Gift auf unseren Straßen

von Franz Bujor
14.04.2014 21:04 Uhr

Eigentlich hätten wir gestern Abend noch unser Exposé für das neue Gesundheitsbuch weiterschreiben sollen, aber bei dem schönen Wetter waren wir nicht besonders motiviert. Stattdessen machten wir einen ausgedehnten Spaziergang durch den Ort und seine Umgebung. Es kam uns selbst ein bisschen seltsam vor, dass wir nach einem Wandertag mit rund 20km Lust hatten, spazieren zu gehen. Aber es freute uns, einmal wieder ohne Rucksack und Wagen unterwegs zu sein. Als wir zurückkamen, war gerade ein Oldtimertreffen vor der Kirche. So lange sie parkten und keinen Lärm verursachten, waren es wirklich schöne Autos.

Am nächsten Morgen wanderten wir ein gutes Stück weit am Fluss entlang. Laut unserer Karte mussten wir irgendwann nach Westen abbiegen, doch die freundlichen Mitarbeiter des Straßenbauamtes dieser Region hatten sich nicht die Mühe gemacht, ihren Straßen irgendwelche Bezeichnungen zu geben. Von Wegweisern einmal ganz zu schweigen. Die Überschwemmung hatte auch hier deutliche Spuren hinterlassen. Die Straße war an mehreren Stellen unterspült und eingesackt. Zwei Mal war sie sogar seitlich ein ordentliches Stück abgebrochen. Es dauerte nicht lange, bis wir das erste Mal auf Straßenarbeiter stießen, die die Schäden wieder behoben. Der frische Asphalt stank uns bereits von weitem entgegen. „Also gesund kann das wirklich nicht sein!“ meinte Heiko als wir an der Baustelle vorrübergingen. Nach einer Weile fügte er hinzu: „Habe ich dir eigentlich schon von dem alten Mann erzählt, den ich bei meiner ersten Pilgerreise in der Schweiz getroffen habe?“

„Keine Ahnung!“ antwortete ich, „du hast mir von vielen Leuten erzählt die du bei deiner ersten Pilgerreise in der Schweiz getroffen hast!“

„Den Straßenbaumeister meine ich!“ gab Heiko zurück.

Ich nickte und erwiderte: „du meinst den, der dir die Sachen über Asphalt und Teer und Bitumen uns so weiter erzählt hat?“

„Genau den!“ antwortete er, „Ich fand es damals ganz schön heftig und jetzt wo wir gerade an diesem Ding da vorbeikommen, habe ich wirklich keinen Zweifel mehr, dass es stimmt.

Der Mann war damals ebenfalls ein längeres Stück gewandert, weil er sich selbst heilen wollte. Er hatte einige Jahre lang als Straßenbaumeister gearbeitet, war zu diesem Zeitpunkt aber bereits berufsunfähig gewesen. Er hatte mehrere Male Haut- und Lungenkrebs gehabt, war zig mal operiert, bestrahlt und chemotherapiert worden und hatte am Ende beschlossen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, weil es nur immer schlimmer geworden ist.

Zunächst hatte er seine Krankheiten nicht mit seinem Beruf in Verbindung gebracht, aber als zum zweiten Mal der Lungenkrebs ausgebrochen ist, hat ihn ein Arzt auf diese Verbindung aufmerksam gemacht. Daraufhin hatte er ein bisschen nachgeforscht und einige Dinge über unsere Straßen herausgefunden, die normalerweise eher verschwiegen werden.

Für gewöhnlich bestehen unsere Straßen aus einer Mischung aus Mineralstoffen und Gesteinen, die mit einer Masse aus Bitumen und/oder Teer zusammengehalten werden. Die Gesteine bilden dabei eine Art festes Gerüst, das der Straße ihre Stabilität gibt. Bitumen und Teer sind Schwerölprodukte, also im Prinzip die zähflüssige, schwarze Masse, die übrigbleibt, wenn man aus dem Rohöl alles andere herausdestilliert hat. Im Allgemeinen sprechen wir im Zusammenhang mit Straßenbelägen fast immer von Teer, aber dieser ist so schädlich, dass er inzwischen fast nicht mehr verbaut wird. Fast nicht, bedeutet übrigens zu ca. 0,01-0,02%, was in der Schweiz jährlich auch immer noch knapp 100 Tonnen sind. Als Hauptbestandteil wird heute Bitumen verwendet, der nicht ganz so giftig wie Teer, aber noch immer höchst gesundheitsschädlich ist. Die Aufgabe des Bitumens ist es, die Gesteine so eng wie möglich aneinander zu kleben. Früher war dies die Aufgabe des Teers, der heute nur noch die Bindefähigkeit zwischen dem Bitumen und den Mineralgesteinen erhöhen soll. Ob er das wirklich tut ist fraglich, aber er wird weiterhin gerne verbaut.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war Teer ein eher lästiges Abfallprodukt bei der Steinkohleverarbeitung. Dann wurde er zum Heizen und als Fäulnisschutz für Holzbauten verwendet. Mit der Industrialisierung erlangte er dann seinen Durchbruch in der Farb- und Straßenbauindustrie. Bald schon erwiesen sich die Gase, die bei der Verarbeitung entstanden, jedoch als äußerst Krebserregend und viele Arbeiter litten unter Hautkrebs und Geschwüren an den unterschiedlichsten Organen. Es dauerte noch einige Jahrzehnte, dann wurde der Teer aus der Straßenbauproduktion wieder weitgehend verdrängt. Bis auf die besagten 0,02% als Bindemittel. In der Schweiz wurden die Straßen, die aus Teer bestanden daraufhin zum großen Teil ersetzt. Auf der einen Seite war das sehr löblich, auf der anderen Seite stellte sich dadurch jedoch die Frage, was man mit dem giftigen Abfall anstellen sollte. Um ihn nicht zu verschwenden, verteilte man ihn kurzerhand als Schotter in den Wäldern zur Befestigung der Waldwege. Nicht gerade eine nachhaltige Lösung. Ersetzt wurden übrigens nur die oberen Straßenschichten, darunter ist der Teer noch genauso enthalten wie früher. Heikos Pilgergefährte konnte ihm natürlich nur erzählen wie es in der Schweiz gehandhabt wird, aber in Deutschland wird es nicht viel anders sein.

 Je nachdem für welche Region, welche äußeren Bedingungen und welchen Zweck der Straßenbelag verwendet wird, gibt es spezielle Mischungsverhältnisse für den Asphalt. Um ihn besonders robust, leise oder rutschfest zu machen, werden noch bestimmte Zusätze beigemengt. In kälteren Regionen benötigt man einen Bitumen, der auch bei Minusgraden nicht brüchig wird. Dieser wird dann jedoch zum Teil schon ab einer Temperatur von 37°C weich. Das ist natürlich vor allem dort ein Problem, wo es kalte Winter und warme Sommer gibt. Selbst der hitzebeständigste Bitumen bleibt gerade einmal bis zu einer Temperatur von 71°C fest. An heißen Sommertagen können die Temperaturen direkt auf der Straße jedoch bis zu 80°C ansteigen. Daher kommt es auch immer wieder vor, dass Fahrräder im Asphalt einsinken. Uns fiel in den letzten Tagen immer wieder auf, dass sich die Straßen an den Stellen, an denen sie der meisten Belastung durch den Reifendruck ausgesetzt waren, verändert hatten. Hier gab es zum Teil glatte Schichten aus Bitumen, die die Mineralgesteine abdeckten. Im Sommer musste es hier also so warm sein, dass der Ordölanteil des Straßenbelags nach oben quoll, wo er von den Autoreifen dann glattgefahren wurde.

In meinem Kopf dreht sich alles, aber die Straßen führen stur geradeaus

Wie gesundheitsschädlich ist unser Straßenbelag wirklich?

 

Die ersten Studien darüber, dass auch Bitumen beim erhitzen Gase absondert, die stark gesundheitsschädlich sind, gab es bereits in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Dabei kam heraus, dass sie vor allem Krebs, Hautausschläge und Allergien verursachen können. Politische oder praktische Konsequenzen haben diese Studien jedoch bis heute nicht.

Die Dämpfe, die beim Erhitzen von Bitumen aufsteigen, enthalten neben einigen giftigen Kohlenstoffverbindungen wie Biphenyl auch Phenanthren und Fluoren. Biphenyl ist einer der Stoffe, der für den Rückgang der Zeugungsfähigkeit der Männer verantwortlich ist und Phenanthren und Fluoren erwiesen sich in Tierversuchen als hochgradig Krebserregend.

Die Ausdünstung der giftigen Gase ist natürlich bei der Verarbeitung am höchsten, denn hier wird das Erdöl-Mineralgemisch auf eine Temperatur von 150°C erhitzt. Daher leiden die Straßenbauarbeiter am meisten darunter. Oder die Wanderer, die genau in diesem Moment vorbeikommen. Doch wenn sich die Straßen im Sommer so sehr erhitzen, dass sie sogar wieder weich werden, dann kommt es ebenfalls zu erheblichen Ausdünstungen. Natürlich sind sie geringer, als bei der Verarbeitung, aber wenn man sie als Anwohner täglich einatmet, ist es sicher auch nicht gesund. Tatsächlich gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen der Häufung von Krebs- und Allergiefällen und der Menge an verbauten Asphaltstraßen in Städten mit heißen Sommern. Vor allem in subtropischen und tropischen Gegenden ist dies signifikant. Dies könnte auch einer der Gründe sein, warum Stadtbewohner so viel öfter an diesen Krankheiten leiden als Landbewohner.

Bei den Studien kam allerdings auch heraus, dass die Giftigkeit der entstehenden Gase je nach Herkunft des Erdöls stark schwankt. Es wäre also durchaus möglich, Straßen zu bauen, die zumindest nur ein bisschen giftig sind. Unschädliche gab es jedoch nicht.

Wenn man bedenkt, dass allein in der Schweiz eine Milliarde Tonne an Straßenbelag verbaut wurde, von denen mehr als 10 Millionen Tonnen Bitumen und Teer sind, macht das kein allzu gutes Gefühl.

Damit eine Straße gut befahrbar bleibt, muss die Deckschicht etwas alle 15 bis 25 Jahre erneuert werden. Alle 30 bis 40 Jahre muss die ganze Straße mit Unterschichten ersetzt werden. Für Ausbesserungen gibt es einen sogenannten Gussasphalt, der eine größere Menge an Bitumen enthält, wodurch man ihn nicht pressen muss. Dadurch ist er leichter zu verarbeiten, aber auch weniger haltbar und noch giftiger. Durch all die Ausbesserungs- und Erneuerungsarbeiten werden jährlich rund 5 Millionen Tonnen weitere Erdölhaltige Materialien auf den Straßen verbaut. Nur in der Schweiz, einem winzigen Land mit so vielen Bergen, dass es dort eigentlich fast keine Straßen gibt. Alle Asphaltierten Flächen der Erde zusammengenommen würden ausreichen, um eine vierspurige Autobahn bis zum Mond zu bauen! Das ist mal ein Haufen giftiger Schlamm, den wir da vor unseren Haustüren verteilen.

Eine Frage kam dabei übrigens auch noch in uns auf. Wenn wir doch so eine Knappheit an Erdöl und anderen fossilen Brennstoffen haben, warum macht sich dann niemand Sorgen darüber, dass wir bald keine Straßen mehr bauen können? Und warum ballern wir diesen wichtigen Rohstoff überhaupt so verschwenderisch auf unsere Straßen?

Auf der anderen Seite kann man es natürlich auch verstehen, denn uns sind asphaltierte Straßen zum Wandern ja auch meist lieber als Trampelpfade. Aber es macht langsam den Eindruck, als gäbe es wirklich keine moderne, praktische Erfindung, die uns nicht auf der anderen Seite auch gleich wieder ordentlich schadet. Leiden wir vielleicht auch deswegen zur Zeit so stark unter unseren Allergien?

Nach einigen weiteren Kilometern trafen wir auf einen älteren Herren, der einen sehr freundlichen, aber leicht verwirrten Eindruck machte. An seiner rechten Hand fehlten zwei Finger, die er wahrscheinlich bei Forstarbeiten verloren hatte. „Wenn ihr nach Bayonne wollt, dann müsst ihr eigentlich immer weiter diesem Fluss folgen, da könnt ihr nichts falsch machen!“ meinte er.

Der Fluss als Wegweiser

Der Fluss als Wegweiser.

 

Das klang nach einem guten Plan, jedenfalls solange, bis unser Weg wieder einmal in einem Nichts endete. Wir beschlossen, diesmal auf die Buschdurchquerung zu verzichten und der Asphaltstraße weiter zu folgen. Auch wenn sie giftig war erleichterte sie uns das Wandern doch ungemein.

Als wir schließlich in Saint Martin de Hinx ankamen, waren wir von oben bis unten durchgeschwitzt und durchaus mit dem Wandern für heute fertig. Zu unserer Freude gab es sogar ein Pfarrhaus mit einem Pfarrer, der uns wahrscheinlich aufnehmen würde. Das jedenfalls sagte uns seine Sekretärin, die uns auf 18:00 vertröstete, weil der Pfarrer selbst auf einer Gesamtkonferenz aller Geistlichen der Region war. Nach kurzer und angestrengter Überlegung beschlossen wir, das Risiko einer Absage einzugehen und bis 18:00 zu warten. Nun sitzen wir vor der Mediathek, nutzen die Zeit zum Arbeiten und hoffen auf das Beste.

Spruch des Tages: Sei vorsichtig, wenn du aus deiner Tür auf die Straße trittst, denn du weißt nie, wohin sie dich heute führt! (Aus Der Herr der Ringe)

Tagesetappe 18,3km

Gesamtstrecke: 2103,47 km

Franz Bujor
Franz Bujor ist Wandermönch, Web-Nomade und Autor. Nach einem Studium in Kulturwissenschaften, bei dem er unter anderem bei einem Maya-Volk in Guatemala gelebt und in einem Kinderheim in Serbien gearbeitet hat, war er zunächst als Erlebnispädagoge und Wildnismentor tätig. 2014 ließ er sein bürgerliches Leben hinter sich und reist seither zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Neben seinem eigenen Entwicklungsweg schreibt Franz besonders gerne über geschichtliche und gesellschaftliche Themen.

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