Containern – Diebstahl oder Nahrungsrettung?

/, Deutschland, Tagesberichte/Containern – Diebstahl oder Nahrungsrettung?

Containern – Diebstahl oder Nahrungsrettung?

Containern – ein gutes und trauriges Gefühl zugleich!

Das gestrige Tagesziel war Altkrautheim, wo wir wieder einen Schlafplatz im Gemeindehaus bekamen. Als wir unsere Sachen verstaut hatten, gingen wir noch eine kleine Runde durch den Ort, um etwas zu essen aufzutreiben. Dabei stießen wir auf einen Container vom nahegelegenen Supermarkt, der randvoll mit originalverpackten, guten und leckeren Lebensmitteln gefüllt war. Wir fühlten uns ein bisschen wie im Schlaraffenland beim Containern und trauerten gleichzeitig über die große Verschwendung, die die in unserer Gesellschaft darstellte und auslöst. Das Mülltauchen wird auch Dumpster Diving genannt, wusstet ihr das?

Ist Containern Diebstahl oder eine Rettung der Nahrung?

Ist Containern Diebstahl oder eine Rettung der Nahrung?

Der Wert der Wahren lag alles in allem locker bei 300 bis 400 Euro, die einfach so weggeworfen wurden, obwohl ihnen nichts fehlte. Es tat uns fast ein bisschen weh, dass wir nicht alles beim Containern mitnehmen konnten. Wenn unser Bekanntenkreis in Altkrautheim etwas größer wäre, würden wir heute Abend jedenfalls zu einem gemeinsamen Festmahl laden. Aber da wir außer dem Pfarrer niemanden kennen, werden wir wohl mehr essen müssen. Schaut euch die Bilder einmal an und ratet, was davon Geschenke sind uns, was nach offizieller Meinung Müll ist…

gemeinderaum

Diese Beute haben wir beim Containern ergattern können.

60 % der Nahrung wird nicht verbraucht!

Unser Festessen von gestern Abend nach dem Containern wirkte noch lange in uns nach. Und zwar auf dreierlei Weise. Zum einen waren wir so pappsatt, dass wir uns in unsere Schlafsäcke kugeln mussten und Angst hatten, dass wir nicht mehr hineinpassten. Zum zweiten waren wir natürlich unendlich dankbar über den Reichtum, der uns einfach so zugeflossen ist, ohne dass wir uns dafür groß anstrengen mussten. Drittens beschäftigte uns aber auch die Perversion, die hinter diesem Reichtum aus der Mülltonne stand. 60 % aller Nahrung wird auf dem Weg vom Bauern bis zum Verbraucher weggeworfen. Das Gemüse, das auf dem Feld liegen bleibt, weil es nicht der Norm entspricht und die Tiere, die vor Erreichen ihrer Verkaufsmaße notgeschlachtet werden müssen, sind darin genauso wenig inbegriffen, wie das, was jeder Mensch zu Hause wegwirft, weil es ihm im Kühlschrank schlecht geworden ist oder weil er es nicht mehr mochte. Wir mussten wieder zurückdenken an die überdimensionierten Agrarflächen, vielen Schweinemastbetrieben, an die Truthahn-Zucht und an die Legebatterien, Obstplantagen und kilometerlangen Gewächshäuser, die wir von anderen Touren kannten. Wenn wir nur einmal von den 60 % ausgehen, bedeutet das, dass mehr als jedes zweite Schwein für umsonst stirbt.

brotzeit

Was man beim Mülltauchen alles finden kann

Jeder weiß, das manche Supermärkte wie z.B. Lidl oder Netto Lebensmittel entsorgen, obwohl sie noch genießbar sind. Menschen, die über Mauern klettern und das weggeworfene Essen aus den Containern holen, machen sich wohl strafbar. Staatsanwaltschaften und Gerichte aber sind offenbar erleichtert, wenn sie die Lebensmittelretter nicht bestrafen müssen. Wird das Containern in München, Erfurt oder auch Karlsruhe gleich behandelt? Was ist das Pro und Contra für das Containern? Denn die Argumente dafür und dagegegen, liegen praktisch auf der Hand.

Was hat die Wirtschaft von diesem Verlust?

Es bedeutet, dass jeder Truthahn mehr als doppelt so viel Platz haben könnte, ohne dass deswegen ein einziger Mensch weniger zu essen hätte. Jeder Bauer könnte sich die Hälfte seiner Arbeit sparen. Er müsste nur halb so viele Futterpflanzen anbauen und nur halb so viele Tiere aufziehen, unterbringen, versorgen und schlachten. Die Tiere die gezüchtet werden, könnten doppelt so viel Lebensqualität haben und bräuchten viel weniger Medikamente, weil die Krankheitsgefahr geringer wäre. Wir bräuchten nur halb so viel Schwerlastverkehr für Lebensmittel und bedeutend weniger Entsorgungsunternehmen. Doch hier kommen wir dann auch schon zum springenden Punkt. Wenn wir wirklich nur so viel Nahrung produzieren würden, wie wir brauchen, dann würden eine Menge Arbeitsplätze verloren gehen. Unsere gesamte Wirtschaft lebt letztlich von der Überproduktion und von der Vernichtung der überflüssigen Güter und Waren. Und je besser wir unsere Technik entwickeln, desto schlimmer wird es, da wir immer mehr in immer kürzerer Zeit für immer weniger Geld produzieren können.

Wenn man hier so durch die winterlich karge Landschaft wandert und viel Zeit zum Nachdenken hat, kommt in einem schon des Öfteren einmal die Frage auf, ob das alles so sinnvoll ist was wir beim Containern erleben und fühlen. Wohin soll das führen? Ist es wirklich unser Plan, uns am Ende selbst überflüssig zu machen und eine Welt mit perfektionierter Lebensmittelproduktion und -vernichtung aber komplett ohne Menschen zu erschaffen?

nebelland

Das Jagsttal im Nebelschleier

A Pros Pros ohne Menschen: Heute wirkte die Welt tatsächlich so, als wären wir die letzten Menschen auf diesem Planeten. Das Jagsttal lag so sehr im Nebel, dass man kaum 30 Meter weit sehen konnte. Die Sonne war nur hin und wieder als kleiner schwacher Umriss hinter den grauen Schleiern zu erahnen. Sie kämpfte, was das Zeug hielt, aber sie hatte keine Chance. Der Nebel blieb den ganzen Tag um uns und in uns…

Ein Tag wie in einer Geisterwelt

Oh Moment, das ist nicht richtig! Gerade als ich Aufblicke sehe ich zum ersten Mal heute einen blauen Himmel. Der Nebel hat sich also gerade in der Zeit verzogen, in der ich diesen Bericht hier schreibe. Aber worauf ich eigentlich hinaus wollte ist, dass uns unsere heutige Tageswanderung nach dem Containern, wie durch eine Geisterwelt führte. Wir trafen fast keinen Menschen, die Bäume waren nur als graue Silhouetten zu sehen und es herrschte eine Stille wie auf einem Friedhof. Überall an den Bäumen hingen dünne Spinnenfäden an denen sich die gefrierende Luftfeuchtigkeit, wie kleine Perlen aus Eis verfangen hatte. Neben unserem Weg führte ein stillgelegtes Bahngleis entlang, das die gespenstische Stimmung noch einmal verstärkte. Plötzlich tauchten halb verfallene Bahnwagons aus dem Nebel auf. Dann eine Brücke die ins Nichts führte. Und schließlich ein alter, verlassener Bahnhof, der wie in einer Geisterstadt das Flair längst vergangener Zeiten ausstrahlte. Wären wir nicht alle 5 km auf einen Menschen getroffen, wären wir uns sicher gewesen, wir hätten letzte Nacht nach dem Mülltauchen die Apokalypse verschlafen, ohne es zu merken. Dafür waren aber die wenigen Menschen, die wir trafen über alle Maßen freundlich und fast unverschämt gut gelaunt.

weide im nebel

Die Weide im Nebel

Viele Menschen spüren ihr Nomaden-Gen in sich

Einmal trafen wir einen Jogger, den wir nach dem Weg fragten. Er lief sogar noch einmal ein ganzes Stück zurück und hinter uns her, weil er bei unserer ersten Begegnung vergessen hatte zu fragen, wo wir hinwollen. Als wir unsere Geschichte erzählten, war er so begeistert, dass er am liebsten gleich mitgekommen wäre. Drei Jahre hätte er noch bis zur Pensionierung, dann würde er sich den Traum auch erfüllen und ebenfalls nach Santiago wandern. Auch die anderen fünf Menschen, mit denen wir uns unterhalten haben, waren kurz davor gewesen mitzukommen. Offensichtlich haben doch mehr Menschen das Nomaden-Gen im Blut, als wir dachten. Schade nur, dass es so wenige gibt, die es auch leben.

Spruch des Tages: Gehe in dich, wenn dir das nicht zu weit ist!

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 234,37 km

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

7 Kommentare:

  1. Stefan Mooser 23. Mai 2019 um 22:06 - Antworten

    Ich hatte auch mal ein Erlebnis im Nebel. Ich war in den Bergen beim Klettern und war nach der dritten Seillänge ordentlich im Fels. Plötzlich zog der Nebel so rasant schnell zu, das ich nicht mal mehr meine Hacken sehen konnte. Ich konnte mich also nur noch am Seil herab Hangeln. Ich sags dir, das war ganz schön knapp.

    Gruß Stefan

  2. Harald Sauer 23. Mai 2019 um 13:40 - Antworten

    Euro Worte sind so mystisch, das ich gleich direkt in der Geschichte war. Es tut mir einfach gut eure Geschichten zu lesen. Es ist wie ein kleiner Seelenbalsam, die Weltreisegeschichten nach einem anstrengenden Tag in der Werkstatt zu genießen.

    Harald sagt: Lasst es euch gut gehen!

  3. Doris Pötzinger 15. Januar 2014 um 19:23 - Antworten

    hallo ihr zwei (ich nenn euch immer meine zwei jungs)wir sind die drei die ihr in westernhausen nach dem weg nach schöntal gefragt habt erinnert ihr euch rotes auto an kreuzung.seit unserer begegnung sehen wir täglich nach euch.noch kennen wir die orte wo ihr gerade seit.wir finden es sehr spannend euch auf diesem weg mental zu begleiten.
    grüße:doris, hans und theo,

  4. Netsch Andreas 12. Januar 2014 um 20:19 - Antworten

    Hallo habs gerade erst im Neumarkter Tv gesehen, hut ab und wünsche euch
    viel glück.
    Und ein Gruß aus der Heimat – Neumarkt.

Schreibe einen Kommentar: