Tag 1070: Über den Brüning-Pass

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Tag 1070: Über den Brüning-Pass

Tag 1070: Über den Brüning-Pass

29.11.2016

Der Pfarrer selbst lebte außerhalb der Ortschaft und so lernten wir nur seinen Pastoralassistenten kennen. Er hieß Passqual und stammte aus dem Congo, wo er bereits als Kind das Priesterseminar besucht hatte. Später hatte er dann in Deutschland und Österreich gelebt. Er sprach sehr gut Deutsch, doch hier tat er sich mit der Verständigung trotzdem sehr schwer. Für uns war es ja bereits fast unmöglich, die Einheimischen zu verstehen, wenn sie richtig loslegten. Für einen Fremdsprachler musste die Hölle sein. Obwohl er ein herzensguter Kerl war spürte man doch, dass er es nicht leicht hatte, hier akzeptiert und angenommen zu werden.

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Viele Schweizer, die wir inzwischen kennengelernt hatten beschrieben sich selbst, bzw. ihre Kultur als skeptisch, vorsichtig und misstrauisch gegenüber allem, was fremd war. Eine Beschreibung, die recht häufig zuzutreffen schien. Auch wir hatten ja bereits unsere Erfahrungen damit gemacht, wobei spannend war, dass es den Menschen selbst nicht gut ging damit. „Hier in der Schweiz ist es wahrscheinlich schwierig“, war ein Satz, den wir immer wieder hörten. Und falsch war diese Annahme nicht. Dass wir trotzdem durchkamen, wie die Katzenbären lag vor allem daran, dass wir immer wieder genau die Einzelpersonen aufspürten, die hilfsbereit waren. Warum aber beispielsweise die Jungs vom Kirchenchor, die wir kurz vor Ulm getroffen hatten, an der Schweiz gescheitert waren und ihren Jakobsweg hier aufgeben mussten, konnten wir vollkommen verstehen.

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Vor allem jetzt im Winter war Urvertrauen das einzige, was einem das Überleben garantierte. Ohne die Gewissheit, dass alles gut werden würde, konnte man um diese Zeit die Schweiz nicht ohne Geld bereisen. Und mit Geld auch nur dann, wenn man ein Vermögen besaß. Dass ein einfacher Döner rund 10€ kostet und dass man für eine günstige, vom Staat bezuschusste Pilgerunterkunft mindestens 25€ bezahlen musste, haben wir ja bereits erwähnt. Heute sind uns jedoch noch einige weitere Preisschilder aufgefallen, die alles noch einmal übertrumpfen. Eine Schinkenstulle mit Salat und Rührei für 27€ beispielsweise. Oder ein Bad in einem Hot Pot, also einer kleinen, hölzernen Badewanne im Freien mit zwei Personen für rund 100€.

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Gleich heute morgen wurde uns dann auch bewusst, dass wir unseren Schlafplatz nur deshalb bekommen hatte, weil das Pfarrbüro am Vortag geschlossen hatte. Als die Sekretärin in der Früh an unserem Saal vorbeiging und uns beim Packen sah bestand ihre Begrüßung aus einem schnippischen „Aha, ihr geht dann jetzt wohl wieder!“ Diese Begrüßung und der dazu passende Blick verrieten eindeutig, dass sie den Hauptpfarrer nicht einmal gefragt hätte, wenn sie unsere Ansprechpartnerin gewesen wäre. Als dann gleich darauf auch noch der Hausmeister kam um über unsere Wagen zu meckern und darauf zu drängen, dass wir doch nun endlich verschwinden sollten, wurde uns klar, warum sich der Pfarrer dazu entschieden hatte, sich eine Wohnung irgendwo außerhalb zu suchen. Uns wurde aber auch klar, dass man ein verdammt dickes Fell brauchte, wenn man hier durchkommen wollte.

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Wenn man an die richtigen Menschen geriet, wurde man herzliche empfangen und hatte oft sogar ein reines Luxusleben. An anderer stelle jedoch konnte es einem passieren, dass man Menschen traf, die einen bei -7°C ohne mit der Wimper zu zucken erfrieren lassen würden. Die Gleichgültigkeit anderen gegenüber, die man oft in den Menschen spürte, übertraf sogar noch die, die wir in Italien erlebt hatten. Vor allem heute Nachmittag bekamen wir einige Paradebeispiele dafür. Denn wir hatten nun tatsächlich -7°C und nach dem Abstieg vom Pass waren selbst mit der guten Carintia-Winterkleidung vollkommen durchgefroren.

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Das Spannende war, dass wir keine anderen Erfahrungen gemacht hätten, wenn wir als ganz gewöhnliche Pilger unterwegs gewesen wären, denn um diese Zeit hat sowohl die Jugendherberge als auch die Pilgerherberge geschlossen.Wer also keine 100 Franken pro Nacht für ein normales Hotelzimmer zahlen kann ist nun trotzdem auf die Hilfe der Menschen, der Kirche oder der Stadt angewiesen. Und dies stellte unser Urvertrauen heute auf eine ganz besondere Probe. Die einzig positive Antwort, die wir bei vier Anläufen bekamen war: „Ich schau mal ob sich etwas machen lässt und melde mich dann wieder. Es sollte eigentlich nicht länger als 15 Minuten dauern.“

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Zu diesem Zeitpunkt war es bereits nach 16:00 Uhr und die Sonne verschwand hinter den Bergen. Die Temperaturen fielen von Minute zu Minute und bald schon war es nicht nur kalt, sondern auch dunkel. Die nächste Stadt auf unserem Weg lag gute 12km entfernt, die nächste Stadt abseits war noch gut 6km entfernt. Wenn wir warteten und es ergab sich nichts, riskierten wir also, dass wir die Nacht wirklich irgendwo im Zelt verbringen mussten und dies bei Temperaturen für die unsere Schlafsäcke definitiv nicht ausgelegt waren. Nicht zu warten brachte uns aber womöglich ebenso in die Bredouille. Es blieb also nur loslassen und vertrauen. Und wirklich, eine Viertelstunde Später hatten wir eine Lösung.

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Der Tag zwischen dem Aufbruch und der Ankunft war aber ebenfalls nicht unspektakulär. Denn heute mussten wir mit dem Brüning-Pass die wohl härteste Wegstrecke überwinden. Bis zum Pass selbst konnten wir dabei einer kleinen Asphaltstraße folgen, die nach dem steilen Aufstieg über eine Alm führte. Auch hier hatte man es geschafft, dem idyllischen Bergleben mit einer Zahnradbahn und der naheliegenden Hauptstraße einen Dämpfer zu verpassen, doch es war noch immer einer der schönsten Wegabschnitte, die wir in der Schweiz begangen hatten. Oben auf dem Pass befand sich ein Bahnhof mit einem kleinen Trödelladen daneben, sowie zwei Hotels. Dann ging es wieder hinab ins Tal. Hier aber begann der wirklich vertrackte Teil. Denn so wie es aussah gab es nur drei Möglichkeiten, um den Berg wieder zu verlassen. Der Jakobsweg führte über schmale Pfade oberhalb der Hauptstraße entlang. Ein weiterer Wanderweg verlief unterhalb der Straße und schließlich gab es natürlich noch die Straße selbst.

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Das letztere keine Option war stand außer Frage. Sogar der Rad-Pilger-Führer, der normalerweise nie irgendetwas über den Verkehr aussagte, warnte an dieser Stelle vor der extrem starken Befahrung. Zunächst entschieden wir uns daher für den Jakobsweg, doch dieser führte allem Anschein nach immer weiter Bergauf und nicht ins Tal hinunter. Dies erschien uns nur wenig Sinnvoll und so wechselten wir doch noch einmal auf den unteren Weg. Auf dem ersten Abschnitt freuten wir uns über den steilen Trampelpfad, denn so konnten wir unsere neuen Bremsen gleich einmal im Volleinsatz testen. Ein Test, den sie übrigens mit Bravour bestanden.

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Dann aber entpuppte sich der Weg als Klettersteig, der mit Pilgerwagen vollkommen unbegehbar war. Nicht einmal die heftigsten Wege in Bosnien waren so steil und steinig gewesen, wie dieser hier. So kamen wir nicht weiter, aber zurück auf den Jakobsweg kamen wir nun auch nicht mehr. Also brauchten wir eine vierte Option, die sich glücklicherweise recht bald fand. Der Haken war nur, dass wir nun erst einmal in die falsche Richtung wandern mussten, wodurch sich die Gesamtstrecke fast verdoppelte. Dies war letztlich auch der Grund, warum wir erst kurz vor Sonnenuntergang in Brienz ankamen.

Spruch des Tages: „Gut geht, wer ohne Spuren geht.“ (Laozi, chinesischer Philosoph, lebte im 6. Jahrhundert v. Chr.)

Höhenmeter: 163 m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 19. 537,27 km
Wetter: bewölkt und nebelig, Temperaturen um 0°C
Etappenziel: privates Gästezimmer, Payerne, Schweiz

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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2016-12-20T02:14:19+00:00 Schweiz, Tagesberichte|

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