Tag 866: Eidechse mit Handicap

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Tag 866: Eidechse mit Handicap

Tag 866: Eidechse mit Handicap

27.04.2016

Am nächsten Morgen war es wieder windstill und sonnig. Wir schlenderten gemütlich durch die Felder und machten mehrere ausgedehnte Picknicks. Auf diese Weise kamen wir natürlich nicht besonders schnell voran, aber uns drängte ja auch nichts. Im Gegenteil, durch das gemütlicher umherstreifen kam es gleich noch einmal mehr zu spannenden Begegnungen. Dieses Mal trafen wir eine kleine Eidechse, die eine Mischung aus Smaragdeidechse und normaler Echse zu sein schien. Sie hatte einen giftgrünen Kopf und einen braunen Körper. Vor einiger Zeit musste sie sich eine heftige Schlacht mit einem übermächtigen Gegner geliefert haben, denn sie hatte ihren Schwanz verloren. Er war ihr abgehackt worden und Haut, Fleisch und Knochen wirkten, als wären sie an der Amputationsstelle leicht verfault oder vergammelt.

Der kleine Kerl war vollkommen lethargisch und extrem langsam für ein Wesen seiner Gattung. So langsam, dass wir ihn mühelos auf die Hand nehmen, streicheln und fotografieren konnten. Er hatte sogar mehrere Narben ab Rücken, die zeigten, dass der Schwanz nicht das einzige war, auf das eingepickt wurde. Hätte er ihn nicht abgeworfen, dann hätte er diesen Vorfall nicht überleben können. Später schauten wir in unseren Aufzeichnungen über Krafttiere nach, welche Botschaft uns eine besondere Begegnung mit einer Eidechse übermitteln will. Und wieder stellten wir fest, dass es für uns alle drei eine wichtige Botschaft war. Sie lautete: Pass auf, dass du dich nicht aussaugen lässt. Wenn du eine besondere Begegnung mit einer Eidechse hast, dann läufst du gerade Gefahr, deinen Weg zu verlieren, weil du dich zu sehr um andere kümmerst und versuchst, die Verantwortung für etwas zu übernehmen, das dich nichts angehört.

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Du machst dir Sorgen und Gedanken darüber, wie es anderen Menschen mit deinen Entscheidungen geht, anstatt auf dein eigenes Herz zu hören, was das richtige für dich ist. Dadurch verlierst du deinen Weg, deine Kraft und dein Glück, so dass du nicht mehr wahrhaft hilfreich sein kannst. Die Eidechse zeigt dir, dass du frei deinen eigenen Weg gehen darfst und gerade dadurch zum Gemeinwohl beiträgst. Unsere kleine Echse im Besonderen hat gleich noch hinzugefügt, was passiert, wenn man sich durch andere kastrieren lässt. Der Schwanz einer Eidechse symbolisiert ihre Kraft und ihre Besonderheit. Ohne ihn kann sie trotzdem weiterleben, aber sie ist nur noch ein halbes Wesen. Wie die Echse hatte auch jeder von uns einmal eine Situation in seinem Leben, in der er einen Teil von sich abspalten, töten, aufgeben oder misshandeln musste, damit der Rest überleben konnte. Die Frage ist nun also, wollen wir wie die kleine Eidechse lethargisch weiter vor uns hin kriechen und uns alles gefallen lassen, weil wir einen Teil von uns verloren haben, oder wollen wir wieder zurück in unsere alte Stärke kommen? Die Echse zeigt aber auch noch etwas anderes: Wenn wir leben wollen, dann ist es manchmal unerlässlich, dass wir loslassen und etwas gehen lassen, von dem wir glaubten, dass wir uns nie davon trennen könnten. In den letzten zwei Jahren gab es vieles, was wir loslassen mussten und vieles wird noch kommen. Unser Schwanz war zum Glück nicht dabei…

Einen Schlafraum bekamen wir heute nicht. Laut Angaben des Bürgermeisters war der Ort zu klein und verfügte über keine Räume, die in Frage kamen. Schon seltsam, dass es solche Räume immer nur in Orten mit jungen, engagierten, freundlichen und hilfsbereiten Bürgermeistern gibt. Ob da wohl ein Muster hinter steckt?
In diesem Fall war es jedoch nicht schlimm, dass wir keinen Raum finden konnten, denn kurz vor dem Ort gab es ein Feld, das zur Hälfte überdacht war. Im Herbst wurden hier wohl Strohballen oder so etwas gelagert. Jetzt war es nur ein trockener, ebener und schattiger Platz, an dem man wunderbar sein Zelt aufschlagen konnte. Und auch hier hatten wir wieder einige spannende Nachbarn. Am Weg war ein kleiner Graben, der mit reichlich Schilf gesäumt war. Überall auf den Halmen saßen Teichrohrsänger, die lustig balzten und dabei immer wieder nach oben und unten hüpften, ein bisschen wie diese Deko-Vögel, die man anstupst und die dann von alleine eine Stange hinunter hüpfen.

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Auf der Stromleitung über uns hatte es sich ein Kuckuck gemütlich gemacht. So nah hatte ich bislang noch nie einen sehen dürfen und ich freute mich riesig über seinen Besuch. Die ganze Zeit in der wir das Zelt aufbauten, begleitete uns sein Rufen. „Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!“ Die erste halbe Stunde machte es echt spaß, ihm zuzuhören. Dann aber wurde langsam klar, warum er den Namen Kuckuck erhalten hatte. Sein komplettes Sprachspektrum erschöpfte sich mit diesem einen Laut. Und weil niemand zu ihm kam, der seinen Ruf erwiderte und sich mit ihm paaren wollte, rief er ununterbrochen für mehrere Stunden. Langsam war es dann nicht mehr ganz so schön, ihm dabei zuzuhören und plötzlich verstanden wir auch die Jäger wieder, die früher so gerne Jagd auf diese Vögel gemacht hatten.

Man konnte durchaus nachvollziehen, dass man in Schießlaune kommt, wenn man auf seinem Jägersteig sitzt und den ganzen Tag nur „Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck“ hört.

Spruch des Tages: Auf einem Baum ein Kuckuck saß…

Höhenmeter: 220 m
Tagesetappe: 42 km
Gesamtstrecke: 15.273,27 km
Wetter: hin und wieder sonnig zwischen heftigen Wolkenbrüchen und Endzeitgewittern
Etappenziel: Zeltplatz in einem kleinen Wäldchen am Fluss, 3km hinter 4220 Kritschim, Bulgarien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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