Tag 312: Das Adelshaus

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Tag 312: Das Adelshaus

Tag 312: Das Adelshaus

Morgens wie ein Bettelmann, abends wie ein Kaiser. Dies könnte das Motto des heutigen Tages sein. Nicht das unser Schlafplatz schlecht gewesen wäre. Er hatte eine Heizung mit der wir den kleinen Raum in eine Sauna verwandeln konnten und dies war alles, was wir uns wünschten. Doch es gibt schon deutliche Unterschiede, in der Art wie man hier absteigen kann und eine so noble Variante wie heute nachmittag haben wir überhaupt noch nicht gefunden. Man sollte wirklich niemals urteilen, denn die Situation wirkte zunächst erstmal vollkommen vertrackt. Im ersten Ort war wieder ein Weinfest, so dass der Gemeindesaal nicht zur Verfügung stand. Im zweiten war es dann sogar unmöglich, den Bürgermeister zu finden, um auch nur danach fragen zu können. Der Wind war eisig und schob dicke Regenwolken auf uns zu. Viel Zeit blieb uns nicht mehr für eine Lösung und Heikos Bein sprach sich bereits wieder deutlich gegen eine weitere Verlängerung unserer Wanderung aus.

Dann jedoch traf ich auf eine niedliche, alte Dame, die mir den Tipp gab, am Ende der Straße an der Tür zu einem großen Anwesen zu klingeln. Dort könne man uns vielleicht weiterhelfen.

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Das Anwesen gehörte einem Schottischen Ehepaar, das vor elf Jahren hierher ausgewandert war. Sie boten hier normalerweise eine Art Work-and-Travel an, das man übers Internet buchen konnte. Wenn man fünf Tage die Woche fünf Stunden im Haus mitarbeitete, konnte man umsonst hier wohnen und essen. Ein verdammt guter Deal, bei dem was man an Unterkunft dafür bekommt. Stellt euch am besten ein französisches Gutshaus aus einem Film über Adelsfamilien aus dem 18. Jahrhundert vor und gebt dem ganzen noch etwas mehr Stil und Klasse. Dann habt ihr ungefähr ein Bild von diesem Haus. Wobei Haus hier in etwa so passend ist, wie die AIDA ein Boot zu nennen.

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„Allein die Beschläge der Tür zu unserem Zimmer hier,“ begann Heiko, „Kosten locker einen Tausender! Pro Stück! Das macht 9.000 € insgesamt und man hat dabei noch keine Tür. In den Gängen hingen große Wandteppiche und Stickereien, gefolgt von Ölgemälden und kleinen Statuen. Dabei gab es erstaunlich viele unterschiedliche Stile, die hier gemischt wurden und dennoch passte alles perfekt zusammen. Allein die Deckenhöhe war so beeindruckend, dass ich mir fast den Hals verengte, weil ich immer wieder hinauf schauen musste. Manchmal war ich mir sogar unsicher, ob die Räume überhaupt eine Decke hatten. David, der Hausherr, hatte also absolut Recht damit, dass er beschloss, und erst einmal alles wichtige zu zeigen, um zu verhindern, dass wir uns in dem Anwesen verliefen. Die Gefahr bestand durchaus und es würde mich nicht wundern, wenn in der langen Geschichte des Hauses bereits jemand bei dem Versuch die Küche zu finden verhungert ist.

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Die Küche befand sich übrigens hinter einer Geheimtür links vom großen Kamin im Wohnzimmer. Von ihr aus wiederum gelangte man in den Speiseraum, der zur Hälfte aus Glas bestand und dadurch einen traumhaften Blick über den Kanal, die Alleen und die Weinberge bot. Und auf den eigenen Gärten mit dem Pool darin natürlich. David meinte, dass wir ruhig darin baden könnten,wenn wir wollten, doch das Wasser hatte nur 13 Grad.

So setzten wir uns lieber bei einer heißen Suppe auf die warme Seite der Fenster und wärmten unsere Glieder. Zum Nachtisch gab es typisch schottische Oakcakes. Das waren Kekse aus Eichenmehl, die erstaunlich lecker schmeckten. Sie enthielten weder Weizen noch Zucker und es war uns wirklich unverständlich, warum sie außerhalb von Schottland so unbekannt waren. Eichen gab es schließlich überall und wenn man so leckere Sachen aus ihrem Mehl machen konnte, dann stellte sich doch die Frage, warum es keiner machte.

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So jedenfalls konnte man es gut aushalten. Dabei hatte es zunächst so ausgesehen, als würde diese noble Option für uns gar nicht in Frage kommen. Denn nur wenige Tage zuvor hatten David und Sundara eine Erfahrung gemacht, die ihnen fast das Vertrauen in ihre Gastfreundschaft genommen hätte. Sie hatten Besuch von einem amerikanischen Pärchen gehabt, das ihre Gastfreundschaft recht arg Strapaziert hatte. Auch sie waren den Deal mit Arbeit gegen Kost und Logie eingegangen, hatten dann aber beschlossen, ihren Teil der Abmachung nicht zu erfüllen. Als David sie schließlich bat zu gehen, wenn sie nicht bereit waren, etwas für ihre Unterbringung zu leisten, verschwanden sie am nächsten Morgen ohne ein weiteres Wort. Erst später fiel den Schotten auf, dass sie einen elektrischen Heizstrahler und noch einige andere praktische Dinge vermissten. „Es war nicht viel wert,“ sagte David, „aber es geht ums Prinzip, um den Vertrauensbruch an sich.“

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Zunächst war er also äußerst skeptisch und erst nach einem längeren Kampf mit sich selbst war er bereit, wieder Vertrauen in die Menschen zu fassen. In diesem Fall also in uns.

David erzählte uns, dass er vor seiner Rente Professor für Geowissenschaften gewesen war und unter anderem in Graz und Wien gelehrt hatte. Seit der Rente setzte er sein Wissen nun dafür ein, die Politiker und die großen Konzerne an der Umsetzung äußerst idiotische Pläne zu hindern. Sein erster Erfolg war es gewesen, die Britische Regierung davon zu überzeugen, dass das Atommüllendlager, dass gerade geplant wurde, auf einem thermoaktiven Gebiet lag. Ein Umstand, der eher ungünstig ist, wenn man ein Lager braucht, das viele Tausend Jahre bestehen bleibt, ohne kaputt zu gehen.

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Sein aktuelles Thema war nun Fracking. Dies ist eine neue Methode der Öl-Industrie, Erdöl aus einer Art Kalkstein zu gewinnen, indem man den Boden mit einem Cocktail an giftigen Chemikalien durchtränkt. Das Verfahren ist hoch aufwendig und kostet mehr, als das Öl am Ende einbringt, aber dennoch sehen viele darin die Zukunft unserer Ölversorgung. Das wesentlich größere Übel besteht jedoch darin, dass man durch das Fracking riesige Landstriche für Jahrhunderte Verseucht. Vor allem deshalb, weil die verwendeten Chemikalien ins Grundwasser gelangen. In Britannien gibt es gerade ein Projekt, bei dem das Fraking im großen Stil geplant wird. David wurde daher in zwei Wochen zu einer Konferenz eingeladen, bei der er seine Expertenmeinung vortragen soll. Auf seinem Computer zeigte er uns die Grafiken von der Bodenbeschaffenheit des entsprechenden Gebietes. Man konnte unterschiedliche Gesteinsschichten erkennen, sowie ein unterirdisches Wasserreservoir, das ganz Edinburgh und Glasgow versorgte. Es war durch eine Art Erdspalte von einem Nachbar-Areal abgetrennt und in diesem Nachbar-Areal wollten die Ölfirmen nun mit dem Fracken beginnen.

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„Alle anderen Erdgrenzen, die ihr hier seht sind erwiesenermaßen Wasserdurchlässig“ erklärte uns David, „ich arbeite nun daran, zu beweisen, dass die Grenze zwischen dem Trinkwassergebiet und der Gesteinsschicht, die fürs Fracking ausgewählt wurde ebenfalls durchlässig ist. Wenn das stimmt, dann würde die Umsetzung des Plans das Trinkwasser für Millionen von Menschen verseuchen. Nicht nur eine, sondern gleich zwei Großstädte! Das ist absolut verrückt. Wenn auch nur eine Chance von 1:100 besteht, dass die Gifte in das Wasserreservoir eindringen können, dann wäre das Fracking hier der absolute Wahnsinn. Denn die Chemikalien sind so giftig, dass wenige Mengen ausreichen um alles zu kontaminieren. Selbst wenn man es dann merken und sofort alles stoppen würde, wäre es zu spät. Die Schäden wären irreversibel. Das Wasser wäre für Jahrhunderte tödlich für alle Arten von Leben.“

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Auch Sundara hatte eine spannende Geschichte zu erzählen. Bevor sie David kennengelernt hat, lebte sie in Schottland auf einer kleinen Halbinsel! die nahezu vollständig von der Außenwelt abgeschnitten war. Das Dorf hatte lediglich aus ein paar verstreuten Häusern bestanden, die alle weitgehend autark lebten. Man konnte sie nur über einen Wanderweg oder mit dem Boot erreichen. Wasser gab es aus dem Fluss und Strom gab es zunächst gar nicht. Später versorgten sie sich dann über eine Wasserturbine und Akkus. „Es war ein schönes Leben dort“, sagte Sundara, „aber auch ein sehr hartes. Ich würde es nicht noch einmal machen wollen. Doch die Landschaft und die Wildheit der Natur dort ist absolut unglaublich!“

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Das Wetter in Schottland musste miserabel sein, doch abgesehen davon waren wir von dem Land begeistert. Bei den vielen Bergen dürfen wir noch deutlich Ritter werden, dann jedoch rückt Schottland auf der Liste mit Ländern, die wir bereisen wollen noch deutlich nach oben.

Spruch des Tages: Erfahrung ist nicht das, was einem zustößt.

Erfahrung ist das, was man aus dem macht, was einem zustößt.

(Aldous Huxley)

 

Höhenmeter: 30m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 6011,37 km

Bewertungen:

 
2016-02-20T23:04:27+00:00 Frankreich, Tagesberichte|

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