Tag 1013: Wohnmobil testen

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Tag 1013: Wohnmobil testen

Tag 1013: Wohnmobil testen

27.09.2016

Das Früchstück beim Pfarrer fiel zunächst etwas sporadisch aus, was aber nicht daran lag, dass er geizig gewesen wäre oder dass er uns nichts geben wollte. Doch seine Köchin und Haushälterin war vor fünf Jahren verstorben und er selbst hatte nie gelernt, sich in der Küche zurecht zu finden. Das einzige, das er uns anbieten konnte, waren Brötchen mit Butter und Salz. Den Tee für uns und den Kaffee für sich selbst bereitete er dabei in der Mikrowelle zu. Doch eine gute Gemeinde kennt ihren Pfarrer und weiß, was dieser braucht. So war es auch in diesem Fall, denn plötzlich stand eine Dame in der Küche, um hier nach dem Rechten zu sehen. Sie hatte nicht geklingelt und war auch nicht durch die Haustür gekommen, sondern hatte einen Nebeneingang benutzt. Für den Pfarrer war dies ganz normal. „Die Leute gehen hier ständig ein und aus und ich weiß eigentlich nie voher sie kommen und wohin sie gehen!“ meinte er. Als die Frau unseren Frühstückstisch sah, bekam sie fast einen Herzinfarkt und eilte sofort los, um uns anständige Brötchen mit einem Aufstrich zu besorgen, damit wir zumindest etwas für den Weg hatten. Kurz darauf kam sie mit zwei Tüten vom Bäcker zurück, doch ehe wir uns bei ihr bedanken konnten war sie bereits wieder auf die gleiche, mysteriöse Weise verschwunden, mit der sie zuvor aufgetaucht war.

Die ersten Kilometer unseres Weges führten uns durch Weinfelder und Wiesen, doch dann machte der Weg einen Schlenker und wir landeten wieder direkt an der Hauptstraße. Die Wachau, in der wir uns gerade befanden, ist als Unesco Weltkulturerbe anerkannt und wenn man nur auf seine Augen achtete, dann konnte man dies auch gut verstehen. Das Tal mit seinen vielen kleinen Weinterrassen war einfach unglaublich schön und urig. Doch die Hauptstraße zerstörte alles. Für uns war es unbegreiflich, wie man solch eine Straße durch so ein Gebiet bauen konnte. Jedes kleine Dorf bot eine Vielzahl an Nobelpensionen und Luxushotels, was bedeutete, dass die Besucher eine Menge Geld ausgaben, um hier sein zu können. Wäre es da nicht fair, ihnen auch eine Atmosphäre zu bieten die keinen permanenten Fluchtgedanken im Unterbewusstsein auslöste? Allein mit einem Flüsterasphalt könnte man schon viel erreichen und mit einer Verkehrsberuhigung auf den Straßen direkt an der Donau noch weitaus mehr. Wenn eine komplette Region schon als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde, hätte sie es doch auch verdient, dass man sie als solche erhält und sie nicht dafür opfert, dass man auf dem schnellsten Wege durch sie hindurch nach Wien rasen kann.

Eine gute Sache hatte die Hauptstraße dann aber doch. Direkt links der Fahrbahn lag am Eingang eines kleinen Ortes ein Stellplatz für Wohnmobile und Campingfahrzeuge. Neben einigen herkömmlichen Wohnmobilen stand hier auch ein mobiles Campinghaus von Iveco, das Heikos Idee von einem Begleitfahrzeug für Amerika bereits recht nahe kam. Die Besitzer sahen freundlich aus und so zögerten wir nicht lange um zu fragen, ob wir uns das mobile Heim einmal von innen ansehen durften. Einen besseren Test zum Lärmschutz hätte man schließlich kaum bekommen können, als ein gutes Wohnmobil an einem komplett grausamen Platz. Wenig später saßen wir mit dem reisenden Pärchen gemeinsam in Ihrem Wohnmobil bei einer Tasse Tee. Das Mobil war gut zehn Meter lang besaß so ziemlich die Maximalbreite, die in Mitteleuropa zugelassen war. Für zwei Personen bot es durchaus ordentlich Platz, obwohl man sich natürlich noch immer wirklich gut verstehen musste, um einander nicht auf die Nerven zu gehen. Als besonders positiv empfanden wir den vorderen Bereich des Mobils, in dem sich die Sitzecke befand. Das Geniale war, dass man Fahrer- und Beifahrersitz umdrehen konnte, so dass sie zu einem Teil der Essecke wurden. Heiko nahm auf dem Beifahrersitz platz, ich auf dem Fahrersitz. Beide waren sehr bequem und toppten die meisten Essstühle um Längen. Der Esstisch selbst ließ sich so verschieben, dass man entweder Platz im Gang hatte, oder aber von allen Seiten mit bis zu fünf oder sechs Personen daran sitzen und essen konnte. Anders als die meisten herkömmlichen Wohnmobile, die in der Regel dünne Außenwände und noch dünnere Plexiglasscheiben haben, hatte dieser echte Fenster und eine 6cm dicke Isolirschicht in den Wänden, die Wärme und Lärm draußen halten sollte. Mit geschlossenen Fenstern und Türen kam tatsächlich nur noch knapp ein drittel des Straßenlärms im Inneren an. Wenn man nun noch die Rolläden heruntergelassen hätte, wäre man am Ende wahrscheinlich bei einem viertel des Lärms gelandet. Das war nicht perfekt, aber es war eine ordentliche Leistung. Viele Häuser in denen wir übernachtet haben, haben dies nicht erreicht.

Aus dem kurzen Probesitzen entwickelte sich ein längeres Gespräch und schließlich blieben wir noch zu einem Mittagsmüsli und einer Brotzeit. Unsere beiden Gastgeber hatten im Laufe ihres Lebens vier verschiedene Firmen geleitet, teilweise in Deutschland, teilweise in Österreich aber auch viel in Verbindung mit fernen, exotischen Ländern. Dabei waren sie immer sowohl beruflich als auch privat ein Team gewesen, das sich gegenseitig ergänzte und unterstützte. Nun, da sie in der Rente waren, hatten sie alles hinter sich gelassen und zogen so viel wie möglich mit ihrem Wohnmobil durch die Lande. Zuvor hatten sie immer wieder Fernreisen unternommen und waren dabei viel mit dem Motorrad unterwegs gewesen.

Nachdem wir uns schließlich wieder von einander verabschiedet hatten, setzten wir unsere Reise fort und merkten nun noch einmal richtig, wie grauenhaft die Straße war, an der der Campingplatz lag. Warum der Donauradweg ausgerechnet an dieser Straße entlang führte, war uns vollkommen unbegreiflich. Vor allem wo es im Hinterland immer wieder kleine Straßen und Wege gab, die ebenfalls ans Ziel führten. Bei der ersten Gelegenheit bogen wir auf eine dieser Nebenstraßen ab. Natürlich bedeutete dies, das wir erst einmal einen steilen Hang hinauf mussten, aber sobald wir oben waren zeigte sich, dass sich der Aufstieg gelohnt hatte. Plötzlich gab es keine Fahrradfahrer und keine Autos mehr. Die kleinen Dörfchen zwischen den Feldern waren ruhing und friedlich und die Einheimischen waren richtiggehend überrascht, hier ein paar Wanderer zu sehen. Dabei war der Touristentrubel keine zwei Minuten entfernt.

In Emmersdorf an der Donau machten wir Halt um uns beim Pfarrer nach einem Platz zu erkundigen. Der gute Mann stammte wie bereits einige seiner Kollegen zuvor aus Polen und auch wenn er nicht so frustriert wirkte, wie der letzte, war er doch nicht hilfsbereiter. Im Laufe unseres Gesprächs fand er verschiedene Gründe, warum er uns nicht aufnehmen konnte. Jeden einzelnen von ihnen konnte man im Großen und Ganzen als Glaubwürdig annehmen, doch alle gemeinsam hoben sich gegenseitig wieder auf, so dass am Ende als einziges Argument „Ich mag halt nich!“ übrig blieb. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als müssten wir unser Glück doch im Kloster von Melk versuchen, wobei wir uns hier nach der Erfahrung von Klosterneuburg keine großen Hoffnungen machten. Dann aber änderte sich alles noch einmal rapide, als nicht wir unseren Schlafplatz, sondern unser Schlafplatz uns fand. Gerade als wir aufbrechen wollten, kam ein Mann mit einem kleinen, niedlichen Hund an uns vorbei, der uns ansprach.
„Naja, der hat ja auch nur 37 leere Räume!“ meinte er sarkastisch als wir ihm von unseer Erfahrung beim Pfarrer erzählten. „Wenn ihr wollt könnt ihr für heute mit zu mir kommen!“

Wenig später saßen wir gemeinsam bei einem Glas Wasser für uns und einer Flasche Bier für ihn auf der Terrasse und begannen ein langes und lustiges Gespräch, das später an den Kichentisch verlagert werden und bis um Mitternacht anhalten sollte. Unser Gastgeber hieß Werner und arbeitete im Außendienst eines großen Autokonzerns. Er lebte hier gemeinsam mit seiner Freundin, die sich jedoch noch auf der Arbeit befand und die bis zum Schluss nicht glauben konnte, dass er wirklich zwei fremde Menschen zu sich eingeladen hatte. Offenbar neckten sich die beiden häufiger, denn sie war felsenfest davon überzeugt, verarscht zu werden.
Unser Gästezimmer war eine Art privater Aufenthalts- Freizeitraum mit mehreren Sportgeräten und einer Sauna darin, die wir jedoch leider nicht in Betrieb nahmen. Dafür aber konnten wir uns wieder einmal richtig schön heiß duschen und auch unsere Kleidung bekam eine längst überfällige Vollwäsche.

Neben vielen anderen spannenden Themen fiel unser Gespräch auch auf das Thema Energie und innovative Ideen. Dabei erfuhren wir, dass ein Ingenieur hier aus der Gegend vor einiger Zeit eine simple aber geniale Technik entwickelt hatte, um Strom aus der Wasserkraft der Donau zu gewinnen. Er hatte dafür eine Art Kleinturbinen entwickelt, die man einfach an die Bojen hängen konnte, die den Schiffen zur Orientierung dienen. Bereits ein paar dieser Turbinen reichten aus, um eine komplette Ortschaft am Donauufer vollständig, dauerhaft und zuverlässig mit Strom zu versorgen. Und das geniale daran ist, dass es sich dabei einfach um moderne Wasserräder handelt, die sich mit der Geschwindigkeit der Donau drehen. Wenn also ein Fisch in die Turbine schwimmt, dann wird er nicht wie bei den meisten anderen Turbinen in Fischmehl verwandelt, sondern rutscht einfach hindurch und landet unverletzt auf der anderen Seite. Trotz der Innovation dieser Erfindung, wird sie bis heute nicht verwendet. Angeblich ist die Technik noch nicht ausgereift um sie auf den Markt zu bringen. Faktisch aber wurde die Idee von einem Energiekonzern aufgekauft und in einer Schublade mit der Aufschrift: „Erfindungen, die unsere Vormachtposition schwächen und die daher niemals an die Öffentlichkeit gehen werden“ abgelegt.

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Spruch des Tages: So ein mobiles Haus, das man immer dabei hat, ist vielleicht doch keine so schlechte Idee.

Höhenmeter: 40 m
Tagesetappe: 12 km (davon 7 in Passau)
Gesamtstrecke: 18.521,27 km
Wetter: bewölkt, teilweise leicht sonnig
Etappenziel: Gemeindesaal der Pfarrgemeinde, Domplatz, 94032 Passau, Deutschland

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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