Tag 369: Hummer – Mehr Leid als Genuss

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Tag 369: Hummer – Mehr Leid als Genuss

Tag 369: Hummer – Mehr Leid als Genuss

Das Rote Kreuz hat uns äußerst positiv überrascht. Wir hatten uns die Nacht in etwa so vorgestellt, wie die Nächte bei der Portugiesischen Feuerwehr, doch es war absolut ruhig. Sori war eine kleine Gemeinde und die freiwilligen Sanitäter waren für gerade einmal 5000 Menschen zuständig. Ihren letzten Einsatz hatten sie vier Tage zuvor in der Silvesternacht gehabt. Seit dem war es ruhig geblieben und auch in der Zeit in der wir im Zentrum zu Gast waren passierte nichts. Es war ein nettes zusammensitzen der Sanitäter, mit gemeinsamem Kochen. Lediglich einer der hier Arbeitenden war regulär beschäftigt. Alle anderen waren freiwillige Helfer und wenn es hier immer so zuging, dann konnte man auch gut verstehen, warum sie sich freiwillig gemeldet hatten. Ihr Abendessen bestand leider aus Spagetti mit Käse-Lachs-Sauce und Pizza mit Schweineschinken, so dass für uns nicht viel dabei war. Die Jungs gaben sich jedoch alle Mühe, etwas für uns zu finden und als ihnen die Ideen ausgingen, luden sie uns schließlich in ein Restaurant ein, in dem alle Rot-Kreuz-Veranstaltungen der Stadt stattfanden. Hier bekamen wir einige Spezialitäten des Hauses, darunter auch eine Art Brot aus dem Mehl einer Bohnenart. Es war wirklich lecker und wäre eine gute Alternative zu dem inhaltslosen Weizenmehl. Leider haben wir nicht erfahren, wie genau die Bohnenart heißt, mit der man es zubereitet. Auch über das Rezept konnten wir nichts in Erfahrung bringen.

Unsere Wanderung führte uns heute wieder an der Via Aurelia entlang. Es ist eine alte Römerstraße die tatsächlich direkt bis nach Rom führt. Heute ist sie natürlich durch eine Asphaltstraße ersetzt worden die zu großen Teilen stark befahren ist. Wir kamen zunächst in eine Art Bucht und mussten dann gemeinsam mit der Straße einen Bergkamm überqueren, um auf die andere Seite zu gelangen. Nach einem anstrengenden Anstieg und einem endlos wirkendem Abstieg fanden wir uns in San Michele di Pagana wieder, einem netten kleinen Hafenort, der leider etwas sehr touristisch war. Dennoch fanden wir einen Schlafplatz in einem Franziskanerkloster direkt über dem Hafen und hatten so noch etwas Zeit uns die Stadt in ruhe anzusehen. Es war eine Stadt, in der deutlich mehr Reichtum herrschte, als in den letzten, die wir durchwandert haben. Die Einkaufsmeile war geprägt von teuren Markengeschäften und ebenso teuren Souvenirläden. Besonders beeindruckt waren wir von einer kleinen Kunstgalerie, in der leuchtende, dreidimensionale Bilder von Blumenwiesen oder Korallenriffen ausgestellt wurden. Diese Art der Kunst hatten wir zuvor noch nie gesehen und die Bilder wirkten fast lebendig, so als wäre man mittendrin.

Neben den teuren Luxusartikeln gab es auch viele edle Restaurants, mit allerleih nobel zubereitetem Meeresgetier. An einem Stand auf dem Weihnachtsmarkt bekamen wir hauchfeine Oktopus-Scheiben auf Salat mit Olivenöl, Pfeffer und Zitrone. Auch dies war für uns etwas vollkommen neues.

Ähnlich wie in den Hafenstädten Spaniens gab es auch hier viele Schalentiere, die zum Verzehr angeboten worden. Darunter auch einige Hummer. Als wir gerade vor einem besonders großen Exemplar standen, wurden wir von einem deutschen Touristen angesprochen.

„Beeindruckende Tiere, oder?“ meinte er.

„Das kannst du laut sagen!“ antwortete Heiko.

„Wusstet ihr, dass sie über hundert Jahre alt werden können?“ fragte er dann weiter.

Jetzt waren wir gleich noch mehr beeindruckt, denn davon hatten wir keine Ahnung gehabt.

„Sie werden im Schnitt zwischen 60 und 100 Jahren alt, können aber auch weitaus älter werden. Vorausgesetzt natürlich, sie enden nicht zuvor als Tischgericht. Vor kurzem habe ich einen Artikel über einen 140 Jahre alten Hummer gelesen, der gerade noch im letzten Moment von einigen Tierschützern vor dem Kochtopf gerettet werden konnte. Auf der Liste mit den ältesten Tieren der Welt, steht der Hummer direkt über dem Menschen. Wenn man sie lässt können sie bis zu 70cm lang und 10kg schwer werden.“ Setzte der Mann seine Erzählung fort.

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Mir fiel auf, dass ich tatsächlich keinen Blassen Schimmer von Hummern hatte. Wie auch, mit diesen Tieren hatte ich mich noch nie beschäftigt. Aber vielleicht sollte ich das nachholen, denn sie schienen wirklich recht faszinierende Wesen zu sein. Von dem Mann erfuhren wir noch, dass sie blaues Blut haben und dass sie mit dem Magen kauen. Sie besitzen also einen Muskelmagen, schlucken die Nahrung ganz herunter und zermalmen sie dann mit den Magenmuskeln.

Wir kamen mit dem Mann noch tiefer ins Gespräch und er erzählte uns, dass er selbst eine Gourmetküche in Deutschland hatte und dort auch Hummer zubereitete. Heiko war sofort angetickt und fragte noch einmal genauer nach. Wenn sich schon einmal die Möglichkeit bot, mehr über die Haltung und Zubereitung der Tiere zu erfahren, dann sollte man sie auch nutzen.

Dass Hummer bei lebendigem Leib in kochendes Wasser geworfen werden, damit das Fleisch nicht zusammenfällt und sich gut vom Außenskelett löst, ist kein Geheimnis. Doch jetzt wollten wir einmal wissen, wie es den Hummern dabei geht. Schreien sie wirklich wie kleine Kinder, wie es hin und wieder erzählt wird?

„Nein,“ sagte der Koch, „zumindest habe ich das noch nicht erlebt. Aber sie winden sich und kratzen an den Topfwänden. Oft versuchen sie zu entkommen, aber das ist natürlich zwecklos. Wir haben in der Ausbildung damals beigebracht bekommen, dass Hummer kein Nervensystem haben und den Schmerz daher nicht fühlen, aber ich bin mir da ehrlich gesagt nicht so sicher.“

Heiko beobachtete den Mann genau, als er das sagte und so fiel ihm auch der schuldbewusste Gesichtsausdruck auf, den er nicht unterdrücken konnte.

„Oh, ich glaube, du bist dir da schon ziemlich sicher,“ meinte er verschmitzt.

„Wie bitte?“ fragte der Mann.

„Naja, deine Augen und deine Mundwinkel sagen ziemlich deutlich, dass du dich schuldig fühlst, weil du schon weißt, dass sie den Schmerz fühlen.“

Er schaute etwas verdutzt und Heiko musste ihm etwas über Antlitzdiagnose erklären um ihn wieder in die Fassung zurück zu bringen. Dann lächelte er und meinte:

„Ja, du hast Recht. Ich habe mir ehrlich gesagt nie Gedanken darüber gemacht, aber vor einiger Zeit habe ich einen Wissenschaftsbericht gelesen, der Beweist, dass Hummer sogar ein sehr hoch entwickeltes Nervensystem haben, das auf äußere Impulse genauso stark reagiert, wie bei jedem anderen Lebewesen. Es ist sogar noch etwas schlimmer. Sie haben kein autonomes Nervensystem, was bedeutet, dass sie keinen Schutzreflex besitzen, der sie bei zu hohen Schmerzen in einen Schockzustand versetzt, der das Leiden ausblendet. Sie nehmen es permanent war, solange bis sie tot sind. Auf diese Weise ertragen sie vielleicht mehr Schmerz als andere Tiere, aber das heißt leider nicht, dass sie ihn nicht fühlen. Ganz im Gegenteil. Die Großhändler behaupten noch immer steif und fest, dass die Schalentiere keine Gefühle haben, aber eigentlich weiß jeder, der sie einmal ins kochendes Wasser geworfen hat, dass dies einfach nicht wahr ist. Wir blenden es nur gerne wieder aus. Das Problem ist, dass es keine wirklichen Alternativen gibt. Egal wie man einen Hummer tötet, er leidet immer.“

„Das stimmt natürlich!“ meinte Heiko, „getötet werden ist nie angenehm, das ist in der Natur nicht anders. Wobei man natürlich sagen muss, dass lebendig gekocht werden, so dass sich einem die Haut abschält schon eher zu den wirklich grausamen Methoden gehört.“

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Doch wie sich herausstellte war das lebendig gekocht werden nur die Spitze des Eisberges aus Leid, den die edlen Tiere durchmachen mussten. Weil die Hummer in Europa fast ausgerottet wurden, werden sie meist aus den USA oder aus Kanada importiert, wo sie in großen Zuchtfarmen herangezogen werden. Unter welchen Bedingungen die dort aufwachsen wusste der Mann leider nicht. Doch sobald sie die Schlachtreife erreicht haben, werden sie über Fließbänder verteilt und nach Gewicht sortiert. Dann bindet man ihnen die Scheren zusammen und stapelt sie in großen Kühlräumen, wo sie oft wochenlang ohne Nahrung vor sich hinvegetieren, bevor sie in alle Welt verschifft, bzw. verflogen werden. Ein einziges Mal hatte der Koch in Kanada eine solche Farm besucht und dabei gesehen, wie die Tiere gelagert werden. Als er „stapeln“ sagte, meinte er das wörtlich. Die Hummer liegen wirklich in großen Kisten übereinander, so dass einer auf dem Rücken des anderen herumkrabbelt.

Tot verdirbt das Fleisch zu schnell, also müssen die Tiere lebend gelagert und auch transportiert werden.

Für den Transport steckt man sie dann in kleine Styroporkisten, die bis zum Rand mit lebenden Hummern gefüllt werden, so dass sich die Tiere nicht mehr bewegen können. Eigentlich ist es in Europa verboten, lebende Hummer auf Eis zu lagern, doch das ist eher die Regel als die Ausnahme. So ist der Transport für sie zwar Qualvoller, doch ihre Überlebenschancen sind etwas höher.

Wenn sie dann am deutschen Flughafen ankommen, mussten sie bereits mehr als 30 Stunden in den engen Kisten vor sich hinvegetieren. Bis sie bei den Großhändlern landen zögert sich ihre Reise oft noch einmal um weitere 6 Stunden hin. Meist aufgrund von Zollformalitäten.

„Ach du Scheiße!“ rief ich und konnte mich wirklich nicht mehr zurückhalten, „Stellt euch einmal vor was das mit euch machen würde, wenn ihr für 36 Stunden in einer dunklen Kiste mit zwanzig anderen Menschen eingesperrt seit, die alle auf einem Haufen übereinander liegen. Und dann sind euch auch noch die Arme und Beine aneinander gefesselt. Jeder versucht ständig eine weniger unangenehme Position zu finden oder sich vielleicht doch noch zu befreien. Und jedes Mal, wenn sich einer bewegt habt ihr sofort eine Hand oder einen Ellenbogen im Auge oder im Magen. Gott ich bekomme gerade wirklich eine Gänsehaut bei dem Gedanken.“

„Mir wird auch etwas schlecht,“ stimmte Heiko zu, „ich weiß noch wie es mir ging, als ich bei dem einen Ritual von Darrel für nur 20 Minuten unter dem Schnee eingesperrt war. Und da war ich alleine und wusste, dass jemand in der Nähe war, der mir jederzeit Helfen konnte, wenn ich etwas brauchte.“

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Der Mann schaute uns schuldbewusst an: „So habe ich über die Sache noch nie nachgedacht!“ meinte er kleinlaut, „aber ihr habt Recht, vorstellen darf ich mir das nicht, wenn ich mit den Hummern arbeite!“

„Hast du eigentlich eine Idee, wie viele Hummer bei dem Transport sterben?“ fragte Heiko.

„Im Schnitt sind es so 15%,“ antwortete er, „das ist recht viel, aber es ist bereits als Ausschuss mit einkalkuliert. Anders geht es nicht.“

Doch mit dem Eintreffen bei den Großhändlern ist der Leidensweg der Hummer noch lange nicht vorbei. Hier werden sie ausgepackt, nach Geschlechtern getrennt und entweder auf Eis gelagert oder in Wasserbecken geworfen. Dass die Lagerung auf Eis verboten ist, interessiert auch hier in der Regel niemanden.

„Warum lässt man sie nicht alle im Aquarium schwimmen?“ wollte ich wissen, „das kommt mir nach der langen Fahrt in der Dunkelkammer irgendwie angenehmer vor.“

„Das ist es leider nicht wirklich!“ erklärte der Koch, „Die Aquarien sind meist viel zu klein und Hummer sind eigentlich Einzelgänger. Wenn sie sich in der Natur begegnen, gibt es erbitterte Revierkämpfe, nach denen sich der Unterlegene zurückziehen muss. Doch das kann er in den Aquarien nicht. Hier haben die Hummer zwar Fesseln um die Scheren, die verhindern sollen, dass sie sich gegenseitig verletzen, doch das klappt leider nicht immer. Oft schaffen sie es trotzdem, sich zu bekämpfen und wenn der Verlierer nicht verschwindet, was er in diesem Fall ja nicht kann, dann gehen die Kämpfe gerne auch einmal tödlich aus. Deswegen entscheiden sich einige Händler für die Eisvariante.“

Vom Großhändler kommen die Hummer dann weiter in die Märkte und die Gastronomiebetriebe. Hier enden sie dann schließlich im kochenden Wasser. Es ist das tragische Ende einer traurigen Geschichte, bei denen die Highlights und die Lichtblicke vergessen wurden.

Der Mann wurde schließlich sehr ruhig.

„Wie geht es dir damit?“ fragte Heiko.

Er zuckte mit den Schultern. Dann sagte er: „Es ist wie es ist. Mir gefällt die Art und Weise, wie mit den Tieren umgegangen wird überhaupt nicht, aber ich kann es leider nicht ändern. Vielleicht werde ich mir irgendwann einen anderen Job suchen, darüber habe ich schon oft nachgedacht. Aber dann wird ein Neuer kommen und Hummer kochen. Es hilft also nur mir und nicht den Tieren. Auf der anderen Seite liebe ich es auch zu kochen. Schweine, Rinder, Hühner und alle anderen Tiere, die auf unseren Tellern landen, leiden ebenfalls bis wir sie essen. Es ist eine schwierige Situation.“

Schließlich verabschiedeten wir uns und gingen zu unserem Kloster zurück. Der Mann hatte Recht. Auf die Menschen zu schimpfen, die Hummer essen, während man sich selbst gerade ein Hähnchen aus Massentierhaltung genehmigt, ist etwas kurz gedacht. Es geht nicht um einige böse Menschen oder Praktiken, es ist das Gesamtkonzept unseres Systems, das auf Leid ausgerichtet ist.

Spruch des Tages: Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man den Tieren schuldig. (Artur Schopenhauer)

Höhenmeter: 350 m

Tagesetappe: X km

Gesamtstrecke: 6816,37 km

Wetter: Strahlender Sonnenschein, abends bittere Kälte

Etappenziel: Franziskanerkloster, 16038 Santa Margherita Ligure, Italien

 

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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