Geisterstädte in Deutschland: Sterben unsere Dörfer aus?

 

Heute werden uns Geisterstädte beschäftigen

Es ist schön zu wissen, dass die Menschen und Mächte auf einen achten. Dass sie das tun, haben wir in den letzten Tagen unzählige Male spüren dürfen, ähnlich gruselig wie vorkommende Geisterstädte. Heute hat sogar noch mein Computer begonnen, sich um unsere Gesundheit zu kümmern. Er war ganz offensichtlich der Meinung, dass wir in den letzten Tagen etwas zu wenig Schlaf abbekommen haben und sorgte dafür, dass wir heute ausschlafen konnten. Ich hatte den Wecker am Abend zwar gestellt, aber er weigerte sich zu klingeln. Auch die Sonne, die den Weckdienst hätte übernehmen können, hatte heute wieder einmal Urlaub. Also schliefen wir, bis wir wach waren, was auch wirklich gut tat.

Das historische Strassenmuseum in Germersheim

Das historische Strassenmuseum in Germersheim

Zum Frühstück waren wir mit der Frau des Dekans verabredet, die zum Glück sehr entspannt war, was das Einhalten von Verabredungszeiten anging. Beim Essen schilderte sie uns das Mitgefühlsversprechen der Kirche einmal aus der anderen Perspektive. Jakobspilger kamen hier zwar so gut wie nie vorbei um nach einem Obdach zu fragen, doch Menschen die um Unterstützung baten gab es häufig.

Gibt es eine finanzielle Unterstützung der Kirche?

Oftmals sind es Obdachlose oder sozialschwache Familien, die nach etwas zu Essen oder nach finanzieller Unterstützung fragen. Einmal war eine Frau auf der Walz da, die ebenfalls im Gemeindehaus der Geisterstädte übernachten durfte. Die Dekanatsfamilie unterstützt die Menschen so gut sie kann. Von der Kirche gibt es jedoch kein Budget dafür. Wenn sie etwas geben, geben sie es aus eigener Tasche. Früher gab es noch Gutscheine für den Aldi, mit denen die Bedürftigen Waren im Wert von bis zu 5 € bekommen konnten. Viele haben sie dankbar angenommen, andere jedoch haben sich darüber aufgeregt, dass der Wert nur so gering sei. Dann kam eine Familie, die die Gutscheine kopierte und fälschte. Innerhalb einer Woche erleichterten sie Aldi dadurch um rund 500 €. Daraufhin wurden die Gutscheine aus dem Verkehr gezogen. Schade dass solche Angebote durch einzelne schwarze Schafe zerstört werden. Die Dankbarkeit für die kirchliche Unterstützung war auch sonst sehr unterschiedlich. Einige freuten sich aufrichtig über jede form der Hilfe, während andere sogar ausfallend wurden und Geld oder Wahren einforderten.

Machtkämpfe zwischen den Gemeinden

Wir fragten die Dekanin auch nach dem auffallend dünnbesetzten Kirchenpersonal in dieser Gegend. Lingenheim war schließlich nicht die erste Gemeinde gewesen, die seit Jahren ohne eigenen Pfarrer auskommen musste. Sie erzählte uns, dass es tatsächlich immer schwieriger würde. Der Kirche liefen die Menschen davon und um die wenigen Schäfchen die es noch gab, gab es zum Teil richtige Machtkämpfe zwischen den Gemeinden. Doch der Deutschen Kirche ginge es noch immer zu gut, als dass sie etwas an ihrem Konzept ändern würde. In England seien die Gemeinden der Geisterstädte schon weiter. Hier war es zum Teil so schlimm, dass sie nur noch drei oder vier Gemeindemitglieder hatten. Sie setzten daher alles daran, neue Schäfchen zu gewinnen. Das konnte mitunter Bedeuten, dass sie einen Indoor-Abenteuer-Spielplatz in die Kirche bauten, um junge Familien anzulocken. Nicht gerade eine orthodoxe Lösung, wobei die Idee von einem Pfarrer, der seine Predigt von einer Riesenschaukel in der Form eines Kreuzes hält, durchaus einen gewissen Charme hat.

Ein Kraftwerk betont das gruselige Gefühl der Geisterstädte

Ein Kraftwerk betont das gruselige Gefühl der Geisterstädte

Was unterscheidet die evangelische und katholische Kirche?

In Deutschland geht es der evangelischen Kirche nach ihren Angaben zumindest finanziell noch deutlich besser als der katholischen. Als ich am Nachmittag über den Kirchplatz der katholischen Gemeinde in Rülzheim pilgerte, konnte ich diesen Punkt recht gut nachvollziehen. Wohin ich auch sah, überall schauten mir in der Geisterstadt schauerliche Figuren entgegen, die gerade dabei waren, sich gegenseitig die Köpfe abzuschlagen, sich auszupeitschen oder sich auf andere unromantische Art gegenseitig zu malträtieren. Auch Jesus gab kein besonders hoffnungsvolles Bild ab, wie er so erschlafft und blutverschmiert am Kreuz hing. Warum betonte die christliche Kirche eigentlich ausgerechnet diesen Aspekt seines Lebens? In Bezug auf sein ganzes Leben verbrachte der Mann nicht einmal ein halbes Prozent seiner Zeit am Kreuz und trotzdem wird er immer so dargestellt? Warum gibt es so wenig Darstellungen davon, wie er jemanden heilt, wie er übers Wasser geht, lustig mit seinen Jüngern zusammensitzt oder auf sonst eine Art eine positive Stimmung verbreitet? So wie ich es verstanden habe, ist es die Aufgabe der Kirche, den Menschen Hoffnung, Zuversicht und Orientierung zu geben, und nicht kleine Kinder auf dem Dorfplatz mit Horrorszenarien zum Weinen zu bringen.

Die evangelische Kirche ist da mit den stilisierten Darstellungen der Glaubenssymbole, die meist auf leidvolle Details verzichten schon etwas humaner. Die Mitglieder beider Konfessionen haben uns in den letzten Tagen so viel weitergeholfen, dass uns die kirchliche Symbolik fast widersprüchlich erscheint. Aber vielleicht verstehen wir sie in den kommenden Tagen ja auch noch.

Von Germersheim ging es dann zunächst am Rhein entlang gen Süden. Der Jakobsweg ähnelt hier eher einer Schnitzeljagd, nur dass man vergessen hat, Pfeile in die richtige Richtung hinzuzufügen. Am Rheinufer war das natürlich kein Problem, obwohl es einige Markierungen gab, die wirkten, als solle man ins Wasser springen. Als sich Rhein und Weg jedoch trennten, sah das anders aus. Oftmals liefen wir nach Gefühl oder nach den Angaben der Passanten die wir fragen konnten. Viele waren das jedoch nicht, denn die Geisterstädte haben hier einen Charakter, den man sonst nur aus alten Western kennt. Die wenigen Menschen, die uns auf der Straße begegnen, wirken verschlossen und abgewandt. Von einigen Ausnahmen natürlich abgesehen. Gestern beispielsweise trafen wir einen jungen Polizisten namens Julian, der gerade dabei war, sich selbst etwas über essbare Wildpflanzen beizubringen. Wir unterhielten uns eine ganze Weile und hätten ihn gern als neues Herdenmitglied dazugewonnen. Aber leider musste er arbeiten.

Wer es mal etwas näher erleben möchte, kann den vergleichbaren Flair einer Geisterstadt in einem Gaming Spiel Namens Fortnite sehen und erleben. Chinesische Medien sprechen schon von der deutschen Geisterstadt. Denn Anting reiht sich damit in eine lange Liste ein. In China geht die Angst vor Geisterstädten um, weil in den leerstehenden Wohnblöcken wegen schlechter Planung niemand wohnen möchte. Ähnliche Situationen findet man auch in Deutschland besonders NRW oder auch in den USA vor.

Wo bleibt der wehende Strauch einer Western Geisterstadt?

Doch zurück zum Thema Geisterstädte. Bereits gestern ist uns aufgefallen, dass nahezu alles an Geschäften, Kneipen, Bäckereien, Schlachtereien, Imbissbuden und Cafés geschlossen hat. Wir haben es zunächst darauf geschoben, dass Sonntag war. Doch heute funktionierte diese Ausrede nicht mehr. Es war Montag und dennoch waren fast überall die Rollos verrammelt und die Türen verschlossen. Der leichte Nieselregen und die Nebelschwaden die durch die Straßen zogen, verstärkten das Bild noch einmal deutlich. Jeden Moment rechneten wir damit, dass so ein kugelförmiger Strauch über die Straße geweht kommt, wie das in Geisterstädten so üblich ist. Leider kam keiner, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Ein Fachwerkhaus in Rülzheim

Ein Fachwerkhaus in Rülzheim

Werden kleinere Ortschaften immer mehr aussterben?

Allmählich aber festigt sich das Bild in uns, dass die kleinen Ortschaften immer mehr aussterben.

Für uns als Wanderer ist das nur sehr schwer nachvollziehbar, denn gleichzeitig verfestigen sich auch die unterschiedlichen Bilder vom Leben in der Stadt und dem auf dem Land. Wir möchten hier keine Klischees aufzeichnen oder Vorurteile verbreiten. Aber unsere Beobachtung ist, dass die Menschen auf dem Land von der Grundtendenz her deutlich weltoffener sind, als die in den großen Städten. Wann immer wir in ein kleines Dorf kamen, wurden wir freudig und liebevoll empfangen.

Auch in den Städten trafen wir auf sehr tolle Menschen. Aber hier spürten wir auch viel Aggression, Verschlossenheit und Voreingenommenheit. Nicht bei unseren Gastgebern, aber bei den Menschen, denen wir auf dem Weg begegneten.

Um in Rülzheim nicht vor dem selben Problem zu stehen wie gestern in Lingenheim, fragten wir bereits einen Ort zuvor, ob es dort einen ortsansässigen Pfarrer gibt. Es gab sogar zwei. Einen katholischen Pfarrer und eine evangelische Pfarrerin. Leider mussten wir fünf Kilometer später feststellen, dass beide außer Haus waren. Wir erfuhren aber, dass das örtliche Altenheim trotz der anliegenden Geisterstädte, ebenfalls Pilgergäste aufnimmt. Dort bekamen wir dann ein Einbettzimmer mit zusätzlichem Matratzenplatz. Wir hätten auch ein Doppelzimmer bekommen, aber die waren gerade ausgebucht. Eine Dusche gab es nicht, dafür aber eine Delux Badewanne, die wir nutzen dürfen, wenn wir den Schwestern bescheid geben. Wir sollen nur darauf achten, dass wir die Tür auch wirklich abschließen, denn sonst könnte es sein, dass plötzlich ein anderer Bewohner des Hauses an unserer Wanne steht.

Spruch des Tages: Falls Gott die Welt geschaffen hat, war seine Hauptsorge sicher nicht, sie so zu machen, dass wir sie verstehen können. (Albert Einstein)

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 395,77 km

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