Tag 939: Zurück nach Rumänien

/, Rumänien, Tagesberichte, Ukraine/Tag 939: Zurück nach Rumänien

Tag 939: Zurück nach Rumänien

Tag 939: Zurück nach Rumänien

08.07.2016

In der Nacht kehrte ich noch einmal in den Ort zurück, um die letzten Korrekturen am Buch vorzunehmen und es dann abzuschicken. Dabei landete ich in der einzigen Bar des Ortes. Zunächst war es hier still und einsam, doch dann begann das Fußballspiel Deutschland gegen Frankreich und schon war der Teufel los. Etwas abstrakt war es ja schon, dass ich als einziger Deutscher unter dreißig Fußballfans saß, die alle für Deutschland waren und dass ich als einziger keinerlei Interesse an dem Spiel hatte. Erst als es vorbei war warf ich einen kurzen Blick auf den Fernseher und nahm wahr, dass uns die Franzosen mit 0:2 abgezogen hatten. Dies war übrigens insgesamt mein einziger Kontakt mit der Fußball-EM in diesem Jahr.

Nach Ende des Spiels schloss die Bar und ich musste im Freien weiterarbeiten. Da ich das Internet brauchte um unsere weitere Strecke durch Rumänien zu planen, blieb ich vor der Tür sitzen. Doch es dauerte nicht lange, da stieg ein besoffener Mann aus einem Taxi aus und begann mich zu belästigen. Er war nicht unfreundlich aber aufdringlich und unangenehm. Ich versuchte mit allen Mitteln, ihm klar zu machen, dass ich alleine sein wollte, doch er war absolut immun dagegen. Ich bat ihn höflich, ich schrieb ihm ein paar Zeilen in den Google-Translater, ich schnautzte ihn an, drohte ihm, schlug mit der Hand auf den Boden, behandelte ihn wie einen Hund und versuchte, ihn zu ignorieren. Doch nichts half. Mehrfach meinte er, dass er jetzt gehen würde, doch immer fand er einen Grund, zurückzukommen, sich wieder neben mich zu setzen und alles von vorne beginnen zu lassen. Schließlich kam ein anderer Mann die Straße entlang, der den ersten zu kennen schien. Für einen Moment hatte ich die Hoffnung, dass er seinen Kollegen zur Vernunft bringen und mitnehmen würde. Doch er war mindestens genauso betrunken und setzte sich nun auf die andere Seite von mir. Ich begann zu schnauben. Was sollte ich mit diesen Kerlen nur anstellen? Sollte ich sie erschlagen oder mit meinem Pfefferspray besprühen? Mein Gefühl sagte mir, dass genau dies die richtige Reaktion gewesen wäre. Doch die Stimme der Angst hielt mich davon ab. Was, wenn sie mich überwältigten? Oder was war, wenn ich sie wirklich verprügelte, sie aber die Polizeit riefen? Ich entschied mich also gegen den Angriff und für die Flucht. Laut schimpend und fluchend packte ich meine Sachen zusammen und verschwand in der Dunkelheit. Unter einem Baum erledigte ich dann zunächst die Arbeiten, die ich auch ohne Internet erledigen konnte. Dann kehrte ich zu meinem Platz zurück. Die beiden Saufbolde waren verschwunden. Doch nun stellte ich fest, dass das Internet nicht mehr funktionierte. Kaum hatte ich das realisiert, kam schon wieder ein junger Mann auf mich zu, der mich anlabern wollte. Sofort ging ich in die Verteidigungshaltung, doch dieses Mal stellte ich fest, dass er nüchtern und freundlich war. Auch er hatte das Internet hier nutzen wollen und da es nicht funktionierte, führte es mich zu einem anderen Ort, an dem es einen offenen Zugangspunkt gab. Auf dem Heimweg wurde mir klar, dass auch diese Situationen nicht ohne Grund in mein Leben getreten waren. Die ersten beiden zeigten mir noch einmal deutlich, wie unmöglich ein Mensch wurde, wenn er nicht er selbst war. In diesem Fall war es der Alkohol gewesen, der ihre Persönlichkeit verändert und ihr wahres sein in einen Käfig gesperrt hatte. In meinem Fall war es mein Verstand gewesen. Aber machte das wirklich einen Unterschied?
Der Junge dann hatte mir gezeigt, dass es wichtig war, offen zu bleiben und nicht schon im Voraus rückschlüsse aus negativen Erfahrungen zu ziehen.

Am nächsten Morgen stellten wir fest, dass der Teer unter unserem Zelt durch die Sonnenwärme teilweise geschmolzen war. Nun klebte er an unserer Plane, an den Schuhen, an unserem Kochersystem und sogar an den Reifen unserer Wagen. Meiner war einen guten Zentimeter tief in das schwarze Schweröl eingesunken.
Die nächsten Kilometer konnten wir auf einer schönen, einsamen Straße wandern, von der wir uns wünschten, dass alle Straßen in diesem Land so waren. An ihrem Ende lag die letzte größere Stadt vor der Grenze. Sie war ein grauenhafter Ort, bei dem wir uns wieder einmal nicht erklären konnten, wie überhaupt ein Mensch hier leben konnte. Vor allem aber verstanden wir nicht, warum alle Menschen aus dem gesamten Umkreis tagtäglich zum Shoppen und Bummeln hier her pilgerten. Es gab nur die gleichen Minimärkte wie überall sonst auch und es existierte nicht einemal eine echte Fußgängerzone. Wir fanden weder ein Hotel noch ein Einkaufszentrum und konnten nicht einmal einen neuen Zigarettenanzünder für unser Solarsegel kaufen. Als wir auf die Hauptstraße stießen, zog gerade eine Prozession an uns vorbei. Zunächst dachten wir, dass es vielleicht ein orthodoxer Feiertag war, doch dann erkannten wir, dass es sich bei dem Umzug um eine Beerdigung handelte. Hinter dem Pfarrer und den Weihrauchschwenkern fuhr ein offener Pick-Up auf dessen Ladefläche die Leiche einer alten Frau lag. Sie befand sich nicht in einem Sarg und war auch nicht abgedeckt, sondern lag einfach von ein paar Blumen umgeben auf der Ladefläche. Ihr Gesicht war bereits von einer Schicht Leichenwachs überzogen und die Haut war getrocknet und eingefallen. Sie musste mindestens seit drei oder vier Wochen tot sein und war bereits zur Hälfte Mumifiziert. Das Alles spielte sich mitten im Hauptverkehr ab. Von allen Seiten rasten die Autos an der Prozession vorbei und verursachten einen Lärm, der es fast unmöglich machte, die Gebetsgesänge des Priesters zu hören. Auf dieser Straße blieben wir noch eine ganze Weile, bis wir schließlich in eine Art Innenstadtbereich ausweichen konnten. Hier war es ruhiger und erträglicher, da alles von einer Art Park umgeben war. Dafür waren die Nebenstraßen in diesem Bereich wieder vollkommen zerstört und bestanden zu großen Teilen nur noch aus Schotter und Sand. Auf den Straßen waren die Menschen gut gekleidet, gepflegt und wirkten durchaus wohlhabend. Die Häuser aus denen sie kamen waren jedoch halb verfallene, Massenwohnbunker aus Betonplatten. Wieder fragten wir uns, warum ein Mensch hier leben wollte. Das einzige, was uns als Grund einfiel, waren die kurzfristigen Ego-Befriedigungen, die man sich hier ergattern konnte. Es gab viele Menschen, also auch eine gute Chance, regelmäßig Sexpartner zu finden. Es gab Fressbuden, Läden zum Klamottenkaufen, Bars und Spielhallen. Alles also, was zur Suchtbefriedigung verhelfen konnte. Sonst gab es nichts.

Was die Fressbuden anbelangte, waren wir aber ebenfalls nicht abgeneigt und so fragten wir in einem Restaurant in einer Nebenstraße nach einer Pizza. Der Besitzer war nicht da, aber einer der Angestellten war von unserer Reise so begeistert, dass er uns die Pizza selbst ausgab. Er machte ein Foto mit uns und postete es bei Facebook. Sofort wurde eine Reporterin der Lokalzeitung auf den Post aufmerksam, die zwei Häuser weiter gelangweilt an ihrem Schreibtisch saß. Sie sprang auf, kam zu uns herüber und bat uns um ein Interview. So enstanden hier also die Zeitungsberichte.
Unser Pizzaspender überredete uns dummerweise auch, ein berühmtes, russisches Malzgetränk zu probieren, das extrem viel Kohlensäure enthielt. Dadurch blähte sich mein Bauch so auf, dass ich den Rest des Tages kaum noch atmen konnte, was für unsere weitere Wanderung nicht gerade von Vorteil war.
Nach der Stadt legten wir noch einmal zwölf Kilometer zurück, bis wir schließlich einen Schlafplaz finden konnten. Hier war es nun leider nicht mehr möglich, innerhalb der Ortschaften zu schlafen, da es hier nur so von gelangweilten Kindern und Jugendlichen wimmelte. Sie verfolgten uns sogar durch ein komplettes Dorf hindurch und starrten uns jedes Mal mit ausdruckslosen Gesichtern an, wenn wir uns zu ihnen umdrehten. Es war fast ein bisschen unheimlich.
Während ich am Abend in eienr Bar Strom abzapfte, wurde Heiko noch einmal von Grenzpolizisten besucht. Sie waren jedoch weniger da, um ihn zu kontrollieren, sondern mehr, weil unser Zeltplatz ein beliebter Pausen- und Rauchplatz für sie war. Nach einem kurzen Gespräch, in dem sie erklärten, dass die Gegend nicht ganz sicher sei, sie aber nur bis um 3:00 Nachts auf uns achten konnten, brachten sie uns sogar noch ein bisschen Brot und Wurst. Später kam einer von ihnen bei mir in der Bar vorbei und fragte, ob ich auch sicher den Weg zurück zu meinem Zelt und meinem Kumpel finden würde.

09.07.2016

Mehr für dich:
Tag 1215: Männerspielplatz

Heute war unser letzter Tag in Moldawien. Eigentlich hatten wir gehofft, dass es mit dem Grenzübertritt wieder leichter werden würde, doch das war zumindest fürs erste noch nicht der Fall. Im Gegenteil, solltes es einer der ansträngendsten Tage überhaupt werden. Bei 33°C im Schatten wanderten wir rund 40km, ohne irgendwo einen geeigneten Platz zum Zelten zu finden. Die letzten 12km bis zur Grenze mussten wir auf eienr viel befahrenen Straße wandern. Warum hier so viel Verkehr war, verstanden wir nicht, denn eigentlich war es noch immer die gleiche Straße, auf der wir uns bereits seit Tagen befanden. Doch die Grenznähe und die Anwesenheit der Stadt, die wir gestern durchquert hatten, sorgten wohl dafür, dass plötzlich jeder zum Fahr-Verrückten wurde. Allein Fahrschulen sahen wir ein bis zwei pro Minute. Gut, dass hier ohnehin bereits jedes Kind mit sechs Jahren das Auto seines Vaters fährt, denn die Fahrschule allein würde sie hier wohl kaum richtig vorbereiten. Das gesamte Land besteht fast nur aus Dirtroads, über die permanent besoffene Geisteskranke heizen und die Fahrstunden finden an der einzigen, geraden und asphaltierten Straße im Umkreis statt.
Bereits bevor wir Moldawien betreten hatten, hatten wir begonnen, uns nach Olivenöl umzusehen, um unseren Sonnenschutz wieder aufzufüllen. Bislang waren wir damit gescheitert und nun hatten wir lediglich noch ein paar Läden Zeit, um dies zu ändern. Zumindest, wenn wir unser Moldawisches Geld dafür verwenden wollten. Doch es war unmöglich. Man konnte hier einfach kein Olivenöl kaufen, nur welches aus Sonnenblumenkernen.
Während ich es in eienm kleinen Supermarkt versuchte, wurde Heiko Zeuge einer spannenden Begegnung zwischen zwei Busfahrern. Die Poizisten, die ihn gestern Nacht besucht hatten, hatten erzählt, dass das Hauptproblem hier im Grenzbereich der Zigarettenschmuggel war, durch den das Suchtmittel von Russland und der Ukraine nach Europa geschleust wurde. Deswegen war die Polizeipräsenz hier so hoch. Lustiger Weise endeten die Schichten jedoch immer gegen zwei Uhr Nachts. Danach wurde nichts mehr kontrolliert. Der Grund: Man hatte festgestellt, dass auch die Schmuggler ungerne zu so später Stunde arbeiteten und so lohnte sich die Polizeipräsenz um diese Zeit nicht. Ein Schelm, wer böses dabei denkt, denn mit Schmiegeldern hatte das sicher nichts zu tun. Stand vielleicht deswegen das Grafitti mit „No Mafia“ an allen Wänden?
Nun vor dem Supermarkt stellte Heiko jedoch fest, dass der Zigarettenschmuggel auf eine ganz andere Art von Statten ging, als man vermutet hätte. Eienr der Busse stammte aus Rumänien, der andere aus Moldawien. waren bis zum Rand mit Passagieren voll. Das hinderte die Fahrer jedoch nicht daran, den Motor abzustellen, auszusteigen und erst einmal ausgiebig zu Quatschen. Wie nebenbei tauschten sie bei dieser Gelegenheit auch eine ganze Reihe an Zigarettenstangen und Geld aus. Das Konzept war einfach: Jeder Fahrgast durfte legal eine Stange Zigaretten über die Grenze bringen. Tat er es nicht, konnte der Busfahrer das Kontingent nutzen und selbst eine Stange verstauen, von der er im Notfall behaupten konnte, dass sie einem Fahrgast gehörte. Für die Fahrgäste war dieses Prozedere vollkommen normal und in Ordnung. Niemand beschwerte sich über die Wartezeit und niemand machte sich Gedanken wegen des Schmuggels.

Die Grenze selbst war die erste ernstzunehmende Grenze, die wir auf unserer Reise passierten. Sie wirkte, als würden wir aus einer Militärdiktatur ausreisen oder zwishen zwei sich bekriegenden Ländern wechseln wollen. Vor der Grenze wartete eine Autoschange von fast einem Kilometer und die wenigen Beamten schienen wirklich jeden von ihnen genau unter die Lupe zu nehmen. Wir selbst wurden von einem aufgeplusterten und mies gelaunten Grenzbeamten abgefangen, der uns zu einem Punkt an einem Zaun führte und uns dort in der Sonne warten ließ. Seien Sprachgewandtheit beschränkte sich auf Rumänisch und ein bisschen Russisch. Wie es möglich war, dass ein Grenzbeamter, der ununterbrochen mit Menschen aller Nationalitäten zu tun hat, keine Fremdsprachen beherrschte, war uns jedes Mal wieder ein Rätsel. Gut dass wir einiges an Saft und Nüssen dabei hatten, denn es dauerte eine Weile, bis sie einen Englischsprachigen Beamten aufgetrieben hatten, der sich um uns kümmern konnte. Er war sogar noch etwas übellauniger und aufgeplusterter als sein Kollege. und begann gleich wieder mit einem Verhör. Für einen Moment glaubte ich, er wolle uns die Ausreise verbieten, so dass wir nun den Rest unseres Lebens in Moldawien verbringen mussten. Doch ganz so weit ging er dann doch nicht. Nachdem wir bestätigt hatten, dass wir weder Drogen noch Waffen bei uns trugen, brachte er uns über die Brücke zur rumänischen Grenze und übergab uns hier an die Kollegen des Nachbarlandes. Diese waren deutlich entspannter und machten sogar wieder ein paar lockere witze. Insgesamt dauerte der ganze Grenzübergang rund eine Viertelstunde. Hätten wir ein Auto bei uns gehabt, hätten wir locker drei Stunden in der prallen Sonne in der Schlange stehen müssen. Zu Fuß zu sein hatte also gewisse Vorteile.

Nun aber begann der wirklich anstrengende Teil des Tages. Hinter der Grenze ging die Hauptstraße mit dem gleichen Verkehrsaufgebot weiter, bis wir rechts in einen Feldweg abbiegen konnten. Zum ersten Mal an diesem Tag wurde es nun ruhig, wenn auch nur für wenige Minuten, denn nun kam ein heftiger Wind auf, der uns sofort wieder in den Ohren pfiff. Die Strecke belief sich auf gute zehn Kilometer und führte uns erst an einem Graben und dann an zwei Seen vorbei. Bäume gab es jedoch keine und so hatten wir auch hier keine Möglichkeit zum Zelten. Auch die nöchste Ortschaft machte es nicht besser. Zum einen weil sich die kleine Nebenstraße hier als ebenso stark befahren entpuppte, wie die Hauptstraße zuvor, zum anderen weil der Ort voll war von betrunkenen und gelangweilten Leuten, die nur darauf warteten, dass wir uns irgendwo niederließen, wo sie uns als Attraktion des Tages ansehen konnten. So planlos wie wir den Ort betreten hatten, verließen wir ihn auch wieder und nach weiteren vier Kilometern widerholte sich das gleiche Spiel mit dem nächsten Dorf. Die einzigen Bäume die es hier überhaupt gab, waren Rubinien, die mit ihren langen Dornen definitif kein geeigneter Zeltplatz waren. Und doch war es schließlich ein Rubinienhain oben an einem Schräghang über der Straße, an dem wir nächstigten, da es sonst keine Alternativen gab. Kaum hatten wir das Zelt aufgebaut, zog eine dicke Wolkendecke auf, die die Sonne verschluckte. Hätten wir dies gewusst, hätten wir auch jeden anderen Platz nehmen können, der einigermaßen eben war. Nun haben wir den wohl schrrägsten Schlafplatz, den wir je hatten. Als Highlight zum Schluss zog dann noch ein heftiges Gewitter auf und riss mit starken Windböen an unserem Zelt, so dass wir fürchteten, es würde einfach zerreißen.

Mehr für dich:
Tag 375: Das Zwei-Mann-Kloster

Spruch des Tages: Na toll, leichter ist es hier auch nicht!

Höhenmeter: 450 m
Tagesetappe: 46 km
Gesamtstrecke: 16.739,27 km
Wetter: sonnig und heiß
Etappenziel: Zeltplatz auf dem Berggipfel über der Straße, kurz hinter 90630 Jassinja, Ukraine

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Bewertungen:

 

About the Author:

One Comment

  1. LunaRa Nitsche 21. November 2016 at 17:20 - Reply

    danke, für den spannenden Bericht!

Leave A Comment

Translate »