Tag 11: Im Tal des Nebels

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Tag 11: Im Tal des Nebels

Unser Festessen von gestern Abend wirkte noch lange in uns nach. Und zwar auf dreierlei Weise. Zum einen waren wir so pappsatt, dass wir uns in unsere Schlafsäcke kugeln mussten und Angst hatten, dass wir nicht mehr hinein passten. Zum zweiten waren wir natürlich unendlich dankbar über den Reichtum, der uns einfach so zugeflossen ist, ohne dass wir uns dafür groß anstrengen mussten. Zum dritten beschäftigte uns aber auch die Perversion, die hinter diesem Reichtum aus der Mülltonne stand. 60% aller Nahrung wird auf dem Weg vom Bauern bis zum Verbraucher weggeworfen. Das Gemüse, das auf dem Feld liegen bleibt, weil es nicht der Norm entspricht und die Tiere die vor erreichen ihrer Verkaufsmaße notgeschlachtet werden müssen, sind darin genauso wenig inbegriffen, wie das, was jeder Mensch zu hause wegwirft, weil es ihm im Kühlschrank schlecht geworden ist oder weil er es nicht mehr mochte. Wir mussten wieder zurückdenken an die überdimensionierten Agrarflächen, vielen Schweinemastbetriebe, an die Truthahnzucht und an die Legebatterien, Obstplantagen und kilometerlangen Gewächshäuser, die wir von anderen Touren kannten. Wenn wir nur einmal von den 60% ausgehen, bedeutet das, dass mehr als jedes zweite Schwein für umsonst stirbt. Es bedeutet, dass jeder Truthahn mehr als doppelt so viel Platz haben könnte, ohne dass deswegen ein einziger Mensch weniger zu Essen hätte. Jeder Bauer könnte sich die Hälfte seiner Arbeit sparen. Er müsste nur halb so viele Futterpflanzen anbauen und nur halb so viele Tiere aufziehen, unterbringen, versorgen und schlachten. Die Tiere die gezüchtet werden, könnten doppelt so viel Lebensqualität haben und bräuchten viel weniger Medikamente, weil die Krankheitsgefahr geringer wäre. Wir bräuchten nur halb so viel Schwerlastverkehr für Lebensmittel und bedeutend weniger Entsorgungsunternehmen. Doch hier kommen wir dann auch schon zum springenden Punkt. Wenn wir wirklich nur so viel Nahrung produziert würde, wie wir brauchen, dann würden eine Menge Arbeitsplätze verloren gehen. Unsere gesamte Wirtschaft lebt letztlich von der Überproduktion und von der Vernichtung der überflüssigen Güter und Waren. Und je besser wir unsere Technik entwickeln desto schlimmer wird es, da wir immer mehr in immer kürzerer Zeit für immer weniger Geld produzieren können. Wenn man hier so durch die winterlich karge Landschaft wandert und viel Zeit zum Nachdenken hat, kommt in einem schon des Öfteren einmal die Frage auf, ob das alles so sinnvoll ist. Wo hin soll das führen? Ist es wirklich unser Plan, uns am Ende selbst überflüssig zu machen und eine Welt mit perfektionierter Lebensmittelproduktion und -vernichtung aber komplett ohne Menschen zu erschaffen?

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A Pros Pros ohne Menschen: Heute wirkte die Welt tatsächlich so, als wären wir die letzten Menschen auf diesem Planeten. Das Jagsttal lag so sehr im Neben, dass man kaum 30 Meter weit sehen konnte. Die Sonne war nur hin und wieder als kleiner schwacher Umriss hinter den grauen Schleiern zu erahnen. Sie kämpfte was das Zeug hielt, aber sie hatte keine Chance. Der Nebel blieb den ganzen Tag uns ist auch jetzt…

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Oh Moment, das ist nicht richtig! Gerade als ich Aufblicke sehe ich zum ersten Mal heute einen blauen Himmel. Der Nebel hat sich also gerade in der Zeit verzogen, in der ich diesen Bericht hier schreibe. Aber worauf ich eigentlich hinaus wollte ist, dass uns unsere heutige Tageswanderung wie durch eine Geisterwelt führte. Wir trafen fast keinen Menschen, die Bäume waren nur als graue Silhouetten zu sehen und es herrschte eine Stille wie auf einem Friedhof. Überall an den Bäumen hingen dünne Spinnenfäden an denen sich die gefrierende Luftfeuchtigkeit wie kleine Perlen aus Eis verfangen hatte. Neben unserem Weg führte ein stillgelegtes Bahngleis entlang, das die gespenstische Stimmung noch einmal verstärkte. Plötzlich tauchten halb verfallene Bahnwagons aus dem Nebel auf. Dann eine Brücke die ins Nichts führte. Und schließlich ein alter, verlassener Bahnhof, der wie in einer Geisterstadt das Flair längst vergangener Zeiten ausstrahlte. Wären wir nicht alle 5km auf einen Menschen getroffen, wären wir uns sicher gewesen, wir hätten letzte Nacht die Apokalypse verschlafen, ohne es zu merken. Dafür waren aber die wenigen Menschen die wir trafen über alle Maßen freundlich und fast unverschämt gut gelaunt. Einmal trafen wir einen Jogger, den wir nach dem Weg fragten. Er lief sogar noch einmal ein ganzes Stück zurück und hinter uns her, weil er bei unserer ersten Begegnung vergessen hatte zu fragen, wo wir hinwollen. Als wir unsere Geschichte erzählten, war er so begeistert, dass er am liebsten gleich mitgekommen wäre. Drei Jahre hätte er noch bis zur Pensionierung, dann würde er sich den Traum auch erfüllen und ebenfalls nach Santiago wandern. Auch die anderen fünf Menschen, mit denen wir uns unterhalten haben, waren kurz davor gewesen mitzukommen. Offensichtlich haben doch mehr Menschen das Nomaden-Gen im Blut, als wir dachten. Schade nur, dass es so wenige gibt, die es auch leben.

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Unser heutiges Etappenziel war das Kloster Schöntal. Wir freuten uns bereits den ganzen Tag darauf, einmal in einem richtigen Kloster zu übernachten, wo wir doch schon reisten wie Bettelmönche. Leider wurden wir in dieser Hinsicht bei unserer Ankunft enttäuscht. Das Kloster hieß zwar noch immer Kloster, war es aber bereits seit 1802 nicht mehr. Seit dem war es ein Bildungszentrum, das für Pilger nicht mehr allzu viel übrig hat. Wie man uns erklärte, waren Pilgerschlafplätze im ganzen Klosterbereich nicht vorgesehen. Im Bildungszentrum hätten wir zwar übernachten können, aber nur für 30€ pro Nacht und Person. Das überstieg unser Tagesbudget um ca. 30€ pro Person und so machten wir uns auf die Suche nach einer Alternative. Diese fanden wir bei der evangelischen Pfarrerin, die uns ein gemütliches Zimmer im Torhäuschen des Klosters anbot. Eine Dusche wäre zwar nach drei Tagen auch mal wieder schön gewesen, aber die kommt dann wohl morgen…

Was mich am Kloster aber vor allem enttäuschte, war das veränderte Pilgergefühl, dass hier vorherrscht. Bislang waren wir als Pilger einfache Wandersleute, die sich auf einen Glaubensweg gemacht hatten. Hier war man als Pilger eher eine Art Trophäenjäger. Wohin wir auch kamen, jeder wollte uns sofort erklären, wo wir unseren Pilgerstempel bekommen konnten. Sonstige Hintergründe unserer Reise waren hier ohne jedes Interesse.

Nachdem wir unser Gepäck verstaut hatten, begannen wir damit, das Kloster und seine Umgebung genauer zu erkunden. Dabei kamen wir am Gasthof „zur Post“ vorbei und beschlossen, dort nach einem Essen zu fragen. Wirklich daran geglaubt haben wir nicht, aber diesmal wurden wir positiv überrascht. Die Wirtin bot uns einen Platz an und servierte uns einen Salat und einen Sauerbraten, in dem wir hätten baden können! Wir haben ja schon viel gutes Essen bekommen, aber so etwas Leckeres hatten wir lange nicht!

Spruch des Tages: Gehe in dich, wenn dir das nicht zu Weit ist!

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 234,37km

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3 Comments

  1. Netsch Andreas 12. Januar 2014 at 20:19

    Hallo habs gerade erst im Neumarkter Tv gesehen, hut ab und wünsche euch
    viel glück.
    Und ein Gruß aus der Heimat – Neumarkt.

  2. Doris Pötzinger 15. Januar 2014 at 19:23

    hallo ihr zwei (ich nenn euch immer meine zwei jungs)wir sind die drei die ihr in westernhausen nach dem weg nach schöntal gefragt habt erinnert ihr euch rotes auto an kreuzung.seit unserer begegnung sehen wir täglich nach euch.noch kennen wir die orte wo ihr gerade seit.wir finden es sehr spannend euch auf diesem weg mental zu begleiten.
    grüße:doris, hans und theo,

  3. info@naturspirit.de 15. Januar 2014 at 23:18

    Hey!

    Ja, wir erinnern uns! Das ist ja cool! Schön zu hören!

    Liebe Grüße
    Heiko und Tobi

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