Tag 217: Eingelegte Schweineohren

///Tag 217: Eingelegte Schweineohren

Tag 217: Eingelegte Schweineohren

Tag 217: Eingelegte Schweineohren


Memo an mich selbst: Schreibe niemals einen Bericht über Dinge, die du noch nicht erlebt hast! Denn natürlich kam gestern Abend alles ganz anders als gedacht.

20:30 Uhr: Ich war natürlich noch nicht fertig mit dem Bericht, und brauchte gut 15 Minuten länger. Als ich ihn dann einstellen wollte, tauchte plötzlich eine Gruppe Menschen im Rathausvorraum auf, in dem wir uns wegen des Internetempfangs niedergelassen hatten. Sie fragten uns neugierig nach unserer Arbeit und unseren Projekten und ließen sich die Homepage und unseren Routenverlauf zeigen. Eine der Frauen lud uns daraufhin zum Essen ein. Das erste mal seit langem hier in Spanien. Wir verabredeten uns für 21:15 Uhr.

21:15 Uhr: Wir werden mit dem Auto abgeholt und drei Straßen weiter zu Maria-José gebracht. Dort erwartet uns eine spanische Tortilla und ein Salat. Anschließend bekamen wir noch ein paar Spezialitäten dieser Region zum Probieren. Die Begeisterung unserer Gastgeberin über diese lokalen Delikatessen konnten wir jedoch nicht Teilen. Das erste waren eingelegte Muscheln und die waren sogar noch ganz lecker. Das zweite jedoch waren eingelegte Schweineohren. Nein, das ist kein Synonym für ein Süßgebäck! Es waren wirklich echte Schweinsohren und sie waren in einer roten, öligen Sauce eingelegt. Ich probierte zwei Happen und verzichtete dann auf den Rest. Heiko aß tapfer das ganze Ohr, war jedoch anschließend der Meinung, dass er noch nie etwas ekelhafteres gegessen hatte. Wie man es von einem Ohr hätte erwarten können bestand es aus reiner Knorpelmasse. Wenn man ein Stück abschnitt und mit der Gabel aufpiekste, dann ploppte es nach einigen Sekunden wieder herunter, weil sich die gummiartige Masse wieder zusammenzog. Wären wir auf einer Survivaltour oder als Teilnehmer im Dschungelcamp, dann wäre das Ohr sicher eine gute Notnahrung gewesen. Doch so sortierten wir es eher unter „Einmalige Erfahrung, die nicht wiederholt werden muss“ ab. Heiko hatte in seinem Leben als Survivalexperte schon viele wirklich eklige Dinge gegessen. Die Top Five davon sind: Regenwürmer, Froschlaich, Mäusedärme, rohe Kaninchenaugen und stinkender, verwesender Fisch. Die eingelegten Hoden, die in Galizien als Spezialität serviert wurden, konnten dies trotzdem toppen und die Schweineohren von heute sogar noch mehr.

Zum Nachtisch gab es dann wieder etwas leckeres: Eiskalte Honigmelone und einen Pfefferminztee. Jetzt kam auch ein älterer Herr zu Besuch, der als Journalist arbeitete und einen Bericht über unseren Aufenthalt hier im Ort schreiben wollte. Wir quatschten noch bis ca. 23:00 Uhr, dann machten wir ein paar Fotos und verabschiedeten uns.

23:15 Uhr: Wir sind wieder am Rathaus und suchen uns die Route für den nächsten Tag heraus. So wie es aussieht, wird es eine Mammutetappe von 30 Kilometern. Wenn wir vorher eine Rast machen, dann kommen wir am Samstag in Peñaranda de Bracamonte an und können dann unsere Päckchen nicht abholen. Also heißt es durchmarschieren.

23:45 Uhr: Wir sind zurück in unserer Partyhalle. Zu unserem großen erstaunen wird in diesem 300-Seelen-Ort tatsächlich eine fette Party gefeiert. Zum Glück findet sie auf dem Marktplatz und nicht hier in der Halle statt, doch die Musik ist auch hier noch klar und deutlich zu hören. Dass sich hier das ganze Leben in die Nacht verlagert wird wirklich ernst genommen. Noch um kurz vor 00:00 Uhr laufen die kleinen Kinder draußen herum und das mitten in der Woche. Die Uhren ticken hier im wahrsten Sinne des Wortes anders.

00:00 Uhr: Unser Nachtlager ist aufgebaut und endlich konnten wir die schweren Schuhe und die Socken ausziehen. Zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass die Mammutstrecke und die neuen Schuhe ihren Tribut gefordert hatten: Am rechten Hacken habe ich eine wirklich üble Blutblase. Ich hatte schon gemerkt, dass es weh tut, doch so schlimm hatte ich es nicht erwartet. Auch Heikos Füße haben ein paar neue Blasen entwickelt. Genau das Richtige, um Morgen eine noch längere Etappe zurückzulegen. Vor dem Einschlafen schauen wir uns heute den Film „TED“ an. Mit seinem derben Humor ist er ideal zum aufmuntern und abschalten.

01:30 Uhr: Wir machen unsere Ohrakupunktur und wünschen uns eine gute Nacht. Heiko schläft innerhalb von Sekunden. Ich wälze mich noch gut eine Stunde hin und her, bis die Müdigkeit das Gedankenchaos in meinem Kopf besiegt.

Wir hatten ja damit gerechnet, dass der Tag hart werden würde, doch das er so hart wird, dass hatten wir nicht geglaubt. Google hatte uns mal wieder reichlich betrogen, was die Entfernungen anbelangte und so kam es, dass wir von 9:15 Uhr bis um 18:00 Uhr durchliefen. Mit nur drei kurzen Pausen, von je ca. 20 Minuten. Das bedeutet, dass wir 8 Stunden und 15 Minuten komplett durchgewandert sind. Wenn unser Schnitt knapp 5km/h beträgt, dann haben wir deutlich mehr als 30km zurückgelegt.

Hinzu kommt jedoch, dass es fast den ganzen Weg bergauf ging. Das Gebirge wollte und wollte einfach nicht enden und wir kamen einige Male an Schildern mit Höhenangaben von mehr als 1000m vorbei. Auf den Gipfeln der Berge lag zum Teil sogar Schnee. Eine Frau erzählte uns später, dass dies hier wirklich eine berühmte Ski-Region war und das die kleinen Dörfer im Winter zum Teil völlig eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten waren. Jetzt konnte man sich das nicht im Geringsten vorstellen.

Von der Hauptstraße, die uns aus unserem Startort herausführte ging es nach 7km links ab auf eine kleine Nebenstraße. Sie war eigentlich asphaltiert, war jedoch komplett mit Kies und Sand zugeschüttet worden. Zunächst konnten wir nicht nachvollziehen, warum man so etwas machte, denn der Sand wurde für die Autos auf dem festen Asphalt zur wahren Rutschbahn. Außerdem war er laut und es war unangenehm darauf zu gehen. Doch dann merkten wir, was mit der Straße an den Stellen passierte, die nicht mit Sand bedeckt waren. Sie lösten sich einfach auf. Der Bodenbelag war hier so schlecht, dass er einfach schmolz und von der Straße in den Seitengraben lief. Wobei „schlecht“ wahrscheinlich zu einfach formuliert ist, denn an den Asphalt wurden hier wirklich krasse Anforderungen gestellt. Im Sommer extreme Hitze und Trockenheit, im Frühjahr Platzregen und im Winter Schneemassen und extreme Kälte. Dass das eine Straße kaputt macht, ist kein Wunder. Trotzdem ist es komisch, dass es bei den anderen Straßen kein Problem war.

Auf einer größeren Straße fangen wir einen überfahrenen Schmetterling. Er lebte noch, hatte jedoch ein Bein verloren und einen abgeknickten Flügel. Sein Hinterleib war aufgeplatzt und eine gelbe Masse quoll heraus. Er konnte sich kaum mehr aufrecht halten und es war klar, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Wir überlegten, ob wir ihn irgendwie retten konnten, doch es war aussichtslos. Heiko entschied sich daher für eine aktive Sterbehilfe und tötete den kleinen Flieger. Beide stellten wir fest, dass uns die Sache irgendwie mitnahm. Es war ein Schmetterling und wir hatten bereits viele Insekten getötet um sie zu essen oder weil sie uns stechen oder nerven wollten. Aber diesmal fiel es Heiko wirklich schwer. Auch in mir kam Trauer auf, als ich den kleinen Kerl tot zu Boden fallen sah. Unsere Verbindung zur Welt der Tiere war offensichtlich doch schon um einiges stärker geworden.

Die Verbindung zu den Menschen wurde hingegen heute wieder einmal etwas geschwächt. In einer kleinen Ortschaft beschrieb uns ein alter Mann den Weg in die falsche Richtung. Das war nichts ungewöhnliches für Spanien, aber hier in der Hitze, in der es alle 10km mal einen Ort mit Essen und Trinken gibt war so etwas sehr gefährlich. Vor allem wo unsere Strecke eh schon 30km betragen sollte. Zum Glück kamen wir nach zwei Kilometern an eine Kreuzung, an der uns die ganze Sache komisch vor kam.

Leider befanden wir uns mitten im Nichts und es war niemand da, den wir fragen konnten. Alle paar Minuten kam ein Auto vorüber. Beim ersten winkte ich freundlich. Beim zweiten hielt ich meine Hand zum Stoppzeichen nach außen. Beim dritten stellte ich mich mitten auf die Straße. Beim vierten versperrte ich die Straße mit meinem Wagen und mir selbst. Doch kein Mensch hielt. Ich deutete auf die Karte, ich signalisierte, dass ich eine Frage hatte, ich zeigte, dass ich mit dem Wagen niemals trampen konnte. Doch nichts half. Ein junges Paar wurde langsamer, doch als ich mich mit „Entschuldigung, können sie mir sagen wie wir nach…“ an das offende Fenster wandte, fuhren sie einfach weiter. Nach 20 Minuten war ich einige Male angehupt worden, hatte mich selbst mehrmals über diese ignoranten Arschgeigen aufgeregt und war mindestens genauso oft mit den gleichen Flüchen beschimpft worden. Doch unseren Weg wussten wir noch immer nicht. Erst das zehnte Auto hielt vorsichtig an und beschrieb uns die Richtung. Von hier ging es weiter bergauf und langsam gingen unsere Obst und Wasserreserven zur Neige. Als wir im nächsten Ort wieder nach dem Weg fragen wollten, waren es diesmal zwei Fußgänger, die uns ignorierten. Ich sprach sie direkt mit, „Entschuldigung, können Sie uns bei der Orientierung helfen?“ an und sie schüttelten einfach den Kopf, meinten sie hätten kein Interesse und wollten weitergehen. Ich musste fast aggressiv werden, bis sie sich dazu durchringen konnten, dass ich vielleicht doch nichts Böses wollte. Dann antworteten sie knapp und gingen. Was musste hier geschehen sein, dass die Menschen hier so eine Angst vor Fremden hatten?

Doch wir hatten auch positive Erfahrungen mit den Menschen in den kleinen Dörfern. Kurz vor dem Ende eines kleinen Dörfchens, in dem im Winter nur 10 Menschen lebten, sprach uns eine Frau an, ob wir nicht etwas zu trinken bräuchten. Sie versorgte und mit kaltem Wasser, einer eisgekühlten Wassermelone und frischen Pfirsichen. Nach der langen Durststrecke war es wie ein kurzer Besuch im Paradies. Heiko beschrieb es mit folgenden Worten: „Die Melone war echt ein seelischer Orgasmus! Und ein wirklich guter!“

Als wir Martínez schließlich erreichten, war ich so erschöpft dass ich kaum noch laufen konnte. Ein Polizist telefonierte in unserem Namen mit dem Bürgermeister, der gerade in Salamanca war. Er kam zwei Stunden später und gab uns den Schlüssel für eine alte, leerstehende Grundschule, in der wir übernachten dürfen. Zeit für uns bleibt nach dem langen Tag wohl wieder kaum noch.

Am schlimmsten aber hat es meinen Fuß erwischt. Ich habe gespürt, dass er unterm Wandern schlechter wurde, doch ich habe nicht darauf geachtet und mich nicht darum gekümmert. Das war ein schwerer Fehler, denn jetzt ist die Blase dreimal so groß und offen und das ist definitiv keine gute Nachricht.

Spruch des Tages: Wenn’s zu viel ist, ist’s zu viel!

 

Höhenmeter: 1040 m

Tagesetappe: 36 km

Gesamtstrecke: 4316,97 km

Bewertungen:

 
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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