Tag 794: Camino del Arcangelo

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Tag 794: Camino del Arcangelo

Tag 794: Camino del Arcangelo

13.02.2016
Um Punkt 8:00Uhr in der Früh klingelte es an unserer Tür. Der Leiter der Pilgerherberge stand davor und wollte uns besuchen, um seine Gäste persönlich kennen zu lernen. Wir brauchten noch eine gute halbe Stunde um wach genug zu sein, aber dann wurde es eine ganz nette Unterhaltung. Der kleine, grauhaarige und sanftmütige Kerl war selbst ein begeisterter Pilger, der gerade an einem Buch über seine Wandererfahrungen schrieb. Er war zunächst dem Camino del Arcangelo gefolgt, dem Erzengelweg, die die Heiligenstädten der Erzengel mit einander verband, die es in Europa gab. Einer davon war der Ort Monte Sant Angelo, der gut 25km hinter San Giovanni Rotondo lag. Wir waren selbst ebenfalls noch immer am Überlegen, ob wir auch dorthin wandern sollten. Anschließend war er der Via Francigena bis nach Brindisi gefolgt und dann mit dem Schiff weiter ins geheiligte Lang gefahren um in Israel zu pilgern. Alle Informationen sowie GPS-Koordinaten hat er auf seinem Blog www.camminacammini.com veröffentlicht. Wanderkarten folgen demnächst auch noch. Seit dieser Pilgerreise war er jedoch kein zweites Mal aufgebrochen und man spürte die Sehnsucht in jedem seiner Worte. Als wir uns verabschiedeten, rollten sogar einige Tränen über sein Gesicht.

Eigentlich hatten wir geplant, uns wieder an kleine Nebenstraßen zu halten, doch bereits nach wenigen Metern wurde klar, dass diese noch immer genauso schlammig und katastrophal waren, wie die vom Vortag. Wir hielten uns daher an die direkte Straße, die zum Glück nur mäßig befahren war. Unser Ziel hieß Lucera und war eine Stadt mit gut 35.000 Einwohnern. Nach unseren Erfahrungen in der letzten Zeit hatten wir uns von so großen Städten eigentlich fernhalten wollen, doch es gab leider keine Alternative. Zu unserem Erstaunen stellten wir fest, dass es hier sogar ruhiger war, als in vielen kleinen Bergorten. Die Stadt war fast wie ausgestorben und der ganze Verkehr wurde außen um sie herum geleitet. Übernachten durften wir heute bei vier Nonnen. Sie waren die ersten seit langem, die ihren Job wirklich ernst nahmen. Ihr Auftrag war der Dienst für Gott und der Dienst am Menschen und das taten sie auch. Sie hatten eine Mensa für Obdachlose, eine Nachmittagsschule für sozialschwache Kinder, eine Abendschule für Immigranten, ein Hilfsprojekt für Kinder in der dritten Welt und einige weitere Projekte. Außerdem arbeiteten sie eng mit der Caritas zusammen und dies wiederum verschaffte uns unseren Schlafplatz.

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„Ich kann den Leiter der Caritas nicht erreichen!“ erklärte mir die Mutter Obere, nachdem sie vom Telefonieren zurückkehrte, „Aber macht euch keine Gedanken! Ihr könnt auf jeden Fall hier schlafen. Er braucht zwar das Gefühl, dass er gerfragt wird, aber ich werde schon dafür sorgen, dass er Ja sagt!“ Das war mal ein Wort, auf das man sich verlassen konnte. Denn diese Frau machte nicht den Eindruck, als würde sie Widerworte dulden, vollkommen gleich von wem.
Eine der Schwestern kam aus Bolivien und war hierher zwangsversetzt worden. Sie war eine kleine, zierliche Person mit dem Herz am rechten Fleck, die eine freundliche und muntere Ausstrahlung hatte. Die oftmals miese Stimmung der Italiener setzte ihr ganz schön zu und sie war nicht allzu glücklich damit, dass sie hier leben musste. „Wenn ich nicht so offen wäre, dann wäre ich hier schon längst untergegangen!“ meinte sie, „Man muss direkt auf jemanden zugehen, dann bekommt man Untersützung. Wer das nicht kann, der hat schnell verloren!“ Was sie damit meinte verstanden wir etwas später, als wir eine weitere junge Nonne sahen, die so schüchtern war, dass sie sich kaum zu sprechen traute. Sie war eine herzensgute Frau aber so unglaublich ängtlich und unsicher, dass sie kaum noch Lebensfreude besaß.

Unsere bolivianische Nonne war da schon etwas anders. Obwohl sie so eine kleine, zierliche Gestalt war, war sie die erste, die sofort mit bei unseren Wagen anpackte und uns half, sie die Treppe hinunter zu bugsieren. Als sie uns wenig später das Essen servierte, das wie üblich aus matschigen Nudeln mit einer lustlos dahingeklatschten Sauce bestand, meinte sie ehrlich: „Es tut mir Leid, dass ich euch das hier bringen muss, aber in Italien isst man sowas! Für mich war es auch eine Umstellung an die ich mich nie richtig gewöhnen konnte!“

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Der Stadtkern war seit langem sogar mal wieder so angenehm und vielversprechend, dass wir uns sogar für einen kleinen Stadtrundgang aufraffen konnten. Wir schauten uns die Kathedrale, die Altstadt und die Burg an, die etwas außerhalb lag. Letztere war jedoch eher enttäuschend. Dafür wurden wir aber gerade noch Zeugen vom letzten Rest einer großen Zelebration mit der der Bischof in der Kathedrale verabschiedet wurde. Die Nonnen bestätigten uns, dass es ein großartiger und sehr volksnaher Bischof war, den alle sehr gerne gehabt hatten. Vielleicht war auch dies der Grund, warum er nun in eine andere Diözese versetzt wurde. Er war der erste Bischof, der eine Ausstrahlung hatte und dem man ansah, dass er seinen Job nicht nur wegen dem goldenen Stab und der beeindruckend lächerlichen Mütze ausübte. Er wollte etwas bewegen und er hatte auch viel ins Rollen gebracht. Es war sicher kein Zufall, dass gerade hier auch die Nonnen so aktiv waren. Als der Bürgermeister seine Abschiedsrede halten sollte, war er so bewegt und traurig, dass er zu weinen begann und vor lauter Tränen nicht einmal mehr sprechen konnte. Auf einer Veranstaltung wie dieser bedeutete das sehr, sehr viel.

Spruch des Tages: Wenn sogar der Bürgermeister bei seiner Rede weint, dann muss das etwas bedeuten.

Höhenmeter: 70 m
Tagesetappe: 21 km
Gesamtstrecke: 14.141,27 km
Wetter: bewölkt und windig
Etappenziel: Christliche Gemeinde, 5km außerhalb von 70022 Altamura, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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