Tag 1169: Die Wünsche ändern sich

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Tag 1169: Die Wünsche ändern sich

Tag 1169: Die Wünsche ändern sich

15.03.2017

Nach dem überaus angenehmen Start von Heikos Geburtstagswoche kam heute ein kleiner Dämpfer. Kulinarisch betrachtet war es zwar sogar der erfolgreichste Tag, da wir an mehreren Läden vorbei kamen und dadurch reichlich Schinken, Käse, Brot und Pastete bekamen, was schon seit langem Mangelware war. Doch ansonsten wollte zunächst einmal gar nichts klappen. Wir erreichten das Rathaus des Zielortes um drei Minuten nach 12:00Uhr und standen vor verschlossenen Türen. Niemand, den wir im Ort antrafen konnte oder wollte einen Verantwortlichen erreichen der uns weiterhelfen konnte. Die gleiche Situation wiederholte sich in den kommenden drei Orten noch einmal fast identisch. Es war, als hätten alle im Umkreis von vierzig Kilometer ihr Handy ausgeschaltet und ihr Telefonkabel aus der Wand gezogen. Und wo sie schon einmal dabei waren, hatten sie gleich auch noch ihren Ideenreichtum entsorgt. Stück für Stück ging uns auf, dass dies kaum mit rechten Dingen zugehen konnte, denn rein äußerlich hatte sich ja nichts verändert. Wir waren noch immer im Herzen von Frankreich, umgeben von Feldern und kleinen Ortschaften. Nur waren diese nun plötzlich wieder unerträglich laut, unangenehm und unhilfreich. Und das wieder, nachdem wir gerade einen Lösungsprozess angestoßen hatten, einmal bei Heiko und einmal bei Tolinka Shania. Und wieder einmal war es, als hätten wir damit eine unsichtbare Macht erzürnt, die uns nun Gegenwind in allen Formen und Facetten entgegen brachte.

Für einen kurzen Moment verfielen wir in eine melancholische Phase des Suhlens in Erinnerungen und wir fragten uns, wo denn dieses freundliche und hilfsbereite Frankreich hin war, das wir bei unserem ersten Besuch im Land so geliebt hatten. Was war damals anders gewesen, dass wir in nahezu der gleichen Region einmal ein Volk voller Herzlichkeit und einmal eines mit der Wärme eines Gletschers und der Begeisterungsfähigkeit einer Klopapierrolle erschaffen haben? Hatten wir inzwischen einen Teil unseres bereits existierenden Urvertrauens wieder verloren?
Uns fiel auf, dass wir ja insgesamt kein bisschen schlechter durch kamen als beim ersten Mal, dass sich nur die Art unseres Lebens und auch der Angebote, die wir bekamen vollkommen verändert hatte. Genau, wie ja auch unsere innere Haltung zum Leben und zum Reisen nun eine andere war. Damals war es uns noch nicht darum gegangen, uns von alten Beeinflussern zu lösen und somit hatten wir auch niemanden provoziert, uns Steine in den Weg zu legen. Wenn wir nun noch einmal genau betrachten, was unsere Angebote von damals waren, dann stach noch eine Auffälligkeit ins Auge. Wir hatten viele Plätze bei privaten Familien bekommen, die uns liebevoll umsorgt und oft auch gemästet hatten. Ganz so, als wollte uns jemand sagen: „Schaut nur, wie schön doch so ein Familienleben sein kann! Wollt ihr nicht lieber umkehren und ebenfalls so ein Leben führen?“ Und wie um diesen Gedanken zu unterstreichen hatte es danach häufig eine Durststrecke gegeben, damit wir uns nach der Familienidylle zurücksehnen konnten.

Heute war klar, dass wir ein solches Leben nicht führen würden, also machten auch Verführungen in diese Richtung keinen Sinn mehr. Natürlich kam hin und wieder ein Gefühl des Vermissens auf, aber wenn wir ehrlich waren, waren uns die ruhigen, einsamen Plätze in Festsälen und selbst in schäbigen Sporträumen doch weitaus lieber.
Gegen 17:00 Uhr erreichten wir den vierten Ort des heutigen Tages und dieses mal hatten wir mehr Glück. Wieder hatte alles geschlossen und wieder sah es zuerst so aus, als wäre auch hier jede Mühe vergebens. Dann aber entdeckten wir ein Museum für moderne Holzkunst, das offen hatte und von einer freundlichen jungen Dame geführt wurde. Wieder war es wie verhext, denn die ersten sieben Anrufe die sie tätigte endeten am Anrufbeantworter oder in der Mailbox. Doch schließlich schaffte sie es, den Bürgermeister an den Apparat zu bekommen, sowie eine quirlige Frau, die für die Betreuung der örtlichen Jugendherberge zuständig war. Noch einmal mussten wir rund eineinhalb Stunden warten, aber dann bekamen wir eine komplette Jugendherberge für uns alleine. So richtig nutzen konnten wir das nun natürlich nicht mehr, denn es war 19:00 und wir hatten noch nicht einmal unsere Sachen ausgepackt.

Die Herberge selbst war ähnlich wie viele Pilgerherbergen in letzter Zeit sehr nett aufgemacht und gleichzeitig vollkommen ungeeignet für ihre Aufgaben. Es gab einen einzigen großen Schlafsaal für rund 50 Betten, der sich offen über drei Etagen erstreckte. Jedes Bett, jede Diele und jede Treppenstufe quietschte und jede Tür war so konstruiert, dass sie automatisch mit einem lauten Knall zuschlug, wenn man sie nicht bis zur letzten Sekunde in der Hand hielt. Im Abstand von mehreren Metern hatte man grüne Lichter mit Notausgang-Zeichen angebracht, die so hell leuchteten, dass man kein weiteres Licht benötigte, um sich nachts zurecht zu finden. Mit anderen Worten: Es war rund um die Uhr Tag hell und sobald sich irgendjemand auch nur einen Millimeter bewegte, standen alle anderen aufrecht im Bett. Was wahrscheinlich aber nicht schlecht war, denn da die Betten aus einem Brett mit dünner Schaumstoffmatratze bestanden brauchte man ohnehin alle paar Minuten etwas Entlastung für den Rücken.
Wir selbst zogen uns in das Schlafzimmer für die Lehrer zurück, das als einziger Raum separiert war und somit gut beheizt werden konnte. Für unsere Zwecke war es also trotz allem ein optimaler Platz.

Leider gab es in der Herberge kein Internet und da wir heute gleich zwei Tagesetappen zurückgelegt hatten, brauchten wir unbedingt neues Kartenmaterial für die weitere Strecke. Bereits auf dem Weg zu unserem Quartier war uns ein junges Hippie-Pärchen aufgefallen, das mit langen Weidenruten durch den Ort spaziert war. Sie hatten auf Anhieb sympathisch gewirkt und waren daher die erste Adresse, bei der ich um einen Internetzugang anfragte. Wie nicht anders erwartet, waren sie nicht nur einverstanden sondern ehrlich erfreut über den Besuch. Der junge Mann stellte sich als Samuel vor, bat mich sofort herein und gab mir den Internetschlüssel, sowie die Gelegenheit, mich und unsere Reise kurz vorzustellen. Die beiden lebten in einem winzigen Zimmer, das kaum größer war als ein Wohnwagen. In der hinteren Ecke stand ihr Bett, vorne war die Küche, in der Mitte der Esstisch und die beiden einzigen Türen, die nicht direkt wieder nach draußen führten, führten in eine kleine Speisekammer und ein noch kleineres Bad. Dennoch war es selbstverständlich für sie, dass sie mich sofort zum Essen einluden und uns, für den Fall, dass wir noch kein Quartier hatten, auch einen Schlafplatz anboten.

Neben ihrer Wohnung befand sich ein kleines Veranstaltungshaus mit dem Namen „La Maison Bleue“ – „Das blaue Haus“, in dem sie regelmäßig verschiedene Aktivitäten anboten. Heute Abend gab es hier einen Kurs im Korbflechten, der von Samuel angeboten wurde. Das erklärte nun auch den Weidenrutenlauf, den die Beiden zuvor hingelegt hatten. Als ich mich verabschiedete war gerade einmal eine Teilnehmerin gekommen, doch Samuel leitete das Flechten für sie mit der gleichen Freude und Begeisterung an, als wäre ein ganzer Hörsaal anwesend.
Obwohl sie im Unterschied zu vielen Ihrer Landsleute wirklich kaum etwas zu Essen im Haus hatten, fehlte ihnen das Gefühl der Armut, wie ich es sonst von den Menschen hier gewöhnt war. Das was sie hatten teilten sie in zwei gleich große Portionen auf, gaben mir eine davon mit und behielten die andere für sich selbst. Um alles zu transportieren bekam ich sogar den ersten von Samuels Freundin erstellten Weidenkorb mit auf den Weg. Ich fühlte mich damit fast ein bisschen wie Rotkäppchen.

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Höhenmeter: 110 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 21.399,27 km
Wetter: sonnig und frühlingshaft, teilweise mit kaltem Wind
Etappenziel: Besprechungsraum des Rathauses, 37330 Château-la-Vallière, Frankreich

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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