Der erste Eindruck von Schweden

von Franz Bujor
05.04.2018 16:39 Uhr

So gut unser Eindruck von Helsingborg und damit unser Erstkontakt mit Schweden auch war, so sehr mussten wir doch feststellen, dass wir uns nicht in dem Paradies des Nordens befanden, das wir uns erwartet und erhofft hatten. Im Gegenteil, entpuppten sich die Südschweden zunächst einmal als verhalten, ängstlich abweisend und eher skeptisch gegenüber Fremden, als offen und gastfreundlich. So wurden gleich unsere ersten Tage in diesem neuen Land zu regelrechten Mammutetappen und der einzige Grund, warum wir überhaupt an Schlafplätze kamen, war der Umstand, dass es hier noch einige katholische Pfarrer gab, die aus Deutschland oder Polen zugereist waren.

So wurden wir gleich am zweiten Tag von einem deutschen Pfarrer, der selbst nicht einmal im Land war, eingeladen. Er ließ uns lediglich seinen Haustürschlüssel in einem Blumenkasten hinterlegen und beschrieb uns am Telefon wie wir uns in seiner Wohnung und seiner Küche zurechtfinden konnten. Der einzige Haken dabei war nur, dass der Mann eigentlich knapp drei Tagesetappen von Helsingborg entfernt wohnte.

 
Alte BP Tankstelle

Eine Alte BP Tankstelle.

 

Auch am nächsten Tag wurde die Strecke nicht kürzer. Dieses Mal war es jedoch ein Polizist, der uns rettete. Er war gerade dabei, auf einem seiner Waldgrundstücke einen alten Geräteschuppen zu verbrennen und lud uns ein, unsere kalten Hände am warmen Feuer zu wärmen. Während des Gesprächs kamen wir auch auf unsere Schlafplatzsituation zu sprechen, woraufhin er uns einen Kontakt zu einem evangelischen Pfarrer und einer Lokalzeitung herstellte. Dies war der Moment, in dem wir das System hier zum ersten Mal verstanden. Denn als wir den Pfarrer selbst anriefen, gab es dort leider keinen Platz für uns, da die schwedische Kirche allgemein keine Seminar- und Gemeindesäle habe, was man natürlich sehr bedauere. Als wir jedoch die Zeitung anriefen, einen Pressetermin vereinbarten und als Gegenzug darum baten, uns eine Übernachtungsmöglichkeit zu besorgen, sah die ganze Sache schon ganz anders aus. Nun bekamen wir bei genau dem Pfarrer einen Platz, der zuvor keinen gehabt hatte. Und nicht irgendeinen, wir bekamen ein komplettes Pfarrgemeindezentrum mit über 100 Quadratmetern. Allerdings unter der Voraussetzung, dass wir unseren Interviewtermin dort in jenem Zentrum abhielten und dass der Pfarrer dabei sein und sich als unser Gastgeber zeigen durfte. So lief der Hase hier also! Man bekam durchaus alle Hilfe, die man brauchte, man bekam sie nur nicht umsonst, sondern gegen eine spezielle Form der Bezahlung. Und diese bestand zumindest in dieser Region vor allem aus Prestige.

In den nächsten Tagen kamen wir immer mehr hinter das System, das hier nötig war, um das Land auf unsere Weise zu bereisen. Wie zuvor bereits in Dänemark war auch hier nichts wichtiger, als Connections. Wenn man es schaffte, von einem Platz zum nächsten weitervermittelt zu werden, dann lief alles wie am Schnürchen. Klappte es einmal nicht, konnte ein Tag schnell einmal in einer endlosen Wanderung enden.

Schwedens Gesichter

Aber auch landschaftlich hatten wir den Süden von Schweden völlig anders eingeschätzt. Man spürte unverkennbar, dass hier die Industrie zu Hause war. Vor allem entlang der Küste reihte sich eine Großstadt an die nächste. Schweden mochte dünn besiedelt sein, aber für diese Region galt das offensichtlich noch nicht. Was letztlich ja auch nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass rund 80% der Weltbevölkerung an der Küste irgendeines Gewässers leben. Dennoch hatten wir das hier nicht erwartet und waren daher zunächst etwas enttäuscht. Erst als wir die Küste hinter uns ließen, durften wir auch das andere Schweden kennenlernen und erfahren, dass das Land doch einiges mehr zu bieten hat, als es zunächst den Anschein machte. Falls ihr Schweden selbst entdecken möchtet, können wir euch Melanies Artikel über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Schweden empfehlen.

   

Wettlauf gegen den Schnee

Ein weiteres Phänomen, das uns überraschte, war unser Wettlauf mit dem Schnee. Je später es im Jahr wurde, desto mehr taute er ab und verschwand. Je höher man jedoch auf der Landkarte Richtung Norden kam, desto später fand dieser Prozess statt. Das führte dazu, dass wir fast permanent entlang der Schneegrenze wanderten. Am Vormittag erreichten wir immer wieder einen Punkt, an dem noch Schnee lag. Dann kam die Sonne und taute ihn weg und am nächsten Morgen wanderten wir wieder in ein neues Schneegebiet.

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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