waren, wurden sie sofort selbst als Lebensraum anerkannt. Überall in den Schanieren, auf den Plattformen, in den Führerhäuschen und im Getriebe nisteten die Vögel und freuten sich, so einen außergewöhnlichen Brutplatz entdeckt zu haben.
Das schöne an Griechenland ist, dass die Menschen hier viele Dinge einfach wirklich locker nehmen. In Deutschland wäre das komplette Abbaugebiet gesperrt gewesen und wir hätten einmal außen herumlaufen müssen. Hier kümmerte sich kein Mensch darum, wer wo langging und so konnten wir mitten durch den Tagebau streifen.

Es war eine faszinierende und äußerst spannende Reise und abgesehen von den Förderbändern war es auch gar nicht so laut und ekelhaft, wie wir befürchtet hatten. Vor allem aber die Größe und die Menge an Kohle, die hier bewegt wurde, sprengten all unsere Vorstellungen. Dieses eine Gebiet musste ausreichen um ganz Griechenland mit Strom zu versorgen. Allein im direkten Umkreis um das Abbaugebiet standen bereits drei der größten Kraftwerke, die wir je gesehen hatten. Eines von ihnen hatte vier Kühltürme. Nur aus einem von ihnen strömte jedoch Wasserdampf aus. Der Bürgermeister aus dem vorletzten Dorf hatte uns darauf bereits hingewiesen. Die Kraftwerke liefen meist Nachts, damit sie nicht den Anschein erweckten, dass sie so stark in Betrieb waren. Im Dunkeln konnte man den Rauch nicht sehen, außer man schaute wirklich genau hin. Was die Betreiber damit bezwecken oder verbergen wollten war uns noch unklar. Verwunderlich war nur, dass der Strom nach der offiziellen Ansicht ja eigentlich nicht oder nur schlecht gespeichert werden konnte. Wenn nachts der Verbrauch am geringsten, die Produktion aber am höchsten war, dann ergab sich daraus eine kleine Diskrepanz.
Erst am späten Nachmittag ließen wir das Abbaugebiet hinter uns. Kurz darauf erreichten wir einen kleinen Ort, in dem wir nach langer Wartezeit auch einen Schlafplatz fanden. Zuvor bekamen wir jedoch noch einmal ein ordentliches, griechisches Essen, dass uns wieder fast zum Platzen brachte. Es gab hier immer nur zwei Zustände. Entweder man hungerte oder man war kurz vor dem Platzen. Dafür war es aber mal wieder richtig lecker.

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Spruch des Tages: Kohle, soweit das Auge reicht…

Höhenmeter: 240 m
Tagesetappe: 13 km
Gesamtstrecke: 14.907,27 km
Wetter: sonnig, abends eiskalt
Etappenziel: Zeltplatz oberhalb des Dorfes, 61100 Chrisopetra, Griechenland

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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