Tag 999: Nächtlicher Angreifer

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Tag 999: Nächtlicher Angreifer

Tag 999: Nächtlicher Angreifer

13.09.2016

Der Bürgermeister, der uns den Platz zur Verfügung gestellt hatte, war ein netter, aber auch etwas unbeholfener Kerl, der leider keine Ahnung hatte, wie er uns etwas gutes tun konnte, obwohl er hilfreich sein wollte. Man merkte, dass er mit Gästen in seiner Gemeinde einfach noch keinen Kontakt gehabt hatte. Meine Lieblingsaussage von ihm war: „Wir haben hier etwas frisches Brot für euch!“ – „Wo?“ – „Es ist noch beim Becker, aber wenn ihr es wollt könnt ihr es ja einfach kaufen!“
Der Weg führte uns zunächst einfach weiter zwischen den Hügeln hindurch. Dann aber wurde er zu einem schmalen Feldweg, der zwischen einem Maisfeld und einem Graben eingeklemmt war. Der Maisbauer war ganz offensichtlich kein Fan von Wanderern und Radfahrern, denn er hatte sich große Mühe gegeben, den weg mehr und mehr in ein Feld zu verwandeln. Schließlich war nichts weiter von ihm übrig, als einschräger Grünstreifen, der zum Wasser hin abfiel. es gelang uns trotzdem, uns bis auf die nächste Straße durchzuschlagen, aber die Holperfahrt hatte ihren Preis. die Räder meines Wagens waren so oft hin und hergeschüttelt worden, dass meine Bremse nun wieder genauso laut klapperte, wie am Tag zuvor. Es dauerte nur Sekunden, bis dies wieder zu einem aktiven Reizpunkt zwischen uns führte. Warum schaffte ich es immer und immer wieder, die Dinge, die eigentlich erledigt werden müssten, nicht zu erledigen und so lange auf die Seite zu schieben, bis sie zu akuten Problemen wurden. Es war ein Reizmechanismus in mir, der dafür sorgte, dass alles was ich tat meine Mitmenschen so stark wie nur irgendmöglich nerven musste. Nicht nur Heiko, sondern jeden, der mir über den Weg kam. Die begann damit, dass ich grundsätzlich im Weg stand, dass ich vorbeikommende Autos und Radfahrer erst so spät bemerkte, dass sie abbremsen mussten, bevor ich ihnen Platz machte und dass ich dazu tendierte, alles irgendwie schmutzig oder unordentlich zu machen. Warum also war es mir so wichtig, alle anderen zu nerven? Ich selbst hatte keine Idee dazu, denn ich stand wieder einmal viel zu sehr auf dem Schlauch. Für Heiko als außenstehenden Beobachter war es jedoch vollkommen offensichtlich. Schon immer war ich ein Anerkennungsjunkie gewesen. Ich vertraute nicht darin, dass ich als göttliches Wesen automatisch mit genügend Lebensenergie versorgt wurde und glaubte daher, dass ich sie nur bekam, wenn man mir Aufmerksamkeit schenkte. Diese Aufmerksamkeit holte ich mir als Kind von meinen Eltern, in dem ich versuchte, der Sohn zu sein, den sie in mir sehen wollten. Wenn mir dies nicht ausreichte oder wenn dies einmal nicht funktionierte, dann war die zweite Strategie, sie durch Unordnung, Unpünktlichkeit, Unstrukturiertheit oder ähnliches zu reizen und zu nerven, so dass sie mir ihre Aufmerksamkeit in Form von Ärger schenken mussten.

Zeit meines Lebens kannte ich also nur diese beiden Strategien: Funktionieren wie ein Robotter um dadurch Lob zu erhalten oder indirektes Rebellieren durch nerviges Vertrottelt sein um dafür Rügen zu erhalten, die mir ebenfalls Energie in Form von Aufmerksamkeit schenkten. Andere Möglichkeiten, um an Lebensenergie zu kommen kannte ich nicht. Ich war wie ein Junkie, der immer wieder einen Einbruch begeht, um an den nächsten Schuss zu gelangen. Wenn er dabei erwischt wid und ins Gefängnis muss, dann ärgert er sich über sein Verhalten und schwört sich, zukünftig nicht mehr zu stehlen. Doch wenn er wieder draußen ist, kommt sofort die Sucht und verlangt nach einer Befriedigung. Also fängt er sofort wieder mit dem Stehlen an. Natürlich will er aus den Fehlern des letzten Mals lernen und so versucht er nun, geschickter zu stehlen, damit er nicht wieder erwischt wird. Genau das gleiche versuche ich, in dem ich mir vornehme immer besser und noch besser zu funktionieren. Aber das klappt genauso wenig wie die fehlerfreie Einbruchsserie des Heroinsüchtlings. Die Sucht ist größer und so kommt automatisch die zweite Strategie zum Tragen: Nerven bis zum Umfallen und dadurch Aufmerksamkeit, also die Droge erhalten. Sowohl der Heroinjunkie als auch ich wissen unterbewusst, dass wir uns mit dieser Art des Lebens selbst zerstören und dass es nicht unser Herzensweg ist. Also manipulieren wir uns dabei selbst und sorgen so dazu, dass es nicht ewig so weiter gehen kann. Das Problem ist jedoch, dass wir uns durch unsere Drogen betäuben, so dass wir nichts mehr fühlen können. Im Falle des Junkies ist es das Heroin, was ihn betäubt. In meinem Fall ist es meine Angst vor dem Fühlen und dem Schmerz. Ich brauche keine Droge, um meine Sinne und meine Emotionen auszuschalten. Ich mache dies allein mit meiner Angst. Eine Austestung zeigte später, dass ich gerade einmal 0,9% von dem fühlen konnte, was es zu fühlen gab. Und diese 0,9% bezogen sich fast ausschließlich auf positives Erleben. Ich konnte also den Kick fühlen und wahrnehmen, den mir die Anerkennung gab, wenn ich erfolgreich als Parasit welche ergattert hatte. Im Beispiel des Junkies war dies so, dass ich den Schuss und die damit verbundene Euphorie fühlen konnte. Was ich jedoch nicht fühlte war das Leid und der Schmerz, den ich mir selbst durch meine Anerkennungshascherei zufügte. Als Junkie spürte ich also nicht das Verkaufen, das in den Arsch gefickt werden und die Schläge, die ich bezog um an meien Drogen zu bekommen. In meinem Fall spürte ich all die Herzensverstöße, das ständige gegen mich handeln, das verbiegen, verkaufen und verdrehen nicht, dass ich für die Anerkennung über mich ergehen ließ. Nur deshalb konnte ich auf diese Art und Weise leben. Und so drehte ich mich natürlich im Kreis. Weil ich nichts fühlte, konnte ich meinen eigenen Weg nicht finden und wusste nicht, was mir auf natürliche Weise Kraft gab, so dass ich kein Parasit mehr sein musste. Weil ich jedoch ein Parasit und Süchtig nach Anerkennung war, hatte ich Angst vor meinen Gefühlen und schaltete sie aus. Auch jetzt wo wir dieses Gespräch führten, war in mir nichts als Leere. Es gab kein Gefühl. Ich wusste vom Verstand her, dass ich mich gerade schlecht fühlen sollte, weil ich meinen besten Freund immer wieder aufs neue schädigte und weil ich mir selbst mein Leben unnötig schwer gestaltete, obwohl es mir an nichts mangelte. Doch ich fühlte es nicht. Aus irgendeinem Grund hatte ich beschlossen, wie mein Vater zu werden und nichts in meinem Inneren wahrzunehmen, das keine Wut war. Auch das zu erkennen löste in meinem Verstand den Impuls auf, dass ich dazu etwas fühlen sollte, doch ich fühlte nichts. Wenn ich an meine Familie und meine Freunde dachte, von denen ich mich nun für immer getrennt hatte und die mir nicht einmal ein „Leb Wohl!“ auf meine Trennungsnachricht geantwortet hatten, dann war mir klar, dass eine Trauer in mir sein sollte. Doch ich fühlte sie nicht. Mir war bewusst, dass ich meiner Schwester und meinen engsten Freunden nicht einmal eine Hassmail oder eine Floskelnachricht wert war. Eigentlich sollte ich deshalb so enttäuscht sein, dass ich es kaum aushalten konnte, doch auch hier fühlte ich nichts. Es war nur Leere in mir. Sonst nichts. Die einzigen Momente in denen Gefühle auftauchten waren die extremeren Sankionen gewesen. 20 bis 30 Minuten Brennesseln, verbrühen in heißem Wasser, über 1000 Schläge mit dem Stock. Nur wenn ich Angst hatte, es nicht durchstehen zu können, wenn ich glaubte, dass mein Körper dabei kaputt ging und ich entweder bleibende Schäden davon tragen oder gar sterben würde, dann kamen plötzlich Gefühle hoch. Warum? Weil dann plötzlich nicht mehr mein Verstand die Kontrolle hatte, sondern ein Bereich in meinem Kleinhirn, der für intuitive Schutzprogramme des Körpers zuständig war. Es reagierte nun also nur noch meine Intuition und zwar direkt und ohne Umschweife. Damit gab es nun nichts mehr, das meine Gefühle blocken konnte und sie kehrten an die Oberfläche zurück. Sobald die Todesangst jedoch verschwand, holte sich mein Verstand die Kontrolle zurück und die Gefühle verschwanden wieder.

Die Frage war nun also: Warum war es meinem Verstand so unglaublich wichtig, dass ich gefühlsmäßig tot war? Die Antwort setzte sich aus drei verschiedenen Kernpunkten zusammen. Zum ersten war da die Angst vor den Gefühlen an sich. Ich war es einfach nicht gewohnt zu fühlen und es machte mir Angst, dass da etwas in mir war, das meinem Verstand die Kontrolle entziehen konnte. Fast alles was ich machte lief unbewusst ab. Es gab einen Reiz und auf diesen reagierte ich automatisch mit irgendeienr Handlung, die meist auch noch relativ dämlich war. Trotzdem glaubte mein Verstand, die alleinige Kontrolle über mein Leben zu besitzen und diese Kontrolle wollte er nicht abgeben. Jedes Gefühl, egal ob angenehm oder unangenehm führte jedoch dazu, dass er die Kontrolle verlor. Wenn ich traurig war konnte ich genauso wenig funktionieren, wie mit einem Gefühl von Wut, Verzweiflung, Erregtheit, Enttäuschung oder ähnlichem im Bauch. Wenn Gefühle da waren, waren sie präsent und forderten ihre Aufmerksamkeit. Sie unterbrachen Handlungsabläufe oder veränderten sie in eine Richtung, die vom Verstand nicht geplant war. Dies hasste mein Verstand, denn er wollte immer die Kontrolle haben und über den Verlauf der Dinge bestimmen. Es was also die Angst davor, loszulassen und das geschehen zu lassen, was gerade geschehen wollte. Der zweite Grund war die Angst davor zu erkennen, was ich mir und anderen angetan hatte. Mein Verstand wusste ja, dass er mich dazu bewegt hatte, 31 Jahre lang fast permanent gegen mein Herz zu handeln und meiner Seele so Millionen von Narben zuzufügen. Den Blick darauf zuzulassen und den damit verbundenen Schmerz zu fühlen, war eine große Aufgabe. War, als würde man ein kleines Loch in die Mauer eines Stausees schlagen. Wenn man dies tat, riss das herausströmende Wasser innerhalb von kurzer Zeit die gesamte Mauer ein und es gab kein zurück mehr. Vor dieser Gefühlsflut hatte ich sogar noch mehr Angst, als vor dem Kontrollverlust an sich, denn er bedeutete, dass mein Verstand vollkommen seine Macht verlor. Er würde als kleines Papierschiffchen in einem Meer aus Gefühlen treiben, von denen die meisten schmerzhaft waren und er hätte nicht einmal mehr eine Idee davon, wohin ihn das führen würde. Dies bedeutete nicht nur jede Menge Schmerz, sondern auch den vollkommenen Kontrollverlust meines Verstandes.
Der dritte Grund schließlich hing mit meiner Mutter zusammen und brachte uns noch einmal ein gutes Stück tiefer. Als perfekt funktionierender Sohn gehörte es sich nicht, Gefühle zu haben, denn diese würden ja dazu führen, dass ich eben nicht mehr perfekt funktionierte. Ich hatte also kein Recht dazu, Gefühle zu haben. Mein Leben gehörte nicht mir, es gehörte meiner Mutter und ich hatte so zu leben, wie sie es von mir verlangte. Eigene Gefühle hätten dieses Abhänngigkeitsverhältnis durcheinander gebracht und ausgehebelt, also hatten sie in meinem Leben keinen Platz. Doch das war noch nicht alles!
Das Gefühl, dass mein Leben meiner Mutter gehörte reichte noch weitaus tiefer. Plötzlich fiel mir eine Situation wieder ein, die ich vor vielen Jahren erlebt hatte. Es muss ungefähr im Alter von sechs oder sieben Jahren gewesen sein, denn ich weiß noch, dass ich dabei am Fenster meines Zimmers stand, das sich noch im Bau befand. Damals hatte meine Mutter irgendein Problem mit dem Herzen oder der Lunge und es lag die Vermutung im Raum, dass sie vielleicht Krebs haben könnte. Im Enteffekt stellte sich heraus, das alles in Ordnung war aber für einen kurzen Moment hatte ich Angst, dass sie vielleicht daran sterben könnte. Damals schwor ich mir, dass ich meinem Leben ebenfalls ein Ende bereiten würde, wenn meine Mutter stirbt. Ohne Sie machte mein Leben einfach keinen Sinn mehr. Ich wusste damals nicht, warum ich das dachte, doch es hatte eine solche Präsenz, dass es sich bis heute in mich eingebrannt hat. Es war nicht nur ein flüchtiger Gedanke, sondern ein Schwur, dem ich bis heute versuchte Folge zu leisten. Der Sinn meines Lebens bestand nun einmal darin, meiner Mutter ein guter Sohn zu sein. Wenn dies nicht mehr möglich war, hatte ich mein Leben verwirkt und es war meine Pflicht, ihr in den Tod zu folgen. Gleichzeitig hatte ich selbst das Gefühl, nur dann überleben zu können, wenn sie wohl auf war und mich versorgte. Wie hätte ich ohne sie also überleben sollen. Es war nur logisch, dass ich mich umbringen musste, wenn sie starb.
Natürlich ist meine Mutter nicht gestorben, aber aus meiner Perspektive ist nun etwas gleichwärtiges passiert. Sie ist aus meinem Leben verschwunden, als wäre sie tot und gleichzeitig bin ich noch daran schuld, dass es ihr nicht gut geht. Für das innere Kind, das damals den Schwur geleistet hat, war ich also sogar der Mörder meiner Mutter. Also war es nun auch meine Pflicht, mich umzubringen. Dies war der Grund, waurm der Gedanke an Selbstmord immer wieder so eine immense Präsenz in mir hatte, obwohl es mir eigentlich gut ging. Objektiv betrachtet war es vollkommen lächerlich, dass ich mich in meiner Position umbringen wollte. Ich war seit knapp drei Jahren als freier Wanderer unterwegs, schaute mir die Welt an, lernte täglich neues, musste mir keine Sorgen über Geld, eine Wohnung oder irgendetwas anderes machen, konnte tun, was immer ich wollte, musste in keine Arbeit rumpeln, die mir nicht gefiel Ich lebte meinen Traum, war fit und munter, hatte keine schweren Krankheiten, bekam täglich unzählige Geschenke von allen Seiten und hatte mit 31 Jahren schon mehr von der Welt gesehen als viele andere in ihrem ganzen Leben. Ich sollte der glücklichste und zufriedendste Mensch auf Erden sein! Wie also konnte ich nur im entferntesten an Selbstmord denken? Jetzt wo ich darüber nachdachte, war es absolut lächerlich. Und doch waren die Gedanken da und mussten einen Grund haben. Und dieser Grund lag in dem Schwur von damals. Ich hatte es nicht verdient, glücklich oder zufrieden zu sein, wenn auch nur die Chance bestand, dass meine Mutter es nicht war. Und aus diesem Grund manipulierte ich mein Glück an allen Seiten so gut es nur ging, um mir den erforderlichen Selbstmord schmackhafter zu machen. Doch das reichte nicht, denn ich war eben ein absoluter Schisshase, der niemals den Mumm finden würde um sich selbst ein Ende zu setzen. Denn das einzige, was ich noch mehr fürchte als das Leben, war der Tod. So oft ich ihn mir auch herbeisehnte, wann immer er auch nur einen Hauch in greifbare Nähe kam, wurde meine Angst vor ihm so groß, dass ich plötzlich doch leben wollte. Es war also klar, dass ich den Selbstmord nicht eigenhändig durchführen würde. Also musste mich mein innerer Schwurhüter also dazu bringen, dass ich mein Leben auf indirekte Weise beendete. Auch wenn ich es selbst nicht konnte, konnte ich doch wenigstens Ereignisse provozieren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhten, dass mich jemand anderes umbrachte. Dazu gehörte, dass ich jeden Menschen so stark wie möglich nervte, damit dieser dann irgendwann ausrasten und gewalttätig werden konnte, was mit etwas Glück dazu führte, dass er mich umbrachte. Dazu gehörte auch, dass ich so unaufmerksam wie möglich wurde, damit ich in jede Gefahr rennen konnte, die mein Leben möglicherweise beendete. Und dazu gehörte, dass ich immer wieder Reflexhandlungen ausführte, die vollkommen Lebensuntauglich waren. So zog ich unbewusst immer wieder das Handy aus der Tasche, um den Streckenverlauf zu überprüfen, wenn wir über eine gefährliche Straße gingen.

Der Schwur aus meiner Kindheit hatte also gleich mehrere fatale Folgen. Er machte mich nervig und unangenehm für andere Menschen, sabotierte mein Glück so gut es ging, machte mich unaufmerksam und naiv, stopfte meinen Kopf mit Selbstmordgedanken voll und lähmte meine Gefühle, damit ich zumindest schon mal nicht mehr lebte, wenn ich es schon nicht schaffte, mich umzubringen.
Die Frage ist nun, wie ich diesen Kreislauf durchbrechen kann!
Zum einen muss ich irgendwie den Schwur von damals auflösen, meiner Mutter die Verantwortung über ihr Leben zurückgeben und diese unheilsame Verbindung zwischen uns kappen, die ich damals aufgebaut habe. Zum anderen muss ich es schaffen, ins Fühlen zu kommen, in dem ich mich mehr und mehr meiner Angst stelle und sie überwinde. Dazu sind wiederum die Sanktionen wichtig. Denn nur durch sie komme ich im Moment ins fühlen. Es ist, als gäbe es eine innere Schwelle, eine Art Break-Even-Point, der überwunden werden musste, damit ich in der Lage war, Gefühle zuzulassen. Und im Moment lag dieser Punkt bei der gefühlten Gefahr, dass mein Körper dauerhafte Schäden durch eine Sache davontragen konnte. Es musste eine Situation entstehen, der ich nicht entkommen konnte und in der ich einen körperlichen Schmerz fühlte, der so stark war, dass ich glaubte, ihn nicht überstehen zu können, nicht ohne dabei ernsthafte, vielleicht sogar chronische Schäden davon zu tragen. Dies musste nicht der Wahrheit entsprechen. Brennesseln, Wasser mit einer etwas zu heißen Temperatur oder Mikronadelstiche reichten dafür aus. Wichtig war, dass es sich für mich nach einer ernsten Verletzung anfühlte. Dann tauchte die akute Todesangst auf und diese sorgte dafür, dass ich automatisch ins Fühlen kam. Alle Situationen in denen ich mich in mich selbst zurückziehen konnte, wie beispielsweise die Streitgespräche, die Gefahr, meinen besten Freund und Mentor zu verlieren und zukünftig alleine unterwegs sein zu müssen, energetisch ausgesaugt zu werden und ähnliches führte immer nur dazu, dass ich mich entschied, noch gefühlskälter zu werden. Das gleiche galt für Sanktionssituationen in denen der Schmerz nicht stark genug war. Wenn ich das Gefühl hatte, es einfach durchstehen zu können, dann tat ich dies, da nun der Wunsch nach Anerkennung durch Gefallen und Aushalten größer war, als der Wunsch mich zu schützen und unversehrt zu bleiben. Nur die direkte Todesangst löste ein Notfallprogramm aus, das meinen Verstand ausschaltete, so dass ich nur noch intuitiv handeln konnte und damit auch fühlen musste. Es war ein wenig so, wie wenn man seine Hand auf die heiße Herdplatte legt. Man kann sie dort nicht lange liegen lassen, selbst wenn der Verstand es will, weil das Kleinhirn auf Schutzreaktion schaltet und die Hand automatisch wegzucken lässt, um den Körper zu schützen. Nur wenn man wirklich keine Schmerzrezeptoren mehr in der Hand hat, kann man sie liegenlassen auch wenn sie dabei verbrennt. Das passiert entweder dann, wenn man seine Nerven komplett betäubt hat, bzw. wenn sie aus irgendeinem Grund nicht mehr funktionieren, oder wenn man so tief in einem Schockzustand ist, dass sie keine Impulse mehr weitergeben. Zum glück war aber dies beides bei mir noch nicht der Fall.

Doch auch dies waren noch nicht alle Aspekte, die es zu erkennen galt. Die permanente Dummheit, Unüberlegtheit und Ungeschicklichkeit mit der ich hantierte, hatte noch weitere Ursachen, die aufgelöst werden wollten und auch bei den Selbstmordgedanken gab es noch mehrere Ebenen.
Auffällig war ja, dass ich mit meinem naiven und unselbstständigen Handeln meinen Vater imitierte. Solange ich ihn kannte hatte er schon immer im Schatten meiner Mutter gestanden und sich in jeder erdenklichen Situation dafür entschieden, nichts alleine tun zu können, sondern immer die Hilfe anderer zu beanspruchen, um zurecht zu kommen. Dies begann beim Zubinden von Mülltüten, für das man grundsätzlich vier Hände brauchte, wenn es nach ihm ging und es endete beim Einpacken von Geschenken, was in der Regel meine Schwester für ihn übernehmen musste. Es war nicht so, dass er diese Dinge nicht konnte. Er konnte sie sogar recht gut, vorrausgesetzt, dass er keine Hilfe finden konnte und daher alleine handeln musste. Doch sobald er eine Chance witterte, Hilfe ergattern zu können nutzte er sie. Und obwohl ich diese Angewohnheit als Kind immer belächelte und mich auch oft darüber ärgerte, verhielt ich mich nun ganz genauso. Die Frage war nur warum?
Die erste Frage, die man dazu jedoch verstehen muss ist, „Warum hat sich meine Mutter ausgerechnet und ganz gezielt einen dummen, unselbstständigen Partner ausgesucht, der nichts alleine kann? Die Antwort ist einfach. Ein unselbstständiger Depp, der für alles Hilfe braucht, macht sich abhängig und kann damit nicht weglaufen. Er weiß, dass er alleine nicht überleben kann und bleibt allein aus Selbstschutz schon bei seinem Partner. Und nichts hat das Leben meiner Mutter so sehr geprägt, wie die Angst vor dem Verlassenwerden. Der Schachzug, sich bewusst einen Partner zu wählen, der rein logisch gar nicht gehen konnte, war also genial gewählt. Auf diese Weise konnte meine Mutter meinen Vater fest an sich binden und musste sich ihrer Angst nun nicht mehr stellen. Gleichzeitig hatte es für meinen Vater natürlich den Vorteil, dass er sich auch seinen Ängsten nicht stellen musste. Als Kind einer Übermutter, die ihren Kindern jede Lebensentscheidung abnahm füchtete er sich vor allem, bei dem er sich irgendwie entscheiden musste. Meine Mutter als Partnerin zu wählen, die ihm nun die Rolle seiner eigenen Mutter übernahm, sorgte also wiederum dafür dass er seiner Angst ausweichen konnte, ohne sich ihr stellen zu müssen. Die Paarbeziehung meiner Eltern war also von Vornherein nicht darauf ausgelegt, sich gegenseitig beim Wachsen und Entwickeln zu helfen, sondern sich im Ist-Zustand gegenseitig festzuhalten, so dass man seine Lebensthemen niemals anschauen und sich seinen Ängsten nicht stellen musste. Für mich als Kind waren diese Strukturen sofort erkennbar und da ich meine Eltern unterstützen wollte, um mein Überleben als ihr Kind zu sichern, übernahm ich diese Themen und Bürden in mehrerlei Hinsicht. Zum einen wollte ich meinem Vater die Dummheit und Unüberlegtheit abnehmen, indem ich sie mir selbst aufbürdete. Der Gedanke lautete: „Wenn ich die Unselbstständigkeit übernehme, so dass Mama noch immer die Sicherheit hat, dass ich sie niemals verlassen werde, dann brauchst du, Papa, dir diese Bürde nicht mehr aufzulasten. Gleichzeitig übernahm ich natürlich auch die Verlassensangst meiner Mutter in der Hoffnung, ihr das Leben dadurch ebenfalls etwas leichter machen zu können, was natürlich mir als Kind auch wieder bessere Lebenschancen verschafft hätte. Je besser es den Eltern geht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich um einen Kümmern und einem Aufmerksamkeit schenkten.

Gleichzeitig spürte ich aber natürlich auch, dass das vorhandene System nicht passte und dass es gegen die Herzensstimmen meiner Eltern verlief. Daher wollte ich ihnen helfen, ihre Angst zu curieren und zu überwinden, indem ich dafür sorgte, dass der umgangene Verlassens-Angst-Konflikt doch noch aktiv und damit auflösbar wurde. Dafür gab es wiederum zwei Wege. Entweder ich sorgte dafür, dass mein Leben relativ schnell wieder endete, indem ich entweder meinen tod provozierte oder selbst in die Hand nahm, oder ich beendete den Kontakt zwischen mir und ihnen für immer. Nur so konnte ich dafür sorgen, dass sie sich ihre Verlustängste anschauen, sie ins Bewusstsein holen und sich ihnen stellen müssen.
Gleichzeitig war aber natürlich auch mein Ego noch mit im Spiel und dieses war nun auf Rache aus. Auch wenn ich es nie bewusst verstanden hatte, hatte ich doch auch als Kind immer schon gespürt, dass die Nähe zwischen mir und meinen Eltern nicht echt war. Nach außen hin waren wir eine glückliche Familie, aber eben eine ohne Gefühle und so spürte ich immer eine Leere zwischen uns. Ich hatte also auf einer suptilen Ebene stets das Gefühl, von meinen Eltern verlassen worden zu sein. Diese Gedanken führten später dazu, dass den Kontaktabbruch in gewisser Hinsicht auch als Befriedigung empfand. In mir dachte es: „Mama, Papa, ihr habt mich verlassen, also verlasse ich nun auch euch!“
All diese Ebenen zu erkennen führte aber leider noch immer nicht dazu, dass mir das Fühlen nun leichter fiel. Ich wusste jetzt, warum ich ein Gefühlszombie und ein Anerkennungsjunkie war, doch ablegen konnte ich es deswegen noch nicht. Am Abend sollte sich jedoch zeigen, dass die Situation langsam immer ernster wurde.
Nach den letzten beiden Tagen, in denen wir mit der Schlafplatzsuche relativ erfolgreich waren, glaubten wir zunächst, dass wir unsere Dürrephase in dieser Richtung überwunden hatten. Doch wie sich herausstellte war das leider nicht der Fall. Das einzige Übernachtungsangebot, das wir heute auftreiben konnten war ein Platz in einem Pfadfinderheim. Theoretisch wäre das eine hervorragende Option gewesen, doch praktisch hätten wir den Raum erst am späten Abend nutzen können, da zuvor noch eine Großveranstaltung darin abgehalten wurde. Leider zählte die Stadt, in der wir uns befanden zu einer der wenigen wirklich unangenehmen, die wir in Tschechien durchquert hatten und vie Vorstellung mehrere Stunden hier auf der Straße warten zu müssen, empfanden wir als absoult unmöglich. Also dankten wir für das Angebot, lehnten es ab und folgten weiter dem Weg in Richtung Österreich. Langsam konnten wir es kaum noch erwarten, diese Grenze endlich zu überqueren. „Wahrscheinlich werden wir den österreichischen Boden küssen, wenn wir dort ankommen!“ meinte Heiko halb ernst und halb scherzhaft. Spannend dabei war, dass die Menschen, denen wir begegneten alle perfekte Spiegel für mich waren, die jeweils die gleichen Syndrome zeigten wie ich. Auch sie zeigten keine Gefühle, wirkten abwesend und Tod, waren nervig, zeitraubend und wenig hilfreich, also genau so, wie ich mich gerade selbst wahrnahn. Dafür aber wurde die Natur langsam immer reichhaltiger. Wir konnten nun immer wieder Äpfel und Birnen ernten, die auch bereits nach etwas schmeckten und zum ersten Mal in diesem Jahr kamen wir an reifen Weintrauben vorbei, die wunderbar süß und fruchtig schmeckten. In einem dieser Weinfelder, kurz vor einer kleinen Ortschaft bauten wir unser Zelt auf. Wasser hatten wir so gut wie keines mehr und auch mit dem Essen war es eher knapp besäht. Daher stattete ich dem Ort noch einen kurzen Besuch ab, der jedoch mittelmäßig erfolgreich blieb. Ein Mann der Englisch sprach erklärte sich bereit, die von mir mitgebrachten Wasserflaschen aufzufüllen und einer deutschsprachige Frau gab mir zwei weitere Flaschen mit Leitungswasser, vier Kekse und einen Liter Milch. Alle anderen schlugen mir sofort wieder die Tür vor der Nase zu.

Für ein gekochtes Abendessen hatten wir dennoch gerade genug Nahrung und so machte ich mich an die Zubereitung. Gerade als ich fertig war, kam ein Auto auf unser Zelt zugefahren. Ein glatzköpfiger Mann um die dreißig stieg aus und kam auf mich zu. Das markante Tattoo mit der großen 88 auf seinem Arm und das T-Shirt, auf dem in altdeutschen Buchstaden das Wort „Deutschland“ zusammen mit einigen sehr eindeutigen Symbolen zu sehen war, ließen keinen Zweifel an der politischen Gesinnung unseres Besuchers. Sein Englischwortschatz ging gegen null und trotz seiner Begeisterung für das Nazi-Deutschland sah es mit seinem Deutsch leider nicht besser aus. Die Kommunikation reichte gerade aus um zu verstehen, dass er wissen wollte, wer wir waren und was wir hier wollten. Ich zeigte ihm unseren Zettel mit den Standartantworten und nachdem er ihn gelesen hatte, drehte er sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort.
Wir hatten jedoch kaum zu Ende aufgegessen, also der Nazi wieder auftauchte. Dieses Mal war er noch weitaus unfreundlicher als beim ersten Mal und zur Begrüßung schlug er gleich mehrere Male gegen unser Zelt. Als ich nach draußen trat stand er direkt vor mir und widerholte genau zwei Sätze, die er offensichtlich kurz zuvor auswendig gelernt hatte: „Get off! My Place!“
Ich versuchte zu einr Erklärung und einigen guten Worten anzusetzen, um ihn zu beruhigen, doch er war nicht auf eine Konversation aus. Stattdessen schlug er mir mit der Hand ins Gesicht und verschwand dann wieder zwischen den Weinreben. Der Gedanke, der mir dabei durch den Kopf fuhr lautete: „Scheiße! Jetzt bist du genau wie Paulina und ziehst ebenfalls Gewalttäter an, weil du keine Fortschritte machst!“
Es war klar, dass wir hier nun nicht länger bleiben konnten. Wenn der Mann einmal wiedergekommen war um Stress zu machen, dann kam er auch ein weiteres Mal und dann würde er wahrscheinlich wirklich abgehen. und vielleicht sogar ein paar Freunde mitbringen. Uns blieb also nichts anderes übrig, als im Dunkeln und mitten in der Nacht alles wieder zusammenzupacken und erneut loszuwandern. So ärgerlich dies am Anfang auch war, so schön wurde unsere nächtliche Tour und schließlich waren wir dem Neonazi sogar ein bisschen Dankbar dafür. Der Mond stand fast voll am Himmel und erleuchtete uns unseren Weg. Dieser führte uns erst an einem Fluss und dann an einem riesigen See vorbei. Es war eine laue Sommernacht und wir hätten erwartet, unzählige Pärchen anzutreffen, die die romantische Stimmung und die Einsamkeit nutzten. Doch wir trafen kein einziges. Dafür aber begegneten uns unglaublich viele Tiere, die sich am Tag meist in ihren Gebüschen versteckten. Eine Eule flog über unseren Köpfen hinweg, mehrere Igel kreuzten unseren Weg und immer wieder blitzten in der Dunkelheit die Reflexionen von Augen sorieren Nachdem wir den See das erste Mal verlassen hatten, kamen wir an einem gigantischen Erlebnisbad vorbei, das locker Platz für mehrere Tausend Gäste bot.
Schließlich erreichten wir eine kleine Böschung zwischen zwei Feldern, in der wir unser Zelt aufschlugen. Ideal war dieser Platz natürlich nicht, aber dafür, dass wir ihn komplett im Dunkeln ausgewählt und eingerichtet hatten, schliefen wir erstaunlich gut darauf.

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Spruch des Tages: Get off my Place!

Höhenmeter: 40 m
Tagesetappe: 36 km
Gesamtstrecke: 18.258,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Privatpension, 3601 Dürnstein, Österreich

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