Tag 1024: Zurück auf deutschem Boden

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Tag 1024: Zurück auf deutschem Boden

Tag 1024: Zurück auf deutschem Boden

06.10.2016

Am Nachmittag führte Heiko mit unserer Gastgeberin noch ein sehr langes Gespräch, bei dem es vor allem um verschiedene Heilungsansätze geht. Es war schon eine lange Zeit her, seit wir das letzte Mal die Möglichkeit bekommen hatten, wirklich aktiv heilerisch tätig zu sein. In Frankreich hatten wir viele solcher Gespräche geführt und später noch einige in Italien. Seither war es immer weniger geworden, was nicht schlimm war, da wir uns so den Büchern und anderen Projekten zuwenden konnten, die ja ebenfalls der Heilung dienten. Doch hin und wieder etwas ganz praktisch und persönlich weiterzugeben, wenn jemand wirklich offen für Antworten war, fühlte sich durchaus auch ganz gut an.
Bevor wir am Morgen aufbrachen, bekamen wir noch ein Frühstück, bei dem wir auch den Rest der Familie kennenlernten. Zum Abschied steckte uns die Mutter unseres Gastgebers sogar noch einen Umschlag mit einer wirklich großzügigen Spende zu. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken!

achtung staatsgrenze pilgerwagen franz

Das Wetter war noch immer tübe und bewölt und nach eingier Zeit begann es sogar zu regnen. Dies gab uns die Gelegenheit, einmal unsere neue Regenkleidung auzuprobieren. Heiko versuchte es erst einmal mit einer Kombination aus der neuen Softshell-Daunen-Jacke und der Winterjacke, die sich als erstaunlich wasserabweisend erwies. Der Regen war nicht stark, weshalb wir noch keine endgültigen Aussagen treffen können, aber auf den ersten Blick scheint es, als wäre eine zusätzliche Regenjacke noch nicht so schnell nötig.
Ich selbst zögerte noch einen Moment, bis ich mich dazu entschließen konnte, mich in meinen grünen, Gummiregenmantel zu hüllen, der ein bisschen an den Schlächter von „Ich weiß was du letzten Sommer getan hast“ erinnert. Doch die Robe erwies sich logischerweise als nicht sonderlich wasserabweisend und bevor sie sich vollkommen vollgesogen hat, zog ih die Gummiwariante dann doch vor. Obnrum ist der Mantel wirklich absolut wasserdich und schlägt jede Regenjacke die ich in meinem Leben hatte um längen. Leider verdeckt er die Beine nicht ganz, so dass das Wasser bei wirklich starkem Regen von unten in die Robe einziehen und mich trotzdem durchnässen wird. Ganz ideal ist das noch nicht, aber bislang habe ich auch noch keine bessere Lösung.
Wo wir gerade schon beim Thema Robe sind, kann ich euch ja gleich einmal von meinen ersten Erfahrungen berichten. Ich trage sie nun drei Tage lang und noch immer ist es recht ungewohnt. Langsam wird sie immer mehr zu meinem Gewand, aber am anfang fühlte sie sich eher wie ein Fremdkörper an. Spannend ist zunächst einmal die Reaktion der Leute. Die meisten reagieren nämlich überhaupt nicht. Ich selbst hätte vermutet, dass es für viele erst einmal ungewohnt und irritierend ist, wenn sie einen Mönch sehen, der mit einem Pilgerwagen herumläuft. Schließlich sieht man so etwas nicht alle Tage. Tatsächlich aber scheint es für die meisten nicht ungewöhnlicher zu sein, als einen Nicht-Mönch zu sehen, der mit einem Pilgerwagen herumläuft. So etwas sieht man ja schließlich auch nicht alle Tage. Nicht einmal die Kinder der Schulklasse, fragten nach oder wirkten, als fänden sie mein Outfit ungewöhnlich. Tatsächlich scheinen es die meisten Menschen sogar sehr angenehm zu finden, dass sie mich als Mönch nun einfach in eine gedankliche Schublade einsortieren können. Ein Mann der ohne Geld um die Welt wandert, wirkt auf den ersten Blick schon ein wenig suspekt. Ein Bettelmönch, der das gleiche tut ist jedoch nicht ungewöhnlich sondern tut eben das, was Bettelmönche immer so tun. Auch wenn es sie kaum noch gibt. Lustigerweise wirkt sich dies auch auf Heikos Wirkung auf die Menschen aus, der nun Teil eines Naturheiler-Mönch-Gespannst ist, was ebenfalls in unser Gedankenmuster passt, da ja die Mönche immer auch für die Heilungen zuständig waren.

Rein praktisch kann ich sagen, dass ich mit der Robe in einigen Bereichen deutlich besser, dafür in anderen aber etwas schlechter zurecht komme als gedacht- Beim Wandern stört sie anders als Vermutet nicht im geringsten. Die Beinfreiheit ist großartig und mit einer Laufhose darunter ist es auch von der Temperatur im Moment vollkommen in Ordnung. Im Sommer keine Hose darunter zu tragen wird glaube ich sehr angenehm werden und ich muss sagen, dass ich mich sogar schon ein bisschen darauf freue. Mit einem T-Shirt darunter war es mir an den ersten Tagen an den Armen etwas zu kalt, weshalb ich nun ein langärmliges Shirt darunter trage. Wenn es sehr kalt wird, habe ich eine Lodenweste, die ich überziehen kann, wie es auch die meisten Franziskaner in Italien gemacht haben. Außer am Abend meines ersten Robentages war dies bislang aber noch nicht nötig.
Am schwersten tue ich mich bislang mit den Ärmeln, die extrem weit sind und sehr schnell überall drin hängen, was vor allem beim Essen ein Problem ist. Der Vorteil dabei ist natürlich, dass mich die Robe so zwingt, meine Aufmerksamkeit zu trainieren, was mir sicher nicht schaden kann. Ebenfalls etwas umständlich ist der Gugel, also das Kragenstück mit der Kapuze daran. Im normalen Alltagsgebrauch ist es kein Thema und die Kapuze ist wirklich großartig. Aber der ganze obere Teil verrutscht leider bei jedem Mal, wenn ich den Rucksack auf und absetze und bislang habe ich noch keine Methode gefunden, mit der ich sie alleine wieder vollkommen in Form zuppeln kann.
Was dafür überhaupt kein Problem ist, ist das Pinkeln mit der Robe. Man hebt sie einfach an und fertig! Hier hätte ich mit deutlich mehr Schwierigkeiten gerechnet.

Nach rund 12 Kilometern tauchte auf der gegenüberliegenden Uferseite der Ort Engelhart Zell auf, den wir uns eigentlich als Zielort auserkoren hatten, da es hier ein Kloster geben sollte, das weit weniger touristisch war als die letzten. Dummerweise war auch dieses wieder nur mit einer Fähre erreichbar und diese befand sich auf der gegenüberliegenden Seite. Wir konnten schlecht den Fährmann rufen, und dann fragen ob er uns umsonst mitnahm, so dass wir an einer Bezahlung der Fähre nicht vorbei kamen. Der Preis für die Überfahrt war aber wieder deutlich teurer und lag in einem Bereich, den wir nicht mehr als eigentlich fast geschenkt rechtfertigen konnten. Also entschieden wir uns für Plan B und wanderten weiter bis zum nächsten Kraftwerk, über das man auf die andere Seite wandern konnte.
Zu unserer völligen Überraschung kamen wi auf halbem Wege an einem Schlid mit der Aufschrift „Freistaat Bayern“ vorbei. Klar, die Grenze war auf unserer Karte eingezeichnet gewesen, doch so richtig realisiert hatten wir es noch nicht. So lange war die Grenze nach Deutschland nun schon ein Ziel gewesen und nun überschritten wir sie so plötzlich und fast unbemerkt, dass es uns richtig komisch vorkam. Neben dem Hinweis, das wir uns nun in Bayern befanden stand ein weiteres Schild mit der Aufschrift „Nur Fußgänger und Radfahrer ohne Sichtmeldepflicht. Nur zwichen 7:00 Uhr und 22:00 Uhr“ Darunter war ein Schild für einen Wanderweg angebracht worden, der den treffenden Namen „Schmuglerweg“ trug.
In den vergangenen zwei Jahren hatten wir uns oft gefragt, wie es ist, wieder nach Deutschlan zu kommen. Vor allem in Tschechien und der Ukraine waren wir uns sicher, dass wir den deutschen Boden küssen würden, wenn wir wieder auf ihm stehen durften. Ich muss allerdings zugeben, dass wir dieses Bedürfnis jetzt doch nicht mehr verspürten. Es war schön wieder hier zu sein, fühlte sich gleichzeitig aber auch sehr sonderbar und irgendwie fremd an. Lustig war, dass wir an so vielen Orten auf unserer Reise über die schlechten Straßenbedingungen geschimpft hatten und dabei immer wieder den Gedanken im Kopf trugen: „In Deutschland gäbe es so etwas nicht!“ Tatsächlich mussten wir nun feststellen, dass der Radweg direkt nach der Grenze um einiges schlechter wurde als er auf der österreichischen Seite gewesen war. Anstelle von gut gepflegten, glatten und widerstandsarmen Asphalt traten nun Betonplatten, die nicht gerade vorbildlich verlegt worden waren.

Trotzdem war die Begrüßung in der Heimat so gut, wie sie besser nicht hätte sein können. Gleich hinter der Grenze, noch vor erreichen der Staumauer kamen wir in einen kleinen Ort namens Jochenstein. Hier wiederum kamen wir an ein Gasthaus mit dem Namen Kornexl, in dem wir nachfragten, ob es vielleicht doch auch hier einen Pfarrer gab, so dass wir uns den Weg zurück nach Österreich sparen konnten. Wie schon vermutet gab es ihn nicht, aber stattdessen bot uns die Kellnerin an, ihre Chefin zu fragen, ob diese nicht ein Zimmer für uns hatte. Rein von den Bedingungen her entstand dabei die gleiche Situation wir vor einiger Zeit in Tschechien. Die Chefin war nicht da, es war ungewiss, ob wir bleiben können oder nicht und wir mussten entscheiden, ob wir warten oder weitergehen wollten. Damals hatten wir die Wartezeit an einer Bushaltestelle neben der Hauptstraße verbracht, mussten dann noch einmal selbstständig nach dem Chef verlangen, der alles noch einmal erklärt haben wollte und uns letztlich ablehnte, so wie es von vornherein sein Plan gewesen war. Hier bot uns die Kellnerin einen Platz in der warmen, trockenen Wirtsstube und je Getränk an, machte sich derweil mehrere Gedanken für Alternativpläne, falls ihre Chefin doch nein sagen sollte und erklärte dieser unser Anliegen dann so genau und begeistert, dass wir kein Wort mehr sagen mussten, um ein Zimmer zu bekommen.

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Spruch des Tages: Wir sind wieder hier

Höhenmeter: 0 m
Tagesetappe: 5 km
Gesamtstrecke: 18.790,27 km
Wetter: grau und regnerisch
Etappenziel: Haus von Heikos Eltern, 92353 Postbauer-Heng, Deutschland

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