Die Kunst, zufrieden zu sein

von Heiko Gärtner
23.10.2014 22:34 Uhr

Es gibt zwei unterschiedlich Arten, mit denen man sein Leben betrachten kann. Die eine ist der Blickwinkel der Liebe, der Dankbarkeit und der Lebensfreude. Man steht morgens auf, freut sich über den neuen Tag, mit 24 neuen Stunden irdenen so viele Wunder passieren können. Man lebt in Harmonie und im inneren Frieden mit sich selbst und kann so auch täglich neue Gründe in sein Leben ziehen, um weiterhin zufrieden und freudig zu sein. Der zweite Blickwinkel ist der des jammernd, des Leidens und der Freudlosigkeit. Man richtet den Fokus auf den Mangel, auf das was einem fehlt, das was einen stört und alles was den Hauch des negativen hat. Je mehr man jammert und sich beschwert, desto mehr gerät man aus dem inneren Gleichgewicht und je mehr Gründe schickt man dem Universum einen mit neuem Jammerstoff zu versorgen.

Dass der zweite Weg nicht der sinnvollere und intelligentere von beiden ist, ist klar wie Kloßbrühe. Wäre das Leben eine Quiz-Sendung würde wahrscheinlich niemand auf den Buzzer drücken und rufen: "B! Ich wähle Antwort B und möchte ein Leben in Disharmonie, Leid und Kummer!"

Warum also entscheiden wir uns im echten Leben dann so häufig dafür? Warum fällt es uns so schwer in Liebe und innerer Harmonie zu bleiben?

Zum Beispiel heute Mittag. Wir hatten bereits wieder eine ganz ordentliche Wanderung durch die Berge hinter uns und kamen nun an ein kleines Dorf mit einem Restaurant. Der Weg war etwas weniger anstrengend gewesen als am Vortag und die Sonne hatte alles in einem farbenprächtigen Licht erstrahlen lassen. In der Früh war es so kalt, dass wir kurz davor waren, unsere Wintersachen auszupacken. Man konnte es nicht leugnen, langsam aber sicher wurde es Winter. Erst als die erste Steigung kam, begannen unsere ausgekühlten Muskeln langsam wieder aufzutauen. Keine zwei Minuten später war es dann so heiß, dass wir sofort wieder ins Schwitzen kamen. Zwischen erfrieren und zerfließen lagen hier oft nur Sekunden.

Die bunten Farben der Bäume und die beeindruckenden Bergmassive um uns herum versetzten uns in eine ruhige und fröhliche Stimmung.

Mit dieser Stimmung betraten wir das Restaurant. Es war so in den Berghang hineingebaut, dass man von unserem Platz aus über das gesamte Tal blicken konnte. Einen schöneren Platz könnte man sich für ein Mittagessen kaum vorstellen.

Das einzige, was nicht ganz in die positive Atmosphäre passte, war die Wirtin. Sie war eine kleine, dicke Frau, die wirkte, als hätte sie das letzte mal gelächelt, bevor man das Rad erfunden hatte. Sie war so schlecht drauf, dass es schwer fiel zu Glauben, dass sie in ihrem Leben jemals Freude empfunden hatte. Heiko versuchte die Stimmung etwas aufzulockern und lächelte den Trauerklos fröhlich an. Dabei grüßte er die dralle Dame so freundlich wie er könnte. Doch es half nichts. Ohne einen Kanister Brandbeschleuniger und ein Sturmfeuerzeug war es unmöglich, die Frau zum auftauen zu bringen.

Die Frage war nur, warum uns das störte. Warum könnten wir sie nicht einfach in ihrer schlechten Stimmung lassen und uns über den großen Topf mit Pilzsuppe freuen. Es war ihre Laune nicht unsere und es sprach nichts dafür, das wir uns ihr angleichen mussten. Und doch entstand so eine peinliche Situation, so eine unangenehme Stille, die in einem den Wunsch auslöst, irgendetwas zu tun, um sie aufzulockern. Und wenn es ein Tabledance in Mickymouse-Unterwäsche ist.

Was bringt uns dazu, dass wir die Stimmungen anderer so schnell zu unseren eigenen machen. Das hilft ja weder ihnen noch uns. Und was musste wohl mit dieser Frau passiert sein, dass sie es schaffte an einem Ort wie diesem so schlecht drauf zu sein?

Noch ehe ich eine Antwort auf diese Fragen finden konnte, kam in mir ein anderes Bedürfnis auf, das mich von diesen Fragen ablenkte. Ich musste aufs Klo und das nicht gleich, sondern sofort. Seit der Nahrungsumstellung kannten unsere Därme kein Pardon mehr. Wenn sie etwas loswerden wollten, dann explosionsartig. Um die miesepetrige Gastwirtin nach dem Klo zu Fragen hatte ich keine Zeit mehr. Ich folgte meiner Intuition und huschte in den hinteren Restaurantbereich. Dort entdeckte ich ein Schild mit der Aufschrift 'Servicio' also 'Toilette'.

Großartig denke ich mir und beginne nun zu rennen. Der Countdown lief und es war klar, das mein Hintern langsam einen Scheißdreck darauf gab, ob ich ein Klo fand oder nicht. Erst jetzt bemerkte ich, dass mein Lappen zum Hintern abputzen noch auf meinem Wagen klemmte. Dafür war jetzt keine Zeit mehr. Ich brauchte also eine andere Lösung. Mit gezieltem Blick sah ich mich im Toilettenraum um. Das WC selbst war gut vier Meter vom Waschbecken entfern und befand sich in einem kleinen Nebenraum. Das Waschbecken war also öffentlich. Ich könnte wohl kaum mit heruntergelassener Hose bis hier her hüpfen. Doch die Lösung wär in Sicht. Neben dem Waschbecken stand eine kleine plastikschale, die die herabfallenden Tropfen aus dem Seifensieder auffangen sollte. Sie was meine ideale Wasser-zum-Klo-bring-Schale. Schnell wurde sie ausgespült und mit frischem Wasser gefüllt. Wie kreativ man durch so einen Klopapierverzicht wird, hätte ich auch nicht gedacht.

Als ich Heiko beim Essen von der Geschichte erzählte, gelang es mir immerhin, die Stimmung damit wieder zu heben.

9km weiter erreichten wir ein weiteres Minidorf. Hier lebten gerade einmal 10 Menschen. Einer von ihnen bot uns an, die Nacht in seinem Haus zu verbringen. Er hieß Jabi und war selbst ein begeisterter Wanderer. Erst vor kurzem hatte er ein Jahr lang die verschiedensten Jakobswege hinter sich gebracht. Er war von der östlichsten Spitze der Pyrenäen bis nach Irrun gewandert, das heißt einmal komplett der Länge nach durch das Gebirge. Wir waren schon am zweifeln, ob wir es queren konnten, aber es komplett der länge nach zu durchwandern? Das war mehr als respektabel. Von Irrun aus hatte er dann zunächst den Camino del Norte zurückgelegt und war dann auf den Primitivo abgebogen. Wieder einen Weg also, der mitten durchs Gebirge führte. Auf dem Rückweg hatte er dann den Camino Frances gewählt. Vor kurzem hatte er einen Autounfall, der ihn etwas aus der Bahn geworfen hatte. Sobald das wieder auskuriert war, wollte er wieder aufbrechen und diesmal nach Rom wandern. Wir hatten also die gleichen Ziele.

Nach dem Essen schürte unser Gastgeber den Kamin ein. Besonders  warm wurde es zwar nicht, dafür machte es aber eine gemütliche Stimmung. Jetzt war wirklich der Herbst angebrochen. Für die nötige Portion Entspannung sorgte Jabi dann am Nachmittag, indem er einen Joint nach dem anderen rauchte und dem Kaminfeuer damit Konkurrenz machte.

Spruch des Tages: Genieße den Tag!

 

Höhenmeter: 300 m

Tagesetappe: 19 km

Gesamtstrecke: 5696,37 km

Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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