Tag 1033: Zu Gast im Adelshaus

///Tag 1033: Zu Gast im Adelshaus

Tag 1033: Zu Gast im Adelshaus

Tag 1033: Zu Gast im Adelshaus

15.10.2016

Das Leben ist nicht planbar! Man kann es versuchen, aber es wird sich immer wieder dagegen wehren. Diese Erfahrung haben wir auf unserer Reise nun schon viele Male gemacht und auch heute war es nicht anders. Wir sind nun nur noch wenige Kilometer von zuhause und damit auch von Heidi´s aktuellem Wohnort entfernt und so mit bot sich ein Treffen in dieser Zeit geradezu an. Dieses Treffen sollte nun heute sein und damit alles glatt läuft, haben wir dafür als Zielort ein Dorf ausgesucht, das Heiko bereits von früher her kannte und in dem er über die Infrastruktur bescheid wusste.

Um 16:00 Uhr hatte Heidi Feierabend, was bedeutete, dass sie zwischen 16:30 und 17:30 bei uns sein würde. Wie geplant erreichten wir Mintraching gegen 14:00 Uhr und bis zu diesem Moment sah alles aus, als würde es glatt laufen. Und doch war da dieses ungute Gefühl, dass es heute sicher irgendwie komplex werden würde. Nicht wegen dem Ort oder den Menschen hier, sondern deshalb, weil heute anders als an allen anderen Tagen, das Gefühl in uns steckte, dass es klappen musste. Es war nicht einfach, dass wir die Dinge so laufen lassen konnten, wie sie eben liefen, in der Gewissheit, dass das was kommen würde schon genau das war, was auch kommen sollte. Wir waren verspannt und glaubten, dass alles so werden müsse, wie wir es uns vorstellten, damit das Treffen auch funktionierte. Es wäre also vollkommen egal gewesen, welchen Ort wir uns als Treffpunkt ausgesucht hätten, es stand von vornherein fest, dass es in diesem Ort schon einmal nicht klappen würde. Alles ist eins, also hatte das Universum keine Wahl und musste uns unsere Ängste spiegeln. Dabei ging es sogar mit einer erstaunlichen Kreativität vor, denn mit diesem Hinderniss hätten wir nicht gerechnet. Der Pfarrer war zwas nicht im Ort, ließ sich aber recht schnell ans Telefon bringen, er hatte einen Raum und war auch nicht abgeneigt, uns dort zu beherbergen. Der Haken war nur, dass dieser Raum im ersten Stock lag und dass im Erdgeschoss des gleichen Hauses ausgerechnet heute das alljährliche Weinfest stattfand. Ein Fest, das nach der Erfahrung des Pfarrers bis in die frühen Morgenstunden dauern und generell eher zümpftig ablaufen würde. Im Umkreis von 100m so etwas wie Schlaf zu finden, war hier eher unwahrscheinlich. An nahezu allen anderen Tagen des Jahres passierte hier fast nichts und das Gemeindezentrum war so gut wie immer frei. Nur eben heute nicht. Hätten wir es planen müssen, genau zum Weinfest hier anzukommen, hätten wir es niemals geschafft. Als ich zu Heiko zurückkehrte und ihm vom Ausgang meiner Schlafplatzsuche erzählte, mussten wir beide grinsen. Wie hätte es auch anders sein sollen. Gleichzeitig merkten wir aber auch, dass mit der Erfüllung der Erwartung, die wir unbewusst in uns getragen hatten, auch der Druck von uns abfiel. Es kam ohnehin nie so, wie man es plante, dafür kam es aber immer wie es kommen sollte. Warum also stressen?

Bis wir den nächsten Ort erreichten, in dem es die Chance auf einen Schlafplatz gab, war es bereits kurz vor vier. Heidi musste sich also schon bald auf den Weg machen. Der folgende Ort kam nun erst wieder in fünfzehn Kilometern und passender Weise hatte nun Heikos linker Fuß zu schmerzen begonnen, so dass er kaum noch auftreten konnte. So wie wir die Sache sahen, gab es nun also nur noch zwei Optionen. Entweder, wir fanden hier in Köfering eine Unterkunft, oder wir gingen hinaus in den Wald und suchten uns dort ein schönes Plätzchen.

Mehr für dich:
Tag 1134: Die wahre Geschichte von Bernadette

Die Entspannung wirkte und wir bekamen nicht nur einen Platz, sondern einen der außergewöhnlichsten, die wir je hatten. Über einige Umwege wurden wir von Gräfin Anna-Bertha auf ihr Schloss eingeladen.

Die Gräfin war 89 Jahre alt und gehörte tatsächlich einem alten Adelsgeschlecht an, das seit vielen Generationen im Besitz des Köferinger Schlosses war. Heute gehörte es ihrem Neffen und sie selbst bewohnte ein Nebengebäude auf dem Schlossgrund.

„Dann sind Sie wirklich eine waschechte Gräfin?“ fragte ich neugierig, als sie uns das Haus und unsere Gästezimmer zeigte.

„Naja,“ meinte sie nur, „Ich kann ja auch nichts dafür! Sowas sucht man sich ja schließlich nicht aus!“

So kritisch sie ihrem Titel auch gegenüber stand, konnte man doch nicht leugnen, dass sie durch und durch eine Gräfin war. Jede ihrer Handlungen, und wenn es nur das Hinlegen eines Untersetzers war, hatte etwas erhabenes, höfisches. Es war, als behandele sie alles und jeden mit einer Grundwertschätzung und Höflichkeit, ganz gleich, wer oder was es auch war.

Auch das Haus selbst hatte seinen ganz eigenen Charme. Objektiv betrachtet war es weder besonders schön noch besonders praktisch. Die Räume waren groß und kalt, so dass man sie kaum beheizen konnte und die vielen dicken Decken auf dem Bett verrieten, dass sich dies auch dann nicht änderte, wenn die Zimmer bewohnt waren. Die Möbel waren Originale aus längst verganenen Zeiten und sie waren teilweise so wertvoll, dass man nichts darauf abstellen und sie auch nicht wirklich benutzen konnte. Doch jedes Möbelstück hatte seine ganz eigene Geschichte zu erzählen und auch in dem Haus selbst spürte man die Präsenz der vergangenen Jahrhunderte. Zum wohnen wäre es für mich auf lange Sicht nichts, aber für einen Besuch war es auf seine ganz eigene Art faszinierend. Warum die Menschen seit je her in solchen Häusern auf die Idee gekommen waren, Geistergeschichten zu erfinden, war absolut naheliegend. Allein die quietschenden Dielen, die fast jeden einzelnen Schritt mit einem anderen Quietschgeräusch untermalten, boten schon genug Stoff für einen ganzen Gruselroman. Man muss allerdings auch zugeben, dass sie auf lange Sicht ein klein wenig nerven konnten, da man nicht einmal das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagern durfte, wenn man damit kein gänsehautverursachendes Geräusch auslösen wollte.

Heidi erreichte unser Schloss um kurz nach fünf und musste breit grinsen, als sie mich im Eingangsbereich stehen sah. Es war das erste Mal, dass sie mich in Robe sah und vor der Kulisse des alten Schlossparks wirkte ich ein bisschen, wie aus einer anderen Welt.

Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie groß die Freude vor allem auch für Heiko und Heidi war, sich nach nun über einem halben Jahr zum ersten Mal wieder zu sehen. Nach der ersten Begrüßung und einem längst überfälligen, tiefen Gespräch in unserem Gästezimmer, gingen wir hinunter in die Küche, um gemeinsam mit Anna-Bertha das Abendessen vorzubereiten. Die Gräfin selbst wollte nichts essen, leistete uns jedoch Gesellschaft und amüsierte sich nicht schlecht über die sonderbar anmutende Nahrungszusammenstellung, aus der wir unser Abendessen zauberten. Von unserem indischen Pfarrer hatten wir gebratenen Reis mit Erdnüssen und Ingwer bekommen, den wir nun mit verwerteten. Dazu gab es verschiedenes Gemüse, hart gekochte Eier und eine Sauce aus dem Rest Majonäse, den wir noch hatten. Das Ergebnis war tatsächlich deutlich besser, als es vielleicht klingen mag.

Obwohl wir uns so lange nicht gesehen hatten, fühlte es sich mit Heidi an, als wären wir schon seit Ewigkeiten eine vertraute Herde. Sie brachte eine Leichtigkeit, Fröhlichkeit und Lockerheit mit in die Runde, die auch Anna-Bertha erfasste, die nun mit der Zeit immer offener und ungezwungener wurde. Nach dem Essen wechselten wir ins Wohnzimmer, um es uns auf den Sesseln gemütlich zu machen. So richtig wohnlich kam uns das Zimmer bei näherer Betrachtung allerdings nicht vor, da es uns immer ein wenig an ein Museum erinnerte. Langsam verstanden wir immer mehr, was Anna-Bertha gemeint hatte, als sie sagte, dass sie nichts für ihren Grafentitel könne. Es war ja nicht nur der Titel, der damit verbunden war, sondern das ganze gräfische Leben an sich, zudem eben auch dieses Anwesen gehörte. Natürlich gehörte all dies auch irgendwo zu ihr, doch man verstand, dass sie sich hin und wieder auch eine kleine, gemütliche Wohnung oder ein nettes kleines Häuschen wünschte, in dem man es sich wirklich warm und heimelig machen konnte.

Mehr für dich:
Tag 644: Gefährliches Mitleid – Teil 1

Um 20:00 sahen wir uns gemeinsam die Abendnachrichten an. Für Anna-Bertha war dies ein Ritual, das zum Tag mit dazugehörte. Für uns war es das erste Mal seit drei Jahren, dass wir uns die Tagesthemen ansahen. Und tatsächlich waren wir davon relativ entsetzt. Heiko belastete es sogar so stark, dass er es vorzog zu gehen und die Zeit zum Duschen zu nutzen. Der Grund dafür waren nicht die Nachrichten an sich, sondern dass er es als geübter Fährtenleser gewohnt war, die Gefühle und Gedanken hinter den Worten der Menschen zu erkennen, so dass er stets wusste, ob jemand glaubte, was er sagte oder nicht.

„Ich kann mir das echt nicht antun!“ meinter er später, „so viel Heuchelei und so viele Lügen auf einen Schlag, da bekommt man ja eine Gänsehaut!“

Als bekennender Blindfisch, was die Emotionen von Menschen anbelangt, sind mir die meisten dieser Details entgangen, doch auch ohne das Gesichterlesen lief es mir ein paar mal kalt den Rücken herunter. In einer kurzen Randbemerkung wird hier erwähnt, dass der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum europäischen Rettungsschirm begrüßt. Dieses Urteil sei eine großartige Sache, da es die Bundesrepublik Deutschland im Falle einer Schuldenkriese in der EU entlaste. Super Sache! Aber hat irgendjemand eien Ahnung worum es dabei wirklich geht? Mit keinem Wort wird erwähnt, was dieser ESM eigentlich ist, von dem hier gesprochen wird. Irgendetwas hat es mit den Schulden zu tun und damit, der EU aus der Krise zu helfen. Das durch diesen Sabilitäts-Mechanismus eine Instanz geschaffen wurde, die an jeder Regierung vorbei agieren kann, ohne irgendjemandem Rechenschaft ablegen zu müssen und der jedes europäische Land innerhalb weniger Tage Folge leisten muss, davon sagt man lieber nichts. Hat es wirklich etwas mit Aufklärung der Bürger zu tun, wenn ich ihnen Teilinformationen vor die Nase setze, mit denen sie nichts anfangen können, die ihnen aber das Gefühl geben, informiert zu sein. Auf diese Weise kann ich in aller Öffentlichkeit Grundpfeiler unserer Demokratie demontieren, ohne dass es jemand wirklich mitbekommt, und kann am Ende sogar noch behaupten, dass ich ja ganz offen darüber gesprochen habe.

Noch fragwürdiger waren aber die Nachrichten über den gerade vereitelten Terroranschlag. Ein mutmaßlicher syrischer Terrorist, der einen Anschlag im berliner Flughafen geplant haben soll, hatte sich in seiner Gefängniszelle erhängt. Noch immer weiß niemand, ob er wriklich etwas geplant hat oder nicht, doch als Beweis für sein Vorhaben hatte man nun sogar Bustickets für eine Fahrt nach Berlin in seiner Wohnung gefunden. Dies war die gesamte Aussage, die den Menschen vorgesetzt wurde. Ich weiß nicht genau, was es noch an Hintergrundinformationen gibt, aber nehmen wir einmal die Aussage, so wie sie hier getroffen wurde und schauen sie uns näher an. Erstens: Warum erhängt sich ein Mann im Gefängnis, der angeblich ein religiöser Fanatiker mit dem Plan ist, tausende von Menschen in einem Selbstmordattentat mit in den Tod zu reißen? Ist das nicht vollkommen am Thema vorbei gehandelt. Wenn ich davon überzeugt bin, dass es mein Weg ist, den Märtyrertod zu sterben, in dem ich so viele Ungläubige mit in den Tod reiße, wie nur möglich, dann ist doch ein Strick in einer Gefängniszelle das letzte, was ich als Option wählen würde. Ich habe bei der Erfüllung meinr Aufgabe versagt, weil ich verhaftet wurde und töte mich nun trotzdem, so dass ich sicher gehen kann, dass ich keine zweite Chance mehr bekomme. Warum? Was kann mich dazu bewegen? Mein Ziel ist es, möglichst effektvoll auf meine Sache aufmerksam zu machen. Selbst wenn ich kein Attentat mehr machen kann, so schenkt mir der Gerichtsprozess, der aufgrund der Brisanz meines Falles von allen Medien mitverfolgt wird, die Gelegenheit, auf anderem Wege eine Botschaft zu übermitteln. Warum also sollte ich diese nicht nutzen? Habe ich Angst, dass man mich verhört und dass ich dabei Informationen über meine Mitstreiter und Hintermänner preisgeben könnte, die ich schützen will? Würden wir in einer Diktatur leben, in der Folter eine angesehene Methode ist, dann könnte man sich das Vorstellen. Aber bei uns gibt es keine Folter, zumindest nicht offiziell. Wenn ich als religiöser Fanatiker also nichts sagen will, dann sage ich nichts und daran wird kaum jemand etwas rütteln können. Die Gefahr, dass ich mich doch irgendwie verplappere besteht, aber sie ist gering. Außerdem bin ich so weit ausgebildet worden, dass ich einen Bombenanschlag ausführen kann. Die Chance, dass ich dabei erwischt werde ist hoch, also gehörte zu meiner Ausbildung sicher auch ein Kurs in Sachen „Verschweigen wichtiger Informationen im Verhör“. Wie kann sich ein Mann in Einzelhaft überhaupt erhängen, wenn er immer wieder überwacht wird? Wer profitiert von seinem Selbstmord? Ist das Auffinden von Bustickets wirklich ein Beweis dafür, dass jemand einen Flughafen sprengen will? Oder gibt es vielleicht unzählige Menschen, die Bustickets nach Berlin in ihrer Wohnung liegen haben? Dies alles sind erst einmal Fragen, die einem beim Anschauen der Nachrichten in den Kopf kommen. Es mag sein, dass es dafür passende Erklärungen gibt, die das Bild bestätigen, es kann aber auch vollkommen anders sein. Spannend ist jedoch, wie vage alles gehalten wird, so dass am Ende der Nachrichten jeder das Gefühl hat, irgendwie etwas erfahren zu haben, ohne aber wirklich etwas zu wissen.

Mehr für dich:
Tag 631: Ohne dass es jemand merkt

Spruch des Tages: “Sie sind eine echte Gräfin?” – “Ja! Ich kann ja auch nichts dafür!”

Höhenmeter: 340 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 18.867,27 km

Wetter: Überwiegend sonnig

Etappenziel: altes Schulhaus, 91720 Kalbensteinberg, Deutschland

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

Leave A Comment

Translate »