Tag 972: Frühere Leben

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Tag 972: Frühere Leben

Tag 972: Frühere Leben

16.08.2016
Der Kaffe wirkte stärker als ich vermutet hatte. Er hatte zwar nicht dafür gesorgt, dass ich effektiver wurde, aber nachdem ich mich ins Bett gelegt hatte, sorgte er dafür, dass ich hellwach blieb. Ich schlummerte schon immer wieder ein, aber sobald irgendwo auch nur ein leises Geräusch auftauchte, lag ich wieder mit weit aufgerissenen Augen da. gegen halb Sechs kam der Bruder unserer Gastgeberin und klopfte an die Tür. Einen Moment lang glaubte ich, wir hätten verschlafen oder verpasst, dass mit dem Grenzübertritt auch die Uhrzeit wieder verstellt wurde. Doch der Mann war einfach ein passionierter Frühaufsteher und wollte uns einfach nur ein Frühstück mit frischer Milch und Brot vor die Tür stellen.

Gegen 8:30Uhr kam dann seine Schwester zur Verabschiedung vorbei. Sie bot uns an, noch etwas Obst und Wurst aus dem Minimarkt zu besorgen und verschwand dann für mehrere Minuten. In der Zwischenzeit warteten wir im Garten des Gemeindehauses und bekamen hier den ersten Hinweis, dass wir uns langsam der Grenze des ungarischen Bereichs der Slowakei näherten. Die reinen Slowaken waren offensichtlich leider nicht ganz so freundlich und hilfsbereit, wie ihre ungarischsprarigen Landsleute. Unser erster rein Slowakischer Kontakt war mit einem Mann, der mit dem Auto vorfuhr, neben uns anhielt und uns aus dem Grundstück der Gemeinde vertreiben wollte. Unsere Überstetzungen mit: „Wir sind vom Pfarrer eingeladen worden“, überzeugten ihn wenig und er begann leicht zu stenkern. Erst als unsere Gastgeberin ihn überzeugte, dass wir wirklich geladene Gäste waren, stieg er in sein Auto zurück und raste davon.
Als wir uns im Anschluss von unserer Gastgeberin verabschiedeten, hatte diese sogar Tränen in den Augen. Auf der einen Seite fühlten wir uns daurch geschmeichelt, wenngleich uns bewusst war, dass die Tränen weniger uns als Personen und mehr dem Lebensgefühl, den Sehnspchten und Träumen galten, die in ihr erwacht waren und nun wieder weiter zogen.
Wir folgten zunächst dem Verlauf einer größeren und nicht allzu angenehmen Hauptstraße, konnten dann aber nach links auf einen Seitenarm in die Felder abbiegen. Hier kamen wir immer wieder durch vereinzelte kleine Dörfer und obwohl alle fast identisch waren, spürte man doch, wie sich mit jedem das Lebensgefühl änderte. Nach dem Zweiten stand nun bereits kein ungarisches Ortsschild mehr unter den slowakischen. Dafür nahm die Zahl der Sinti und Roma in den Ortschaften von Mal zu Mal zu, bis es schließlich kaum noch Urslowaken mehr gab. Langsam verstanden wir nun auch die Sorge der Einheimischen, dass sie aussterben und vollkommen durch die Sintis ersetzt wurden. Das Gefühl war hier ein ganz anderes als in Bulgarien. Hier gab es keien Slums in denen sich tausende von Menschen auf engstem Raum tummelten. Die Nachfahren der Nomaden lebten ganz normal in den Ortschaften, wobei sie es dennoch schafften, dass ihre Häuser immer schäbig und verwahrlost aussahen, so dass man bereits auf den ersten Blick erkennen konnte, wo wer lebte. Der Geburtendurchschnitt bei den Slowaken lag bei ein bis zwei Kindern, ähnlich wie bei uns Deutschen. Der der Sinti und Roma hingegen liegt bei sieben bis zwölf. Es reicht also wirklich etwas einfache Mathematik um festzustellen, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte. Grundsätzlich sprach ja auch nichts gegen die Anwesenheit der Sintis, wenn sie nur dieses Heuschreckenprinzip nicht so sehr perfektioniert hätten. Es dauerte immer nur ein paar Jahre, bis sie ein Haus vollkommen kaputgelegbt hatten, so dass es nicht mehr nutzbar war. Solange es ausreichend Häuser gab und auch ausreichend Menschen, die neue bauten, war das ein recht gut funktionierendes System. Doch bis in alle Ewigkeit konnte man es so nicht fortsetzen.
Vor einem Kirchenplatz machten wir eine Picknickpause und aßen das Brot und den Schweinespeck, den wir von unseren Gastgebern bekommen hatten. Gerade als wir fertig waren, bekamen wir Besuch von einem Mann, der zunächst einmal direkt neben uns in s Gebüsch pinkelte. Dann kam er zu uns und begann ein Gespräch. Erstaunlicher Weise erzählte er dabei sogar eine Geschichte, die ganz spannend war. Vor vielen Jahren war er einmal durch Europa gereist, von Oslo bis nach Barcelona und zu allem was dazwischen lag. Als er nach Brüssel kam, entdeckte er etwas, das mit seinen Worten wie „Schuh“ klang. Ich glaube jedoch, dass er nicht wirklich Schuh sagen wollte, sondern etwas anderes, dass dies aber nicht so richtig klappte, weil er einfach zu betrunken war. Auf jeden Fall fand er ein Irgendwas, das seltsam glitzerte und als er es aus der Nähe betrachtete, stellte er fest, dass lauter Gold und Silberschmuck darin lag. „Ein ganzes Kilo pures Gold!“ sagte er, fügte dann aber hinzu, dass dies im übertragenen Sinne gemeint war. Als er heim kehrte, verteilte er den Schmuck erst einmal unter seinen Freunden und Verwandten. Dass es sich dabei aller Wahrscheinlichkeit nach um Diebesgut gehandelt hatte, störte weder ihn noch seine Familie.

Zwei Orte weiter versuchten wir das erste Mal einen Schlafplatz aufzutreiben. Dabei verhielt ich mich wieder genau so, wie ich es damals in Spanien gemacht hatte, nachdem ich von Frankreich gewohnt war, dass die Menschen von alleine hilfsbereit waren. Ich trabte an, hielt den Zettel vor und war anschließend sauer auf die Leute, weil sie mir nicht einfach helfen wollte, dafür aber eine Menge Zeit stahlen. Insgesamt verbrachte ich fast eine Dreiviertelstunde damit, mit einem Pfarrer, einem Bürgermeister und zwei Sekretärinnen zu diskutieren. Am Ende standen wir dann aber dennoch ohne Schlafplatz da und mussten noch einmal weiter ziehen. Das Problem lag nicht daran, dass es hier nichts gegeben hätte oder dass die Menschen vollkommen unfreundlich waren. Sie waren nur nicht so offen und hilfsbereit wie in Ungarn, sondern legten eine gewisse Skepsis an den Tag, die ich ihnen nicht nehmen konnte, da ich es nicht einmal versuchte. Wir hatten eine Pressemappe und zwei verschiedene Trailer von unserem Projekt dabei, doch ich präsentierte nichts davon, sondern verlangte, dass sie mir ihr volles Vertrauen schenkten, wenn ich einfach nur durch die Tür hereingeplatzt kam, einen knittrigen Zettel auspackte und mich mit meinen kaputten Schuhen, meiner geflickten Hose, meinem löchrigen Hut und meinem fleckigen T-Shirt vor sie stellte, wobei ich nicht einmal ein Wort ihrer Sprache sprach. Im Nachhinein betrachtet konnte das einfach nicht gut gehen, doch in diesem Moment fiel mir nicht einmal auf, wie absurd meine Idee war. Ich war wieder einmal in den alten Trott der Faulheit zurückgefallen und glaubte, mir alles sparen zu können, was zusätzliche Arbeit bedeutete. Auch in der zweiten Ortschaft hatte ich noch nicht aus meinen Fehlern gelernt und verplemperte noch einmal 45 Minuten erfolglos mit der gleichen Stategie. Als Heiko mir dies bewusst machte, brach wieder einmal alles über mir herein. Die Ängste, die ich mir nicht hatte anschauen wollen, wurden nun so präsent wie nie. Ich hatte einfach nicht das Gefühl, jemals irgendeinen von meinen Lernschritten umsetzen zu können und stattdessen ewig auf der Stelle zu treten. Meine Angst war, dass ich den Lernweg nicht durchhalten konnte und wieder einmal kam das Gefühl in mir auf, alles hinschmeißen zu wollen und für den Rest meiens Lebens einfach gar nichts mehr zu tun. Im nachhinein finde ich es fast ein bisschen erschreckend, wie klein die Auslöser für diese Verzweifelungsanfälle nun nur noch sein müssen.

Am Abend kam Heiko jedoch auf einige Zusammenhänge, die meine Angst in diesem Bereich erklärten. Als kleines Kind hatte es einen Moment in meinem Leben gegeben, an dem mich mein Verstandesgegner vor eien Entscheidung gestellt hat. Wenn ich von nun an weiterhin versuchen würde, meinen Lebensweg zu gehen und meinem wahren Sein treu zu bleiben, dann würde ich automatisch einen inneren Sanktionator bekommen, der mir für jeden Verstoß und jedes Nichtvertrauen eine schmerzhafte Konsequenz in Form von Krankheiten oder ähnlichem schenkte. Wenn ich hingegen ihm, also dem Gegner folgen würde, und immer genau das tat, was er von mir wollte, dann würde er diesen inneren Sanktionator ausschalten, so dass ich ein lockeres und leichtes Leben führen konnte. Ich ließ mich damals auf diesen Deal ein und stimmte dem Gegner zu. Die ersten Jahre ging der Plan auf. Ich war nur wenig krank, hatte eine glückliche Kindeit und konnte fast alles tun, was ich wollte, ohne dafür eine Konsequenz zu erhalten. Heiko hingegen hatte sich damals dafür entschieden, seiner Herzensstimme zu folgen und den inneren Sanktionator anzunehmen, so dass er immer wieder Krankheiten und andere Leiden bekam, wenn er sich von seinem Weg entfernte.
Irgendwann jedoch kam der Bruch. Ich war dem Gegner nun schon soweit gefolgt, dass sich ein immenser Druck aufgebaut hatte, der mich nun zurück zu meinem Lebensweg zog. Der Wunsch, wirklich ich selbst zu werden, wurde immer größer und irgendwann konnte ich dem Gegner nicht länger folgen. Und genau an diesem Punkt stehe ich nun. Das Problem dabei ist nur, dass der Gegner die Sanktionen, die in meinem bisherigen Leben nötig gewesen wären, nicht aufgehoben, sondern nur unterdrückt hat. Das bedeutet: Jedes Mal, wenn man von seinem Lebensweg abkommt, entsteht ein Leidensdruck, der einen darauf hinweist, dass man dabei ist, sich zu verirren. Dieses Leid entsteht immer, vollkommen gleich, ob man es nun direkt spürt oder nicht. Wenn ich mit meinem Gegner nun also den Deal eingegangen bin, dass ich kein Leid bekomme, wenn ich im Gegenzug dafür aufs Lernen verzichte und das Leben einer Marionette lebe, dann haben sich seit dem alle anfallenden Sanktionen, die nicht ausgeführt worden angesammelt. Wenn ich mich nun also für das Lernen und für die Rückkehr zu meinem wahren Selbst entscheide, wird mit dieser Entscheidung auch alles angestaute Leid auf mich zukommen. Und davor habe ich eine unglaubliche Angst. Ich habe so eine Angst, dass ich mir fast ununterbrochen in die Hose scheiße. (Vielleicht soll ich ja auch deswegen eine Robe tragen) und dass ich mich selbst immer wieder manipuliere, um nicht ins Lernen gehen zu können. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum ich Heiko das Leben so schwer mache. Denn unter normalen Bedingungen würde es ja einfach keinen Sinn machen, dass ich mich ständig genau so verhalte, dass ich meinen besten Freund so gut wie möglich von mir weg stoße. Ist meine Angst wirklich so groß, dass ich unterbewusst sogar unsere Freundschaft sabotiere, damit ich dann am Ende vielleicht doch einfach aufgeben und im Selbstmitleid versinken kann? Ich weiß es nicht, aber gerade macht es den Anschein. Und nach dieser Erkenntniss verstehe ich auch zum ersten Mal, warum ich eine solche Angst habe. Es hatte ja schon viele Bereiche gegeben, in denen ich glaubte, meine Angst sei unbegründet und am Ende kam dann doch genau das zum Vorschein, vor dem ich mich so sehr gefürchtet hatte.

Nach dem Abendessen testeten wir einmal aus, wie viele Leben wir bereits als Seele durchlaufen haten, in denen wir unseren inneren Sanktionator ebenfalls ausgeschaltet hatten, so dass wir weder im Leben noch im Tod etwas lernten. Bei Heiko waren es 16, bei mir 301 und bei Heidi sogar 1513 Leben, ohne dass wir in die Erleuchtung gekommen waren und ohne dass wir im Tod hatten lernen können. Auch die nicht gelebten Sanktionen aus diesen Leben, stauten sich natürlich noch mit auf. Mein Lebenskarren saß also ordentlich im Dreck und mir wurde immer mehr bewusst, dass die nächsten Schritte meines Lebens die wohl härtesten und schmerzhaftesten überhaupt sein würden. Und genau dies machte mir wirklich Angst

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Spruch des Tages: Wenn es nicht klappt, probiert man es halt im nächsten Leben noch einmal

Höhenmeter: 650 m
Tagesetappe: 41 km
Gesamtstrecke: 17.642,27 km
Wetter: überwiegend sonnig und warm
Etappenziel: Pfarrhaus, Piotrowice, Polen

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2019-07-03T15:31:22+00:00 Polen, Slowakei, Tagesberichte|

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