Tag 1068: Flüeli Ranft

27.11.2016 Der eigentliche Jakobsweg hätte uns weit hoch in die Berge geführt, worauf wir lieber verzichteten. Allein schon deshalb, weil Heiko trotz des gestrigen Schlemmerabends noch immer gut 20kg Übergepäck auf seinem Wagen hatte. Stattdessen folgten wir kleinen Nebenstraßen, die uns noch immer weit genug rauf und runter führten. Schließlich erreichten wir ein kleine, überdachte Brücke, die über einen beeindruckend tiefen Canyon führte. Links und rechts der Brücke waren breite Stahlnetze gespannt worden, die verhinderten, dass jemand von der Brücke in die Schlucht springen konnte. So wie es aussah, wollte man damit verhindern, dass sich jemand hier in den Tod stürzte. Eine schlechte Idee war es sicher nicht, denn wenn sich jemand umbringen wollte, dann lud dieser Ort geradewegs dazu ein. franz bujor mahlzeit Unsere Straße verlief nun unterhalb einer kleinen Ortschaft, die den recht ulkigen Namen Flüeli Ranft trug. Das Dorf hatte kaum mehr als zwanzig Einwohner, war aber dennoch in unserem Wanderführer als Etappenziel vorgeschlagen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, was es damit auf sich hatte, weshalb wir beschlossen, den weiteren steilen Anstieg auszulassen und stattdessen der Straße hinunter bis zum See zu folgen. Dort durchquerten wir eine weitere Ortschaft und kamen schließlich an eine steile Felswand. Irgendwo hinter dieser Wand lag ein weiterer See und zu diesem führte auch der Jakobsweg. Das der Anstieg kein Zuckerschlecken werden würde, wurde uns spätestens dann klar, als wir sahen, wie steil sich die Bahn und die Autobahn nach oben wanden. Normalerweise bekamen diese ja immer den seichtesten Anstieg und wenn das was wir sahen das Seichteste war, das hier machbar gewesen war, dann verhieß das bei weitem nichts gutes. Der Blick auf den bevorstehenden Anstieg weckte jedenfalls die Motivation in uns, gleich hier an Ort und Stelle einen Schlafplatz zu suchen. Im Pfarramt machte niemand auf, aber an einer Informationstafel entdeckten wir zwei Nummern. Die erste leitete uns zu einer Pastorin, die versprach, eine Lösung für uns zu suchen und sich dann wieder zu melden. Die zweite gehörte dem Vikar, der im Pfarramt wohnte, in dem es auch einen kleinen Saal gab, der wie der perfekte Schlafplatz für uns aussah. Leider war der Mann nicht allzu freundlich und behauptete mehrfach, dass der besagte Saal gar nicht existiere. „Das kommt mir komisch vor“, entgegnete ich, „denn ich stehe gerade direkt davor!“ Daraufhin legte der Vikar einfach auf. Für einen Moment glaubte ich, dass damit die Chance auf einen Platz vor dem Anstieg vertan war, doch genau in diesem Moment rief die Pastorin wieder an. Sie hatte ein Gästezimmer bei einer älteren Dame für uns organisiert, die häufig Jakobspilger und andere Reisende aufnahm. Sie verlangte zwar eine Gebühr für die Übernachtung, aber diese würde in unserem Fall von der Kirche übernommen. Wir waren begeistert, aber auch etwas irritiert darüber, wie unterschiedlich die einzelnen Mitarbeiter der gleichen Kirche mit der gleichen Frage umgingen. Der Platz im Pfarrsaal hätte uns ja vollkommen ausgereicht und er wäre umsonst gewesen. Die Unfreundlichkeit des Vikars sorgte also dafür, dass seine Kirche nun plötzlich Kosten hatte, die eigentlich nicht hätten sein müssen. rose eis Als wir bei der alten Dame ankamen, sahen wir die Dinge jedoch noch einmal anders, denn es war vollkommen in Ordnung, dass diese Frau durch das Hin und Her ein bisschen was verdiente. Trotz ihrer 85 Jahre war sie eine muntere und aufgeweckte Frau, die sich über jeden Besuch freute und diesen auch sehr herzlich bewirtete. Als wir ankamen, war sie jedoch ein klein wenig unter Zeitdruck, denn wir hatten ihr Haus ungünstigerweise nur wenige Minuten vor dem Start eines Formel-1-Rennens erreicht. Das Rennen selbst war ihr nicht ganz so wichtig, aber seit ihre Enkel ihr vor 5 Jahren eine Karte für einen Besuch beim Grand-Prix in Italien geschenkt hatten, hatte sie Feuer gefangen und wollte unbedingt den Start von jedem Rennen sehen. Später fuhr sie dann gemeinsam mit der Pastorin auf ein Konzert, auf das sie auch uns mit einluden. Wir lehnten jedoch ab. So spannend die Mischung aus Orgelspiel und Jodelgruppe auch klang, waren wir doch sicher, dass es nicht so ganz unser Geschmack war. Am Abend saßen wir dann aber noch für eine lange Zeit zusammen und tauschten uns über Reise- bzw. Gäste-Erfahrungen aus. In der Zeit in der unsere Gastgeberin nun bereits Pilger und Reisende aufnahm, hatte sie sehr viel erlebt. Sie selbst betätigte sich auch als Schriftstellerin und schrieb vor allem die Biografien und Erlebnisse ihrer Familienmitglieder auf. Beim Essen erfuhren wir auch, was es mit dem besagten Flüeli Ranft auf sich hatte. Es war der Ort, an dem Bruder Klaus einen Großteil seines Lebens verbracht hatte. Bruder Klaus ist der Schutzpatron der Schweiz und ein sehr ungewöhnlicher Heiliger mit einer ganz besonderen Lebensgeschichte. Davon sollten wir dann aber erst am nächsten Morgen mehr erfahren, denn dann bekamen wir eine private Führung über die heiligen Plätze. Die Tochter unserer Gastgeberin hatte in einem Telefongespräch mitbekommen, dass wir an Flüeli Ranft vorbeigewandert waren, ohne es uns anzusehen. Das war ihrer Ansicht nach vollkommen inakzeptabel und so bot sie sich an, uns noch einmal mit dem Auto dort hinzubringen. Spruch des Tages: Sei unverschämt Glücklich - Das ärgert sie am meisten! (Spruch auf einer Ansichtskarte) Höhenmeter: 430 m Tagesetappe: 27 km Gesamtstrecke: 19. 500,27 km Wetter: sonnig und freundlich, aber kalt Etappenziel: Gemeinschaftsraum des katholischen Pfarramtes, 1713 St. Antoni, Schweiz Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Tag 1067: Boxenstopp

26.11.2016

Pünktlich um 10:00 Uhr standen wir am Treffpunkt vor der Gemeindeverwaltung Oberdorf bereit und kurz darauf kamen auch Heikos Vater und Rainer mit dem Auto vorgefahren. Zu meiner Überraschung waren sie aber nicht die einzigen, die aus dem Wagen stiegen. Auch Heidi war mitgekommen um uns noch einmal zu besuchen.

Der Inhalt unserer Wagen lag bereits auf einer Plane, so dass sie leer und damit umbaubereit waren. Rainer hatte vier Holzböcke mitgebracht, auf denen sie nun platziert wurden und sofort ging es ans Werk.

Rainer hatte viele Jahre lang im Rennsport als Automechaniker gearbeitet und war dort unter anderem für den reibungslosen Ablauf der Boxenstopps verantwortlich. Das ihm dies noch immer im Blut lag merkte man auch heute noch deutlich. Insgesamt brauchte er gerade einmal zweieinhalb Stunden, um beide Wagen in ihre Bestandteile zu zerlegen, neue Bremsen einzubauen und alles wieder zusammenzusetzen.

Und dies sogar trotz Panne, denn bei meinem Wagen brach ein Gewinde aus, so dass wir hier wirklich alles auseinander pflücken mussten, um einen Befestigungsring zu tauchen. Anders als der Besitzer des Kaiserhofes in Österreich waren die Schweizer vollkommen entspannt und störten sich nicht im geringsten an den Fremden, die hier auf dem Rathausplatz eine Werkstatt eröffnet hatten. Und das obwohl wir ausgerechnet ein Wahlwochenende erwischt hatten.

Eigentlich hatten wir das Rathaus als Treffpunkt gewählt, weil wir sicher waren, hier am Wochenende niemanden anzutreffen. Doch stattdessen, wimmelte es geradezu vor Menschen, die ihre Wahlentscheidungen in einen Briefkasten warfen.

Doch der Trubel hatte auch etwas gutes, denn auf diese Weise trafen wir auch zwei Rathausmitarbeiterinnen an, die uns erlaubten, den Rathausstrom für unser Laminiergerät zu nutzen. Dadurch sind wir nun auch gleich wieder für Frankreich gerüstet, zumindest was die Plakate an unserem Wagen anbelangt.

Heiko und Heidi unternahmen zwischenzeitig einen kurzen Spaziergang in den Ort und hatten so sogar etwas Zeit für sich.

Als alles fertig war, gab es noch ein gemeinsames Picknick. Heikos Mutter war zwar nicht mitgekommen, hatte uns fünf aber mehr als ausreichend mit Essen versorgt.

Es war so viel, dass wir bei weitem nicht alles essen konnten, doch es war nichts im Vergleich zu dem, was wir noch mit auf den Weg bekamen. Heiko schätzte die Tüte auf rund 20kg und hatte ordentlich Mühe, sie auf dem Wagen zu verstauen.

Zum Glück war die Strecke, die wir am Nachmittag zurücklegten relativ eben. Bevor wir wieder in die Berge kommen müssen wir auf jeden Fall reichlich schlemmen, denn sonst rollt Heiko wahrscheinlich einfach wieder rückwärts den Berg hinunter. Gut also, dass wir nun wenigstens anständige Bremsen haben.

Am Abend trafen wir im Nachbarsort auf einen Pfarrer aus Köln, der uns ein kleines Pilgergästezimmer zur Verfügung stellte.

Spruch des Tages: Danke für das schnelle Pilgerwagen-Tuning zwischendurch!

Höhenmeter: 460 m Tagesetappe: 20 km Gesamtstrecke: 19. 473,27 km Wetter: sonnig und freundlich, aber kalt Etappenziel: Bastel- und Fernsehzimmer im Keller des evangelischen Pfarrhauses, 3132 Riggisberg, Schweiz

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Tag 1066: Bootsfahrt auf dem Bergsee

25.11.2016

Anders hätten wir unsere Reise nicht timen dürfen, denn bereits heute hörte der warme Föhn auf und es wurde plötzlich wieder gut 10°C kälter, als es an den letzten Tagen war. Für die kommenden Tage war bereits wieder Schnee angesagt. Wären wir also nur ein paar Tage früher oder später nach Einsiedeln gekommen, wäre der Pass für uns unpassierbar gewesen.

Nun aber lag er hinter uns und wir konnten uns ganz in Ruhe aufmachen, um den Vierwaldstättersee zu überqueren. Die Fußgänger- und Radfahrerfähre sollte eigentlich sechs Franken pro Person kosten. Doch als ich mich am Kassenhäuschen auf dem Schiff in der Schlange bis ganz nach vorne gearbeitet (oder besser gewartet) hatte, sperrte der Kassenwart den Schalter einfach zu und winkte ab.

„Das passt schon so!“ meinte er mit einem Lächeln und kam dann zu uns an Deck, um sich mit uns über unsere Wagen und die Reise zu unterhalten. Er war viel zu fasziniert von diesen ungewöhnlichen Fahrgästen, als dass er ihnen auch noch Geld abverlangen wollte.

Aber nicht nur dass, er ließ uns auch gleich noch zwei Stationen weiter fahren, damit wir mit unseren Wagen nicht über den steilen Bergpass wandern mussten. So landeten wir gleich im Hafen von Beckenried, von wo aus wir relativ ebenerdig am Ufer entlangwandern konnten.

Nach der gestrigen Anstrengung war dies ein wahrer Segen. Meine Beine waren so verspannt und so voller Muskelkater, dass ich sie kaum mehr bewegen konnte. 500m Auf- und gut 1000m Abstieg gingen eben doch nicht spurlos an einem vorbei.

Auf dem Weg nach Stans, unserem Etappenziel kundschafteten wir bereits einen geeigneten Treff- und Umbauplatz aus. Denn morgen um 10:00 Uhr wollten uns Heikos Vater und Heikos Schwager Rainer besuchen. Rainer hatte die letzten Wochen damit zugebracht, ein neues Bremssystem für unsere Pilgerwagen zu konzipieren.

Nun war es fertig und einsatzbereit. Morgen war also der große Tag, an dem es eingebaut werden sollte. Wenn es so funktionierte, wie wir es uns erhofften, dann war es gerade für die Schweizer Berge ein wahrer Segen.

Spruch des Tages: Wir fahren über´n See, über´n See, wir fahren über´n See!

Höhenmeter: 190 m Tagesetappe: 28 km Gesamtstrecke: 19. 429,27 km Wetter: sonnig und freundlich, aber kalt Etappenziel: Pilgerzimmer der katholischen Kirchengemeinde, Thun, Schweiz

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