Tag 227: Der Schnauzbart

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Tag 227: Der Schnauzbart

Tag 227: Der Schnauzbart

Vorgestern Nacht habe ich mich so wild im Schlaf hin und her gewälzt, dass Heiko neben mir kaum schlafen konnte. Als ich aufwachte war ich schweißgebadet und mein Schlafsack war klatschnass. Sogar auf der Isomatte hatten sich Schweißränder gebildet.

„War irgendetwas besonderes heute Nacht, von dem ich nichts mitbekommen habe?“ fragte Heiko in der Früh.

Ich zuckte die Schultern. „Nicht das ich wüsste!“

„Kann es sein, dass deine Eltern heute aus dem Urlaub zurückkommen?“ fragte er weiter, „Mir kommt es so vor, als wäre deine Körperreaktion eine Art Vorahnung.“

Wieder antwortete ich mit einem Schulterzucken, denn eigentlich konnte ich mir eine solche „Vorahnung“ nicht wirklich vorstellen. Warum sollte ich hier in Spanien eine Schweißattacke bekommen, nur weil meine Eltern 4000km entfernt ihren Urlaub beendet und meine letzte Mail gelesen haben?

Doch die Sache beschäftigte mich tatsächlich mehr, als ich mir selbst eingestand. Erst am Vortag hatten wir ausgiebig darüber gesprochen.

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Heiko hatte mich gefragt, wie es mir geht und wie meine generelle Gefühlslage im Moment ist. „Mir fällt auf, dass du gerade wieder einen deiner Unaufmerksamkeitsschübe hast, die immer dann kommen, wenn du etwas wichtiges verdrängst, weil es dich zu sehr belastet“, eröffnete er mir.

Zunächst war ich davon überzeugt, dass das Quatsch ist, denn was hätte ich schon groß verdrängen sollen? Doch wie mit verdrängten Dingen üblich, verdrängt man sie ja genau aus dem Grund, sie nicht mehr sehen zu müssen und kurz darauf wurde es mir bewusst.

Ich hatte meiner Mutter in einer Mail mitgeteilt, dass ich mich ab sofort nicht mehr beeinflussen lassen würde und meinen Weg gehe, egal was sie von mir halten mag. Auch wenn es bedeutet, dass wir den Kontakt deshalb für immer abbrechen. Kurz darauf habe ich genau das auch im Tagesbericht geschrieben und meinen Standpunkt dadurch in Stein gemeißelt. Zunächst hatte ich geglaubt, das Thema hätte sich damit erledigt. Die alten Stricke wären zerrissen und ich konnte nun endlich vom Herzen her frei sein.

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Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht. Ich habe keine Lektion gelernt, sondern begonnen. Der Schritt war nicht der Schritt über die Ziellinie, sondern über die Startmarkierung. Eine Entscheidung trifft man nicht einmal und dann steht sie für immer fest. Man muss sie jeden Tag aufs Neue treffen. Und mit jedem Tag der verging, schlich sich die alte Harmoniesucht wieder ein. Die Hoffnung keimte auf, dass meine Mutter mich eines Tages doch verstehen würde und das sich alles wieder von selbst regelt. Dass der Twist aus der Welt geschaffen wird, dass sie auch ihre Lektionen lernt, genau wie ich die meinigen und dass wir irgendwann als Familie wieder zusammenfinden. Diese Hoffnung ist wahrscheinlich gut verständlich, aber sie ist leider auch absolut zerstörerisch. Denn sie bedeutet, dass ich nichts anderes mache, als das, was ich meiner Mutter vorwerfe. Ich versuche sie in Gedanken zu manipulieren, so dass sie ihre Fehler einsieht und den Weg einschlägt, den ich für richtig halte. Dazu habe ich jedoch genauso wenig das Recht, wie sie das Recht hatte, mir meinen Weg durch indirekte Manipulationen vorzuschreiben. Die Hoffnung darauf, doch eines Tages wieder eine harmonische Familie zu werden, ist wie das krampfhafte Festkrallen an einem Strohhalm, der verhindert, dass ich in den Lebensfluss komme. Nur ein Vogel, der wirklich freigelassen wird kann zurückkommen. Und so muss auch ich lernen, wirklich loszulassen und die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind.

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Am Abend zeigte sich dann, das Heiko mit seiner Vermutung wie fast immer Recht gehabt hat. Meine Mutter hatte mir genau in jener unruhigen Nacht eine Mail geschrieben, in der sie die Tür zwischen uns endgültig und mit aller Kraft zuschlug, sieben Schlösser davor hängte und alles am Ende mit Beton ausfüllte und zumauerte.

Es war ein Schlag ins Gesicht, aber es war auch der Schlag, den ich gebraucht habe um wirklich loslassen zu können. Hoffe ich jedenfalls. Denn ich kenn mich alten Harmoniebolzen ja und werde bestimmt noch oft wieder ins wanken geraten.

Zu dritt saßen wir gemeinsam beim Abendessen und sprachen über die Themen Familie, Kindheit und erwachsen werden.

„Wisst ihr, was der unterschied zwischen einem Jungen Aborigine und einem Kind in unserer Gesellschaft ist?“ fragte Heiko, „Wenn der Aborigine 15 wird, dann wird er von seinen Eltern raus in die Wildnis geschickt um dort zu jagen und zu lernen, wie er für sich selbst sorgen kann. Er weiß genau, dass er ohne Jagderfolg nicht zurückkehren braucht und er weiß auch, dass er stirbt, wenn er scheitert. Er muss also auf seine Fähigkeiten und seine Talente vertrauen. Sein Mentor wird ihn zu dieser Prüfung erst schicken, wenn er dafür bereit ist und er wird die ganze Zeit über den Jungen wachen, ohne dass dieser auch nur eine Sekunde lang eine Ahnung davon hat. Bei uns hingegen halten wir es für die Pflicht der Eltern, unsere Kinder von Gefahren fernzuhalten. Wenn die Kinder fünfzehn werden, dann setzten wir alles daran, dass sie nicht in die Wildnis gehen, sondern schön im sicheren Dorf bleiben. Aus diesem Grund lernen wir nie, wirklich auf unsere Talente zu vertrauen. Warum fällt es dir so schwer, Tobi? Warum hast du so eine Angst davor, für dich selbst einzustehen? Weil niemals die Absicht und die Notwendigkeit dafür bestand. Wenn du dich in irgendeine Scheiße manövriert hast, dann kam immer jemand und hat deinen Arsch wieder herausgezogen. Und das ist auch genau der Grund, warum du dich so gerne in unangenehme Situationen bringst. Weil du dich nach der Anerkennung und der Liebe sehnst. Ich weiß, das klingt paradox, aber wenn dich jemand aus irgendeiner misslichen Lage befreit, dann fühlst du dich von ihm geliebt und darum geht es. Du bringst dich in diese Abhängigkeit um das Gefühl zu haben, geliebt zu werden, weil du dir selbst nicht den Wert bei bemessen kannst, den du hast. Weil du dir unsicher bist, ob du wirklich liebenswert bist und weil du unsicher bist, ob du dich selbst lieben kannst. Deswegen versuchst du es allen Recht zu machen und daher kommt auch dein Muschi-Dasein.“

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Das Gespräch war im Original etwas komplexer und viele der Sachen, die ich Heiko in künstlerischer Freiheit gerade in den Mund gelegt habe, hat er als Frage formuliert, so dass ich selbst darauf kommen konnte. Doch es wäre an dieser Stelle, zu lang geworden, alles wortwörtlich aufzuschreiben und die Kernessenz ist die Selbe. Ich fühlte mich ziemlich ertappt und ich wusste, dass es stimmte. Paulina musste ein paar Mal Schmunzeln und mindestens genauso oft schlucken, weil sie viele Parallelen zu ihren eigenen Verhaltensmustern und Gedankenstrukturen fand. Wir waren uns in vielerlei Hinsicht so ähnlich, dass es uns fast gruselte.

Theoretisch war die Sache ja ganz einfach: ‚Hör auf, dich selbst klein zu machen oder aufzuspielen, sondern steh zu dir mit allen Macken und Fehlern und dem ganzen Scheiß, den du in deinem Leben verzapft hast. Übernimm die Verantwortung für dich selbst und vertrau auf deine Fähigkeiten und Talente.’ Mal sehen, wie es ab jetzt mit der Umsetzung klappt!

„A pros pros, Männlichkeit!“ sagte Paulina schließlich. „Ich habe dir etwas mitgebracht, Tobi, dass ich dir zum Geburtstag schenken will. Ich habe mir wirklich viele Gedanken darüber gemacht, was es werden könnte, denn eigentlich braucht ihr ja nichts. Also habe ich mir überlegt, es muss was leichtes und etwas absolut sinnloses sein. Und ich habe etwas gefunden, das deine Männlichkeit noch deutlich unterstreicht!“

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Sie reichte mir ein flaches Päckchen mit einer Schleife und ich war ehrlich gespannt, was es wohl sein könnte. Als ich es ausgepackt hatte, musste ich vor Freude lachen. Ich hatte tatsächlich noch nie in meinem Leben etwas so sinnloses geschenkt bekommen, über das ich mich so sehr freute. Es war ein künstlicher Schnauzbart, den man in unterschiedlichen Frisuren dekorieren konnte und den man sich einfach an die Nase klemmte. Sofort machten wir ein paar Bilder damit und am nächsten Morgen dekorierte er die rechte Seite meines Wagens.

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Die Begrüßungsstrecke für Paulina begann nicht gerade überragend. Wir mussten die ersten 7 Kilometer an einer Nationalstraße entlangwandern, die deutlich stärker befahren war, als alle Straßen der letzten Tage. Man spürte, dass wir uns immer mehr der Region von Madrid annäherten. Anschließend konnten wir jedoch auf eine Nebenstraße abbiegen und dort kamen wir nach wenigen Kilometern an einer aufregenden Sehenswürdigkeit vorbei. Sie bestand aus einem winzigen Park mit 4 keltischen Steinstieren, die fleißig von Touristen fotografiert wurden. Auf der Blindentour hatte ich mir vor gut zwei Jahren zum ersten mal im Bullriding geübt. Damals hatte ich so dermaßen abgekackt, dass es eigentlich peinlich ist, die Geschichte überhaupt zu erzählen. Heute war ich jedoch deutlich besser, was wahrscheinlich an mehreren Faktoren liegt. Zum einen stand der steinerne Bulle wie versteinert still an einem Fleck und bewegte sich keinen Millimeter. Er machte nicht die geringsten Anstalten, um mich abzuwerfen. Zum zweiten konnte ich diesmal etwas sehen, was mir das Gleichgewichthalten deutlich erleichterte. Und zum dritten und wahrscheinlich ausschlafgebenden Punkt, trug ich diesmal einen künstlichen Schnauzbart. Damit musste man einfach auf dem Rücken eines Stieres bleiben, ohne dass er einen abschütteln konnte. Nachdem sich auch Heiko und Paulina im Stone-Bullriding geübt hatten, setzten wir uns in den Schatten unter eine Eiche und machten eine ausgiebige Mittagspause. Lange war es her, dass wir einen Platz gefunden hatten, an dem das möglich war und so mehr genossen wir es.

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Von hier aus waren es bis zu unserem Tagesetappenziel noch rund 7km. Die letzten drei waren wieder so steil, dass sie uns fast aus den Latschen warfen, doch der Rest war sehr angenehm. In Cadalso de los Vidrios machten sich Paulina und ich dann gemeinsam auf die Schlafplatzjagd und waren dabei so erfolgreich, dass wir es kaum fassen konnten. Gleich das zweite Hotel mit dem Namen Casa Moncho sagte uns zu und wir bekamen nicht nur ein sondern gleich zwei Zimmer für die Nacht. Eigentlich hatten wir damit gerechnet, dass einer von uns auf der Isomatte schläft, aber so hatten wir sogar allen Freiraum, den wir uns wünschten.

Spruch des Tages: Alles ist OK, wenn du nur einen Schnauzbart hast! (aus „A Million Ways to die in the West“)

Höhenmeter: 320 m

Tagesetappe: 17 km

Gesamtstrecke: 4507,97 km

Bewertungen:

 
2016-03-01T23:09:29+00:00 Allgemein, Spanien, Tagesberichte|

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