Tag 713: Wie wir beinahe nicht nach Italien übergesetzt hätten – Teil 3

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Tag 713: Wie wir beinahe nicht nach Italien übergesetzt hätten – Teil 3

Tag 713: Wie wir beinahe nicht nach Italien übergesetzt hätten – Teil 3

Fortsetzung von Tag 712:

Bei unserem Rundgang durch den Ort war uns aufgefallen, dass ich einige wirklich wichtige Fragen noch immer nicht geklärt hatte. Gab es auf der Fähre Strom und/oder Internet, so dass wir arbeiten konnten, wenn es schon keine Möglichkeit zum Schlafen gab? Und vor allem: Kosteten unsere Wagen einen Aufpreis oder waren sie in den 100€ mit inbegriffen? Wenn wir uns entscheiden wollten, dann sollten diese Fragen geklärt sein. Also kehrten wir noch einmal an den Schalter zurück und fragten nach. Dieses Mal erwischte ich die weniger hübsche, dickere Dame, die ihrer Kollegin in Sachen Unhilfreich-Sein jedoch um nichts nachstand.

Strom gibt es nicht! sagte sie, nicht an Deck, nur in den Kabinen. Internet gibt es aber glaube ich schon.

Glauben Sie oder wissen sie? hakte ich nach.

Ich denke! antwortete sie, Sicher bin ich aber nicht. Kann sein, müssen Sie dann eben an Bort erfragen.“

Danke sehr! heuchelte ich, Noch eine andere Frage: Wir haben zwei kleine Wagen dabei, die wahrscheinlich als Fahrräder gewertet werden. Können Sie mir sagen, ob wir dafür einen Aufpreis zahlen müssen?“

Weiß nicht!“ sagte sie, Glaub nicht!

Was soll ich denn mit dieser Antwort anfangen? fragte ich und verlor langsam die Geduld mit der guten Frau.

Weiß nicht!“ antwortete sie trocken.

Verdammt nochmal! Sie müssen doch in der Lage sein, mir eine einfache Information über die Preise ihrer Fähre geben zu können! Das kann doch nicht so schwer sein! Und wenn sie es nicht können, dann müssen sie eben jemanden fragen, der es kann!“

Das geht nicht! antwortete sie, Ich müsste den Manager fragen, aber der ist nicht da!“

Dann rufen sie ihn eben an! platzte es aus mir heraus.

Kann ich nicht! Er ist zuhause und er schläft wahrscheinlich. Warten Sie einfach bis heute Abend. Ab sechs Uhr müsste er wieder da sein.“

Ich atmete tief durch und setzte noch einmal ganz von vorne an: Hören Sie! Wir reisen gerade für fünf Jahre zu Fuß und ohne Geld um die Welt. Wenn wir diese Fähre nehmen, dann müssen wir sie von den Spenden bezahlen, die wir auf unserem Weg erhalten haben. Dazu aber müssen wir wissen, was die Fähre kostet, weil wir nur dann entscheiden können, ob wir sie uns leisten können oder nicht. Wenn wir jetzt also bis um sechs Uhr warten und dann erfahren, dass wir nicht mit der Fähre fahren können, weil die Wagen einen horrenden Aufpreis kosten, dann stehen wir hier im Dunkeln ohne einen Schlafplatz und haben keine Ahnung wo wir hinsollen. Deswegen brauche ich die Antwort jetzt. Denn dann können wir uns entscheiden, ob wir hier in der Stadt bleiben oder ob wir sie verlassen müssen.“

Ich brauchte noch zwei Anläufe bis ich sie schließlich soweit hatte, dass sie sich doch zu einem Telefonanruf breitschlagen lies.

Wenn ich meinen Chef jetzt anrufe, sagte sie, dann wird er sauer auf mich sein und das ist dann Ihre Schuld!

Das ist in Ordnung für mich!“ antwortete ich genauso kühl, wie sie zuvor meine Bitte abgeblockt hatte.

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Sie wollen also dass mich mein Chef anschreit? Ok, dann lass ich mich jetzt für Sie von meinem Chef anschreien!“

Sie zögerte noch einen Moment in der Hoffnung, dass ich vielleicht doch Mitleid bekam und meine Bitte zurückzog. Doch nichts dergleichen geschah. Mit vorwurfsvollem Blick griff sie zum Hörer und wählte. Eine Stimme meldete sich ruhig und vollkommen ohne Wut oder Geschrei. Zwei Minuten später hatte sie alle Informationen.

Ihre Wagen zählen als Fahrräder und kosten daher keinen Aufpreis“, erklärte sie förmlich.

Danke! sagte ich, Mehr wollte ich doch gar nicht.

Noch einmal setzten wir uns auf eine der Wartebänke und beratschlagten. Die Fährfahrt würde sicher kein Vergnügen werden, doch den kompletten Winter hier zu bleiben war auch keine akzeptable Alternative. Hundert Euro war nicht gerade billig, aber vielleicht bekamen wir ja in Italien wieder einige Spenden. Außerdem war die Aussicht auf eine angenehme und entspannte Winterzeit deutlich mehr wert. Wir würden die Fahrt also antreten.

Um die Zeit bis zur Abfahrt zu überbrücken verließen wir die Stadt an der Küste entlang und suchten dort nach einem ruhigen Platz zum Zelten. Es schien ein Ding der Unmöglichkeit zu werden, denn die Hafenstraße selbst war schon unerträglich laut. Außerdem gab es direkt vor der Küste eine Arbeitsplattform, auf der lautstark hantiert wurde, so dass auch die hintersten Ecken mit Lärm erfüllt wurden.

Knapp zwei Kilometer hinter der Stadt entdeckten wir einen steilen Pfad, der in die Berge hinauf führte. Wir stellten die Wagen ab und folgten ihm bis zu einigen verlassenen Ziegenställen. Von hier aus führte nur noch ein schmaler, holpriger Trampelpfad weiter bis zu einem Geröllfeld. Es war nicht schön, nicht eben und auch nicht gerade ideal, wenn man im Dunkeln einpacken musste, aber es war das ruhigste Fleckchen Erde, das wir heute finden würden. Wir schlugen unser Zelt auf und ich kehrte noch einmal zurück in die Stadt, um mich ganz gezielt auf die Essenssuche zu machen. In den Geschäften und Restaurants hatte ich nur wenig Glück, aber dafür unterstützten uns die Privatfamilien nach allen regeln der Kunst. Bei einer Familie bekam ich sogar noch eine Spende von fünf Euro. Zusammen mit den Spenden, die wir hier in Griechenland zuvor erhalten hatten, kostete uns die Fähre damit nun nur noch 80€. Das war ja schon fast ein Schnäppchen.

Auf dem Rückweg schaute ich noch einmal im Hafen vorbei um zu fragen, ob es eine Zeit gab, bis zu der wir spätestens eingecheckt haben mussten. Es hatte in der Zwischenzeit einen Personalwechsel gegeben und nun saßen Menschen am Schalter, die einen wesentlich kompetenteren Eindruck machten. Darunter war jedoch seltsamerweise auch der pummelige Halbglatzenträger, der zuvor behauptet hatte, der Manager zu sein. Als ich nun jedoch noch einmal wegen eines Sponsoring-Angebotes nachfragte, hieß es dass der Manager nicht im Haus sei und erst um 24:00 Uhr wieder käme. Genau rechtzeitig also um mit ihm zu sprechen, wenn wir eincheckten.

Draußen vor dem Hafengebäude hatten sich nun einige Autos angesammelt. Zuvor war hier alles verlassen gewesen und wir glaubten schon, dass wir die Überfahrt alleine antreten würden. Nun aber schien es, als gäbe es reichlich holländische Camper, die mit uns übersetzen wollten. Man konnte sich weitaus schlechtere Gesellschaft vorstellen.

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Kurz bevor ich das Hafengelände verließ, tauchte ein übermütiger Hund wieder auf, der uns am Nachmittag bereits begegnet war. Anders als seine Artgenossen bellte er nicht, sondern sprang nur herum und versuchte so viele Streicheleinheiten wie möglich zu ergattern. Dabei versuchte er aus irgendeinem Grund immer wieder meine Regenjacke zu fressen, was weder ihr noch ihm besonders gut tat.

Bonjour! rief plötzlich eine Stimme hinter mir und riss mich aus meiner Aufmerksamkeit mit dem Hund. Zwei Randfahrer überholten mich und winkten dabei.

Der Himmel hatte sich im Laufe des Abends in ein faszinierendes Wolkengemälde verwandelt, das mich ebenso sehr beeindruckte wie ängstigte. Über dem Meer hatten sich dicke Gewitterwolken zusammengebraut, die von der Abendsonne in den ausgefallensten Farben angeleuchtet wurden. Über der Küste hingegen war der Himmel wolkenlos. Es gab also zwei Möglichkeiten. Entweder die Wolken zogen aufs Meer hinaus und wir bekamen eine sternenklare Nacht, oder aber die Wolken zogen in Richtung Land und bescherten uns einen Gewittersturm, der uns mit Sack und Pack ins Tal spülen würde. Wenn es um Mitternacht zu regnen begann, dann konnten wir unsere Überfahrt vergessen. Denn selbst im Trockenen war es schon eine riskante Aktion, hoch oben auf dem Geröllfeld im Dunkeln zusammenzupacken.

Als ich unser Zelt fast erreicht hatte, sah ich eine dunkle Gestalt, die sich oben bei den Schafställen herumtrieb.

Na super! dachte ich mir, da hatten wir uns so viel Mühe gegeben, einen versteckten Platz zu finden und jetzt kann wieder irgendjemand vorbei und wollte uns nerven!

Als ich jedoch den Fuß des Berges erreichte änderte sich meine Einstellung zu dem Fremden wieder. Die beiden Fahrräder, die mich kurz zuvor überholt hatten standen nun dort, wo wir am Nachmittag unsere Wagen abgestellt hatten. Oben an den Schafställen traf ich dann auf den jungen Franzosen. Er reiste gemeinsam mit seiner Freundin und überlegte, ob sie ihr Lager nicht auf der gegenüberliegenden Seite der Ställe aufschlagen sollten. Auch sie wollten mit der Fähre weiter, jedoch erst am nächsten Tag und Kreta. Später kamen sie dann noch gemeinsam für ein Gespräch zu uns nach oben. Sie erzählten uns, dass sie nun schon seit ein paar Wochen unterwegs waren, meist mit dem Rad, hin und wieder aber auch mit dem Zug oder mit der Fähre. Sie wollten für mehrere Monate durch Europa reisen und hatten neben ihrem eigenen Land nun bereits Italien, Kroatien, Montenegro, Albanien und nun Griechenland durchquert. Den Platz hier hatten sie sich wegen des drohenden Gewittersturms ausgesucht und ihre Angst vor dem Unwetter führte nicht gerade dazu, dass wir entspannter wurden.

Nach Kreta wollten sie vor allem deshalb, weil sie sich dort ein Wohn- und Farmprojekt anschauen wollten. Sie hatten den Plan, nach ihrer Reise eine Öko-Farm zu gründen und wollten sich deswegen verschiedene, bereits bestehende Gemeinschaften anschauen.

Wir berichteten ihnen ein bisschen von unseren eigenen Erfahrungen mit unterschiedlichen Gemeinschaften sowie den Problemen, die wir dabei immer wieder beobachtet hatten. Fast alle Wohnprojekte und Lebensgemeinschaften scheiterten letztlich daran, dass die Mitglieder einander nicht mit der nötigen Ehrlichkeit begegneten. Wenn man eine Kommune wirklich ernst nahm und dabei auch einen neuen Lebensstil verfolgte, dann kam man fast unausweichlich in die gleichen Schwellen, die man auch durchlief, wenn man wieder heimisch in der Natur werden wollte. Alles, was man zuvor in seinem Leben unter den tisch gekehrt hatte, kam wieder an die Oberfläche und wollte bereinigt werden. Darin lag das wohl größte Potential alternativer Lebensgemeinschaften, aber eben auch die größte Gefahr. Die Mitglieder mussten bereit sein, sich diesen Themen zu stellen und offen und ehrlich damit umzugehen. Denn sonst zerbrach die rosarote Brille des gemeinsamen Idealismus und man geriet in eine Krise, bei der jeder den anderen die Schuld für die eigenen Lebensprozesse gab. Am Ende blieb dann oft nicht mehr viel von den ursprünglichen Ideen übrig. In Frankfurt waren wir einmal zu Gast in einer Kommune gewesen, die vor vielen Jahren einmal mit großartigen Ideen für ein harmonisches Miteinander gegründet wurde. Heute gab es mehr als sieben verschiedene Parteien, die alle nicht mehr miteinander sprachen, weil sie bis auf den Tod verfeindet waren. So einen Reinfall wollten wir den beiden gerne ersparen und erzählten ihnen deswegen vieles von dem, was wir in den Wildniskursen über Art of Truespeaking und Redekreise gelernt hatten.

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Nachdem wir uns verabschiedet hatten, zogen wir uns in unser Zelt zurück und verbrachten die restliche Wartezeit mit Essen und Filmschauen. Zum Schlafen war die Zeit bereits ein bisschen zu kurz und wir wollten nicht riskieren, dass wir nicht rechtzeitig wieder aufwachten. Um kurz vor Mitternacht setzten wir uns unsere Stirnlampen auf und packten alles Zusammen. Es war das erste Mal, das unsere Stirnlampen so richtig zum Einsatz kamen und wir müssen sagen, dass sie uns wirklich beeindruckten. So hell war es an manch bewölktem Tag nicht Danke an Lupine für diese hilfreiche Unterstützung.

Die dicken Gewitterwolken hingen noch immer am Himmel, waren aber langsam weiter aufs Meer hinausgezogen und sahen nicht mehr ganz so bedrohlich aus. Sie hatten unsere Überfahrt also nicht verhindern wollen.

Um halb eins trafen wir am Hafen ein. Am Schalter saß nun der pummelige Halbglatzenmann, von dem noch immer keiner wusste, ob er der Manager war oder nicht. Auf meine Frage zu diesem Thema ging er nicht ein. Auch Fragen über mögliche Sponsorpartnerschaften oder Rabatte wich er geschickt aus und berief sich dabei auf seine mangelnde Autorität. Wenn er wirklich der Manager war, dann war er seinen Angestellten jedenfalls ein gutes Vorbild gewesen, denn auch er brauchte Ewigkeiten, bis er es schaffte, zwei Tickets auszudrucken und vor mich auf den Tresen zu legen.

Dann begann das Abenteuer Fährfahrt.

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Jetzt geht es also wirklich los!

Höhenmeter: 310 m

Tagesetappe: 14 km

Gesamtstrecke: 12.713,27 km

Wetter: sonnig aber mit eisigem Wind

Etappenziel: Pfarrhaus, 89832 Dasà, Italien

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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