Tag 699: Im Nationalpark

Die Nacht laugte mich vollkommen aus und um halb sieben war ich so fertig, dass ich nicht mehr liegen konnte. Wir standen auf und packten zusammen. Ich spürte, dass ich dabei nicht der Schnellste war, doch dass wir genau eineinhalb Stunden brauchten, damit hätte ich dann doch nicht gerechnet.

Am liebsten wäre mir heute eine kurze Strecke gewesen, bei der ich mich anschließend ausruhen und entspannen konnte. Doch offensichtlich brauchte ich für meinen Heilungsprozess etwas anderes, denn ein kurzer Tag war uns nicht vergönnt. Im Gegenteil, die Wanderung wurde eine der längsten, die wir in den letzten Tagen überhaupt zurückgelegt hatten. Es begann gleich mit der Erkenntnis, dass unser Weg eine Sackgasse war und wir noch einmal umkehren und in den Ort zurückgehen mussten. Dort fragten wir dann nach dem Weg. Die ersten beiden Männer, die behaupteten es gäbe keinen hielten wir noch für verrückt und dämlich, doch als uns auch die vierten und fünften Einheimischen erklärten, dass es keine Straße in den Nachbarort gab, begannen wir ihnen zu glauben. Der Ort war gerade einmal vier Kilometer entfernt, doch es gab wirklich keine Verbindung. Nicht einmal einen Feldweg. Nur die Straße, die durch die Baumschule führte und die war komplett gesperrt.

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Die einzige Möglichkeit, die uns blieb war es, der Hauptstraße nach Nordwesten zu folgen. Dies war so in etwa genau die entgegengesetzte Richtung von der, in die wir eigentlich wollten. Nach etwa fünf Kilometern trafen wir dann auf eine noch größere Hauptstraße, die uns dann direkt nach Tetovo führte, eine der größten Städte im Umkreis. Bei meiner Wegführung hatte ich nicht ohne Grund einen großen Bogen um sie herum gemacht, doch nun blieb uns keine Wahl. Ohne richtige Karte, nur mit ein paar vagen Linien auf einer Landesübersicht manövrierten wir uns durch die grässliche Großstadt. Es stank nach verwesendem Abfall, verbranntem Plastik, Auspuffgasen und Verderben. Der Smog hing wie ein dichter Nebel in den Straßen und wenn mir nicht eh schon schlecht gewesen wäre, dann hätte dieser Gestank sicher für Übelkeit gesorgt. Alles wirkte trostlos und heruntergekommen, die Häuser waren verfallen, die Straßen waren voller Schlaglöcher und man versank buchstäblich im Dreck. Dazu herrschte ein Lärm wie neben einer Raketenabschussrampe. So sehr hatte ich mich an diesem Tag nach einer ruhigen Wanderung mit etwas Sonne und frischer Luft gesehnt, doch davon war weit und breit nichts zu sehen. Sogar das Fußballstadion wirkte deprimierend. Es sah aus, als würden hier keine Fußballspiele sondern Gladiatorenkämpfe und öffentliche Hinrichtungen abgehalten. Erst als wir die Stadt schon fast wieder verlassen hatten, wurde es etwas besser. Hier war es zwar noch immer ungemütlich und es stank zum Himmel, aber dafür gab es ein einziges prunkvolles Gebäude. Es handelte sich um die Uni und wir fragten uns sicher für die nächsten drei Kilometer, wieso wohl ausgerechnet die Uni als einzige ein schönes Gebäude bekommen hatte.

Bei all den Unannehmlichkeiten, die uns die Stadt bescherte, war ich am Ende aber doch stolz auf mich, dass ich es geschafft hatte, uns mit dieser groben Übersichtskarte genau in die Straße zu lotsen, auf der wir die Stadt wieder verlassen wollten. Auf diese Weise schaffte es Tetovo dann doch noch, dass ich sie mit einem guten Gefühl verließ.

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Leider war auch die relativ kleine Nebenstraße noch immer grausam und wurde von Müllbergen und lautem Schwerlastverkehr geprägt. Direkt hinter dem Ortsausgang, zwischen Autobahn und Zugstrecke befand sich ein Hotel, das aufgrund seiner Lage so aussah, als könnte es ein bisschen Werbung gebrauchen. Es war sicher nicht der schönste Ort der Welt, aber für eine Nacht würde es schon gehen. Meine Beine und mein Kreislauf hatten jedenfalls fürs erste genug.

Der Mann an der Rezeption begrüßte mich freundlich, erklärte aber, dass auch er nur mazedonisch sprach. Also versuchte ich zunächst einmal, ihm unseren Text vorzulegen, den wir für solche Fälle vorbereitet hatten. Er brauchte eine Gefühlte halbe Stunde um ihn zu entziffern und am Ende musste er zugeben, dass er überhaupt nicht lesen konnte. Dafür sprach er nun plötzlich Deutsch, was die ganze Angelegenheit wieder um einiges vereinfachte. Durch das ewige Warten am Tresen der Rezeption spürte ich, wie mein Kreislauf wieder nachgab und allmählich wurde mir schwarz vor Augen. Um ein Haar hätte ich dem armen Mann direkt vor deinen Tresen gekotzt, doch ich konnte mich gerade noch zurückhalten.

„Tut mir leid!“ sagte ich schnell, „aber ich muss mich erst einmal hinsetzen.“

Neben der Rezeption stand ein weißes Sofa, auf dem ich mich nun niederließ. Einen Moment lang saß ich nur schweigend da, dann fühlte ich mich wieder kräftig genug, um dem Mann den Grund meines Hierseins zu erklären.

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„Ok,“ sagte er, „da muss ich erst einmal meinen Chef anrufen!“

„Kein Thema!“ antwortete ich, „wenn du mir vorher sagst, wo ich hier ein Klo finde!“

Er wies mich an, einfach in eines der Zimmer zu gehen, was ich dann auch sehr erleichtert tat. Als ich bemerkte, dass es hier kein Klopapier gab und dass ich auch meinen Waschlappen nicht bei mir hatte, war es bereits zu spät. Ich musste also auf die traditionell islamische Methode zurückgreifen und Wasser sowie meine eigene Hand benutzen. Glaubt mir, ich hätte mir wirklich etwas Schöneres vorstellen können, aber wo man durch muss, muss man durch. Immerhin gab es noch Seife auf dem Zimmer.

Bereits von Weitem konnte ich dem Mann ansehen, dass er bei seinem Chef keinen Erfolg gehabt hatte. Wir mussten also weiter ziehen.

Vom Hotel aus kamen wir in ein langgezogenes Dorf, dann in ein weiteres und anschließend auf eine lange Fläche voller Felder. Erst dann fanden wir einen Platz, der abgeschieden genug war um unser Lager aufzubauen. Ein paar Zeilen versuchte ich noch zu tippen, doch die meiste Zeit schrieb ich schon mit geschlossenen Augen.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich bereits wieder etwas besser. Wir wanderten weiter in Richtung Süden und kamen dabei immer näher an die Bergkette, die diese Flachebene begrenzte. Heute war also der letzte Tag, an dem wir noch eben laufen konnten. Morgen ging es wieder bergauf und bis dahin sollte ich spätestens wieder fit sein. Spannenderweise schien es, als sei sich mein Körper dessen vollkommen bewusst. Er hatte sich genau die Zeit zum Schlappmachen ausgesucht, in der es kein Problem gewesen war. Auch bei Heiko war es zuvor ähnlich gewesen. Einen Tag, nachdem es ihm wieder gut ging, waren wir in die Berge gekommen.

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Am Nachmittag schlugen wir unser Zelt etwas außerhalb eines Dorfes auf. Vor uns lag eine weitere große Stadt, durch die wir am nächsten Tag hindurchschreiten mussten. Näher an die Berge heranzukommen, war also nicht möglich. Ungünstiger Weise lag unser Lager dieses Mal genau im Zentrum zwischen fünf verschiedenen Moscheen, von denen alle zeitgleich aber leicht versetzt der Muhizin zu schreien begann. Von einem einzigen Turm waren die arabischen Gebete für unsere Ohren schon nicht gerade angenehm, aber aus fünf Richtungen gleichzeitig wurde es der reinste Katzenjammer. Irgendwie konnten wir in diesem Moment verstehen, dass der Islam nicht gerade die beliebteste aller Religionen der Welt war und dass sich so viele Menschen gegen den Bau einer Moschee in ihrer Nähe aussprachen. Doch etwas anderes fiel uns an diesem Tag noch auf. Im Kosovo hatten wir nahezu keine Moschee gesehen, obwohl das Land rein muslimisch war. Hier jedoch standen sie wieder dicht gedrängt und das meist demonstrativ als Kontrapunkt zu den Kirchen. Denn auch Kirchen gab es hier nun wieder deutlich mehr, wohingegen man in Serbien wirklich aufmerksam danach suchen musste. Es war fast wie ein religiöses Wettrüsten zwischen der christlichen und der islamischen Kirche. So als ob beide Parteien zeigen wollten, dass sie die größere Macht und die besseren und gläubigeren Anhänger hatten.

Am nächsten morgen machte ich eine unangenehme Entdeckung. Die Algen-Tabletten, die wir nach ihrem unfreiwilligen Wasserbad immer wieder getrocknet hatten, waren schimmelig geworden. Für mich hatte es so ausgesehen, als hätte ich sie beim letzten Mal vollständig getrocknet, doch anscheinend war das nicht der Fall gewesen. Durch die Ereignisse der letzten Tage mit Heikos und meiner Magenverstimmung hatte ich dann nicht mehr daran gedacht, sie regelmäßig zu kontrollieren und so hatte sich der Schimmel bereits auf fast die Hälfte der Tabletten verbreitet. Einen Teil konnten wir noch retten, doch für viele war es bereits zu spät. Wieder kam das Thema des Loslassens in mir auf. Die Tabletten waren ein Hilfsmittel zur Ausleitung von Giftstoffen und ich empfand sie als äußerst wichtig, um mich regenerieren zu können. Gleichzeitig waren sie auch recht teuer gewesen und gerade in letzter Zeit hatte ich immer wieder das Gefühl, dass mir Materialien und Geld nur so durch die Finger rannen. Irgendwie blockierte ich den Fluss des Wohlstandes. Ich hatte Angst davor, Dinge zu verlieren, die ich nicht ersetzen konnte und so produzierte ich genau die Situationen, die mir diese Angst bewahrheiteten. Wie aber konnte ich das ändern? Wie konnte ich die Blockade lösen, die verhinderte, das Dinge auf uns zukamen und wie konnte ich die Angst loslassen, dass ich alles wichtige verlieren würde? Annehmen und loslassen, das war eigentlich schon alles. Aber es ist immer leichter gesagt als getan.

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Und andererseits...

In vielen Bereichen klappte es ja schon hervorragend. Der eine Tag im Hotel beispielsweise hatte dazu geführt, dass wir mit unseren Sponsoren Kontakt aufnehmen konnten und allein durch vier E-Mails nun neue Reifen für unsere Wagen, neue Regenjacken, eine neue Handyhülle und ein neues Multitool bekamen. Blockierte ich den Fluss überhaupt so sehr oder glaubte ich es nur, weil ich mich auf den Mangel, anstatt auf die Fülle konzentrierte?

Der Weg durch die Stadt war in etwas so grausam, wie wir ihn erwartet hatten, doch zu unserem Erstaunen wurde die anschließende Hauptstraße verhältnismäßig ruhig. Auf ihr ging es nun auf direktem Weg in die Berge. Fast 800 Höhenmeter legten wir zurück, bevor wir auf eine Seitenstraße abbiegen konnten, die uns dann noch ein gutes Stück weiter nach oben führte. Kaum hatten wir die Berge erreicht, verwandelte sich das Bild von Mazedonien noch einmal völlig. Die Flachebene war laut und größtenteils stark vermüllt gewesen. Auch wenn es viele Felder gegeben hatte, waren die großen Städte doch immer irgendwie Präsent gewesen. Die Berge jedoch hatten sofort etwas beruhigendes, ursprüngliches und sie fühlten sich fast ein bisschen wie ein nach Hause kommen an. Hinter dem Pass lag ein gewaltiger Bergsee, der einen sofort jede Anstrengung vergessen ließ.

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Der erste Ort, in dem wir Rast machen konnten, war gute dreißig Kilometer entfernt. Als wir ankamen war es schon wieder kurz davor dunkel zu werden. Man merkte wirklich, dass es Herbst wurde und dass die Tage immer weniger Stunden hatten. Der Ort selbst war klein und bestand fast nur aus Restaurants und Cafés, die sich am Ufer des Sees aneinander reihten. Unser Zelt schlugen wir direkt unterhalb des Ortes am Wasser auf. Aus einem Grund, den wir bis heute nicht nachvollziehen können, war der Strand anders als die Hauptstraße nicht für die Touristen aufbereitet worden. Hier gab es nur einen Schrottplatz, eine Müllhalde und ein paar halbverfallener Häuser. Schön war es hier nicht, aber es bot genügend Schutz um ungesehen zu bleiben. Vor allem, bei einem so ungemütlichen Wetter wie diesem.

Noch einmal ging ich in den Ort zurück und fragte in den Restaurants nach einem Abendessen. Große Beute machte ich dabei nicht, aber ich bekam einen seltsamen Burger, der vor allem mit kalten Pommes gefüllt war. Beim Wasserholen an der Kirche traf ich eine junge Frau, die gerade mit ihrem Fahrrad unterwegs war. Trotz ihrer vielen Piercings wirkte sie recht konservativ, fast ernsthaft. Sie kam ursprünglich aus Australien, lebte aber mit ihren Eltern in Israel und war nun schon eine ganze Weile unterwegs. Auf ihrer Tour war sie unter anderem durch Rumänien und Bulgarien gekommen und hatte in diesen Ländern sehr gute Erfahrungen gemacht. Über den Syrienkonflikt konnte sie jedoch nur wenig erzählen.

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Da es wieder zu regnen begann und sie noch ein gutes Stück vor sich hatte, verabschiedeten wir uns recht schnell wieder. So gerne wir uns auch unterhalten hätten, es war einfach zu ungemütlich um länger stehen zu bleiben.

Bald schon begann der Regen wieder genauso heftig wie in den Nächten zuvor. Man lebt jedoch nicht nur vom Pommesburger allein und so blieb uns nichts anderes übrig, als der Nässe zu trotzen und unser Abendessen im Regen zu kochen.

 

 

Spruch des Tages: So vermüllt und schon ein Nationalpark

 

Höhenmeter: 430 m

Tagesetappe: 23 km

Gesamtstrecke: 12.485,27 km

Wetter: herliches Herbstwetter, nachts saukalt bei 4°C

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 88825 Savelli, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Tag 698: Mazedonien

In der Nacht träumte ich immer wieder von meinem kaputten Wagen und davon, dass ich irgendwo in der Walachei damit liegen blieb. Es war, als würde der Wagen, der draußen noch immer unfertig auf dem Kopf lag, in meine Träume kriechen um mir ein schlechtes Gewissen zu machen, weil ich mich nicht bis zum Schluss um ihn gekümmert hatte.

Gleich am nächsten Morgen holte ich dieses Versäumnis nach. Das Problem war nur, dass ich nun neue Scheiben brauchte, mit denen ich die Räder fixieren konnte. Wir hatten zwar eigentlich alles an Material dabei, was wir zum reparieren brauchten, doch aus irgendeinem Grund schienen gerade die nötigen Beilagscheiben zu fehlen. Die einzigen, die ich finden konnte, hatten ein Loch, das zu klein für meine Achse war. Also machte ich mich auf in die nächste Ortschaft und suchte nach einem Anwohner mit einer Bohrmaschine, der bereit war, mir zu helfen. Gleich beim zweiten Haus wurde ich fündig. Der Mann sprach sogar deutsch, weil er lange Zeit in der Schweiz gelebt hatte und er stützte meine Theorie, dass fast alle Handwerker hierzulande einige ihrer Lebensjahre in deutschsprachigen Ländern verbracht hatten. Leider besaß er keinen passenden Bohrer und sein Schraubstock hatte etwa die Größe eines Fingerhutes, aber es war zumindest schon einmal eine Basis, mit der man arbeiten konnte. Mit Schraubstock und Rohrzange hielten wir die Scheibe fest, während immer einer von uns ein Loch hineinbohrte. Dabei musste man jedoch aufpassen, dass man die Bohrmaschine mit dem Griff zur Seite drehte, denn in jeder anderen Position setzte der Motor aus und sie tat keinen Mucks mehr.

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Nach einer guten Stunde und der Hilfe von verschiedenen Bohrern und Feilen gelang es uns dennoch vier brauchbare Scheiben herzustellen. Ich bedankte mich bei meinem Helfer und Kollegen und kehrte zu unserem Lager zurück. Als ich ankam wanderte gerade eine Kuhherde mitten durch unser Camp, ein Anblick über den ich mich bereits nicht einmal mehr wunderte. Früher hatten mir die großen Tiere mit ihren langen, spitzen Hörnen oft Angst gemacht, wenn sie mir zu nahe kamen und sich kein Zaun zwischen uns befand. Seit wir den Balkan erreicht hatten war ihre Anwesenheit so normal geworden, dass ich sie genauso behandelte, wie einen Hund oder eine Katze. Wenn sie einen störten, dann ging man auf sie zu und scheuchte sie ein Stückchen weiter, so wie man es in Großstädten auch mit Tauben macht. Ein Gefühl von Unbehagen war nun längst schon nicht mehr dabei.

Es war bereits kurz nach 12:00 Uhr am Mittag, als wir alles repariert und abgebaut hatten. Die Sonne verschwand immer mehr hinter dicken schwarzen Wolken und es war höchste Zeit aufzubrechen, wenn wir nicht mitten in einen heftigen Regenschauer geraten wollten. Unser Weg führte uns zunächst über eine schmale Schotterstraße noch ein Stück weiter den Berg hinauf und dann auf der anderen Seite wieder hinunter. Teilweise war die Straße komplett versperrt und verschüttet, so dass wir über Geröllfelder, umgestürzte Bäume und Haufen von Schutt und Kies hinwegsteigen mussten, um weiterzukommen. Am Himmel brauten sich die Wolken zu einer unheilvollen schwarzen Masse zusammen, die ohne jeden Zweifel bald in einen Gewittersturm übergehen würde. Wenn wir dabei nicht vollkommen im Schlamm versinken wollten, dann mussten wir diesen Teil der Wegstrecke hinter uns gelassen haben, bevor es soweit war.

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Als hätte das Wetter unsere Bitte erhört, wartete es mit dem Regen noch genau bis zu dem Moment, in dem wir wieder festen Asphalt unter den Füßen hatten. Dann fielen die ersten Tropfen. Vor uns lag nun die letzte Ortschaft vor der Grenze. Sollten wir also hier bleiben und unser Zelt aufschlagen? Wenn ja, dann mussten wir uns tierisch beeilen, denn wenn der Regen einmal angefangen hatte, hatten wir keine Möglichkeit mehr, noch irgendetwas trocken unterzubringen. Als ein kleiner Laden auftauchte entschieden wir uns endgültig dagegen. Stattdessen fragten wir lieber nach einem Picknick und genau in dem Moment, als wir das Vordach des Ladens erreichten, prasselte der Regen auf die Erde hernieder. Der Ladenbesitzer bot uns an, auf einem Sofa neben seiner Eingangstür Platz zu nehmen und brachte uns etwas Obst. Brot hatte er nicht, doch anstatt uns zuzumuten dass wir darauf verzichten mussten, rannte er durch den Regen zu einem anderen Laden und besorgte sich dort ein Baguette, dass er uns anschließend schenkte. Dazu gab es Käse und Wurst. Besser hätten wir den Regenschauer also nicht überwinden können.

Nach dem Essen warteten wir noch eine knappe halbe Stunde, bis es sich einigermaßen beruhig hatte, dann zogen wir weiter zur Grenze.

Und genau in dem Moment, in dem wir die Grenze überschritten, hörte der Regen plötzlich auf.

„Wie funktionierte das denn?“ fragten wir uns. Gab es eine Art internationales Abkommen, dass es den Wolken aus dem Kosovo verbot, über die Grenze nach Mazedonien einzureisen?

Auf unserem Weg zur mazedonischen Seite der Grenze kamen wir an einer Art Wasserbecken vorbei. Autos, die von einem Land ins andere wechselten mussten dort hindurchfahren, wahrscheinlich, damit der Unterboden von möglichen Keimen oder ähnlichem gereinigt wurde. Jedes Mal, wenn ein Auto durch dieses Becken fuhr, gab es eine ordentliche Fontaine, mit der das Wasser zu beiden Seiten herausspritzte.

„Das ist ja cool!“ kommentierte Heiko und wollte sofort ein Foto machen. Er drehte also um und zückte die Kamera um auf das nächste Auto zu warten. Genau in diesem Moment erschien der mazedonische Grenzposten in unserem Sichtfeld und schaute uns misstrauisch an. Sofort kam er mit schnellem Stechschritt auf uns zu marschiert und fragte uns, was wir denn hier anstellten.

„Mein Kollege will nur ein Foto von dem Auto dort machen, wenn es durch die Wasserpfütze fährt!“ erklärte ich freundlich.

„Aha!“ sagte der Mann, der diese Idee nicht sonderlich beeindruckend fand, „Und wo kommt ihr her?!“

„Aus dem Kosovo!“ antwortete ich und deutete auf das entsprechende Grenzhäuschen.

Plötzlich fing der Mann an zu lächeln und gab seine ernste, missgünstige Haltung auf.

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„Ach so!“ sagte er, „ich dachte, ihr seit gerade von dort aus dem Wald gekommen und hatte schon Angst ihr versucht euch illegal ins Land zu schmuggeln. Aber wenn das so ist, dann macht nur schnell euer Foto und kommt mit zur Passkontrolle!“

Man mag über Mazedonien sagen, was man will, aber dass sie einem keinen freundlichen Empfang bereiten, kann man ihnen nicht vorwerfen. Unser erster Eindruck von dem Land war durchweg positiv und wenn es so weiter ging, dann wurde es sicher ein schöner Aufenthalt.

Leider schützte uns die Grenze am Ende doch nicht vor den Regenwolken. Es blieb noch eine ganze Zeit lang trocken doch bald schon kam auch hier das Gewitter herüber und beschenkte uns mit einem heftigen Regen. Als wir unser Zelt aufbauten, war es schon fast dunkel. Wir entdeckten eine etwas versteckte Apfelwiese zwischen zwei aneinander liegenden Dörfern, auf der wir unser Lager errichten konnten. Bei meiner anschließenden Essensrunde stellte ich fest, dass das Mazedonische bereits wieder sehr nah ans Serbische herankam. Ich konnte mich also wieder deutlich leichter verständigen, als im Kosovo.

Es regnete die ganze Nacht durch, doch als wir am Morgen aufstanden war es wieder trocken. Wir wanderten über kleine Feldwege mitten durch eine weite Flachebene, die sich landschaftlich nicht besonders vom Kosovo unterschied. Langsam aber sicher kam immer mehr eine Herbststimmung auf. Das Jahr neigte sich dem Ende zu und der Sommer schien nun endgültig vorbei zu sein. Als wir eine kleine Stadt erreichten, stellten wir fest, dass diese zum ersten Mal seit langem sogar wieder ganz nett aussah und dass man sogar recht angenehm durch sie hindurch schlendern konnte. Alte Erinnerungen wurden in uns wach. Dass es tatsächlich einmal eine Zeit auf unserer Reise gab, in der wir uns Städte angeschaut hatten und dies auch noch gerne und freiwillig, konnten wir uns kaum noch vorstellen.

So plötzlich wie die Stadt vor uns aufgetaucht war, so plötzlich war sie auch wieder verschwunden. Die Straße wurde wieder zu einem Feldweg und weiter ging es durch das Hinterland bis in die nächste kleine Ortschaft. Nachdem wir auch diese verlassen hatten, kamen wir mitten in eine Baumschule in der vor allem Garten- und Zierpflanzen großgezogen wurden. In den Reihen mit den Buchsbäumen standen Maschinen, die über das komplette Feld fuhren konnten und die Bäume vollautomatisch in ihre typische, kugelrunde Form brachten, die man von Parks und Stadtgärten kennt.

„Stopp!“ rief ein Mann aus dem offenen Fenster eines Autos heraus, das uns entgegen kam. „Ihr könnt ihr nicht durchgehen! Da vorne endet der Weg und ihr kommt dort nicht weiter!“

Meine Karte meinte zwar etwas anderes, aber vielleicht hatte ich mich ja auch vertan. Immerhin waren wir kurz zuvor durch ein Tor geschritten und die Chancen standen nicht schlecht, dass die Männer Recht hatten. Also kehrten wir um und versuchten den Weg, der neben der Baumschule entlang führte. Dass dieser ebenfalls im Nichts endete und dass die Baumschule wirklich die einzige Verbindung zwischen dieser und der Nachbarsortschaft war, sollten wir erst am nächsten Morgen herausfinden. Denn für heute reichte es uns mit der Wanderung uns so beschlossen wir unser Zelt gleich nebenan in einem Maisfeld aufzubauen.

Da es noch immer bewölkt war und wir mit unseren Stromreserven weitgehend am Ende waren, kehrte ich noch einmal ins Dorf zurück um dort nach einer Stromquelle zu suchen. Der Besitzer eines kleinen Gemischtwarenladens ließ mich an einem Tisch im hinteren Teil seines Geschäftes arbeiten. Ich schrieb an diesem Tag über das Thema von Paulina, bei dem es ums Erkennen, Aufwachen und anschließend wieder Einschlafen ging, um erneut in den alten Mustern zu landen. Zunächst bemerkte ich es nicht, doch diese Themen, die ich von mir selbst nur allzu gut kannte, nahmen mich deutlich mehr mit, als ich es für möglich gehalten hätte. Obwohl es noch immer recht warm war, bekam ich beim Schreiben eine Gänsehaut und später wurde mir sogar so kalt, dass ich einen leichten Schüttelfrost bekam. Ich zitterte bereits am ganzen Körper, wollte aber den Text unbedingt noch fertig schreiben und versuchte meinen Kälteschub daher zu unterdrücken. Im Nachhinein betrachtet war das sicher nicht die schlauste Idee die ich jemals hatte, denn für den Rest des Tages wurde ich den Schüttelfrost nicht mehr los. Ich zitterte wie ein Schlosshund als ich mich wieder auf den Weg zum Zelt machte und auch meine kurzen Joggingeinlagen konnten nichts daran ändern. Nur wenn ich mich wirklich entspannte und mich ganz bewusst auch die Wärme in meinem Inneren konzentrierte, hörte das Zittern auf. Sobald ich aber nur ein bisschen die Konzentration verlor, war ich wieder beim Alten.

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Sofort legte ich mich in meinen Schlafsack und hüllte mich in alles ein, was ich finden konnte. Nach einer guten halben Stunde, die ich mich im Schlafsack aufgewärmt hatte, stand ich noch einmal auf um zu kochen. Doch essen konnte ich nichts, denn zur Kälte kamen nun auch noch Magenkrämpfe hinzu und im Laufe des Abends wurden die Symptome immer heftiger. Ich war nun auf dem gleichen Stand wie Heiko vor unserem Hotelaufenthalt. Mir war übel und schwindelig und ich hatte einen Durchfall, wie er heftiger kaum vorstellbar war. Am Ende kam nur noch ein grüner Schleim heraus, der nicht so aussah, als hätte er überhaupt irgendetwas in meinem Darm verloren gehabt. Heiko bestätigte aber, dass es bei ihm vor ein paar Tagen genau das gleiche gewesen war. Die Nacht über musste ich immer wieder nach draußen um eine Sauerei im Schlafsack zu verhindern und wie zuvor Heiko hatte nun auch ich mit dem Problem zu kämpfen, dass dadurch jedes Mal meine Kälteattacken wieder anfingen. Vor allem aber wurde mir bei jeder Bewegung schlecht, was irgendwie ungünstig war, wenn man aus einem Zelt krabbeln musste. Kurz vor dem Morgengrauen ging mir dann auch noch mein Waschlappen verloren, den ich zum Hintern abwischen benutzte. Eine Weile versuchte ich, ihn in der Dunkelheit wieder zu finden. Dann gab ich es auf und hoffte einfach, dass mein Darm nun bis zur Dämmerung durchhalten würde.

Trotz der enormen Kälte verspürte ich die Nacht über immer wieder eine große Hitze in der Mitte meiner Brust. Irgendetwas ging in mir vor. Es war keine einfache Magen-Darm-Erkrankung. Etwas arbeitete in mir. Und zwar ordentlich!

 

 

Spruch des Tages: Wieder ein neues Land

 

Höhenmeter: 260 m

Tagesetappe: 27 km

Gesamtstrecke: 12.462,27 km

Wetter: überwiegend sonnig

Etappenziel: Altes Pfarrhaus, 87061 Campana, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Tag 697: Mit Waffen spielt man nicht

Als ich schließlich alles erledigt hatte, war es schon kurz nach vier Uhr morgens. Ich legte mich hin und obwohl ich hundemüde war, konnte ich nicht gleich einschlafen. Meine Füße waren kalt und irgendwie war ich wohl noch zu sehr aufgewühlt. Dementsprechend wurde die Nacht für mich nicht ganz so erholsam, wie ich gehofft hatte, aber gelohnt hatte sie sich trotzdem. Ich schaffte fast alles, was ich hatte erledigen wollen und Heiko fühlte sich am Morgen wieder deutlich besser. Sein Magen war noch immer etwas empfindlich, aber ansonsten ging es ihm wieder gut.

Der Tag wurde brütend heiß, genau wie der letzte, nur dass wir es dieses Mal mitbekamen. Schatten gab es wenig und da man die Hitze noch mehr spürte, wenn man stehen blieb, wanderten wir weiter und weiter. Das was wir in den letzten Tagen nicht gewandert waren, holten wir nun an einem einzigen Tag nach. Schließlich erreichten wir dadurch sogar das Ende der Flachebene und gelangten in die Berge, die die Grenze zwischen dem Kosovo und Mazedonien markierten.

In einem kleinen Dorf kamen wir an so etwas ähnliches wie eine Einkaufsstraße. Dort fragten wir nach Wasser und etwas Nahrung, wobei wir unter anderem zwei Feldverpflegungspakete des albanischen Militärs geschenkt bekamen.

Als wir schließlich den Pass erreichten, suchten wir uns nach einem Schlafplatz um. Zum ersten Mal in diesem Land waren wir an einer Bar vorbei gekommen, in der auch Alkohol getrunken wurde und einige der Gäste hatten ausgesehen, als wollten sie noch länger Party machen. Daher brauchten wir einen Platz, der wieder deutlich geschützter war und bei dem wir uns sicher sein konnten, nicht von nächtlichen Trunkenbolden überrannt zu werden.

Gerade als wir glaubten, einen geeigneten Platz gefunden zu haben, stolperten wir über eine Picknickgesellschaft. Es war eine Familie mit drei oder vier Männern, ihren Frauen und einigen Kindern.

„Mirëdita!“ rief einer der Männer und als er merkte, dass wir Deutsch und Englisch sprachen lud er uns ein, am Picknick teilzunehmen. Wir bekamen wieder das pfannkuchenartige Gebäck und dazu einige gegrillte Hähnchenschenkel, sowie eingelegte Peperoni. Eine der Frauen sprach ebenfalls Englisch und nachdem wir uns eine Weile über unsere Reise und alles mögliche unterhalten haben, fiel das Gesprächsthema auf die Situation in Syrien und auf den Flüchtlingsstrom, der nach Europa kam. Schon einige Male hatten wir von Einheimischen hier zulande gehört, dass die Flüchtlingssituation problematisch sei. Wir hatten bislang jedoch nie verstanden warum, denn der Kosovo war ja eigentlich nicht davon betroffen. Dieses Mal verstanden wir es jedoch. Seit dem Kosovokrieg lebten noch immer viele Kosovoalbaner in Deutschland, weil ihr Asylrecht noch immer bestand hatte. Nun, da die Flüchtlinge aus Syrien in die Bundesrepublik kamen, wurden alle alten Asylanträge noch einmal geprüft um herauszufinden, ob sie überhaupt noch benötigt wurden. Um Platz für die neuen brauchte, mussten die alten also größtenteils wieder ausreisen, was ja an sich auch nicht verwerflich war, da der sich Konflikt im Kosovo ja bereits vor Jahren wieder beruhigt hatte. Das Asylrecht war ursprünglich dafür gedacht, Menschen in einer akuten Notsituation in ihrem Land Zuflucht zu gewähren. Doch für die Kosovoalbaner stellte sich die Situation etwas anders da. Für sie war Deutschland eine Möglichkeit, aus dem hiesigen System auszubrechen und ihre Familien mit finanziellen Mitteln zu versorgen, die sie sonst nie aufbringen würden. Darüber, dass diese Möglichkeit nun plötzlich wegfiel, waren sie natürlich überhaupt nicht begeistert.

Auch das Gespräch mit dem Mann, der uns eingeladen hatte, war auf seine Art und Weise einzigartig und interessant. Er war Polizist und obwohl er zurzeit nicht im Dienst war, trug er dennoch seine Waffe bei sich. Es war eine Glock und als Heiko ihn darauf ansprach holte er sie hervor und präsentierte sie stolz.

Heiko kannte sich durch seinen Jagdschein, den er vor einigen Jahren als Zulassungsvoraussetzung für seine Ausbildung zum Nationalparkranger machen musste, ein bisschen mit Waffen aus und konnte den Mann daher einige technische Details fragen, von denen ich nichts verstand. Begeistert vom Interesse des Fremden drückte der Polizist Heiko die Knarre in die Hand und ließ ihn ein wenig damit herumspielen.

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„Im Magazin sind 14 Patronen, plus eine im Lauf. Man kann also fünfzehnt Schuss auf ein Mal abfeuern, bevor man nachladen muss“, erklärte der Polizist und gab Heiko daraufhin auch noch das Magazin.

„Keine Angst!“ fügte er hinzu, als er meinen leicht irritierten Blick bemerkte, „Sie ist nicht geladen.“

„Darf ich auch mal?“ fragte ich, denn langsam hatte mich die Neugier gepackt. Noch nie zuvor hatte ich eine echte Pistole in der Hand gehabt.

„Klar!“ antwortete der Mann und reichte mir die Knarre. „Mein Sohn spielt auch immer damit!“

Ich wog sie ein bisschen in der Hand. Sie war recht schwer, aber auch wieder nicht so schwer, wie ich vermutet hätte. An sich war es nichts Besonderes, aber ein komisches Gefühl machte es dennoch. Rein theoretisch konnte ich nun einen Menschen töten, in dem ich nun nur noch meinen Zeigefinger bewegte. Irgendwie machte mich der Gedanke etwas nervös. War sie wirklich ungeladen?

„Vorsicht!“ rief der Polizist, als ich den oberen Teil der Waffe zurück schob, so wie die Cops es im Fernsehen immer machen, wenn sie sich auf einen Schussvorbereiten. Erschrocken wich ich zurück und nahm die Finger von der Waffe.

„Nein, nein, es passiert nichts!“ beruhigte er mich, „du musst nur aufpassen, dass du dir nicht die Finger klemmst, denn du durchlädst. Schau hier!“

Er deutete auf eine Stelle am Schieber und demonstrierte, wie leicht es war, die Haut der eigenen Finger von der Waffe einsaugen zu lassen. Es sei ihm schon einige Male passiert und tue wirklich weh, erklärte er dabei. Dann steckte er die Pistole wieder ein und wir wechselten das Thema.

Unter anderem sprachen wir auch über die Wasserqualität und dem vielen Müll hierzulande. Dies sei ein riesiges Problem, pflichteten uns alle Anwesenden bei. Die Leute hätten einfach kein Gefühl für Sauberkeit und würden leider überall ihren Müll liegen lassen. Es sei traurig, aber man könne es leider nicht ändern. Zum Glück jedoch war es hier oben in den Bergen noch relativ sauber, deswegen könne man hier auch das Wasser noch ohne Bedenken trinken.

Keine fünf Minuten später lösten wir die Picknickrunde auf und verabschiedeten uns. Die anderen packten alles zusammen, was noch verwertbar war und ließen den Müll, den sie durch ihr Picknick verursacht hatten einfach achtlos zurück. Wir konnten es nicht fassen.

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Nachdem wir unser Zelt schließlich an einem sicheren Ort aufgebaut hatten, machten wir uns noch einmal an eine Reparatur unserer Wagen. Es sollte keine große Sache werden, vielleicht ein paar Minuten, nur um die Bremsen zu reparieren, bevor es morgen dann hinunter ins Tal ging. Doch so leicht es sich zunächst angehört hatte, so komplex gestaltete sich schließlich alles. Meine Steckachsen waren angerostet, weil unsere Distanzscheiben nicht so Rostfrei waren, wie sie es hätten sein sollen. Das Ergebnis war, dass sie sich nicht mehr aus der Achse lösen wollten und wir die komplette Bremsanlage abbauen mussten, bevor wir die Reifen demontieren konnten. Anschließend verbrachte Heiko über eine Stunde damit, die Reifen von den Steckachsen zu trennen, während ich mich um die Erneuerung der Bremsscheiben kümmerte. Fast schon sah es so aus, als würde es nicht funktionieren. Ich traute mich kaum, mir auszumalen, was das für meinen Wagen bedeutet hätte, doch schließlich machte es Plopp und die Achse war wieder frei. Nur dämmerte es nun bereits, so dass wir nicht mehr die Möglichkeit hatten, meinen Wagen auch wieder zusammenzubauen. Wir mussten ihn liegen lassen und warten bis es am Morgen wieder hell werden würde. Auch zum Kochen war es nun etwas zu spät. Gut also das wir heute schon einiges gegessen hatten und dass man uns gerade an diesem Tag mit einem Militäressen versorgt hatte. Dieses war, wenn man der Verpackung glauben schenkte, innerhalb von Sekunden vollkommen unkomplex zubereitet, so dass es jeder Depp konnte. Genau richtig fürs Militär also. Dummerweise verstanden wir einen Teil der Anleitung nicht und stellten uns daher noch etwas deppiger an, als es von den Entwicklern dieser Notnahrung erwartet worden war. Am Ende erhielten wir ein lauwarmes Fertiggericht, mit dem man sogar die Müllhunde hätte vertreiben können. Spannend war es trotzdem, vor allem um einmal festzustellen, was von Seiten des Militärs unter sinnvoller Powernahrung für Soldaten verstanden wurde. Das Päckchen bestand zu gut 60% auf Verpackungsmaterial, Plastikbesteck und Frischtüchern. Der Rest teilte sich in eine Portion Chili-Con-Carne, ein Päckchen Erdnussbutter, verschiedene Sorten von Keksen und Kräckern, ein Pulver für ein Süßgetränk und eine Portion mit Vitamin-Präparaten in Pulverform auf. Bis auf die Erdnussbutter entsprach alles dem Ruf, der dem Militäressen vorauseilte. Um das Essen zu erwärmen, musste man einen kleinen Schluck Wasser in eine Tüte mit einer Chemikalie gießen, die daraufhin anfing zu reagieren und alles um sie herum erwärmte. Dann kam die Tüte mit dem Essen hinein und man wartete, bis es eine Temperatur von lauem Urin erreicht hatte. Guten Appetit!

 

 

Spruch des Tages: Mit Waffen spielt man nicht! Oder doch?

 

Höhenmeter: 450 m

Tagesetappe: 9 km

Gesamtstrecke: 12.435,27 km

Wetter: sonnig und bewölkt im Wechsel

Etappenziel: Altes Pfarrhaus, 87060 Caloveto, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!