Tag 954: Wann kommen wir endlich aus diesem Gebirge heraus?

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Tag 954: Wann kommen wir endlich aus diesem Gebirge heraus?

Tag 954: Wann kommen wir endlich aus diesem Gebirge heraus?

28.07.2016

Nur wenige Minuten, nachdem wir gestern auf Anton gestoßen waren, hatte sich auch ein kleiner Hund zu uns gesellt, der uns die komplette Strecke über begleitet hat. Selbst am Abend lag er nun geduldig neben unserem Zelt und bellte nur zwei Mal, weil er irgendwo im Wald ein Tier hörte. Er war nicht der erste Hund, der uns bis zu unserem Schlafplatz begleitet hatte und so waren wir auch dieses Mal der Überzeugung, dass er am nächsten Morgen wieder verschwunden war. Doch er war noch da und auch heute folgte er uns auf Schritt und Tritt. Noch einmal ging es gute 400 Höhenmeter den Berg hinauf und der Weg wurde dabei immer schlechter. Weil wir irgendwann aus der Puste waren und immer langsamer wurden, lief der kleine Hund nun immer wieder vor und zurück, so als wollte er sagen: „Wo bleibt ihr denn? Sagt nicht ihr findet das hier anstrengend!“
Selbst ganz oben, kurz vor dem Pass gab es noch immer eine dünne Besiedelung. Hier waren nun zum ersten mal Orte, an denen man verstehen konnte, warum hier jemand lebte, denn zum ersten Mal herrschte Ruhe. Jedenfalls hätte sie geherrscht, wenn die Menschen, die sich hier angesiedelt hatten nicht selbst mit aller Macht wieder dafür gesorgt hätten, dass sie zerstört wurde. Jedes Gundstück hatte einen aggressiven Hund und mindestens eine Kuh mit einer schrillen Glocke. Ich habe keine Ahnung warum aber aus irgendeinem Grund stehen wir Menschen wohl einfach nicht auf Harmonie und Schönheit.

Oben auf dem Pass legten wir eine Pause ein, um uns zu trocknen, auszuruhen, zu stärken und zu entspannen. Hier führten wir nun auch zum ersten Mal die Sanktionen ein, die wir in unserem Kodex festgelegt hatten. Zu diesem Zeitpunkt kam es mir bereits recht ordentlich vor, doch ich ahnte noch nicht, dass es im Vergleich zu den kommenden Tagen nicht einmal ein Vorgeschmack war. Auffällig war, dass weder bei Heiko noch bei mir Wut mit im Spiel war und dass ich in diesem Moment auch keinen Selbsthass spürte. Es war zwar schmerzhaft, ansonsten aber eigentlich sogar ein freudiges Ereignis, das die Stimmung deutlich aufhellte. Unser neuer Herdenhund wartete geduldig und war sogar so brav, dass er keine Anstalten machte, sich unserem Essen zu nähern. Wahrscheinlich verstand er, dass solche Versuche bei uns Konsequenzen haben würden.
Als wir weiterzogen kamen uns einige Kühe entgegen, die natürlich wieder einmal ihre Bimmelglocken um den Hals trugen. Sie wurden von drei kleinen Kindern gehütet, die rund 3, 4 und 5 Jahre alt waren. Trotz ihres geringen Alters trieben sie die Kühe an wie die Großen: Ohne jedes Mitgefühl, ohne eine Idee davon, was die Tiere benätigen, aber mit viel Geschrei und Gewalt. Der älteste von ihnen hatte eine Peitsche, mit der er auf die Kühe einschlug, wenn sie nicht gehorchten. Die anderen beiden erledigten den gleichen Job mit Ästen oder Brennesseln.Es war ein skurriler Anblick, die kleinen Kinder auf diese Weise arbeiten zu sehen, während ihre Eltern wahrscheinlich irgendwo in der Sonne lagen und sich mit Alkohol zulaufen ließen.
Der Abstieg ins Tal auf der anderen Seite des Berges war ein Traum. Es war ein wunderschöner weg inmitten eines wunderschönen Bergpanoramas und zum ersten mal seit Wochen fühlte es sich hier friedlich und harmonisch an. Der Ort, der im nächsten Tal lag war nur klein, doch hier war es mit dem Frieden wieder vollkommen vorbei. Kaum hatten wir die ersten Häuser erreicht, kreischten auch schon wieder die Hähne, Hunde und Autos um die Wette.
Der einzige ruhige Ort, den wir finden konnten, war der verlassene Schulhof einer Grundschule. Hier machten wir eine kurze Pause, um die Wassermelone zu essen, die wir zuvor von einem Minimarkt geschenkt bekommen hatten. Kaum hatten wir uns an die Wand der Schule gesetzt, kam auch schon eine grimmige alte Frau und fragte uns irgendetwas auf Ukrainisch. Ihre ganze Körpersprache und ihr Ausdruck deuteten darauf hin, dass sie uns vertreiben wollte. Doch der Eindruck täuschte, denn kurz darauf verschwand sie und kam mit zwei Stühlen wieder. Man musste die Menschen hier schon wirklich gut kennen, um ihre Freundlichkeit erkennen zu können.

Langsam begannen wir, uns ernsthafte Gedanken wegen unseres kleinen, vierbeinigen Begleiters zu machen. Irgendwie war es ja lustig, das er bei uns war und nun schon seit über fünfzig Kilometern mit uns mit lief. Außerdem war er, oder besser gesagt, war sie, denn es war eine Hündin, eine wirklich coole Socke. Sie war ruhig, machte keinen Stress und abgesehen davon, dass sie uns immer wieder vor die Füße oder anderen vor das Auto lief, fiel sie eigentlich kaum auf. Trotzdem war klar, dass wir sie nicht dauerhaft mitnehmen konnten. Spätestens, wenn wir an die Grenze kamen, hatten wir ein Problem. Da hier niemand englisch sprach, konnten wir den Grenzbeamten ja auch nicht erklären, dass sie eigentlich gar nicht unser Hund war, sondern nur neben uns her lief. Wir mussten also dafür sorgen, dass sie uns wieder allein ließ, und das möglichst bald, denn je länger sie bei uns war, desto schwieriger wurde es. der Schulhof schien dafür der perfekte Ort zu sein. Hier gab es ein Tor, so dass wir sie einsperren konnten und dank der alten Dame wussten wir mit Sicherheit, dass man sie später wieder befreien würde. Doch wir hatten diesen Plan ohne die Raffinesse der kleinen Hündin gemacht. Sie brauchte gerade einmal zehn Sekunden, um aus ihrem Gefängnis wieder auszubrechen und schon lief sie wieder treu neben uns her.
Auch unser zweiter Besucher tauchte wie aus dem Nichts plötzlich wieder auf. Aufgrund des Regens und unserer Passüberquerung hatten wir Anton gestern abend aus den Augen verloren und wir glaubten auch nicht mehr daran, ihn noch einmal zu treffen. Auch er hatte die Suche längst aufgegeben und wollte sich schon wieder auf den Heimweg machen, als er uns plötzlich auf der Straße entdeckte. Für die nächsten Kilometer waren wir also wieder zu dritt. Und wie beim ersten Mal verbrachten wir die meiste Zeit davon auf einer unangenehmen Hauptstraße. Auf halber Strecke starteten wir dann einen zweiten Versuch unsere Hundedame davon zu überzeugen, dass sie nicht länger ein Teil unserer Herde sein konnte. Dieses Mal schnappte ich sie und setzte sie über einen Zaun in einen Garten. Dieses Gefängnis war deutlich besser als das erste, aber noch immer nicht gut genug für unsere Hündin. Etwa zehn Minuten nachdem wir uns von ihr verabschiedet hatten, lief sie schon wieder neben uns her.

Am Abend war es dann Zeit, sich von Anton zu verabschieden. Wir bogen nach rechts in die Berge ab und er folgte der Hauptstraße zurück zur rumänischen Grenze. Zum Abschied schenkte er uns noch den Rest seiner Reisekasse in ukrainischer Währung. Dafür möchten wir uns noch einmal herzlich bedanken.
Unser Zelt schlugen wir heute auf einem kleinen Pass neben einem Mini-Restaurant auf. Unsere Hündin war noch immer bei uns und blieb auch über Nacht, obwohl wir ihr ganz bewusst noch immer nichts zu essen gaben. Langsam wurde es für uns unbegreiflich, wie sie es schaffte, solche Strecken zurückzulegen, ohne wirklich etwas zu Essen. Andererseits sah es Nahrungstechnisch auch für uns heute nicht viel besser aus. es reichte gerade einmal für ein Notgericht aus Reis, Zwiebeln und einer Erbstwurscht-Suppe.

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Spruch des Tages: Wann kommen wir endlich aus diesem Gebirge heraus?

Höhenmeter: 20 m
Tagesetappe: 21 km
Gesamtstrecke: 17.173,27 km
Wetter: sonnig und heiß
Etappenziel: Kleines, privates Gästehaus, Tiszabercel, Ungarn

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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