Italienische Mafia – Was ist wahr und was ist Mythos?

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Italienische Mafia – Was ist wahr und was ist Mythos?

Italienische Mafia – Was ist wahr und was ist Mythos?

Gibt es die Italienische Mafia eigentlich noch? Diese Frage spukte uns im Kopf herum, als wir uns vor einigen Wochen immer mehr der kalabrischen Grenze näherten. Denn vor allem der Süden Italiens ist ja für seine Mafia bekannt. Jeder kennt die Geschichten über die machtvollen Familien, die in langen, blutigen Fehden miteinander Krieg um die Vormachtstellung führen, über die Restaurants, Bars und Cafés, die von den Schlägertrupps zerstört werden, wenn ihre Besitzer kein Schutzgeld zahlen, über die korrupte Polizei, die mehr die Interessen der Mafia als die des Volkes vertritt, über den Handel mit Drogen, Menschen und Waffen und über die vielen versteckten Intrigen mit denen die aktuellen Herrscher gestürzt werden, während die Hintermänner und Frauen stets an der Macht bleiben.

Aber was ist dran an all diesen Geschichten? Spielt sich das Leben hier wirklich so ab, oder sind es Mythen und Märchen, die italienische Mütter ihren Kindern erzählen, damit sie schön brav sind? Und vor allem: Was existiert davon heute noch? Gibt es die alten Mafiastrukturen wie aus den Zeiten von Al Capone und dem Parten noch, oder gehört das alles der Vergangenheit an?

Welche Geschichten über die Mafia in Italien sind wahr

Welche Geschichten über die Mafia in Italien sind wahr?

Gehört die italienische Mafia der Vergangenheit an?

Zunächst einmal waren wir fast überzeugt davon, dass letzteres der Fall ist. Viele der Geschichten, die man so hörte mochten stimmen, doch es schien alles auf längst vergangenen Tagen zu stammen. Das, was einst die Mafia in Form des Menschenhandels für Prostitution und Sklaverei war, war heute die organisierte Flüchtlingspolitik, die auf diese Weise billige Arbeitskräfte von Afrika und aus dem mittleren Osten ins Land holte, damit sie hier am Existenzminimum schuften konnten.

Brutal, verwerflich, bedenklich und in jedem Fall zu unterbinden: JA!

Aber Mafia? Wohl eher nicht.

Zudem sprach ein weiterer Punkt dagegen: Kalabrien war arm wie ein dritte Welt Land. Nicht weil es das hätte sein müssen, denn es gab hier mehr natürlichen Reichtum, als man sich nur vorstellen konnte. Allein was der Obstanbau und der Tourismus hätten erschaffen können, wenn man es nur gewollt hätte, sprengte jede Grenze. Aber man wollte nicht. Es gab hier die schönsten Küstenabschnitte im ganzen Land, doch anstatt Strandpromenaden, Hotels und Residenzen daran zu bauen, entschied man sich für eine Nationalstraße und eine Zuglinie. Die Waldflächen, die einst das Land begrünten und den Boden fruchtbar machten, hatte man gerodet und damit in reine Wüsten verwandelt, in denen sogar die Feigen verdorrten. Hätten Mafia-Familien, die hier nach Reichtum und Macht strebten so etwas wohl zugelassen? Unsere Meinung: Wohl kaum!

Die Schattenmänner der Mafia haben das Land auch heute noch fest im Griff

Die Schattenmänner der Mafia haben das Land auch heute noch fest im Griff

Dem Geld folgen

Ein lokaler Pfarrer schien diese Vermutung zunächst einmal zu bestätigen: „Wer an Kalabrien denkt, denkt sofort an die Mafia!“ meinte er. „Aber das ist Blödsinn! Früher, als wir einmal wohlhabend waren, da gab es hier auch die Mafiafamilien, aber die sind doch längst weiter gezogen. Die sind dort, wo das Geld ist. In Düsseldorf, in Mailand, in Mitteleuropa in den großen, wohlhabenden Städten. Hier will keiner mehr sein! Nicht einmal Flüchtlinge bleiben hier! Sie kommen an und ziehen sofort in den Norden weiter, denn bei uns geht es ihnen ja nicht besser, als in ihrem eigenen Land. Allenfalls die Jugendlichen bleiben zum Arbeiten auf den Feldern oder um Nutzlosigkeiten am Strand zu verkaufen.“

Die Spurensuche Beginnt

Auch dies klang im ersten Moment sehr schlüssig. Doch es passte nicht ganz zu unseren Beobachtungen. Auch hier in Kalabrien wimmelte es vor Menschen mit Migrationshintergrund. Wie der Pfarrer es gesagt hatte, handelte es sich bei den meisten davon tatsächlich um jugendliche Sklaven, die auf den Feldern und als fliegende Händler arbeiteten. Aber nicht nur. Es gab sie dennoch, die afrikanischen Familien, die auch hier lebten.

Um mehr herauszufinden begannen wir zu recherchieren und stießen dabei auf einen Bericht, über die leerstehenden Residenzen und Wohnkomplexe an den süditalienischen Stränden. Auch diese hatten wir bereits in so großen Mengen gesehen, dass wir uns stets fragten, wie es dazu kommen konnte. Wie konnten in einer Region, die so prädestiniert für den Tourismus war, so viele Betriebe dicht machen. Teilweise noch ehe sie überhaupt je eröffnet wurden?

Laut der Dokumentation hatte dies mit der Vernichtung der Mafia zu tun. Ein Großteil dieser Ferienresidenzen war demnach von der Mafia erbaut worden, um auf diese Weise das Geld aus den illegalen Geschäften zu waschen. Nachdem der Staat mit neuer Härte gegen die Familien vorgegangen war und die Machtsyndikate größtenteils zerschlagen hatte, waren diese Urlaubsareale geschlossen worden und warteten nun auf ihren Verfall. Auch das klang einleuchtend!

Viele Häuser in Kalabrien stehen leer und verfallen

Viele Häuser in Kalabrien stehen leer und verfallen

Offene Fragen

Gab es dann also nun wirklich keine Mafia mehr? Hatte der Staat gesiegt und Kalabrien endlich in ein ruhiges, friedliches und kriminalitätsfreies Gebiet verwandelt? Oder hatte er die Geschäfte einfach selbst übernommen?

Es dauerte nur wenige Tage, bis wir diese Frage mit einem klaren „Weder noch!“ beantworten konnten. Und in gewisser Weise wurden wir sogar selbst ein Teil dieser absurden Geschichte.

Die italienische Mafia heute

Seit wir Kalabrien erreicht haben, haben wir einen neuen Unterstützer für unsere Reise gewonnen. Er hieß Valentino und war der Präsident der „Misericordia de Trebisace“, einer Organisation zu Erstrettung in einer Kleinstadt. Der Vorteil war, dass die Micericordia ähnlich wie das Rote Kreuz oder die Malteser Stützpunkte und Kontakte in vielen Städten hatten, dabei aber zugleich ein Teil der katholischen Kirche waren und deshalb auch in Verbindung mit den Pfarrern standen. Daher konnte uns Valentino mit seinen Kontakten eine gute Woche lang unsere Schlafplätze von der Ferne aus im Voraus organisieren.

Nun erreichten wir Crotone, eine größere Stadt, von der wir gleich vermuteten, dass wir es hier schwer haben würden. Warum kann ich nicht einmal sagen. Wir fühlten es einfach. Valentino hingegen meinte: „Macht euch keine Gedanken! Gleich im Nachbarort gibt es eine Station der Misericordia, das bedeutet, dass ich euch alles organisieren kann!“ Doch als es dann soweit war, war jegliche Zuversicht verschwunden. „Leider kann ich euch doch nicht helfen!“ meinte er nur, „Die Cheffetage der Misericordia hat Probleme und so wie es aussieht, können sie im Moment nichts für euch tun.“

Erst am nächsten Tag erfuhren wir, was es mit diesen bewusst schwammig formulierten Problemen auf sich hatte. Zunächst versanken wir selbst etwas im Chaos, verbrachten die Nacht im Zelt auf einer staubigen Wiese inmitten von Wohnkomplexen und brauchten fast einen ganzen Tag, um uns einen weiteren Schlafplatz zu ergattern.

Wer steckt wirklich hinter den Verbrechen

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Die Kirche und die Mafia

Doch dadurch erfuhren wir letztlich auch, warum hier alles so komplex war.

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Es war nun fast zwei Jahre her, da hatte es hier in der Erte-Hilfe-Station, wie auch in der Kirchengemeinde eine Razzia gegeben. Der Erfolg der Aktion: die gesamte obere Riege inklusive dem Pfarrer und dem Präsidenten der Misericordia wurden verhaftet. Der Grund: Geldwäsche im Auftrag der Mafia!

Tatsächlich hatten Pfarrer und Erste-Hilfe-Präsident einige Jahre zuvor ein neues Retreatzentrum außerhalb des Ortes aufgebaut, das außergewöhnlich gut florierte und sich allgemeiner Beliebtheit erfreute. Was jedoch keiner wusste war, dass dieses Zentrum nur vordergründig eine wohltätige Einrichtung war, während es in erster Linie dazu diente, Mafiagelder zu waschen. Und zwar im ganz großen Stil. Die Verhandlungen für die Drahtzieher und die Helfershelfer laufen noch immer, aber es geht um Gefängnisstrafen zwischen 7 und 21 Jahren. Nichts harmloses also.

Die Kirche war hier aktiv an der Geldwäsche für die italienische Mafia beteiligt

Die Kirche war hier aktiv an der Geldwäsche für die italienische Mafia beteiligt

Zeugenberichte über die Mafia

Der Pfarrer, mit dem wir nun am Tisch saßen und der uns all dies berichtete, war von der Kirche als Ersatz für den unfreiwilligen Gefängnispriester eingesetzt worden. Ein Job, der es in sich hatte und mit dem der arme Mann ganz schön kämpfen musste. Denn das Volk war mehr als nur geteilter Meinung, was die Mafia-Verstrickungen der Kirche in diesem Ort anbelangte. Viele waren natürlich enttäuscht und fühlten sich betrogen. Immerhin war der Mann, dem sie jahrelang vertraut hatten, der ihnen die Beichte abgenommen, ihnen in der Messe von gut und böse, richtig und falsch gepredigt und ihnen vom Willen Gottes erzählt hatte, nichts weiter als ein Unschuld heuchelnder Mafiosi gewesen.

Andere wiederum waren der Ansicht, dass die Kirche als ganzes ein mafiöses System sei und dass dieser Fall nur eine winzige Spitze vom Eisberg abgetrennt hatte, durch das die Vertrickungen nun sichtbar wurden. Wer also sagte, dass der neue Pfarrer nicht ebenso ein Gangster war, wie der alte? Und wieder andere konnten nicht glauben, dass ihr Don, ausgerechnet ihr Don ein Verbrecher sein sollte. An dieser Stelle sei noch einmal die ironische Gleichheit im offiziellen Titel der Mafiabosse und der italienischen Pfarrer erwähnt, die beide mit der Vorsilbe „Don“ und dann dem Vornamen angesprochen werden. Viele kennen das vielleicht von den Filmen um den italienischen Parrer „Don Camillo“ und von „Don Vito“ aus den „Pate“-Filmen.

Doch zurück zum Thema.

Don Francesco, so hieß der neue Pfarrer, der uns nun gegenüber saß, versuchte all diese Parteien wieder unter einen Hut zu bekommen und so die Wogen zu glätten. Doch es würde noch viele Jahre dauern, bis er hier wirklich einen Erfolg würde verzeichnen können.

Hat die Polizei wirklich eine Chance gegen das organisierte Verbrechen

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Wie verdient die Mafia ihr Geld?

Indes tauchten jedoch ständig neue Probleme auf. Denn auch mit unseren Vermutungen über die neuen Formen von Menschenhandel bezüglich der Immigranten hatten wir nicht völlig falsch gelegen. Tatsächlich waren die alten Mafiafamilien auch hier noch immer involviert, wenngleich niemand so genau sagen konnte, wer der eigentliche Drahtzieher war. Fakt war nur, das mit den Migranten auch die Kriminalität in den Städten zunahm und dass sich die öffentliche Prostitution verbreitete, wie ein Lauffeuer.

Menschenhandel

Auch die Mafia hatte sich schon immer mit dem Menschenhandel in Form der Prostitution beschäftigt und hatte dieses Standbein sehr erfolgreich betrieben. Aber es hatte stets einen geregelten Rahmen gehabt, so dass man die entsprechenden Damen leicht finden konnte, wenn man es wollte, ihnen aber nicht unbedingt über den Weg lief, wenn man nichts mit der Sache zu tun hatte. Heute war das anders. Allein in den letzten zwei Wochen hatten wir, obwohl wir uns in der Regel von den großen Straßen und Städten fernhalten, rund fünf bis acht Prostituierte gesehen, die irgendwo in der Pampa am helllichten Tag in der prallen Sonne herumstanden und auf einen Freier warteten.

Keine von ihnen war Italienerin gewesen und man brauchte kein Menschenkenner zu sein, um zu sehen, dass keine freiwillig dort stand. Noch schlimmer, so berichtete uns der Pfarrer, sei es allerdings Nachts und in den Städten. Teilweise konnte man nicht mehr über die Straße gehen, ohne dabei einer Prostituierten auf die Füße zu treten. Überwiegend waren es Rumäninnen, Bulgarinnen und Albanerinnen, aber in letzter Zeit waren auch viele Damen auf Nigeria, Eritrea und anderen afrikanischen Flüchtlingsstaaten hinzugekommen. Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen, aber zumindest in seiner eigenen Gemeinde hatte er dabei vielfach den Eindruck, dass es sich um Minderjährige handelte, die hier auf dem Straßenstrich zum Spottpreis verhökert wurden.

Die kriminellen Geschäfte der italienischen Mafia

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Männliche Prostitution

Das ganze betraf aber nicht nur Frauen. Auch die männliche Prostitution schoss aus dem Boden wie ein Fliegenpilz nach dem Regen. Vor allem junge, gut gebaute Bulgaren und Nicaraguaner boten an allen Ecken und Enden ihre Dienste an. In der Regel waren es Männer, die diese annahmen und in der Regel waren die männlichen Huren nicht Homosexuell.

Als der Pfarrer das erzählte, ergab plötzlich eine Situation Sinn, die uns am Abend zuvor mit Kopfschütteln zurückgelassen hatte. Wir waren weit Nach 22:00 Uhr in Crotone angekommen und ich versuchte verzweifelt und erfolglos noch irgendwo einen Pfarrer zu finden, der wach war und uns aufnehmen wollte. Heiko wartete indessen vor der Kirche. Auf der anderen Seite des Platzes saß ein junger Afrikaner, der sich zunächst einmal das Hemd vom Leib gerissen hatte. Dabei dachte sich Heiko noch nichts besonderes, sondern hielt es für eine verständliche Reaktion auf die noch immer unerträglich Hitze. Dann aber stellte er fest, dass er auch seine Hose im leicht übertiebenen Rapper-Style in den Kniekehlen hängen hatte, während seine Unterhose sein Gehänge gerade so eben nicht bedeckte.

Auch das mochte bei der Hitze angenehm sein, ging dann aber doch ein bisschen weit, dafür dass der Mann mitten in der Stadt auf einer Kirchentreppe saß, während noch immer unzählige Jugendliche, durch die Straßen tobten. Darunter auch viele Mädchen. Dass der Mann dort aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zum Chillen dort saß, sondern um auf einen Kunden zu warten, machte die Sache natürlich nicht besser. Es wurde jedoch ein Stück weit nachvollziehbarer, da es ja irgendwie darum ging, zu präsentieren, was man zu bieten hatte. Denn wie heißt es so schön: Wer kauft schon gerne die Schlange im Sack?

Mit den Imigranten nimmt auch die Prostitution immer mehr zu

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Drogenhandel

Auch der Drogenhandel und in Folge dessen der Drogenkonsum hatten laut unserem Pfarrer enorm zugenommen. Dies wirkte sich natürlich wiederum auf die Kleinkriminalität und die Gewaltbereitschaft der Menschen aus. Mit anderen Worten: Kalabrien war heute schlechter dran als je zuvor und befand sich noch immer auf einem absteigenden Ast. Das wurde auch davon nicht besser, dass man verlauten ließ, man würde offiziell nun stärker als je zuvor gegen die Mafia vorgehen und hätte sie bereits fast ausgelöscht. Für Touristen und Landesfremde wie uns mochte sie auf den ersten Blick nicht mehr so präsent wirken, doch wenn man sich auskannte, dann spürte man auch heute noch, dass hier nichts passierte, bei dem die Mafia nicht ihre Finger im Spiel hatte.

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So interviewten wir in den folgenden Tagen noch verschiedene weitere Pfarrer, wodurch sich ein immer vollständigeres, abstruseres und nicht ganz unbedenkliches Bild abzeichnete.

Don Antonio, der uns aufgrund der mangelnden Hilfsbereitschaft seiner Kollegen gleich zwei Tage beherbergte, erzählte uns einiges über das alltägliche Leben mit der Mafia.

Macht, Gewalt und Intrigen

Vor einigen Wochen beispielsweise war er auf der Bundesstraße von einem blitzenden, blauen Mercedes geschnitten worden, der ihn fast in den Graben gedrängt hatte. Dabei war er sogar noch so dreist gewesen, bei voller Fahrt aus dem offenen Fenster heraus seinen Spiegel mit der flachen Hand wegzuschlagen, so dass dieser sich einklappte.

Hitzköpfig wie unser Pfarrer war, hatte er ihm sofort den Stinkefinger gezeigt und ihm ein lautes „Arschloch!“ hinterher gebrüllt. Jaja, Pfarrer sind eben auch nur Menschen.

Womit er jedoch nicht gerechnet hatte war, dass der Krawallfahrer im diese spontane Wutreaktion so krumm nehmen würde, dass er mit quietschenden Reifen und ohne Rücksicht auf Verluste seinen Wagen wendete und zurück fuhr.

Viele Mafia Verbrechen finden innerhalb der eigenen Familie statt

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Die Kirche hat Imunität

„Für was halten Sie sich, das sie glauben so mit mir umgehen zu können?“ fragte der Mann vom Steuer seines Mercedes aus. Mehr brauchte er nicht zu sagen, denn Don Antonio erkannte ihn sofort als einen der Söhne einer lokalen Mafia-Familie. Jeder andere Mensch hätte an dieser stelle wahrscheinlich in akuter Lebensgefahr geschwebt und auch Don Antonio hatte Todesangst. Wenn ihn der Junge aus Wut für die Beleidigung töten würde, würde man später allenfalls so etwas in der Zeitung lesen können wie „Pfarrer starb bei einem tragischen Autounfall mit erhöhter Geschwindigkeit.“

Die italienische Kirche wird normalerweise von der Mafia nicht behelligt

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Doch trotz seiner Angst gelang es Don Antonio in diesem Moment, genau das zu tun, was im das Leben rettete: Er beantwortete die Frage des jungen Mafiosi mit der richtigen Antwort.

„Ich bin hier der Pfarrer!“ rief er laut, während es sich selbst nach unten duckte und dabei sein großes, eisernes Kruzifix hoch hielt, das er um den Hals trug.

Sofort schreckte der Junge zurück. „Oh Verzeihung, mein Vater!“ rief er voll von Schuldgefühlen, „Ich wollte sie nicht stören!“

Dann ließ er den Motor aufheulen und verschwand. Ein Pfarrer stand hier unter dem Schutz des Vatikans und war somit erst einmal unantastbar. Warum dies so ist, darüber kann man sich nun auch noch einmal Gedanken machen. Vor allem, wenn man Geschichten wie die über die Misericordia kennt.

Fakt ist aber auch, dass die meisten Mafia-Familien Traditionsfamilien sind, für die der Glaube eine wichtige Rolle spielt. Und da ermordet man keinen Pfarrer aus Spaß. Wenn, dann brauchte man schon einen guten Grund.

„Die Mafia hat ihre Finger überall“

Später am Abend kehrte Don Antonio in sein Dorf in den Bergen zurück, wo er eine Prozession zum Gedenken an San Rocco anleiten sollte. Im Anschluss erzählte er uns, dass quasi alle Hauptinitiatoren des Umzuges Mafiosi waren. Ein Kollege hatte vor einigen Wochen eine ähnliche Situation gehabt und daraufhin seine Prozession vollständig angehalten. Er hatte sogar einen riesigen Aufstand gemacht deswegen und hatte verkündet, dass er in seiner Gemeinde nicht länger die Herrschaft von kriminellen dulden würde.

Als der Pfarrer zwei Tage später nach Hause kam, fand er eine kleine Warnung an seiner Tür vor. Man hatte den Kopf einer Schaufensterpuppe genommen und ihr per Foto das Gesicht des Pfarrers verleihen. Dann hatte man ihr eine künstliche, heraushängende Zunge angebastelt, den Hals mittels roter Farbe blutig gemacht, ihm Teufelshörner aufgesetzt und das Kunstwerk dann mit einem langen Messer direkt an seine Tür geschlagen. Die Botschaft war deutlich: Ein zweites Mal würde sich hier keiner die Mühe machen, eine Puppe für einen derartigen Türschmuck zu verwenden.

Hin und wieder kommt es auch zu Morden auf offener Straße

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Besser nicht zwischen die Fronten geraten

Langsam kam unser Gesprächspartner in Fahrt und packte weitere Geschichten dieser Art aus, die an Blutrünstigkeit immer mehr zunahmen. So kannte er einmal einen jungen Mann, dessen Vater auf irgendeine Weise in die Mafia-Geschäfte verstrickt war. Er selbst hatte nichts damit zu tun, sondern war zum Studieren in den Norden gezogen und hatte dort eine junge Frau kennengelernt, die er heiraten wollte. Das fatale war nur, dass sein Vater es schaffte, sich auf irgendeine Weise in die Schusslinie seiner Arbeitgeber zu manövrieren.

Wie er das tat und was genau das Problem war, konnten wir aufgrund der Sprachbarriere leider nicht ganz verstehen. Vermutlich ging es jedoch um Schulden und darum, dass der Vater in irgendeiner Weise seinen Sohn als eine Art Bürgschaft mit ins Spiel brachte. Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass man dem Sohn selbst kein Haar krümmte, seine zukünftige Frau jedoch fein säuberlich zerstückelte und an die Fische verfütterte. In diesem einen Fall kam das ganze irgendwie an die Oberfläche und sowohl der Mord, als auch die Art und Weise, wie man die Leiche entsorgen wollte, wurden publik. Normalerweise verschwanden die Menschen einfach und tauchten nie wieder auf, ohne dass man je eine Leiche oder auch nur einen Überrest von ihnen fand.

„Das ist eine übliche Masche bei der Mafia!“ erzählte uns Don Antonio. Man nennt es „weiße Morde“, da es keine Leichen und kein Blut gibt. Die Menschen verschwinden einfach und tauchen nie wieder auf.

Familienfeden innerhalb der Mafia können schnell Blutig werden

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Familienfeden

In der Regel betraf dies jedoch vor allem die Mitglieder der Mafia selbst. Soweit wir es richtig verstanden haben, gibt es hier relativ wenig Kollateralschäden. Die Mafia-Familien scheinen eher ein bisschen wie Hooligans bei einem Fußballspiel zu sein. Ihr vorgehen ist brutal und beängstigend, aber wenn man nicht aus versehen oder absichtlich zwischen die Fronten gerät, passiert einem als Außenstehender nichts. Blutig wird es vor allem dann, wenn es um die Klärung von Machtverhältnissen geht. Das heißt, wenn eine weniger mächtige Familie versucht, einer mächtigeren den Rang abzulaufen. Oder wenn innerhalb der Familie einige Mitglieder versuchen einen höheren Rang einzunehmen, als man ihnen offiziell zugeteilt hat.

In solchen Fällen passiert es leicht, dass man sich als halbwegs einflussreicher Mafiosi an das Steuer seines Wagens setzt und mit der Drehung des „Zünd“-Schlüssels nicht nur den Motor, sondern auch eine Autobombe zündet. Wenn so etwas passiert, kann dies weitreichende Folgen haben, denn das gute, alte Vergeltungsrecht á la „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gilt bis heute.

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Mehr als 80 Tote

Einer unserer anderen Gastgeber berichtete uns von einem Fall, bei dem durch einen solchen Vergeltungskrieg mehr als 80 Menschen ums Leben kamen. Es begann damit, dass einer eine Autobombe platzierte, die seinem Erzfeind das Leben kostete. Als Rache folgten ihm die Cousins des Opfers in den nächsten Tagen in einen Tunnel in den Bergen, und eröffneten dort mit einer Maschinenpistole das Feuer auf ihn. So folgte ein Schlag auf den nächsten, bis irgendwann niemand mehr übrig war, der noch Rache üben konnte.

Nur wenige Mafia Verbrechen wurden je aufgelklärt

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Die wahren Drahtzieher der Mafia

Spannend an der Geschichte ist jedoch vor allem, dass die Männer in diesem Spiel aus Macht und Gewalt stets nur die Spielfiguren sind. Die wahren Drahtzieher hinter der Mafia sind stets die Frauen. Das bestätigten uns gleich mehrere Pfarrer und es passte auch erstaunlich gut zu dem Bild, das wir selbst durch unsere Reise bekamen. Schon öfter hatten wir uns gefragt, wie es sein konnte, dass die Frauen im Schnitt hier zwar außergewöhnlich hübsch, dafür aber auch außergewöhnlich kalt waren. So etwas wie echte Gefühle zwischen Mann und Frau schien es nicht zu geben.

Anders als im Norden Italiens, wo wir erstaunt waren, wie viel Nähe die einzelnen Paare miteinander tauschten, spürte man hier nicht den geringsten emotionalen Bezug zwischen Männern und Frauen. Es schien, als fanden sich die Paare hier vor allem aus praktischen oder gar logischen Gründen zusammen. Der reichste Mann bekam die schönste Frau. Ob er sie nun mochte oder nicht. Gleichzeitig gab es unter den Frauen jedoch eine Art Verschworenheit, die wir uns zunächst ebenfalls nicht erklären konnten. Mütter und Töchter waren hier stets die engsten Vertrauten. Aber nicht auf eine schöne „Oh schau mal, was die Mama für ein gutes Verhältnis zu ihrer Tochter hat“-Art, sondern viel mehr auf eine Weise, die irgendwie unnatürlich erschien und einem den Magen verkrampfen ließ.

Die Frauen ziehen die Strippen

Wenn man nun bedachte, dass es die Aufgabe der Mütter war, ihre Töchter zu den nächsten Strippenzieherinnen hinter der Mafia-Fassade zu erziehen, dann war das natürlich kein Wunder. Auch wunderte es nicht, dass man keinen echten Bezug zu den Männern aufbaute. Denn zum Wohle der Familie als Ganzes musste eine Frau jederzeit bereit sein, ihren Mann als Bauernopfer vor den fahrenden Zug zu stoßen. Wie die Intrigen im einzelnen funktionierten und was hier alles wie gekungelt wurde, konnten uns auch die Pfarrer nicht sagen.

Aber es war klar, dass Kalabriens kriminelle Elite vollkommen in weiblicher Hand lag. Es waren die Frauen, die den Männern ins Ohr flüsterten, welche Entscheidungen als nächstes zu treffen waren. Es waren die Mütter, die ihre Söhne von klein auf dahin erzogen, einmal das neue, repräsentative Oberhaupt der Familie zu werden. Und es waren die Großmütter, also die familien-ältesten Damen, in deren Händen stets alle Fäden zusammen liefen, um das Spiel zu steuern.

Die Frauen sind die wahren Drahtzieher der Mafia

Die Frauen sind die wahren Drahtzieher der Mafia

Doch um was für Geschäfte geht es bei der italienischen Mafia?

Auch dies konnten unsere Informanten stets nur zum Teil beantworten. Die ursprüngliche und traditionelle Weise der Mafia, ihr Geld zu bekommen war die Schutzgelderpressung. Wer hier in Kalabrien oder Sizilien ein Geschäft, ein Café, eine Bar oder ein Restaurant eröffnete, konnte sich entscheiden, ob er dieses innerhalb einer Woche in Trümmern vorfinden, oder der amtierenden Mafia-Familie eine Art Steuer abtreten wollte. Das klingt zunächst nach einem brutalen und verurteilungswürdigen System, doch als wir hier noch einmal genauer nachfragten, stellten wir fest, dass man in Kalabrien als Geschäftsbetreiber mit der Steuer für den Staat und dem Schutzgeld für die Mafia noch immer weniger Abgaben hatte, als man in Deutschland an den Staat leisten musste. Und anders als vom deutschen Staat bekam man bei bedarf von der Mafia sogar tatsächlich eine Gegenleistung. Denn wer Schutzgeld zahlte, erkaufte sich damit auch einen gewissen Schutz, den man im Notfall auch einfordern durfte.

Wer kein Schutzgeld zahlt muss mit der Zerstörung seines Geschäftes rechnen

Wer kein Schutzgeld zahlt muss mit der Zerstörung seines Geschäftes rechnen

Schutzgelderpressung

Mit dem Geld aus diesem Schutzgeld-System wurden einige Familien bald so reich, dass sie in andere Geschäfte investieren konnten. Dadurch entstand der Drogen- und Menschenhandel, der sich wie erwähnt immer weiter ausbreitete. Hinzu kamen die üblichen weiteren illegalen bis halblegalen Geschäftszweige, mit denen man in kurzer Zeit viel Geld machen konnte: Glücksspiel, Casinos, Internationaler Geldtransfer, Waffenhandel, Tourismus und so weiter. Bis zu diesem Punkt waren sich die Pfarrer einig. Dies war schließlich auch der Stand gewesen, auf dem die Misericordia und der Pfarrer von Isola in das Geschäft eingestiegen waren, um die illegalen Gelder der Mafia zu waschen.

Doch dies dürfte bei weitem nur die Spitze des Eisberges sein. Je mehr Macht und Geld eine Mafia-Familie auf diese Weise gewinnen konnte, desto mehr lohne es sich für sie auch, in die wirklich lukrativen Geschäfte einzusteigen, wie beispielsweise den Ölhandel, die Pharmakologie, die Nahrungsmittelproduktion und natürlich die Flüchtlingsindustrie.

So ist letztlich alles wieder miteinander verknüpft.

Zerstörte Schaufensterscheibe nach einer fehlenden Schutzgeldzahlung

Zerstörte Schaufensterscheibe nach einer fehlenden Schutzgeldzahlung

Ist die Mafia gefährlich?

Auch diese Frage schoss uns natürlich durch den Kopf: Ist es wirklich sinnvoll, durch ein Mafia-Gebiet zu wandern? Ist das nicht viel zu gefährlich? Tatsächlich aber ist Kalabrien abgesehen von schreienden Kindern und rasenden Autofahrern durchaus friedlich. Also nicht im Sinne von „Ruhig und Friedlich“, so dass man sich vier entspannt zurücklehnen und das Leben genießen könnte. Dazu ist es überall viel zu laut und zu hektisch. Aber in dem Sinne, dass man öffentliche Gewalt so gut wie nie beobachten kann. Wie gesagt, wer sich selbst ins Schussfeld bringt, der muss damit rechnen, dass dies negative Konsequenzen hat. Aber als Urlauber oder Tourist bekommt man im Normalfall nicht einmal mit, dass hier überhaupt etwas ungewöhnliches vor sich geht.

Weitere Informationen über die Mafia

Wenn ihr mehr über die italienische Mafia erfahren wollt, können wir euch die folgenden Bücher empfehlen:

Cosa Nostra: Die Geschichte der Mafia
  • John Dickie
  • Herausgeber: FISCHER Taschenbuch
  • Auflage Nr. 10 (01.10.2007)
  • Taschenbuch: 576 Seiten

Mafia-Leben: Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens
Federico Varese berichtet in seinem spannenden Buch vom Leben und Sterben der Mafiosi, das er so nah und privat erkundet hat wie kaum jemand vor ihm.

 


 

Spruch des Tages: Die Mafia hat ihre Finger überall

1. Tagesetappe: Distanz: 19  km; Höhenmeter: 260 m; Ziel: Pfarrhaus, Isola di Capo Rizzuto, Italien

2. Tagesetappe: Distanz: 12 km; Höhenmeter: 160 m; Ziel: Pfarrhaus, Le Castella, Isola di Capo Rizzuto, Italien

3. Tagesetappe: Distanz: 19L km; Höhenmeter: 66 m; Ziel: ehemaliges Pfarrhaus, Botricello, Italien

4. Tagesetappe: Distanz: 29 km; Höhenmeter: 140 m; Ziel: Hotel Costa Jonica, Sellia Marina, Italien

5. Tagesetappe: Distanz: 21 km; Höhenmeter: 90 m; Ziel: Pfarrgemeindehaus, Roccelletta, Italien

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