Tag 196: Platten ohne Ende

Noch 9 Tage bis zu meinem 1. Weltreisegeburtstag...

Heikos Rücken schmerzte auch am Morgen noch immer so stark, dass er sich nicht bücken konnte. Es sah recht lustig aus, wie er sich seine Schuhe anzog, ohne dabei den Rücken zu beugen, aber ihm war dabei natürlich gar nicht zum Lachen. Über den Tag hinweg wurde es etwas besser, aber es schmerzt noch immer.

Gestern Abend hatten wir bei unserem Stadtrundgang einige Wegweiser für den GR 12 gefunden, ein Fernwanderweg der am Rio Tejo entlang in Richtung Spanien führte. Heute folgten wir diesem Weg um dem endlosen Schnellstraßengeschlappe zu entgehen. Der Weg war wunderschön, hatte aber leider auch seine Tücken. Ordentliche Tücken!

Er schickte uns immer wieder bergauf und bergab über Sandwege und Geröll und das bei Temperaturen von weit über 40°C im Schatten. Wir hatten mit vielem gerechnet, aber dass es der Sommer ist, der uns so in die Knie zwingt, hätten wir uns nicht träumen lassen. Es war schwer vorstellbar, dass wir uns noch immer in Europa befanden. Die steppenartige Landschaft in der brüllenden Hitze, hätte locker auch in Afrika liegen können. Über einen Löwen, der an uns vorüberstreift, hätten wir uns heute nicht einmal gewundert. Das Problem war nur, dass es in den 22 Kilometern bis zur nächsten größeren Stadt keine Zivilisation gab. Also keine Straßen, keine Häuser, an denen man nach Wasser oder Essen hätte fragen können und auch sonst nichts, das einem helfen konnte. Die Natur selbst war wie gesagt eine reine Steppe. Außer Dornen und trockenem Gestrüpp bot sie nichts und so kamen wir uns bald etwas verloren vor. Solche Gegenden in Europa zu finden hatten wir nicht vermutet. Und auch das Wetter war deutlich härter, als gedacht.

Es dauerte nicht lange und wir hatten schon wieder den ersten Platten. Die Hitze machte das Gummi unserer Reifen so weich wie Butter und das in einem Land, in dem es nichts als Dornen gab. Ich zog gut ein Dutzend kleine Stacheln aus dem Reifen, bevor ich den nächsten einsetzte.

Anschließend kamen wir an den anstrengendsten Teil der heutigen Reise. Es war ein steiler Abhang, der so steil war, dass mich mein Wagen drei Mal wieder zurück nach unten Zog, bis ich es schaffte, die Kraft aufzubringen, um ihn nach oben zu ziehen. Es war reine Wut und reiner Wille, mit dem ich meine Last nach oben wuchtete. Mit Muskelkraft hatte es wenig zu tun. Heiko stand oben und grinste über meinen Wutschrei, mit dem ich die ganze Steppe auf mich aufmerksam gemacht hatte. Doch zu einem dummen Spruch fehlte auch ihm die Kraft. Von hier an ging es weiter Bergauf und das Wasser floss uns in Strömen von den Armen, von der Stirn und in die Augen. Dabei begleitete uns ständig die Angst vor den Dornen, denn wir hatten nur noch einen Ersatzschlauch.

Schließlich sahen wir ein Kohlekraftwerk vor uns. Wo so ein Kraftwerk war, musste es auch eine Straße geben und wenn es eine Straße gibt, dann musste man auf ihr auch gefahrlos in den nächsten Ort kommen. Doch die einzige Straße, die wir fanden führte uns wieder zurück an den Fluss und auf die Dornenwege. Nach einem weiteren gnadenlosen Anstieg kamen wir dann von der anderen Seite wieder auf das gleiche Kraftwerk zu. Wir waren also fast im Kreis gelaufen. Von hier aus beschlossen wir, uns direkt an den Kraftwerkszaun zu halten, bis wir irgendwo einen Ausgang aus der Steppe fanden. Die bestmögliche Option war ein Kiesweg entlang einer Bahnschiene, über die das Kraftwerk mit Kohle beliefert wurde. Wir folgten ihr einige Hundert Meter, dann war Heikos reifen platt. Bei der Mantelkontrolle fand ich mehr als 20 Minidornen.

Um zu verhindern, dass sich die Dornen auch in den anderen Reifen bis zum Schlauch durchdrückten, suchte ich vorsichtshalber auch diese ab und bearbeitete sie mit unserem Taschenmesser. Bei zwei Reifen war das eine gute Idee. Beim dritten war es jedoch bereits zu spät. Als ich einen Dorn herauszog hörte ich es zischen und der Reifen wurde Platt. Damit hatten wir nun einen Platten mehr als Ersatzschläuche. Das bedeutete, dass wir einen flicken mussten, ohne dass wir dazu ein Wasserbecken zur Verfügung hatten. Heiko fand gleich drei Löcher. Als wir beide Reifen repariert hatten, und uns wieder ans Wandern machen wollten, hörten wir ein lautes Zischen und Heikos Reifen war schon wieder platt. Nach weiteren Flick- und Reperaturaktionen, passierte uns das gleiche noch einmal, nur etwa zwei Meter vom Ausgangspunkt entfernt. Es war zum Mäuse melken! Wenn wir uns alles hätten vorstellen können, dann nicht dass unsere Reise einmal in ernsthafte Gefahr geriet, wegen eines Platten. Unser Flickzeug war nahezu aufgebraucht. Viel durfte jetzt nicht mehr passieren.

Als wir eine halbe Stunde später die Schnellstraße sahen, atmeten wir erleichtert auf. Wer hätte gedacht, dass wir uns jemals so über eine Schnellstraße freuen würden?

Auf ihr war der nächste Ort ebenfalls bald erreicht und dort gab es sogar einen kleinen Supermarkt, der uns mit Wasser und frischem Obst versorgte. An einer Bar bekamen wir außerdem ein Sandwich und wir erfuhren, dass der nächste Ort mit Hotels, Feuerwehr, Pensionen oder anderen Schlafmöglichkeiten noch gut 16 Kilometer entfernt war. Als der Wirt mein entsetztes Gesicht sah, bat er mich einen Moment zu warten. Kurz darauf hatte er einen Schlafplatz für uns aufgetrieben. Hier im Ort und gleich um die Ecke. Es war ein Partyhaus, so wie wir es in Frankreich immer bewohnen durften. Nur eben auf Portugiesisch. Am Wochenende hatte hier eine Feier stattgefunden und noch immer lagen alle Spuren der Feier im Haus verteilt. Es roch ein wenig nach verwesender Wurst und in einer Ecke ganz hinten im Saal lag ein toter Vogel. Sonst war es aber ein guter Schlafplatz. Da es keine weiteren Restaurants gab, fragten wir bei den Privatpersonen nach etwas zu essen. Es dauerte nur etwa zehn Minuten, dann hatten wir Säcke voll mit Kartoffeln, Tomaten, Orangen, Eiern und Zwiebeln. Es war so viel, dass wir es nicht Essen konnten und es waren alles Sachen aus dem eigenen Garten. Leider war es auch zu viel, um alles morgen mitzunehmen und so wird uns nichts anderes übrig bleiben, als einen Teil dazulassen und zu hoffen, dass ihn jemand verwendet, bevor er kaputt geht. Es ist ein bisschen Schade, dass man entweder überhaupt nichts bekommt, oder dann so viel, dass man nicht mehr weiß was man damit anfangen soll. Später kamen dann sogar noch zwei Frauen zu unserem Festsaal und schenkten uns weitere Früchte und Zwiebeln. Und am Abend kam der Wirt aus der kleinen Bar und lud uns zum Essen oder auf ein Getränk in sein Etablissement ein. Als wir uns zum Arbeiten in den Park setzten, waren wir bereits vollkommen in die Dorfgemeinschaft integriert. Schließlich hielt sogar noch ein Auto mit zwei Jugendlichen vor uns, die uns Tunfisch, Wasser und Würstchen anboten. Das ist der Unterschied zwischen den Dörfern und den Städten hier. Auf dem Dorf wird man gemästet und in den Städten ist man kurz vorm Verzweifeln, weil man nichts auftreiben kann. Aber lieb sind die Menschen hier! Daran gibt es nichts zu rütteln.

Spruch des Tages: Da hat der Teufel seinen Sack ausgeschüttet.

 

Höhenmeter: 290 m

Tagesetappe: 21 km

Gesamtstrecke: 3872,47 km

Tag 195: Heute ist der Wurm drin

Wenn ein Tag bereits damit beginnt, dass man sich in der Nacht die Schulter so verdreht hat, dass man kaum aufstehen kann, dann ist das immer kein gutes Zeichen. Genau das ist Heiko heute passiert und es hätte uns eigentlich die erste Warnung sein sollen. Beim Einräumen der Wagen kam dann gleich die nächste Ohrfeige mit dem Zaunpfahl. Der Reifen, den wir gestern bereits zwei Mal geflickt hatten, war schon wieder platt. Fazit: Wir waren genervt, bevor wir auch nur gestartet sind.

Der restliche Tag verlief nicht viel besser. Unser Kartenmaterial war so schlecht wie nie zuvor und der einzige Weg aus der Stadt führte über die Bundesstraße. Die Hitze machte uns allmählich kirre. Es fühlte sich so an, als würde unser Gehirn zu einem gleichmäßigen Brei verkocht, der wahrscheinlich einen guten Brotaufstrich abgegeben hätte. Ich schreibe das jetzt so flapsig, aber heute Vormittag war uns gar nicht zum Lachen. Vor allem die vielen Platten machten uns sorgen. Unsere Schläuche bestanden bereits zu einem größeren Teil aus Flicken als aus ihrem ursprünglichen Material und auch das Flickzeug ging uns langsam zur Neige. Und dann mussten wir den selben Reifen gleich drei Mal an nur einem Tag reparieren. Das konnte doch nicht normal sein.

Auf dem Weg entlang der Schnellstraße reflektierten wir, ob vielleicht mehr dahinter stand. Wie jede Situation war auch diese ein Spiegel der Seele, also konnte man auch etwas daraus lernen. Heiko war aufgefallen, dass ich in letzter Zeit wieder unaufmerksamer geworden war und oftmals kleine, lästige Fehler machte, die eigentlich nicht sein mussten. Ich selbst hatte das auch schon gemerkt und wusste genau was er meinte, doch in diesem Moment hatte mein Ego nicht die geringste Lust darauf ein derartiges Feedback anzunehmen. Es maulte eine ganze Weile vor sich hin, bis es endlich nachgab und es meinem Entwicklungs-Ich die Chance einräumte, einen Blick nach innen zu werfen. Tatsächlich fiel mir auf, dass ich mich in letzter Zeit wieder irgendwie gestresst fühlte. Es gab so viele spannende Themen über die ich schreiben wollte und gleichzeitig mussten Mails an die Sponsoren geschrieben werden. Auch mit meiner Familie und meinen Freunden wollte ich gerne Kontakt halten und dazu kam noch die Problematik, hier irgendwie gutes Essen aufzutreiben. Alles kostete irgendwie eine Menge Zeit und die Tage vergingen, ohne dass ich es schaffte, meine To-Do’s abzuarbeiten. Ich hatte das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wuchs und dass, obwohl mich niemand zu irgendetwas drängte und Zeit eigentlich das geringste Problem sein musste.

„Ich glaube, du bist noch immer bei dem guten alten Problem der Strukturiertheit!“ sagte Heiko, „Du setzt dir keine Prioritäten, sondern willst alles gleichzeitig machen. Du nimmst die viel zu viel vor, und dann verzettelst du dich in Details und bist frustriert wenn du nicht vorankommst. Dazu kommt, dass du dir auch immer wieder Zeit stehlen lässt. Versuche einmal mehr den überblick zu behalten, wo du Zeit für dinge investierst, die dir gerade etwas bringen und wo du sie einfach verplemperst. Ich glaube, du durchläufst im Moment immer wieder die gleiche Gefühlskette, die du durchbrechen musst, damit du weiter kommst. Du fühlst dich innerlich gestresst, weil du alles auf einmal erledigen willst. Dann kommt eine schwierige Situation und weil du nicht offen und entspannt bist, rennst du einfach hinein. Du schaffst es nicht, sie mit Abstand und mit Ruhe zu betrachten und erst einmal wahrzunehmen, was es überhaupt für Möglichkeiten gibt. Dadurch verrennst du dich dann in eine Richtung und machst dabei lauter unnötige Fehler, die dir noch mehr Zeit kosten und die du nicht gemacht hättest, wenn du dich entspannt hättest. Dadurch wirst du noch hektischer und vor allem noch unaufmerksamer und das Gefühl des Zeitdrucks wird immer stärker. Du wirst schließlich wütend auf die Situation und auf dich selbst und machst dadurch alles noch schlimmer. So kommst du immer tiefer in die Spirale, bis du schließlich resignierst. Dann lässt du los, bist traurig oder deprimiert und dann siehst du eine Lösung, die du gleich am Anfang hättest auch schon sehen können. Und dann ärgerst du dich noch mehr über die vergeudete Zeit, die du versuchst wieder einzuholen, in dem du noch mehr gleichzeitig machen willst. Dann beginnt alles wieder von vorne.“

Es dauerte eine Weile, bis mein eingeschnapptes Ego wieder Ruhe gab und ich erkennen konnte, dass ich diese Gefühlskette wirklich sehr gut kannte.

Auf dem weiteren Weg kamen wir an eine Abzweigung. Links war die Nationalstraße und rechts ein Fernwanderweg, der eine kleine Seitenstraße hineinführte. Wir rätselten eine Weile, welchen Weg wir nehmen sollten, entschieden uns dann aber schließlich doch für die Nationalstraße. Das Problem bei dem anderen Weg war, dass wir nicht wussten, ob er irgendwann wieder zu einem kakteenverseuchten Trampelpfad wurde, den wir kaum überwinden konnten.

Doch die Entscheidung rächte sich schon bald. Die Nationalstraße führte einen steilen Berg hinauf, dann wieder hinunter und dann einen noch größeren wieder hinauf. Oben waren wir vollkommen erschossen und hechelten wie Windhunde nach einem Rennen. Auf der Spitze des Berges lag Abrantes, die Stadt, die wir uns als Ziel herausgesucht hatten und die uns den Tag endgültig vermiesen sollte. Heiko hatte sich bei dem steilen Aufstieg den Rücken verdreht und wahrscheinlich einen Nerv eingeklemmt. Er konnte sich kaum noch bewegen, so stark tat ihm der Rücken weh.

Mir hingegen sollte diese Stadt noch einmal genau die Gefühlskette spiegeln, die Heiko mir zuvor aufgezeigt hatte.

Es war kurz nach 13:00 Uhr und damit standen die Chancen gut, dass ich heute einiges von meiner To-Do-Liste abarbeiten konnte. Ich ging also bereits mit dem Gedanken in die Stadt, was ich heute alles erledigen wollte, wenn ich nur schnell einen Schlafplatz fand. Doch ab genau diesem Moment ging alles schief, was nur schiefgehen konnte. Die Stadt war absolut tot! Das große 3-Sterne-Hotel auf dem Gipfel des Berges hatte bereits seit langer Zeit geschlossen und in der einzigen Pension, die es hier noch zu geben schien, waren angeblich alle Zimmer ausgebucht. Die Rezeptionistin war mir erst sehr freundlich begegnet, während die Chefin kurz darauf nur laut herumfluchte und irgendetwas erzählte, das ich nicht verstand. Dann verließ sie das Hotel. Die Angestellte, erzählte daraufhin irgendetwas von einem Künstlerfest in der Stadt, welches der Grund dafür war, dass hier zur Zeit die Hölle los war. Das Hotel selbst wirkte jedoch ausgestorben und auch der Rest der Stadt machte nicht den Anschein, als wäre hier besonders viel los. Als einzige Alternative nannte sie mir eine Jugendherberge, die sich unterhalb der Hauptstraße befinden sollte. Dies war der Zeitpunkt an dem ich mich blindlinks verrannte, anstatt zu überlegen und die Optionen durchzugehen. Ich lief in Richtung Herberge, stellte fest, dass es zu weit war und lief wieder zurück um Heiko Bericht zu erstatten. Ein Parkarbeiter der an unserem Treffpunkt herumstand erzählte mir, dass es in der Innenstadt noch weitere kleine Hotels gab. Die Feuerwehrstation befand sich hingegen auf der anderen Seite der Stadt, am Fuß des Berges. Wir entschieden uns daher, auf die Hotels zu vertrauen und nicht noch bis zur Feuerwehr zu laufen. Hätten wir gewusst, dass die Frau aus dem Hotel Recht gehabt hätte und hier wirklich alles ausgebucht war, dann hätten wir uns natürlich anders entschieden. So aber gingen wir weiter in Richtung Zentrum um dort unser Glück zu versuchen. Auf dem Weg dorthin platzte nun Heikos rechter Reifen. Das war nun also der vierte Plattfuß in zwei Tagen. Es war zum Wände hochlaufen. Während Heiko seinen Reifen flickte lief ich in der Stadt umher und holte mir eine Absage nach der nächsten ab. Dabei vergaß ich vollkommen, dass wir ja nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch etwas zu Essen und außerdem neues Flickzeig brauchten. Ich achtete jedoch weder auf Restaurants noch auf Supermärkte oder Fahrradläden. Da war sie die blinde Verbissenheit, die mich immer tiefer in meinen Strudel brachte. Ich ärgerte mich darüber, dass hier nichts vorranging, ärgerte mich über die Menschen und über das verdammte Portugal, dass so vollkommen ausgestorben und verlassen war und trotzdem keinen Platz für uns hatte. Als ich zu Heiko zurückkehrte, war ich genervt und frustriert. Ihm ging es jedoch keinen Deut besser, denn beim Reifen-Reparieren hatte er sich den Rücken noch einmal verdreht und nun konnte er sich wirklich nicht mehr bewegen. Er war genauso genervt wie ich und dementsprechend düster war die Gesamtstimmung. Dazu kam, dass uns allmählich die Optionen ausgingen. In der Stadt hatten wir alles Abgeklappert, was ging und die nächste große Stadt lag mehr als 20 Kilometer entfernt. Die letzte Option war die Jugendherberge, doch auch die war voll. Deprimiert trotteten wir aus der Stadt. Inzwischen war es bereits kurz vor 18:00 Uhr. Der ganze Nachmittag war also verloren und wir hatten weder etwas zu essen, noch einen Schlafplatz noch Ersatzreifen und neue Sonnencreme hatten wir auch nicht. Das Zeug war ohne jede Frage schädlich, doch ohne die Creme bei der Hitze herumzulaufen würde dazu führen, dass uns die Haut abfiel. Dennoch verließen wir die Stadt und überquerten den Rio Tejo. Auf der anderen Seite gab es ein kleines Dorf mit zwei weiteren Hotels. Das Erste war angeblich ebenfalls vollkommen ausgebucht. Der Hotelbesitzer meinte sogar, dass ich es beim zweiten nicht einmal mehr versuchen solle, weil das eh keinen Zweck habe. Ich war so verzweifelt und sauer auf die Situation, dass ich sogar den Tränen nahe war.

Als ich die zweite Pension fand, war ich bereits in der Resignationsphase. Niedergeschlagen stützte ich mich auf den Tresen und wartete, bis der Hotelbesitzer kam. Als er endlich auftauchte, war ich so konfus, dass ich zunächst einmal komplett wirres Zeug redete und es mir damit um ein Haar verbockt hätte. Doch ich merkte es zum Glück schnell genug, bevor ich mich um Kopf und Kragen redete. Und ich hatte Glück! Der Mann sagte zu. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Der Hotelchef führte mich herum und zeigte mir unser Zimmer und das Badezimmer. Wie viele andere Portugiesen hatte er im Englischen ein Problem mit dem „th“. Deutsche können es oft auch nicht aussprechen und bei uns klingt es immer wie ein „ss“. Bei den Portugiesen klingt es jedoch wie ein „d“, was jedes Mal zu lustigen Verwirrungen führt, wenn man ein Zimmer mit den Worten „Here is the bedroom!“ präsentiert wird, und dann nur ein Klo und eine Dusche sieht.

Als ich Heiko die gute Nachricht überbrachte, konnte er kaum aufstehen, so sehr schmerzte sein Rücken.

Der Rundgang durch die Stadt wirkte ein bisschen wie in dem Film Day after Tomorrow. Nur natürlich viel wärmer. Es ist wirklich der Wahnsinn, wie tot dieses Land ist. Im ganzen Ort gelang es uns nicht, auch nur ein einziges Restaurant zu finden. Nur einige Cafés. Die Restaurants, die es gab und die nicht völlig geschlossen hatten, hatten zumindest ihren Küchenbetrieb dicht gemacht und verkauften nun nur noch Getränke. Wir mussten uns also mit ein paar Brötchen und einer Tüte Obst zufrieden geben. Sonnencrem und Fahrradflicken bekamen wir keine. Hoffentlich ändert sich das Morgen noch. Jetzt jedenfalls werden wir uns nach dem Tag ordentlich entspannen und Heikos Rücken wieder einrichten.

Spruch des Tages: Manchmal ist einfach der Wurm drin

Höhenmeter: 250 m

Tagesetappe: 18 km

Gesamtstrecke: 3851,47 km

Tag 194: Wandern am Rio Tejo

Im Moment erscheint es, als wollte die Sonne täglich einen neuen Hitzerekord aufstellen. Heute war es noch einmal gut vier oder fünf Grad wärmer als gestern, womit wir die 40-Grad-im-Schatten-Marke nun wohl geknackt hätten. Direkt auf der Straße waren es locker 70°C und die Luft in der Sonne war mit einer Anfängersauna vergleichbar. Interessanter Weise merkt man die Temperatur vor allem dann, wenn man stehen bleibt. Solange man sich bewegt ist es noch einigermaßen erträglich. Vorausgesetzt natürlich, es kommt kein Berg.

Um uns etwas einzulaufen drehten wir in Entroncamento noch einmal eine Ehrenrunde. Das Kartenmaterial und auch die Straßenführungen sind hier so verwirrend, dass man sich kaum zurechtfinden kann. Als wir den Weg zum Rio Tejo dann endlich gefunden hatten, waren wir eigentlich schon wieder reif zum Einkehren.

Doch auch hier hatten wir wieder einmal unverschämtes Glück. Meine Reifenmäntel, die mir auf den letzten 2000 Kilometern sehr gute Dienste geleistet haben, waren nun fast bis auf Null heruntergefahren. In der Stadt hatten wir vergeblich nach einem Fahrradladen gesucht. Hier in der Pampa tauchte plötzlich einer vor uns auf, der auch noch genau zwei Mäntel in der passenden Größe hatte. Man kann über die Portugiesen vieles sagen, aber nicht, dass sie nicht absolut Kundenfreundlich wären. Statt für 30€ verkaufte uns der Händler beide Reifen zusammen für 20€ und während er die Mäntel aufzog wurden wir von seinem Kumpel in dessen Café auf einen Saft und belegte Brötchen eingeladen. In Deutschland ist uns so etwas noch nicht passiert.

Einige Kilometer weiter stießen wir dann wirklich auf den Rio Tejo. Der Fluss, der irgendwo in der Mitte Spaniens entspringt wird uns nun fast die nächsten 1000 Kilometer begleiten. Dann wollen wir nach Süd-Westen abbiegen und bei Alicante auf das Mittelmeer stoßen. Von dort geht es dann an der Küste entlang nach Frankreich. Wanderwege gibt es entlang des Flusses zumindest in dieser Region jedoch scheinbar nicht. Daher mussten wir uns wieder an die Straßen halten.

In einer kleinen Ortschaft stießen wir auf einen riesigen aber komplett leeren Park. Es war der erste große Park in Portugal außerhalb von Porto, den wir gesehen haben und er war wirklich schön gemacht. Das war das traurige an diesem Land. Es könnte wirklich eines der schönsten Länder Europas sein, mit seinen fruchtbaren Böden, den vielen kleinen Ortschaften, den Bergen und der unendlich langen Küste. Doch irgendwie schaffen sie es immer wieder alles so zu gestalten, dass es dann doch wieder nicht schön ist. Und die Ecken die Schön gemacht wurden, werden nicht genutzt und verfallen wieder.

Kurze Zeit später stießen wir dann tatsächlich auf einen Jakobspfeil. Ganz offensichtlich führte also auch hier ein Jakobsweg entlang, der allerdings nur in die Gegenrichtung markiert war. Trotzdem folgen wir ihm ein kleines Stück und kamen dabei in guter alter Jakobswegmanier auf einen schmalen, schrägen und steilen Trampelpfad direkt am Fluss. Er führte unter meterhohen Kakteen hindurch und war wirklich ein schöner Weg, wenn man davon absah, dass er fast nicht begehbar war. Zumindest nicht mit Pilgerwagen. An einer besonders steilen Stelle brauchte ich bestimmt sechs Anläufe, bis ich es schaffte, nach oben zu kommen, ohne dabei wieder zurück zu rutschen. Am Ende des Weges standen wir dafür vor einer alten, trotzigen Burg, die auf einen Felsen hoch über dem Fluss gebaut worden war.

Die Hitze und der Kakteenwald forderten bald ihren Tribut. Zunächst wurde mir etwas duselig, was sich zum Glück aber schnell wieder legte. Dann platze mein Reifen. Durch die Hitze wird das Gummi weicher und ist damit nicht mehr so widerstandsfähig gegenüber Dornen und anderen spitzen oder scharfen Gegenständen. Auch nicht, gegenüber Kaktusstacheln. Als wir den Reifen flicken wollten, traf uns gleich die nächste Panne. Die Steckachse löste sich nicht so leicht wie sonst und als ich sie etwas kräftiger anzog, hatte ich gleich auch noch das ganze Kugellager vom Rad in der Hand. Es war einfach nur in das Rad hineingesteckt worden und jetzt bei der Hitze dehnten sich die Metalle offenbar unterschiedlich stark aus. Es war kein Problem, das Kugellager wieder an seinen angestammten Platz zu drücken, doch ein gutes Gefühl machte es nicht. Nachdem wir den Reisen gewechselt und aufgeblasen hatten, hörten wir ein kurzes „Pffft“ und der neue Schlauch war auch wieder geplatzt. Diesmal genau an der Stelle, an der wir ihn bereits einmal geflickt hatten. Der dritte und letzte noch verfügbare Ersatzschlauch hielt zum Glück. Wir brauchen unbedingt neue. Nie hätten wir gedacht, dass der Sommer dem Material so viel mehr zusetzt als der Winter.

Kurz bevor wir Constância erreichten, kamen wir an einem riesigen Militärgelände vorbei. Es dauerte fast eine Stunde, bis wir es hinter uns gelassen hatten. Rechts von uns befand sich die Kaserne mit dem Übungsgelände und der Militärschule, links befand sich der Militärflughafen. Spannend war das Trainingsgelände mit dem Übungsparcours, in dem die Soldaten gedrillt wurden. Er sah aus, wie aus einem amerikanischen Kriegsfilm und hatte alle Schikanen, von Schlammgruben bis hin zu Mauern zum überklettern und Seile zum Hangeln. Das ganze Gelände war jedoch mit Ausnahme von den Wachposten an den Pforten vollkommen leer und unbenutzt. Wir fragten uns ein bisschen, wofür das ganze wohl gedacht war, wenn es hier keine Soldaten gab. Insgesamt fragten wir uns, wofür dieser ganze Militärkram in der heutigen Zeit überhaupt noch gut sein sollte. Half es einem Soldaten wirklich, wenn er der beste im Fallschirmspringen war und er dann von einem thermosensorischen Maschinengewehr aufgespürt wurde?

In Constância schauten wir uns dann nach einem Schlafplatz um. Das einzige Hotel in der Stadt war leider bereits belegt und konnte uns daher nicht aufnehmen, obwohl der Hotelchef durchaus gewollt hätte. Dafür kamen wir dann in der Feuerwehr unter, wo wir einen eigenen Raum für uns bekamen. Das einzige Problem, das es hier gab war, dass wir nur eine Steckdose hatten, in der jedoch ein Verlängerungskabel steckte, dass im Nebenraum eine Kühltruhe betrieb. Als ich einen Feuerwehrmann um einen Mehrfachstecker bat, ging er mit mir in den Raum mit der Kühltruhe. Dort schaute er einmal in die Truhe, stellte fest, dass sie nur Tiefkühlgemüse enthielt, das er nicht mochte und zog sie kurzerhand heraus. Manchmal sind die Menschen hier echt schmerzfrei.

Spruch des Tages: Ein Leben ohne Werte ist auch nichts - Sonst wäre ich Papst geworden. (Heiko Gärtner)

Höhenmeter: 90 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 3833,47 km