Tag 1314: Der erste Eindruck von Irland

Ankunft in Bellycastle

Der erste Eindruck von Ballycastle war bedeutend besser als der von Campbeltown. Auch hier wurde natürlich der Verkehr direkt an den Läden vorbei geleitet und zerstörte die Hafenatmosphäre so gut es nur ging. Doch der Gesamteindruck war ansprechender und alles wirkte heller und freundlicher.

Katholische Kirche von bellycastle

Katholische Kirche von bellycastle

Als Willkommensgeschenk in unserem 34. Land bekamen wir gleich je eine Pizza und ein Eis geschenkt, mit dem wir es uns in einem kleinen Park oberhalb des Hafens gemütlich machen konnten. So gemütlich, wie es bei Wind und Regen möglich war natürlich.

Dann verließen wir den Hafenbereich und machten uns auf den Weg zur katholischen Kirche. Immerhin hatten wir in letzter Zeit eine Trefferquote von 100% bei den katholischen Pfarrern gehabt und wenn es hier eine Chance auf einen Schlafplatz gab, dann war es diese.

Heiko und der Pfarrer

Leider entpuppte sich der Pfarrer als kleiner, griesgrämiger, seltsam eckig wirkender und äußerst unchristlicher Giftzwerg, der beschloss keinen Finger krumm zu machen, obwohl er eine leere, ungenutzte Halle direkt neben seinem Haus hatte, in der man nichts mehr hätte kaputt machen können.

„Es tut mir leid, da kann ich nicht Helfen und ich habe auch keine Zeit für Sie!“ lutete die knappe Antwort, bevor die Tür vor meiner Nase ins Schloss fiel.

Auf dem Parkplatz vor seinem Haus hatte ich wenige Minuten zuvor einen alten Mann getroffen, der mir mit der Wegbeschreibung geholfen hatte und sicher war, dass sein Pfarrer uns weiterhelfen würde. Als er nun von unserem Gespräch erfuhr konnte er es kaum glauben.

In der Kircbe von Bellycastle

In der Kircbe von Bellycastle

„Das ist aber ganz und gar nicht christlich von ihm!“ meinte er enttäuscht und man sah ihm an, dass der Pfarrer in seinem Ansehen gerade eine Leuchttumtreppe heruntergefallen war. „Vielleicht hat er ja gerade einen schlechten Tag, versuchte es die Situation vor sich selbst zu rechtfertigen, glaubte sich aber kein Wort davon. Um die Enttäuschung wieder gut zu machen, suchte er eine Alternativlösung und nahm mich zu einem Haus mit, in dem eine Nonne leben sollte, die er noch von früher kannte. „Sie ist eine liebe und warmherzige Frau, die euch bestimmt weiterhelfen wird!“ meinte er überzeugt, nur um kurz darauf ein weiteres Mal enttäuscht zu werden. Die Nonne seines Vertrauens war durch eine Nachfolgerin ersetzt worden, dessen einziger Vorschlag es war, sich an den Pfarrer zu wenden. Größer hätte die Enttäuschung und Desillusionierung des alten Mannes heute kaum werden können.

Damit war er übrigens nicht der einzige, denn während ich nach weiteren Alternativlösungen suchte, hatte Heiko noch einmal eine Begegnung der dritten Art mit dem eckigen Pfarrer. Dieser kam kurz nach meinem Besuch in die Kirche, in der Heiko auf mich wartete. Außer den beiden waren rund zwanzig Menschen anwesend, die aus irgend einem Grund eine Hostie anbeteten, die vor dem Altar aufgebahrt war. „Wenn das mal keine Gelegenheit für ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit im Namen der Nächstenliebe ist!“ dachte sich Heiko und sprach den Pfarrer noch einmal auf die Ablehnung an, die er uns entgegen brachte.

Er stellte dem Mann lediglich verschiedene Fragen und sorgte dafür, dass dieser nicht mit Ausflüchten und Scheinantworten davon kam. Je länger das Gespräch dauerte, desto mehr zog es die Aufmerksamkeit der Gläubigen auf sich, die mit der Zeit eine große Traube um die beiden herum bildeten.

Fenster der Katholischen Kirche von Bellycastle

Fenster der Katholischen Kirche von Bellycastle

„Sehe ich das richtig, dass es keinen Grund dafür gibt, warum sie uns nicht aufnehmen sollten, sie aber trotzdem nicht vorhaben, zwei Pilgern einen Platz anzubieten, einfach weil sie beschlossen haben, dass ihnen dies zu anstrengend wäre?“ fragte Heiko um die vorangegangenen Informationen noch einmal zusammenzufassen.

„So kann man das nun auch wieder nicht sagen!“ entgegnete der Pfarrer.

„Wie kann man es dann sagen?“ fragte Heiko.

„Es wäre einfach wichtig gewesen, sich zuvor anzumelden, denn in der heutigen Zeit funktioniert das alles nicht mehr so einfach!“

„Sie sagen also, dass es heute keine spontane Nächstenliebe mehr gibt und auch nicht mehr geben sollte, ist das richtig? Wenn jemand Hilfe braucht, dann bekommt er sie nur, wenn er sich vorher anmeldet? Also wenn ich jetzt zum beispiel eine Frau bin, die gerade von ihrem Mann mishandelt und vergewaltigt wurde und daher Schutz braucht, dann sagen Sie: 'Tut mir leid, da hätten Sie zuvor bescheid geben müssen! Sie können ja erst noch ein oder zwei Wochen bei Ihrem Vergewaltiger bleiben und wir besprechen in der Zwischenzeit, ob wir Ihnen helfen können oder nicht!'“

Grafiti mit Werbebotschaft für Menschenrechte

Grafiti mit Werbebotschaft für Menschenrechte

„Nein“, entgegnete der Pfarrer, „das ist doch etwas ganz anderes!“

„Wieso?“ wollte Heiko wissen, „es geht beide Male um Menschen, die Hilfe von Ihnen brauchen. Wo machen Sie denn da die Grenze? Einer vergewaltigten Frau helfen sie, aber einem misshandelten Mann nicht? Oder helfen sie noch dem Mann, wenn er verletzt ist, nicht aber wenn er nur aufgrund eines Schicksalsschlages sein Zuhause verloren hat? Wo trennen Sie?“

cooles, realistisches Grafiti von einem Mmann mit Eis an der Hauswand

Cooles, realistisches Grafiti von einem Mann mit Eis an der Hauswand: Andere Blickwinkel einnehmen...

Wieder wusste der Pfarrer keine Antwort und suchte nach Ausflüchten. All dies sei ja schließlich etwas anderes und wir könnten ja jeder sein! Woher wolle er denn wissen, dass wir nicht einfach nur auf Kosten der Kirche herumreisen wollten?

Düsterer Fußgängertunnel

Düsterer Fußgängertunnel

„Gilt das nicht für Sie ebenfalls?“ fragte Heiko zurück. „Ich meine, Sie konnten ja auch jeder sein! Woher will ich denn wissen, dass Sie ein richtiger Pfarrer sind und nicht nur jemand, der sich auf Kosten seiner Gemeinde ein angenehmes Leben machen will? Ihr Verhalten jedenfalls deutet nicht darauf hin, dass Sie ihre Berufung ernst nehmen! Gerade stehen Sie in einer Kirche, die von ihrer gemeinde Bezahlt wurde und Sie leben in einem großen, komfortablen Haus, das ebenfalls nur von Menschen finanziert wurde, die darauf vertrauen, dass Sie ihnen in Notzeiten beistehen. Für mich sieht das nach einer klaren Fehlinvestition aus!“

Das Boot mit dem wir von schottland übergesetzt sind.

Das Boot mit dem wir von schottland übergesetzt sind.

Heiko wandte sich an das Publikum uns stellte seine nächste Frage offen in die Runde: „Wie fühlt es sich für Sie an, wenn Sie wissen, dass Sie trotz Ihrer regelmäßigen Kollekte von diesem Mann keine Hilfe erwarten können, wenn Sie sie wirklich brauchen? Wie oft ist er tatsächlich für Sie da? Wie stark interessiert er sich für die Belange seiner Gemeinde? Können Sie sicher sein, dass er ein offenes Ohr für Sie hat, wenn Sie einen Trauerfall in der Familie zu beklagen haben? Oder heißt es dann auch 'Ich habe heute leider keine Zeit, machen Sie bitte einen Termin aus?' Betroffen schauten ihn die Leute an und stellten fest, dass der Pfarrer tatsächlich niemand war, auf den man bauen konnte, wenn man Sorgen oder Probleme hatte. Er hielt die Messe und nahm Beichten ab, aber das war dann auch schon alles.

Prunkvolles Segelschiff - Dreimaster

Prunkvolles Segelschiff - Dreimaster

„Fassen wir also noch einmal zusammen und einigen uns darauf, dass Sie keinen christlichen Gedanken mit dem Beruf des Pfarrers verbinden, sondern ihn nur aus Profitgier und zur persönlichen Bereicherung gewählt haben. Sie möchten einfach niemandem helfen, sondern in ruhe gelassen werden, und dafür gutes Geld bekommen. Kann man das so sagen?“

Das Hafenviertel

Das Hafenviertel

Diese Zusammenfassung freute den Pfarrer natürlich gar nicht.

„Verlassen Sie nun bitte diese Kirche!“ sagte er streng, „Sie haben hier nichts verloren!“

Die Häuser von Bellycastle

Die Häuser von Bellycastle

„Oh,“ entgegnete Heiko sakastisch, „das heißt Sie schmeißen einen Gläubigen aus 'Ihrer' Kirche, weil er an ein christliches System der Nächstenliebe und nicht an eines der Profitgier glaubt? Das sagt dann aber wirklich einiges über Sie aus!“ Wieder wandte er sich den Kirchgängern zu: „In wenigen Minuten wird hier die Messe beginnen. Nehmen Sie sich also ruhig noch einmal einen Moment Zeit und überlegen Sie sich, wessen Worte Sie dabei wirklich hören möchten. Möchten Sie einem Mann zuhören, der über Jesus und Gottes Liebe spricht ohne dass es für ihn eine Bedeutung hat und der die ganze Messe nur durchzieht, weil er auf Ihre Kollekte am Ende scharf ist? Ich würde mir das ja nicht antun!“

Die Innenstadt von Bellycastle

Die Innenstadt von Bellycastle

Nun war der Pfarrer endgültig sauer und warf Heiko in hohem Bogen nach draußen. Doch mit ihm ging auch rund die Hälfte der anwesenden, die sich das Gespräch zu Herzen genommen hatten und die nicht länger bereit waren, einem so falschen Spiel beizuwohnen. Auch wenn es für uns bedeutete, dass wir noch einmal 10km wandern mussten und schon wieder erst um 18:00 Uhr einen Platz bekamen, hatte sich diese Aktion also anscheinend trotzdem rentiert.

Der Friedhof von Bellycastle

Der Friedhof von Bellycastle

Erste Erfahrungen mit Irland

Unser erster Eindruck von Irland war gemischt. Alles in allem sah es hier nicht anders aus als in England und Schottland. Wieder war alles gerodet worden, wieder gab es nichts als grüne Hügel mit steilen Straßen, wieder war der Asphalt so grauenhaft gewählt, dass man nicht einmal in die Nähe einer größeren Straße kommen durfte und wieder schien jede Ortschaft, die nur ein bisschen größer war unerträglich zu sein. Auch das Spießertum schien das der Schotten eher noch zu übertreffen. Es war nicht so, dass es hier keine netten, hilfsbereiten Menschen gab, ganz im Gegenteil. Es war nur schon wieder eine Kunst, sie zu finden und aus der Masse herauszupicken. So trafen wir in unserem Zielort auf eine Frau mit Hund, die uns versicherte, dass wir hier niemals einen Platz finden würden, da der Pfarrer nicht im Haus sei und der Gemeindesaal von einem Komitee verwaltet würde, das zunächst eine Tagung veranstalten müsste, um zu entscheiden, ob wir dort übernachten könnten oder nicht. Sie selbst sei Teil des Komitees, könne uns alleine aber leider nicht helfen. Kurz darauf fand ich auch ohne ihre Hilfe das Haus des Pfarrers, traf ihn dort ohne Probleme an und bekam bedenkenlos den Schlüssel für besagten Gemeindesaal.

Eine Bar in Bellycastle und unser erster Irish Pup auf irischem Boden.

Eine Bar in Bellycastle und unser erster Irish Pup auf irischem Boden.

„Falls sich jemand beschweren sollte, schickt ihn zu mir!“ meinte er, „Ich weiß, dass die Gemeinde hier so ziemlich gegen alles eingestellt ist, aber wenn ich zwei Pilger sehe, die einen Platz brauchen, dann bekommen sie einen Platz, egal was die Gemeinde davon hält!“

Spruch des Tages: Je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich.

Höhenmeter: 175 m

Tagesetappe: 22 km

Gesamtstrecke: 24.827,27 km

Wetter: bewölkt, teilweise sonnig, hin und wieder Regen

Etappenziel: Pfarrhaus, 3km hinter Wellingtonbrindge, Irland

 

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Tag 1313: Mit Highspeed über die Wellen

26.07.2017

Zum Abschied zeigte sich Schottland noch einmal so, wie es sich am liebsten präsentierte: Mit strömendem Regen. Unser Kirchensaal lag keine Hundert Meter vom Hafen entfernt und trotzdem schafften wir es durchnässt bei unserer Fähre anzukommen.

Morgenstimmung im Hafen: Trotz Regen hübsch anzusehen.

Morgenstimmung im Hafen: Trotz Regen hübsch anzusehen.

Als wir eintrafen war der Kapitän gerade dabei, das Gepäck unserer Mitpassagiere unter Deck zu verstauen. Ein Blick auf unsere Pilgerwagen ließ seine Stimmung nicht gerade in die Höhe schnalzen. „Na super! Was soll denn das jetzt noch!“ war der Gedanke, der ihm unverblümt auf die Stirn getackert war.

Der Leuchtturm über der Küste - Eines der letzten Gebäude, das wir von Schottland noch sehen.

Der Leuchtturm über der Küste - Eines der letzten Gebäude, das wir von Schottland noch sehen.

„Sind Sie unser Capt´n?“ fragte ich und erklärte dann, dass wir die beiden Pilger waren, die bereits telefonisch angekündigt wurden. Sofort hellte sich seine Miene auf. Der Satz von seiner Stirn verschwand und wurde durch einen neuen ersetzt: „Oh, wenn das so ist, ist ja alles gut!“ Er war sichtlich erleichtert, dass nun klar war, dass unser Gepäck am Oberdeck bleiben konnte und wir nicht darauf bestehen würden, es die schmale Stiege hinab in den engen Lagerraum hieven zu lassen. Er warf uns ein paar Taue und Spanngurte zu und vertraute darauf, dass wir wussten wie man Dinge so befestigte, dass sie auf rauer See nicht von Bord geschleudert wurden.

Die See empfängt und mit rauen Wellen

Die See empfängt und mit rauen Wellen

Das Schiffchen selbst war eine kleine Yacht von etwa 10m Länge mit 12 Passagierplätzen sowie einen Platz für den Kapitän und einen für den Matrosen. Anders als wir es erwartet hatten, waren die Plätze tatsächlich vollkommen ausgebucht, wobei alle anderen Passagiere zu einem Golfer-Trupp gehörten, der in Irland ein paar Löcher zu spielen. (Mehr zum Thema Fährverbindungen zwischen Schottland und Irland erfahrt ihr hier: Fährverbindungen zwischen Schottland und Nordirland)

Wir dürfen sogar einer schwimmenden Robbe zusehen.

Wir dürfen sogar einer schwimmenden Robbe zusehen.

Einmal an Bord gab es zunächst eine kurze Sicherheitseinweisung sowie eine sich selbst aufblasende Schwimmweste für jeden. Dann ging es auch schon los. Zu unserer Überraschung war der Motor der Yacht bei weitem lauter als wir es erwartet hätten. Rein Geräusch technisch gab es also nur wenige Unterschiede zwischen einer kleinen Fähre wie dieser und einer großen Autofähre. Dafür hatten wir nun aber den Vorteil, dass die Aufenthaltszeit an Bord fast mit der Zeit der Überfahrt übereinstimmte und wir nicht noch eine Stunde im Hafen herumstanden, wie bei der Verbindung von Frankreich nach England.

Die Robbe freut sich über das Spiel mit den Wellen

Die Robbe freut sich über das Spiel mit den Wellen

Die ersten paar Meter waren noch relativ ruhig, da wir uns inmitten einer tiefen Bucht befanden, die zudem von einer vorgelagerten Insel geschützt wurde. Dass dies jedoch nicht so bleiben würde war spätestens seit einem Kommentar unseres Kapitäns gegenüber einem unserer Golferfreunde klar: „Die See hier ist nicht ohne und es gibt bereits an schönen Tagen einige Bereiche in denen es sehr Anspruchsvoll werden kann. Heute ist allerdings keiner dieser schönen Tage!“

 
Die Robbe freut sich über das Spiel mit den Wellen

Die Wellen schlagen gegen die Felskueste

Trotzdem bekamen wir schon ein erstes Highlight geboten, noch ehe wir den Hafen ganz verlassen hatten. Nur wenige Meter neben unserer Yacht schwamm eine Seerobbe. Als sie uns sah reckte sie ihren Kopf aus dem Wasser und schaute und einen Moment mit ihren glänzend schwarzen Augen an bevor sie wieder abtauchte.

Whale-Watching: Un der Ferne schwimmt ein Delphin vorbei

Whale-Watching: Un der Ferne schwimmt ein Delphin vorbei

Dann gab der Kapitän ebenfalls Speed und beschleunigte bis auf das Maximum, was der kleine Kahn zu bieten hatte. Wie ein Pfeil schossen wir nun über die Wellen dahin. Nur wenige Minuten Später hatten wir die Insel erreicht. Oben am Rande einer Steilküste stand ein weißer Leuchtturm, der Schiffen wie dem unseren Nachts den Weg wies. Darunter in den Felsen brüteten einige Seevögel, die Heiko zum Teil noch aus Island kannte. Ein paar von ihnen begleiteten uns auf der Fahrt, flogen mit unserem Schiff um die Wetter oder kamen immer mal wieder vorbei um sich zu zeigen. Darunter waren auch einige Papageientaucher und Trottellummen, sowie natürlich Heringsmöwen und Austernfischer.

Die steile Felsküste ist beeindruckend

Die steile Felsküste ist beeindruckend

Kaum hatten wir die kleine Insel umrundet, wussten wir was der Kapitän mit seinem Spruch gemeint hatte. Ohne die Deckung wurden die Wellen nun drei bis fünf Meter hoch und wir selbst wurden zu einem Ping-Pong-Ball, mit dem sie spielten. Obwohl es nur zwei Fenster im vorderen Bereich gab, die ein kleines Stückchen geöffnet waren, spritzte die Gischt zu uns herein. Immer wieder hoben wir ab, und kamen dann mit einem dumpfen Schlag auf der nächsten Welle wieder auf. Hinter uns, neben dem Aufgang zum Offendeck hatte der Kapitän ein paar letzte Koffer aufgestapelt, die nicht mehr in den Lagerraum gepasst hatten. Bereits nach der dritten großen Welle waren diese umgestürzt und hatten sich über den Gang verteilt. Wie es wohl unseren Wagen ging, die so ganz alleine da draußen auf dem offenen Deck herumstanden? Ich blickte nach hinten, konnte aber nichts erkennen und wandte mich deshalb an einen Passagier hinter mir.

Die Nordirische Steilküste

Die Nordirische Steilküste

„Wird schon schief gehen“, meinte er nur flappsig und wenig hilfreich, ohne sich auch nur umzudrehen, „wenn sie weg fliegen kannst du jetzt eh nichts machen!“ Recht hatte er ja, aber besonders beruhigend war es nicht. Ein anderer Passagier, der das Gespräch mitangehört hatte und noch etwas weiter hinten saß war zum Glück hilfreicher. „Sieht alles noch aus wie am Anfang! Schein keine Probleme zu geben!“ meinte er beruhigend.

Die Fahrt dauerte aufgrund des starken Gegenwindes fast genau zwei Stunden. Die Art und Weise auf die die Wellen mit uns spielten, änderte sich in dieser Zeit mehrere Male. Weniger wurde es jedoch erst kurz bevor wir den Hafen erreichten. Eine Sekunde zuvor waren wir noch geflogen und nun glitten wir wie eine Eiskunstläuferin auf der spiegelglatten See dahin.

Erkaltete Lava hat Basaltsäulen entlang der Küste gebildet.

Erkaltete Lava hat Basaltsäulen entlang der Küste gebildet.

Dass die Fahrt auch körperlich anspruchsvoll war hatten wir bereits auf hoher See gemerkt, doch so richtig kam das Gefühl nun erst an Land durch. Die Knie waren weich, der Kreislauf spielte verrückt und der Schädel brummte noch immer im Nachhall der Schiffsmotoren. Eine kleine Fähre wie diese war deutlich zeiteffektiver als eine große Autofähre, aber dass es nun vollkommen entspannend war konnte man auch wieder nicht sagen. Wir hatten kein einziges Mal auf die offene See hinaus gemusst, sondern waren immer in Küstennähe gewesen und die Fahrt hatte gerade einmal zwei Stunden gedauert. Eine ähnliche Fahrt über mehrere Tage mitten über den Atlantik um nach Amerika überzusetzen konnten wir uns hingegen gerade noch nicht so vorstellen.

Der Leuchtturm weist und den Weg in den Hafen von Ballycastle .

Der Leuchtturm weist und den Weg in den Hafen von Ballycastle .

Fortsetzung folgt...

Spruch des Tages: Eine Seefahrt, die ist lustig eine Seefahrt die ist schön, ...

Höhenmeter: 250 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 24.805,27 km

Wetter: Bewölkt und regnerisch

Etappenziel: Pfarrhaus, Campile, Irland

Tag 1312: Die letzte Station in Schottland

25.07.2017 Sie können es einfach nicht! Mit Campbeltown haben wir ihnen noch einmal eine Chance gegeben und waren wirklich guter Dinge, hier ein gemütliches, kleines Fischer- und Hafenstädtchen vorzufinden, von dem man sagen konnte, dass man die Touristen verstand, die hier herkamen um es sich anzusehen. Doch mit Fischerromantik hatte Campbeltown leider nicht das geringste zu tun. Es wirkte viel mehr, als würde uns die britische Hauptinsel genauso verabschieden, wie sie und empfangen hatte. Genau wie Dover war auch Campbeltown eine düstere, graue Ansammlung an Betonbunkern und verfallenen Backsteinhäusern, von denen man sich nicht vorstellen konnte, das irgendjemand in ihnen leben wollte. Die Stimmung, die in der Stadt vorherrschte war düster, aggressiv und frustriert. Nahezu jeder Mensch schaute, als wäre ihm gerade der Teufel persönlich begegnet - und vor ihnen davon gelaufen!

Einsame Bucht vor Campbeltown

Eine der letzten einsamen Buchten vor Campbeltown

Wie üblich führten die Hauptstraßen mitten durch das Zentrum und wie üblich hatte man die größte von ihnen als Einkaufsmeile festgelegt.

Glücklicherweise bekamen wir trotz der äußeren Umstände ohne jedes Problem sofort einen Schlafplatz vom katholischen Pfarrer. Wenn uns die Pfarrer der katholischen Kirche in Irland genauso begegnen, dann wird das Leben dort ein Zuckerschlecken!

Unser letztes Picknick in Schottland

Unser letztes Picknick in Schottland

Der Platz selbst war seiner Umgebung durchaus angemessen, weshalb sich der Pfarrer sichtlich schämte, uns keinen besseren Ort anbieten zu können. Erst vor kurzem hatte man es geschafft, das leckende Dach zu flicken, doch die Feuchtigkeit, die in den letzten Jahren in das Gebäude eingedrungen war, wohnte hier noch immer. Der Schwarzschimmel an der Decke und den Wänden war so dicht, dass er fast ein Tapetenmuster hätte sein können. Ein bisschen gleichmäßiger und er hätte als Ikea-Wandtattoo durchgehen können. Der Spalt unter der Tür war groß genug um einen Pizzakarton hindurch zu schieben und eines der Fenster war notdürftig mit etwas Silikon und einer Plexiglasscheibe geflickt worden, um den großen Sprung zu verdecken, der sie zierte. Auf Tischen, Boden und Stühlen lag ein raffiniertes Muster aus weißen Punkten, bei denen es sich um Putzsplitter aus der herabbröselnden Decke handelte. Die Heizung leckte, so dass man ein Schälchen darunter gestellt hatte, das nun schon fast einen Eintrag als geschütztes Biosphärenreservat verdient hatte, denn die Pilzkulturen, die hier wuchsen, waren auf der Welt sicher einmalig. Das heißt, vielleicht waren sie mit denen verwandt, die im Wasserkocher gediehen, den man nach seiner letzten Benutzung vor drei Jahren nicht ausgeleert hatte. Auf dem Sofa klebte eine Warnung, dass man sich nicht darauf setzen sollte, da sie sich direkt unter einem einsturzgefährdeten Bereich der Zimmerdecke befand. Und die Toiletten hätte man in diesem Zustand in Bulgarien geschlossen, weil man sie für unzumutbar hielt. Aber ansonsten war es ein super Platz! Das beste, und das ist nicht ironisch gemeint, war, dass das Gebäude versteckt in einem Hinterhof lag, wo man nahezu nichts vom Straßenlärm und Stadttrubel mitbekam.

Eine Villa im Vorort von Campbeltown.

Eine Villa im Vorort von Campbeltown.

Von unserer extra-rustikalen Unterkunft aus, machten wir uns auf eine Hafenerkundung, um herauszufinden, von wo aus morgen unsere Fähre starten würde. Es war leicht zu finden und sollte also kein größeres Problem darstellen.

Auf der Tour durch den Hafen kamen wir auch an einigen Fischerbooten vorbei und konnten zwei Seebären in gelben Regenhosen dabei zusehen, wie sie ihren Krebsfang sortierten. Es war ein durchaus verstörender Anblick, mit was für einer Routine und Gleichgültigkeit sie die noch lebenden Schalentiere in verschiedene Eimer oder zurück ins Meer warfen. Allein von dem, was wir in den wenigen Minuten mitbekamen, die wir im Hafen verbrachten, ließ sich sagen, dass sie rund 50% ihres Fanges sterbend ins Meer zurück warfen. Einen deutlichen Unterschied zwischen den Krebsten im „Zu-Verkaufen“-Eimer und denen, die über Bord geworfen wurden, konnte man nicht ausmachen. Die letzteren schienen entweder verletzt oder kleiner zu sein, als die anderen, was theoretisch kein großes Problem hätte sein dürfen, da sie ja eh weiterverarbeitet wurden. Doch für die Fischer ging es hier nicht um den Umgang mit einem Lebewesen, sondern rein um das Sortieren einer Ware, die ein Minimum an Profit einbringen musste, damit sich der Transport und die Weiterverarbeitung überhaupt rechneten. Theoretisch war es nicht neu für uns, dass so mit Meerestieren umgegangen wurde, aber es war doch noch einmal etwas anderes, ob man darüber las oder ob man es mit eigenen Augen sah.

Die Hafenstadt Campbeltown

Die Hafenstadt Campbeltown

Den Krebsfischern bei ihrer Arbeit zuzusehen weckte in uns auch noch einmal ein paar Überlegungen zu unserem unliebsamen Gast von gestern Abend. Wir hatten uns bereits während der Wanderung gefragt, warum wir so arg mit ihm in Resonanz gegangen waren und ihm am liebsten den Hals umgedreht hätten. Der Grund war gar nicht so sehr seine unverschämte Art oder das einfordern der geschenkten Lebensmittel gewesen, sondern viel mehr der Umstand, dass er uns vorschreiben sollte, wie wir zu leben hatten. Er war die Verkörperung einer moralischen Stimme, die sagte: „So wie ihr lebt ist es nicht richtig! Ihr braucht einen normalen Job und müsst auf normale weise Geld verdienen, damit ihr das Recht zum Leben habt!“

Der Fischerhafen von Campbeltown

Der Fischerhafen von Campbeltown

Doch was bedeutet das überhaupt? Ab wann sehen wir etwas al anständige Arbeit an und ab wann nicht? Uns fiel auf, dass es hier einige sehr klare Definitionen gab, die so lebensfeindlich und abstrakt waren, dass man sich durchaus noch einmal ernsthaft die Frage stellen sollte, wohin wir als Menschheit eigentlich gehen wollten.

Ein schottisches Fischerboot

Ein schottisches Fischerboot

Während der Mann in unser Quartier stürmte, war Heiko gerade dabei die aktuellen Bilder für die Homepage zu bearbeiten. Er war also mitten in eine intensive, kreative und zeitaufwändige Arbeit vertieft, aus der der Mann ihn heraus riss, um ihn aufzufordern, sich doch einfach einen Job zu suchen. Hätte Heiko nicht in einer Gemeindehalle gesessen, sondern in einem Foto-Atelier und wären die Bilder nicht für einen kostenlosen Blog sondern für eine bezahlte Auftragsarbeit gewesen, dann wäre die exakt gleiche Tätigkeit ein angemessener Beruf gewesen, gegen den niemand etwas hätte einwenden können. Nicht anders war es mit unserer täglichen Wanderung. Wären wir nicht für uns selbst unterwegs, sondern würden auf ähnliche Weise für einen Marathon oder die Olympischen Spiele trainieren, wäre das was wir tun nicht nur eine Arbeit, sondern auch noch eine verdammt gut bezahlte. Wenn ich als Fußballspieler sechs Stunden täglich mit meinem Training verbringe, dann bin ich ein Nationalheld, von dem man Sticker für Fotoalben und Fan-Tassen druckt. Verbringe ich die gleiche Zeit mit meinem Training, ohne einen Verein als Backround zu haben, bin ich ein fauler Sack, der nichts zu tun hat, als den Tag mit etwas Sport abzupimmeln.

Fischer bei der Arbeit

Fischer bei der Arbeit

Noch heftiger finde ich es in Bezug auf die Gemeinnützigkeit der Aktion. Arbeite ich offiziell für eine Organisation und treibe für sie Geld ein, dann ist dies nicht nur anerkannte Arbeit, sondern auch noch sehr Ehrenhaft und Verantwortlich. Selbst oder besser vor allem dann, wenn ich für eine große, angesehene Organisation wie das Rote Kreuz, den WWF oder die Krebsstiftung arbeite, die im Namen der Gemeinnützigkeit Geld anhäufen und mehr Schaden verursachen als verhindern. Baue ich hingegen ein eigenes Projekt auf, durch das Organisationen unterstützt werden, ohne dass ich selbst offiziell dafür arbeite und daher auch kein Geld bekomme, dann ist dies verwerflich und ich bin nichts weiter als ein lästiger Bettler. Wenn man sich nun noch einmal die Krebsfischer anschaut, dann scheint es für Arbeit noch eine weitere abstrakte Definition zu geben. Arbeiten tut man immer dann, wenn man eine Tätigkeit ausführt, die einem selbst und meist auch anderen Schaden zufügt. Das mag erst einmal komisch klingen, aber denkt noch einmal darüber nach. Wie viele von euch würden das, was sie auf der Arbeit tun auch dann noch machen, wenn es dafür kein Geld geben würde und sie auch keines bräuchten? Wie viele von euch sind wirklich aus vollem Herzen und mit voller Überzeugung bei ihrer Arbeit und sehen darin ihre Berufung? Und wie viele finden sich stattdessen in unangenehmen Räumen oder Orten wieder, sind Stress, Lärm, Hektik und Druck ausgesetzt, der sie auf Dauer auslaugt und zerstört?

Campbeltown ist vor allem ejn Umschlagplatz für Holz.

Campbeltown ist vor allem ejn Umschlagplatz für Holz.

Nächste Frage: Wie viele Jobs und Berufe tragen wirklich zu einer Verbesserung des Lebens und der Erdengemeinschaft bei? Oder schaden ihr zumindest nicht? Ein Pädagoge muss dafür sorgen, dass seine Schützlinge in die Norm der Gesellschaft gepresst werden, selbst wenn dadurch große Teile ihres Charakters und ihres wahren Selbsts verloren gehen. Ein Bauer sorgt durch die industriellen Methoden der Landbearbeitung dafür, dass große Lebensräume zerstört, Grundwasservorkommen vergiftet und unsere Lebensmittel immer Nährstoffärmer werden. Selbst eine einfache Verkäuferin baut ihren finanziellen Erfolg darauf auf, dass die Produkte, die sie verkauft von Billiglohnarbeitern hergestellt werden, die als moderne Sklaven ausgebeutet werden. Gleichzeitig steht sie selbst den ganzen Tag an einer lauten, piepsenden Kasse, was es nahezu unmöglich macht, so etwas wie innere Ruhe, Ausgeglichenheit und Entspannung zu verspüren. Auf diese Weise könnte man nun jeden Beruf durchgehen und würde kaum einen finden, der nicht dazu führt, dass man gegen die eigene Seele und/oder das Wohl unseres Planeten arbeiten muss. Das ist doch wert einmal hinterfragt zu werden, oder nicht?

Eine Dreizehenmöwe in Hagen,

Eine Dreizehenmöwe in Hagen,

Spannend ist auch, sich unter diesem Aspekt noch einmal die Wertigkeiten anzusehen, die wir den einzelnen Berufen geben. So hat das Ansehen eines Berufszweiges nichts mit seiner Nützlichkeit zu tun und auch nicht mit der Menge der tatsächlich geleisteten Arbeit. Dies wird hier in Schottland und England, noch einmal besonders deutlich, da es hier so viele vermögende Menschen gibt, die im Finanzwesen arbeiten. Während der talentierteste Handwerker, der mit seinem Geschick direkt und maßgeblich zur Verbesserung der Lebensqualität seiner Mitmenschen beiträgt, immer nur ein einfacher Arbeiter bleibt, ist jemand der beispielsweise mit Derivaten handelt, also irreale Geldgeschäfte mit Produkten macht, die ihm nicht einmal gehören, ein angesehenes Mitglied der Oberschicht. Allein der Umstand, dass er Geld verdient, sorgt dafür, dass man davon ausgeht, dass er anständig arbeitet. Selbst dann, wenn er mit seinen Geschäften tausende von Menschen ausbeutet und es sich auf ihren Rücken bequem macht.

Die Aufforderung des Mannes „Sucht euch einen Job!“ hatte also nichts mit der Sorge zu tun, dass wir auf Kosten anderer Leben könnten, denn das ist in unserer Gesellschaft vollkommen anerkannt und legitim. Es geht lediglich darum, dass man nicht frei leben darf und sich so aus dem System herauslöst. Denn dadurch stellte man plötzlich alles in Frage und das durfte nicht passieren.

Spruch des Tages: Irland wir kommen!

Höhenmeter: 440 m

Tagesetappe: 32 km

Gesamtstrecke: 24.789,27 km

Wetter: Regen ohne Ende

Etappenziel: Pfarrhaus, Bosheen, New Ross, Co. Wexford, Irland