Tag 801: Monte Sant Angelo

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Tag 801: Monte Sant Angelo

Tag 801: Monte Sant Angelo

20.02.2016
Der Tag begann ganz harmlos mit einem leichten Wind und wenigen Wolken am Himmel. Kaum hatten wir unser Kloster jedoch verlassen, zogen dicke schwarze Wolken auf. Wenige Minuten später begann es zu tröpfeln und kurz darauf brach ein ausgewachsener Regenschauer über uns herein. Wir schafften es gerade noch, uns an einem Felsvorsprung unterzustellen und regenfest umzuziehen. Doch bei Regen alleine blieb es nicht. Ein heftiger Sturm peitschte auf und gleichzeitig verwandelten sich die Regentropfen in einen Eisregen. Später kamen sogar Schneeflocken hinzu. Innerhalb weniger Minuten waren wir kaltgefrohren, wie zwei Fischstäbchen im Bofrost-Wagen. Die Strecke bis nach Monte Sant Angelo hatte nicht weit gewirkt, doch es waren noch immer gut 11km.

Als wir die Stadt erreichten fegte der Wind umso heftiger. Verwunderlich war das nicht, denn sie lag direkt oben auf dem höchsten Gipfel, knapp 900m über dem Meer. So schnell wir konnten huschten wir in die den Eingang der Kirche, oder besser in das, was wir dafür hielten. Denn das Heiligtum von Monte Sant Angelo war etwas anders aufgebaut, als die meisten anderen Kirchenzentren. Oben auf dem Berg befand sich lediglich der Glockenturm der Kirche, sowie ein Klostergebäude und ein Kirchenportal. Dahinter lag eine lange Treppe, die tief hinunter in den Berg führte. Erst hier begann das eigentliche Santuario. Fürs erste hatten wir dafür jedoch nur wenig Aufmerksamkeit übgrig. Unsere Hände waren so kalt, dass wir sie nicht einmal mehr benutzen konnten, unsere klamotten waren durchnässt bis auf die Unterwäsche und wir zitterten am ganzen Körper. Wenn wir nicht bald jemanden fanden, der uns Unterschlupf gewährte und uns somit die Möglichkeit gab, uns wieder aufzuwärmen, dann würde diese beeindruckende Grottenkirche auch unser Grab werden. Sicher, es gab deutlich schlechtere Orte zum erfrieren, aber trotzdem war unsere Motivation in diese Richtung eher gering. Wie wir später herausfanden wurde das Santuario von einer Gruppe polnischer Mönche betreut, die im angegliederten Kloster lebten. Das Dumme war nur, dass die meisten von ihrnen entweder beschäftigt oder ausgeflogen waren und erst zum Mittagessen in gut eineinhalb Stunden wieder um Hilfe gefragt werden konnten. Die Dame von der Pilgerinformation konnte mir lediglich den Tipp geben, in die Beichtkirche zu gehen und einen der Pfarrer anzusprechen, die grade die Beichte abnahmen. Vor ihren Beichtstühlen wartete bereits eine lange Schlange reuhmütiger Christen, die zunächst gar nicht begeistert waren, dass ich mich vordrängeln wollte. Erst als ich ihnen erklärte, dass ich gar nicht beichten, sondern nur einen Schlafplatz und eine Möglichkeit zum Umziehen wollte, ließen sie mich vor. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Beichtstuhl betrat und dann hatte ich auch gleich noch so ein seltsames Anliegen.

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„Entschuldigung!“ sagte ich vorsichtig, „darf ich Sie auch etwas in einer anderen Angelegenheit fragen?“ fragte ich und fühlte mich seltsam dabei.
Der Pfarrer wusste erst nicht so genau, worauf ich hinaus wollte, ließ mich aber aussprechen und reagierte erstaunlich freundlich und hilfsbereit. Er müsse noch kurz die anderen Beichten abnehmen, aber in etwa einer halben Stunde würde er sich um uns kümmern. Das war doch schon einmal ein Wort! Wir bedankten uns bei den Sündern und kehrten an die Oberfläche zu unseren Wagen zurück. Der Regen hatte aufgehört und so beschlossen wir, die halbe Stunde zu nutzen, um uns schon einmal in trockene Kleider zu hüllen. Gegenüber der Kirche gab es eine öffentliche Toilette, die dafür wie geschaffen schien. Vor der Tür stand eine junge Dame, die eigentlich damit beschäftigt war, den Leuten 30 Cent für ihren Klobesuch aus der Tasche zu locken. Da wir aber ohnehin kein Geld hatten und ja auch gar nicht aufs Klo wollten, erfand Heiko kurzerhand eine neue Beschäftigung für sie. Seine Hände waren so kalt, dass er nicht mehr in der Lage war, seine Schnürsenkel aufzubinden.
„Da, kalt, Schuhe, Hilfe, Bitte?“ erklärte Heiko der Dame sein Problem so gut er konnte. Sie verstand ihn, grinste und half ihm beim Schuheausziehen. Lustigerweise freute sie sich sogar über die Gelegenheit, jemandem helfen zu können und war danach gleich viel besser drauf.

Trocken aber noch immer unterkühlt kehrten wir in die unterirdische Kirche zurück und warteten auf den Pfarrer. Er war als Beichtvater offenbar recht beliebt, denn die Schlange vor seiner Tür wollte einfach nicht abreißen. Auffällig war, dass die Frauen jedes Mal deutlich länger für die Beichte brauchten, als die Männer. Ich versuchte meine Hände über einer Kerze zu wärmen, doch das gelang nur mit mäßigem Erfolg. Wenn es noch lange dauerte, dann würden wir doch noch erfrieren. Am Ende mussten die Gläubigen dann noch ihre Beichte beichten. „Vergieb mir Vater, denn ich habe gesündigt! Durch meine Beichte habe ich den Pfarrer so lange aufgehalten, dass draußen in der Kirche zwei Männer erfrohren sind.“ Das wäre doch mal eine gelungene Beichte.
Doch soweit kam es dann doch nicht. Das Licht im Beichtstuhl erlosch und die Tür auf der Pfarrerseite öffnete sich. Heraus kam eine Hühne, der sogar noch ein gutes Stück größer war als wir selbst. Entweder war der Pfarrer der größte Italiener, den es gab oder aber er war gar kein Italiener. Wie sich herausstellte, war es das letztere. Genau wie seine Ordensbrüder stammte er aus Polen, lebte aber schon eine halbe Ewigkeit hier im Herzen des Berges. Er führte uns in das innere des Klosters, wo wir jedoch von der Haushälterin aufgehalten wurden. Es gab fast immer einen Menschen, an dem man vorbei musste, wenn man vorankommen wollte. Meistens war es der Superior oder der Hauptspfarrer, doch manchmal war es eben auch die Putzfrau. In diesem Fall weigerte sie sich, uns mit unseren Wagen durchzulassen, weil sie gerade frisch geputzt hatte. Auf eine gwisse Weise konnte man das natürlich verstehen, doch der Pater duldete diese Art der Abweisung nicht.

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„Was glaubst du ist wichtiger?“ fragte er sie zynisch, „Dein sauberer Fußboden oder die Gastfreundschaft für unsere Besucher?“
Es dauerte einen Moment, aber dann erinnerte sich die Frau wieder daran, dass sie für die Mönche arbeitete und nicht andersherum. Mit leidvoller Mine und über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen ließ sie uns gewähren. Wir wurden in einen warmen aufenthaltsraum geführt und unser Gastgeber brachte uns heißen Tee, Saft und Früchte. Man spürte sofort, dass er in einer anderen Kultur aufgewachsen war und das Gastfreundschaft für ihn etwas ganz anderes bedeutete, als für die Einheimischen.
Nach dem gemeinsamen Essen bekamen wir unsere Zimmer und konnten uns dann gestärkt und erwärmt auf unseren Erkundungsgang durch das Heiligtum machen.

Die Geschichte von Monte Sant Angelo ist bereits sehr alt. Der Legende nach ist hier am 8. Mai 492 der Erzengel Michael einer Gruppe von Hirten erschienen. Monte Sant Angelo war zu diesem Zeitpunkt wirklich nichts weiter als ein Berggipfel. Erst wenige Jahre zuvor war das römische Reich untergegangen und die ganze bekannte Welt befand sich noch immer in Aufruhr und Durcheinander. Bereits mit dieser Erscheinung des Erzengels begann die Geschichte des Ortes als Pilgerstätte. Sie ist damit eine der ältesten, die es in Europa überhaupt gibt. Die Legende erzählt weiter, dass diese Erscheinung der Anlass für die Gründung eines Michaelkultes war, der rund zweihundert Jahre später offiziell im Norden von Frankreich gegründet wurde. Dort wurde dann auf dem Monte Saint Michel eine zweite Kultstätte zu Ehren des Erzengels gegründet, die bis heute unzählige Gläubige in ihren Bann zieht. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch die Grottenkirche im Herzen des Berges gebaut. Die oberirdischen Gebäude kamen erst sehr viel später hinzu, der Turm 1274 und das Eingangsportal sogar erst 1395. Aus heutiger Sicht sind sie also auch schon nicht mehr die jüngsten.

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Die Mischung aus alten Säulen und Mauern mit den natürlichen und unbearbeiteten Höhlenwänden ließ die beiden Kirchensäle eindrucksvoll und mystisch erscheinen. Eine besondere Energie oder eine spirituelle Kraft konnten wir zwar nicht spüren, doch die ganze Einrichtung war eine großartige Kulisse, die sich perfekt für den Dreh eines Märchen- oder Fantasy-Films eignete. Vor allem bei diesem Wetter herrschte hier eine besondere und fast schon unheimliche Stimmung. Der Wind pfiff um jede Ecke und riss an allem, was nicht niet- und nagelfest war. Verglichen mit San Giovanni Rotondo war dieses Heiligtum auf jeden Fall beeindruckender.

Spruch des Tages: Der Erzengel Michael ist bekannt dafür, dass er seine Gäste auf eine ordentliche Probe stellt.

Höhenmeter: 30 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 14.288,27 km
Wetter: sonnig, leichter Wind
Etappenziel: Kloster, etwas außerhalb von 72022 Latiano, Italien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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