Tag 926: Übergang in ein neues Leben – Teil 2

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Tag 926: Übergang in ein neues Leben – Teil 2

Tag 926: Übergang in ein neues Leben – Teil 2

Fortsetzung von Tag 925: (Hier geht es zum Gesamtartikel)

Am deutlichsten wird dieses Manipulations-Spiel meines Gegners immer im Zusammenhang mit meiner Mutter, weil sie einfach ein absolut großartiger und genialer Spiegel dafür ist.
Solange ich die Rolle des perfekten Familiensohnes spielte, gab es nahezu nie Probleme, weder mit meiner Mutter noch mit meinem Verstand. Wir stritten uns so gut wie nie, da ich ja ohne es auch nur zu merken, immer genau nach ihren Fäden tanzte. Ich erinnere mich noch gut an eine Situation als Kind, als ein Kumpel von mir vorschlug, dass wir doch einfach eine Nacht in unserem Garten zelten könnten, um ein bisschen Abenteueratmosphäre zu erleben. Ich war von dieser Idee begeistert und ging sofort zu meiner Mutter um zu fragen, ob sie es uns erlaubte. Doch bereits auf dem Weg merkte ich, wie die Begeisterung schwand. Je näher ich ihr kam, desto stärker spürte ich, wie sie mir förmlich sie Lust aufs Zelten entzog. Als ich sie schließlich danach fragte, war sofort klar, dass sie es mir nicht erlauben würde. Sie verbot es aber auch nicht, sondern führte ein kurzes Gespräch mit mir, an dessen Ende ich die Zelt-Idee selbst für die dümmste aller Zeiten hielt. Derartige Situationen gab es ständig und bei den meisten habe ich nie gemerkt, was eigentlich geschehen ist. Diese Situation ist mir nur deshalb in Erinnerung geblieben, weil mich mein Kumpel natürlich im Anschluss nach dem Ergebnis fragte und ich nicht wusste, was ich antworten sollte. Denn wirklich verboten hatte sie es ja nicht, aber eben auch nicht erlaubt. Und jetzt wo wir wieder unter uns Jungs waren, fand ich die Idee doch eigentlich gut. Ich konnte damals nicht verstehen, was passiert war. Ich weiß nur, dass wir nie in unserem Garten gezeltet haben.
Später übernahm ich dann unbewusst die gleiche Taktik. Wenn ich etwas wollte, dann sagte ich es nicht direkt, sondern versuchte durch indirekte Hinweise oder subtile Bemerkungen die anderen dazu zu bewegen, dass sie genau das taten, was ich wollte. Damals empfand ich das als eine Art der Höflichkeit, da es sich in meinen Augen nicht gehörte, seine Wünsche oder Bedürfnisse direkt anzusprechen. Dass es Manipulation war, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Das wurde mir erst später klar.

Eine der wichtigsten Taktiken meiner Mutter war es, mich stets in dem zu bestätigen was ich wollte, mich dabei aber unbewusst spüren zu lassen, dass sie eigentlich dagegen war. So wollte ich nach meinem Abitur ins Ausland gehen und ein oder zwei Jahre um die Welt reisen, in sozialen Projekten arbeiten und eigene Erfahrungen sammeln. Dafür bot sich die Zeit des Zivildienstes an, die man ja relativ einfach ins Ausland verlagern konnte. Meine Mutter fand die Idee gut, gab aber zu bedenken, dass ich dann viel länger den Dienst ableisten müsste, wodurch ich später mit dem Studieren beginnen würde und wichtige Lebenszeit verlor. Es war nur ein einziger Satz, doch er führte dazu, dass ich am Ende meinen Zivildienst in Deutschland ableistete und anschließend für zwei Monate in einem serbischen Kinderheim arbeitete. Damals glaubte ich felsenfest, dass es meine eigene Entscheidung war, und dass ich so eine gute Lösung erwirtschaftet hatte. Doch war es das wirklich? Wenn ich noch einmal in mich gehe, dann liegen doch einige Welten zwischen einer zweijährigen Auslandserfahrung in Lateinamerika und einem Zivildienst in der Förderschule meines Heimatortes mit einem anschließenden Monatstrip nach Serbien. Alle Entscheidungen, die ich auf diese Weise traf, waren also stets ein Kompromiss zwischen dem, was ich eigentlich wollte und dem was mein Verstandesgegner, bzw. meine Mutter zuließ. Es war ein bisschen, als würde man über ein Feld gehen und alle paar Meter einen leichten Stubser in die rechte Seite bekommen. Jeder einzelne Impuls fiel nicht weiter auf und man hatte nie das Gefühl, dadurch wirklich von seiner Richtung abgelenkt zu werden. Doch alle zusammengenommen führten dazu, dass man einen Bogen lief und am Ende genau am entgegengesetzten Ende des Feldes herauskam, als man eigentlich herauskommen wollte.
Solange ich ein kleines Kind war, besaß ich wie alle kleinen Kinder die Fähigkeit, alles was meine Eltern oder besser meine Mutter sagte, als vollkommene und unumstößliche Wahrheit anzunehmen. Ich wuchs größtenteils im Rahmen meiner Familie auf und konnte daher weitgehend auf eine eigene Meinung verzichten, wodurch ich im allgemeinen super zurecht kam. Je älter ich jedoch wurde, desto schwerer wurde es auch, die Harmonie der gefühlslosen Perfektion aufrecht zu erhalten. Ich kam in den Kindergarten und lernte hier andere Kinder kennen, die andere Meinungen hatten. Ich weiß noch, dass ich am ersten Tag endlos geweint habe, weil ich mich von meiner Mutter trennen sollte. Damals kam es mir wie ein Weltuntergang vor und ich glaubte, dass ich ohne den Kontakt zu ihr, nicht überleben könne. Es dauerte einige Tage, bis ich den Abstand zwischen uns als ungefährlich eingestuft hatte und ihn so akzeptieren konnte. Mit der Zeit wurde der tollerierbare Abstand und die Länge des Einander-Nicht-Sehens immer größer, bis sie schließlich tausende von Kilometern betraf. Doch die Grundangst, nur überleben zu können, wenn s eine irgendwie geartete Verbindung mit meiner Mutter gibt, saß und sitzt als Grundüberzeugung noch immer tief in mir. Später spielte ich oft mit einigen Freunden Familie und es ist sicher auch kein Zufall, dass ich dabei immer die Rolle der Mutter spielen wollte. Unter der Rolle des Vaters konnte ich mir damals nicht viel vorstellen, aber mir war klar, dass die Mutter diejenige war, die das Sagen hatte und das gefiel mir im Spiel immer recht gut.
Mit der Schulzeit merkte ich dann immer mehr, dass es unmöglich war, es allen Recht zu machen und die Harmonie immer aufrecht zu erhalten. Verwirrender Weise hatten die Menschen alle unterschiedliche Ansichten davon, was gut, schön und richtig war. Bislang hatte ich immer sehr erfolgreich die Strategie angewandt, keine eigene Meinung zu haben und mich einfach anzupassen. Doch woran sollte ich mich nun halten, wenn doch jeder etwas anderes sagte? Die Welt wurde plötzlich widersprüchlich und komplex und damit drohte die Traumblase meiner perfekten Familienwelt zu zerplatzen. Ich brauchte also eine Strategie, mit der ich die gefährlichen Eindrücke, die permanent von außen auf mich einprasselten, abwehren konnte. Und diese Strategie fand ich in meiner Unaufmerksamkeit. Wenn ich nichts mehr wahrnahm von der Welt, dann merkte ich auch die Widersprüche nicht mehr so deutlich. Alles, was nicht zur Familienidylle passte, wurde einfach ausgeblendet. Mein Körper unterstützte mich dabei, indem meine Augen begannen, alles verschwimmen zu lassen, was sich nicht in meiner unmittelbaren Nähe befand. Schließlich wurde ich so kurzsichtig, dass ich kaum noch ein Buch lesen konnte, wenn ich keine Brille trug. Auch die Erfahrung des kurzen Aufflackerns meines Gottbewusstseins wird dazu ihren Teil beigetragen haben. Ich hatte das Gefühl, dass mein Weltbild zerbricht und wenig später passierte genau das. Das Bild, das mir meine Augen von der Welt zeigten, wurde immer unklarer und verschwommener. Mit jedem Jahr, das ich älter wurde, wurde es um 0,5 bis 1 Dioptrin schlechter, solange bis ich ausgewachsen war. Die Ärzte schoben es auf das Wachstum meiner Augen und damals glaubte ich diese Begründung. Heute ist mir jedoch klar, dass meine Augen die Welt um mich herum umso stärker ausblendeten, je stärker ich aus der Traumblase meiner perfekten Kindheit hinaus fiel. Bevor ich in die Schule kam, hatte ich einen tiefen Wunsch ganz fest in mir verankert: Ich wollte nie erwachsen werden! Warum? Weil mir schon damals klar war, dass die Familienfassade irgendwann zu bröckeln beginnen würde und davor hatte ich Angst. Jetzt in der Kindheit war doch alles gut! Konnte es nicht einfach ewig so bleiben?

Die Frage war nur, warum war alles gut? Es war gut, weil ich es hinnahm, dass ich eine Marionette war. Solange ein Zug in den Gleisen fährt, die man für ihn vorgesehen hat, läuft alles glatt und es gibt keinen Grund, irgendwie ins Geschehen einzugreifen. Meine Familiensituation blieb also friedlich und ich hätte jedem versichern können, dass es weder in meiner Familie noch in meinem Kopf nennenswerte Probleme gab. Doch bereits damals bekam ich viele Spiegel von außen, die mir deutlich zeigten, dass ich in einer Phantasiewelt lebte. So dauerte es kaum ein halbes Jahr in der Gesamtschule, bis ich mich zum Außenseiter etabliert hatte und von fast jeder Seite gemobbt wurde. Damals konnte ich es mir nicht erklären, da ich mich ja eigentlich für einen netten und liebenswerten Jungen hielt. Doch ohne dass es mir bewusst war, hatte ich neben der Manipulation noch eine andere Eigenschaft meiner Mutter übernommen, die mein Verstandesgegner nun verwendete, um mich von meinem Weg abzubringen. Diese Eigenschaft war mein Opferbewusstsein. Schon als Baby hatte meine Mutter gespürt, dass sie nicht geliebt wurde und dass die ganze Welt gegen sie war. Ihre Eltern hassten sich gegenseitig und sie bekam alles ab. Die Kernfrage lautete stets: Warum passiert mir das alles? Warum muss ich so ein armes, ungeliebtes Mädchen sein, dass nicht einmal Kontakt zu ihrem Bruder haben darf? Dieses Opferbewusstsein übernahm ich ebenfalls und führte es zur Perfektion. Ich selbst war stets der Gute, der für nichts etwas konnte und wann immer irgendetwas passierte, war ich das unschuldige Opfer. Wichtig dabei war, dass ich kein permanenter Opfertyp war, nicht so stark, dass es jemandem bewusst auffallen konnte, so dass es vielleicht zu einem Gespräch gekommen wäre. Alles musste stets subtil und unauffällig geschehen, damit sich niemand Sorgen machte. Denn die Familie musste ja perfekt sein und ein Sorgenkind war sicher kein guter Sohn. Ich war also nie das Mobbingopfer, über das sich die Lehrer in ihren Pausen die Köpfe zerbrachen und für das Konferenzen oder Elterngespräche organisiert wurden. Dafür gab es andere Schüler, auf denen ich ebenfalls herumhackte, um ein Teil der Gruppe zu sein. Nein, ich war stets der unauffällige Junge, der nie Probleme machte oder hatte und der immer nur dann die Seitenhiebe bekam, wenn keiner hinschaute. Doch durch mein Opferbewusstsein provozierte ich die anderen Schüler dazu mich zu hänseln, so stark es nur ging. Schon damals erstarrte ich immer wieder zu der Fratze meines Verstandesgegners, in die man einfach nur noch reinprügeln wollte. Wie hätte es auch anders sein sollen? Ich strahlte aus, dass ich selbst keinerlei Achtung vor mir hatte, mich nicht liebte, ja nicht einmal mochte, sondern nur um die Liebe meiner Mutter bettelte in dem ich versuchte, ihr alles Recht zu machen. Gleichzeitig bettelte ich aber auch um die Liebe meiner Mitschüler und versuchte auch hier der perfekte Kumpel zu sein, indem ich so wurde, wie sie mich sehen wollten. Nur klappte das nicht, denn dafür hätte ich coole Kleidung und teure Schuhe gebraucht, die ich aber nicht bekommen konnte, weil ich dann eine Diskussion mit meiner Mutter hätte anfangen müssen. Damals empfand ich jeden Schultag als einen neuen Höllenritt, den ich nur versuchte, so schnell wie möglich hinter mich zu bringen. Heute ist mir klar, dass all meine Mitschüler und vor allem die stärksten Mobber, riesige Gottesgeschenke waren, die mich schon damals in die Freiheit hätten führen können, wenn ich mich darauf eingelassen hätte. Es waren Arschengel, die mir als Wegweiser zur Seite gestellt wurden um zu sagen: “Komm Tobi! Brich aus! Sag deiner Mutter endlich, dass du Gefühle und ein eigenes Leben hast! Sag ihr, dass du nicht nur ihre Marionette bist, damit sie das Gefühl haben kann, eine gute Mutter zu sein. Sag ihr, dass es dir scheiße geht, dass wir dir dein Leben zur Hölle machen und dass du endlich du selbst sein willst! Wenn du zu dir stehen kannst und ein echter Mensch wirst, dann hören wir auch mit den Hänseleien auf, denn dann können wir dich als unseren Mitschüler ernst nehmen.” Hätte ich damals auf diese Arschengel gehört und wäre heulend oder fluchend nach Hause gerannt, hätte meiner Mutter mein Herz ausgeschüttet und gesagt, dass ich verfickt noch eins meinen eigenen Stil und meine eigene Persönlichkeit will. Dass ich nicht mehr wie der letzte Hanswurst herumlaufen will, der von jedem gehänselt werden muss. Dass ich lieber beim Fahrradfahren bei einem Unfall draufging, als noch einen einzigen Tag länger die Schmach zu ertragen mit einem neongelben Fahrradhelm zur Schule fahren zu müssen, dann hätten sich die Dinge vielleicht anders entwickelt und möglicherweise hätte ich den Kontakt zu meiner Familie nun nicht vollkommen abbrechen müssen. Doch ich wollte davon nichts hören. Der Leidensdruck, den mir die Hänseleien bereitete, war nicht stark genug und ich beschloss, ihn einfach auszuhalten und zu warten, bis er vorbei war. Die Taktik ging auf. Ich überstand meine Schulzeit ohne ein einziges Mal gegen meine Eltern zu rebellieren und ohne ein einziges Mal unter meinen Masken hervorzutauchen. Aus dem perfekten Kind war nun der perfekte volljährige Sohn geworden, dem die Welt offen stand und der sich nun frei entscheiden konnte, den Weg einzuschlagen, den seine Mutter für ihn vorgesehen hatte.
Doch dann kam ein Bruch, der alles verändern sollte. Über die Arbeit als Erlebnispädagoge lernte ich Heiko kennen und mit ihm zog ich zum ersten Mal einen echten Mentor in mein Leben. Schon als kleines Kind hatte ich immer davon geträumt, einmal einen Mentor zu haben, wie ihn die Einheimischenkinder der Naturvölker oder die Helden in so vielen Geschichten hatten. Keinen Lehrer, der einem Antworten vorgab, sondern einen weisen Freund, der gemeinsam mit einem durchs Leben zog und einem Aufgaben stellte, durch die man immer wieder wachsen konnte um so schließlich in seine volle Kraft zu kommen. Je älter ich wurde, desto stärker wurde der Wunsch und desto größer wurde auch die Präsenz, mit der ich ihn nach außen sendete. Denn auch wenn ich nach außen hin über all die Jahre ein guter Sohn, Bruder, Freund und Schüler war, spürte ich doch im inneren, dass all dies nicht wirklich ich war. Ich hatte alles und doch war ich nie zufrieden, dankbar oder erfüllt. Ich spürte stets eine Schwere in mir, die nicht weggehen wollte und mir war klar, dass mein Platz irgendwo da draußen, außerhalb dieser Seifenblase meiner Familienharmonie lag. Dies war wohl auch der Grund, warum ich ständig eine so große Sehnsucht spürte, die Welt zu bereisen.

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Dass mein Mentor ausgerechnet in der Umkleidekabine einer Jugendherberge auf mich warten sollte, in die wir beide von unserem Auftraggeber abgeschoben wurden, weil es kein freies Zimmer mehr gab, hätte ich allerdings nicht erwartet. Ich hatte mir eher einen alten Mann vorgestellt, vielleicht einen Indianer oder einen Aborigine. Doch einen Mentor sucht man sich nicht aus und man findet ihn auch nicht. Von einem Mentor wird man gefunden und man wird von ihm ausgebildet, wenn man soweit ist. In meinem Fall bestand der Erstkontakt darin, dass ich einen seltsamen Text über die Informationsspeicherfähikeit von Wasser vorgelesen bekam und anschließend beurteilen sollte, ob man ihn als Unwissender auf diesem Gebiet verstehen konnte oder nicht. Erst danach stellten wir uns gegenseitig vor und eine halbe Stunde später spazierten wir gemeinsam durch den Ort, aßen eine Pizza und unterhielten uns über die Vor- und Nachteile von Brust-OPs. Nein, damals hätte ich wirklich nicht gedacht, dass dieser Mann einmal mein bester Freund und Mentor werden würde.
Doch bereits ein halbes Jahr später wohnte ich bei ihm auf der Couch und wir waren gemeinsam dabei, eine der erfolgreichsten Wildnisschulen in Deutschland aufzubauen. Zuvor hatte ich in einer intensiven Ausbildung die Grundfähigkeiten über das Leben in der Natur vermittelt bekommen und nun lernte ich im täglichen Leben weiter. Zum ersten Mal konnte ich mich und meine Familiensystematik mit einem gewissen Abstand betrachten. Noch immer war ich davon überzeugt, dass bei uns alles in bester Ordnung war und dass es bei mir, anders als bei allen anderen Menschen auf der Welt, keine komplexen Kindheitsthemen zu lösen gab. Weit gefehlt, sag ich da nur, weit gefehlt!
Je länger ich mit Heiko zusammen wohnte, arbeitete und lernte, desto mehr begann meine Maskenfassade zu bröckeln und Stück für Stück tauchte hin und wieder mein wahres Selbst darunter hervor. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass auch ich Gefühle hatte, wenngleich ich sie noch immer nur in sehr begrenztem Maße und nur sehr selten wahrnehmen konnte. Doch je mehr ich mir meiner selbst bewusst wurde, desto weniger funktionierte die Friede-Freude-Eierkuchen-Taktik mit meiner Mutter. Ich war nun 26 Jahre alt und zum ersten Mal in meinem Leben kam es zu einer kleinen Rebellion. Heiko und ich hatten einen Ausflug nach Norddeutschland gemacht und hatten dabei auch meine Familie besucht. Der Beginn des gemeinsamen Wochenendes war noch recht in Ordnung und es wirkte tatsächlich so, als könnte es eine schöne Zeit werden. Dann jedoch verbrachten Heiko und ich den Nachmittag in einer nahegelegenen Therme und als wir wieder nach hause kamen, durfte ich mir von meiner Mutter eine Standpauke anhören, was für ein unmöglicher Sohn ich denn war. Wie konnte ich nur hier her kommen und dann nicht das ganze Wochenende Zeit mit meinen Eltern verbringen? Sie habe das Gefühl, dass ich sie überhaupt nicht wirklich liebe und wäre schwer von mir enttäuscht. In dem Moment des Gesprächs hatte ich das Gefühl, dass ich damit sogar relativ gut umgehen konnte. Normalerweise stand ich bei solchen Gesprächen immer wie eine Salzsäule erstarrt da, spürte, fühlte und dachte nichts mehr und wartete nur, bis alles wieder vorbei war. In diesen Situationen war es rein mein Gegner, der in mir noch anwesend war. Alles andere schien wie abgetötet. Dementsprechend verzerrte sich auch mein Gesicht zu dieser kalten, abartigen Fratze, die in den letzten Tagen so oft präsent geworden ist. Doch in dieser Situation war es anders. Ich konnte sprechen, ich konnte einige Argumente entkräftigen und es gelang mir, meiner Mutter nicht in allen Punkten Recht zu geben. Als ich die Treppe hinauf in mein Zimmer ging, wo Heiko auf mich wartete, fühlte ich mich wie der Herr der Lage. Doch bereits als ich oben ankam, merkte ich, dass ich mich zwar wie ein Rebell fühlte, aber keiner gewesen war. Trotz meines leisen Protestes hatte ich alle Schuldgefühle angenommen, die mir entgegengebracht wurden. Das Fazit aus diesem Gespräch war das gleiche wie immer: Ich war ein schlechter Mensch, der seine Mutter enttäuscht hatte! Ich war also nicht richtig und somit nicht liebenswert, bis ich das wider geradebog oder bis Gras über die Sache gewachsen war und ich mich zukünftig wieder angemessen verhielt. Auf der Fahrt am nächsten Tag in Richtung Neumarkt wurde mir dann die ganze Tragweite der Situation bewusst. Nun spürte ich, wie die Wut in mir hochkochte. Denn die Anschuldigungen waren für mein Ermessen nicht nur haltlos sondern auch unverschämt gewesen. Meine Mutter hatte es geschafft, uns durch ihr Opferbewusstsein mit voller Absicht ein komplettes Wochenende zu verderben, das eigentlich wunderschön angefangen hatte. Sie hatte es geschafft, dass ich mich beschissen fühlte, obwohl es dafür keinen Grund gab. Das konnte ich so nicht auf mir sitzen lassen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass die Gefühle, die in mir waren, auch eine Berechtigung hatten und dass sie nach draußen durften. Gleich am nächsten Tag schrieb ich eine lange Mail nach hause und berichtete haarklein wie es mir ging und welche Wut sich in mir aufgestaut hatte. In Heikos Augen war diese Mail ein reines Muschigewäsch, bei dem ich es versäumte richtig auf den Putz zu hauen. In meinen Augen war es die härteste und offenste Kommunikation, die je zwischen mir und meinen Eltern stattgefunden hatte. In den Augen meiner Mutter war es eine Unverschämtheit. Sie könne nicht im geringsten nachvollziehen, warum ich ihr so eine Hassmail schrieb und sie würde sich ein derartiges Verhalten in Zukunft verbitten.

Der Mailkontakt ging noch eine Weile so weiter und es folgten auch ein paar Telefonate, bei denen ich jedes Mal der Meinung war, dass ich nun klar und offen gewesen war, so dass ich die Marionettenfäden endlich kappen konnte. Jedes Mal schien es für mich so, als hätte meine Mutter meinen Standpunkt nun verstanden und als könne sie ihn akzeptieren, so dass unsere Beziehung in Zukunft nun nicht mehr auf Manipulation und Maskerade sondern auch Ehrlichkeit, Vertrauen und echten Gefühlen aufbauen konnte. Bei all dem merkte ich jedoch nicht, dass ich mich hatte schon wieder vollkommen austricksen lassen. Ich hatte meine Gefühle einmal geäußert, war dafür gerügt worden und auch wenn ich glaubte, damit etwas erreicht zu haben, verhielt ich mich im Anschluss doch wieder genau so, wie man es von mir erwartete. Wieder war ich der brave Sohn, der seine Gefühle zurückhielt und der dafür sorgte, dass das Bild der heilen Familie aufrecht erhalten blieb. Zumindest so lange, bis es wieder zum nächsten Rebellionsimpuls kam.
Der letzte große war der auf unserer Reise gewesen, der in Spanien begonnen hatte und der dem Kontaktabbruch zwischen mir und meinen Eltern geendet war. Dieses Mal hatte ich nun wirklich das Gefühl, mich endgültig befreit zu haben. Wie sollte meine Mutter noch weiter in meinem Leben herumpfuschen, wenn sie keinen Kontakt mehr zu mir hatte? Das ging nicht, also musste ich zwangsläufig frei sein. Nun konnte ich tun und lassen was immer ich wollte und musste keine Angst mehr haben, dass ich ihr damit auf die Füße trat. Doch was machte ich wirklich? Am Anfang dieser Heilungsreise und mit der Entsehung dieses Blogs habe ich euch und mir ein Versprechen gegeben. Ich habe versprochen, immer vollkommen offen und ehrlich zu schreiben und nichts hinterm Berg zu halten, was mich, bzw. uns gerade beschäftigt. Und doch habe ich dieses Versprechen nicht gehalten. Ich habe ein einziges Mal über meine Familiensituation berichtet, was zum Kontaktabbruch mit meinen Eltern führte. Und ohne es zu merkten habe ich danach schon wieder genau das gemacht, was sie von mir erwarteten. Ich hörte auf, über meine Gefühle zu schreiben und schrieb vor allem nichts mehr über die Situation mit meinen Eltern. Alles, was meine Mutter oder meinen Vater irgendwie kränken konnte, ließ ich außen vor. Ich hatte mich also schon wieder komplett kastrieren lassen und hatte es nicht einmal gemerkt. Heiko machte es mir an einem anschaulichen Sinnbild deutlich: “Stell dir vor, ich würde dir ab sofort verbieten, an deinem Penis herumzuspielen. Deine Reaktion ist nun, dass du den Kontakt zu mir abbrichst, deinen Schwanz aber trotzdem nie wieder anfasst. Macht das für dich einen Sinn? Wenn du schon rebellierst und das Ende unserer Beziehung in Kauf nimmst, dann solltest du doch danach wenigstens mein Verbot ignorieren und ordentlich wichsen. Sonst habe ich doch genau das erreicht, was ich erreichen wollte!”
Das Beispiel war zwar etwas seltsam gewählt, aber es stimmte! Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich zwar glaubte, eine gute Lösung für die Situation mit meiner Familie gefunden zu haben, dass ich in Wirklichkeit aber nur wieder genau nach den Strippen meiner Mutter getanzt hatte. Denn was war es, worum es mir eigentlich bei der ganzen Sache ging? Ich wollte nicht mehr nur als Puppe angesehen werden, die man stolz vorzeigen und als Assessoir einer perfekten Familie präsentieren konnte. Ich wollte als Mensch gesehen werden und das Recht haben, frei meine Gefühle zu äußern, die dann auch gehört werden sollten. Doch was hatte ich erreicht? Meine Mutter hatte ihre Ruhe und brauchte sich schon wieder nicht mit meinen Gefühlen befassen, ganz so wie sie es wollte. Ich schrieb nichts mehr über unsere Familie, brachte damit also auch das gute Bild nicht mehr in Gefahr. Sie selbst konnte sich als Opfer eines bösen Sohnes fühlen, der sie genau so verlassen hatte, wie sie es immer prophezeit hatte. Damit bekam sie nun die Anerkennung und Aufmerksamkeit, nach der sie sich so sehnte. Und ich selbst fühlte mich auch noch schlecht dabei, weil ich das Gefühl hatte, meine arme Mutter durch meinen Wunsch nach Entwicklung und Authentizität verletzt zu haben. Wo also war hier die Rebellion? Wo war der Befreiungsschlag?
Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich noch immer genauso an den Fäden hing wie schon mein ganzes Leben. Und aus diesem Grund konnte ich auch das Buch nicht schreiben. Es entsprach nicht der Weltsicht meiner Mutter und damit konnte es nicht richtig sein. Denn dies war ein weiterer Punkt, der mir nun bewusst wurde und der mein Leben ganz zentral bestimmte: “Ich darf niemals Recht haben”. Um in einer Familie aufwachsen zu können, in der es nur “Harmonie” aber niemals Streit oder Meinungsverschiedenheiten geben darf, ist es wichtig, dass es eine klare Regelung für den Fall gibt, dass doch einmal nicht alles im Konsenz ist. Im Normalfall galt es natürlich, die Meinung meiner Mutter oder eines entsprechenden Stellvertreters zu übernehmen. Wenn dies jedoch einmal nicht möglich sein sollte, weil ich aus irgendeinem Grund doch eine eigene Meinung zu einem Thema hatte, dann musste ich mich zwangsläufig irren. Es gab in meinem Leben also immer nur zwei Möglichkeiten, zwischen denen ich mich entscheiden konnte: Mach es so, wie es die anderen sagen, oder mach es falsch. Mir selbst in einer Sache zu vertrauen kam für mich fast nie in Frage. Ich vertraute nach Möglichkeit immer den anderen, selbst dann, wenn mir mein Gefühl sagte, dass es Blödsinn ist.

Auch beim Schreiben des Buches hatte ich nun wieder dieses Gefühl, das mich innerlich zerriss. Auf der einen Seite spürte ich, dass es wichtig war, genau dieses Weltverständnis nach außen zu bringen, damit die Menschen überhaupt ins Erwachen kommen konnten. Auf der anderen Seite gab es aber immer eine hartnäckige und penetrante Stimme in mir die sagte: “Du irrst dich! Das was du schreibst ist nicht richtig! Andere werden dich dafür für verrückt halten! Man wird sagen dass du spinnst und eine komische Weltanschauung hast!” Ganz bewusst ließ meine Verstandesstimme dabei den Namen meiner Mutter weg, denn wenn ich bemerkt hätte, dass es dabei noch immer um sie ging, wäre ich auch darauf gekommen, dass das ganze nur wieder ein Irrweg war. So aber versuchte ich diese Stimmen zu ignorieren und schrieb gegen den Druck an, anstatt zu hinterfragen, woher er kam und warum er da war. Noch immer ging es mir darum, ein guter Sohn zu sein und meine Mutter stolz zu machen, damit ich dann das Leckerli der Anerkennung von ihr bekam. In mir dachte es noch immer: “Sie muss doch irgendwann einsehen, dass ich nicht der Böse bin und dass ich mich hier auf einem guten Weg befinde! Dann wird sie sich für alles entschuldigen und wir sind wieder eine glückliche Familie!”
Doch genau das war der Punkt! Ich glaubte noch immer, dass es dabei wirklich um meine Mutter ging. Wenn die Sache mit ihr im Reinen war, dann war wieder alles in Ordnung. Doch wie sollte das gehen? Seit zweieinhalb Jahren existierte sie nicht mehr in meinem Leben und auch sonst existierte sie nicht wirklich. Sie war nie eine eigenständige Person gewesen, die mir etwas einredete oder mich manipulierte. Sie war stets nur ein Spiegelpartner, ein Aspekt in meinem eigenen Lebenstraum. Sie war eine Personifizierung meines Verstandesgegners, die ich mir selbst erschaffen hatte. Es ging also nie um meine Mutter, sondern immer nur um mich. Nicht meine Mutter wollte die perfekte Familie in der ich der perfekte Sohn ohne Gefühle war. Ich wollte es, oder genauer gesagt, der Dämon in mir, der mich von meinem Erwachensweg abbringen wollte. Nicht meine Mutter verbot mir, offen über meine Gefühle im Blog zu schreiben oder meine Weltanschauung in einem Buch zu veröffentlichen. Ich selbst verbot es mir. Und der Stimme in meinem Kopf, die dieses Verbot aussprach gab ich die Gestalt meiner Mutter.
Je stärker ich also nun aus dem Käfig meines Marionettendaseins ausbrechen und die gewohnten Schienen verlassen wollte um ganz ich selbst zu sein, desto stärker mussten auch die Geschütze werden, die mein Verstandesgegner auffuhr, um mich davon abzuhalten. Gleichzeitig lag aber auch in jedem neuen Schlag meines Gegners eine neue Erkenntnis verborgen.
Was also geschah wirklich?
Als ich mit vier oder fünf Jahren damals in meinem Bett lag und die Erkenntnis über mich selbst gewann, in der ich für einen kurzen Moment aufwachte und erkannte, wer ich wirklich war, was meine Aufgabe war und worin meine Kraft lag, hatte ich so viel Angst, dass ich alles sofort bei Seite schob und beschloss, dass ich dies niemals leben darf. Ich hatte Angst, dass meine Eltern mich nicht mehr lieben, wenn ich mein wahres Sein lebte. Ich entschied mich also dafür, von nun an nichts mehr zu fühlen, sondern nur noch zu funktionieren wie ein Robotter. Solange ich funktionierte, wurde ich geliebt und war sicher. Funktionierte ich jedoch nicht, weil ich etwas “falsch” machte, dann bekam ich dafür Schläge. Selten waren es wirklich physische Schläge, bei denen mir meine Mutter den Hintern versohlte, wenn ich nicht rund lief. Häufiger waren es verbale Schläge in Form von Tadel, Stubenarrest, Schimpfe oder ähnlichem. Meine Angst war: Wenn ich Schläge in irgendeiner Form bekomme, dann werde ich nicht mehr geliebt. Wer wütend auf mich ist, kann mich unmöglich lieben. Wenn mich meine Eltern aber nicht mehr lieben, dann werde ich nicht versorgt und muss sterben. Sterben wollte ich aber nicht. Der Tod machte mir eine riesige Angst. Gerade jetzt wo ich das schreibe, wird mir zum ersten Mal klar, wie viel Angst es mir machte und noch immer macht. Ich erinnere mich noch daran, dass ich einen Film, sogar eine Kömödie über ein Altenheim gesehen habe, in dem immer wieder Menschen starben und dass ich danach stundenlang wach lag, weil ich fürchtete, das könne mir auch passieren. Der Tod war für mich immer schon etwas unglaublich Angst einflößendes.

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Bei Heiko war es anders. Er machte als Kind im Alter von drei bis vier Jahren die gleiche Erfahrung und erkannte für einen kurzen Moment, wer er wirklich war. Anders als mir machte ihm diese Erkenntnis jedoch keine Angst und er beschloss, sie anzunehmen. Statt der Panik davor, alles zu verlieren, wenn man die Erkenntnis zuließ, spürte er ein tiefes Urvertrauen, dass alles seine Richtigkeit hatte und dass er nur sein Sein anzunehmen brauchte, um ins Erwachen und damit ins Paradies zu kommen. Sein Entschluss war daher genau andersherum: “Wenn ich mein Sein nicht leben kann, dann lebe ich eben überhaupt nicht!” Auch er bekam Schläge, wenn er nicht “richtig funktionierte”, sowohl im physischen als auch im übertragenen Sinne, doch ihm war es egal. Wenn sie sein mussten, damit er ganz er selbst sein konnte, dann mussten sie eben sein. Abhalten ließ er sich durch sie jedoch nicht. Als seine Eltern ihm ausreden wollten, dass er Wesen aus der geistigen Welt sehen konnte, beschloss er einfach mit dem Essen aufzuhören. Wenn er seine Gabe und sein Sein nicht leben durfte, dann wollte er sein Leben am besten gleich beenden. Dabei merkte er jedoch, dass seine Eltern dies nicht zuließen. Er war ihnen wichtig und auch wenn er komisch war, taten sie doch alles, um ihn am Leben zu erhalten. Bevor es wirklich zur Zwangsernährung kam verstand Heiko, dass er nicht sterben musste, nur weil er sein Sein Leben wollte. Er bekam vielleicht Schläge, Druck und Verurteilungen, doch er wurde nicht dem Tod überlassen. Also konnte er sie annehmen und tat dies auch mit Freude, weil er wusste, dass er dadurch sein wahres Selbst schützte. So wurde Heiko nach seiner frühen Erkenntnis also zum Rebell, der trotzig seinem Lebensweg folgte, und ich wurde zum Duckmäuser und Mitläufer, der alles tat, was andere von ihm verlangten, der sich verbog und verbeulte, nur um geliebt zu werden und so dem drohenden Tod zu entgehen.
Im Teenageralter änderten wir dann beide unsere Strategien. Heiko wechselte mit 13 vom Gymnasium zur Realschule und sah nun zum ersten Mal die Chance, den ständigen Hänseleien und dem Gedisse zu entgehen. Er wollte nun nur noch seine Ruhe haben und sich nicht ständig erklären müssen, so dass es nun zu seiner Priorität wurde, ein guter Freund, Kumpel und Partner zu sein. Nun glich er sich an und begann zu funktionieren, so dass er sich nicht mehr ständig erklären musste, warum er so war, wie er war, warum er in dieser Kraft stand und warum ihm die Kraft so viel bedeutete. Er gab sie jedoch nicht auf, sondern versteckte sie nur. Er hatte lange genug mit ihr und in seinem Sein gelebt, um sich ihrer stets bewusst zu sein. Nun war Harmonie für ihn jedoch das wichtigste und die Wut die in ihm steckte, durfte fortan nicht mehr an die Oberfläche dringen.
Mein Switch kam mit 16, als ich in der Schule einen Jungen kennenlernte, der für mich der Inbegriff von Freiheit, Unabhängigkeit und Rebellion war. So viel Angst wie ich vor jeder Form des Ausbruchs hatte, so furchtlos schien dieser Junge zu sein und ich glaubte, dass ich ebenfalls frei sein konnte, wenn ich ihm nur folgte und genauso wurde wie er. Was ich damals jedoch nicht erkannte war, dass seine vermeintliche Freiheit und Unabhängigkeit nichts mit Freiheit zu tun hatte, sondern nur mit reiner Egomanie. Er war nicht frei in dem Sinne, dass er in seiner eigenen Kraft stand und daher sein Leben zu einem Paradies werden ließ. Er war ein Parasit, der jedem Energie abzwackte, keine persönlichen Grenzen wahrte, rein auf sich selbst fokussiert war, auch nichts und niemanden Rücksicht nahm und sich immer und überall benahm wie das größte Arschloch der Erdengeschichte. Dies verwechselte ich mit Freiheit und Männlichkeit und ich setzte alles daran, um die gleichen Eigenschaften zu übernehmen. Zumindest was dies anbelangt, kann man sagen, dass ich sehr erfolgreich war. So wurde aus dem braven, funktionierenden Tobias ein Ego-Arschloch, ein unnützer Parasit, der niemandem mehr etwas brachte und der nur noch die Energie der Anderen aussaugte. Ich wurde dreist, besserwisserisch, egoistisch und herablassend und versuchte von nun an aus allem stets meinen größten Vorteil zu schlagen. So erinnere ich mich an einen Gedanken, den ich mit dreizehn oder vierzehn hatte, als ich sah, wie sich ein Mitschüler im nahegelegenen Einkaufszentrum einen Döner gekauft hatte: “Wieso kauft man sich etwas zu Essen, wenn man es dann ganz alleine isst, anstatt anderen davon etwas abzugeben, damit diese einen dann mögen?” Später drehte sich der Gedanke: “Wenn ich mit anderen etwas gemeinsam Esse, dann muss ich immer darauf achten, dass ich am meisten abbekomme, denn ich will ja nichts zu kurz kommen!” Bei all dem glaubte ich noch immer stets, der “Gute” zu sein und alles nur deshalb zu machen, weil ich ja eigentlich die Welt retten wollte. Ich war so sehr von mir eingenommen, dass ich tatsächlich glaubte, als einziger Mensch auf der Welt irgendetwas bewegen zu können. Ein Gedankengang, den ich damals tatsächlich hatte lautete: “Es ist ja kein Wunder, dass niemand auf der Welt wirklich etwas bewegen kann, wenn alle so viele Probleme und Lebensthemen mit ihrer Familie und ihrer Kindheit haben. Es braucht also jemanden wie mich, der in einer perfekten Familie aufgewachsen ist und der nichts aufzuarbeiten hat, so dass er sich gleich an die Rettung der Welt machen kann!” Ich war so großkotzig und arrogant, dass ich es nicht einmal merkte. Ich glaubte, ich wäre der einzige Mensch auf der Welt, der irgendetwas richtig machen konnte. Je mehr ich dabei versuchte, in meine Männlichkeit zu kommen, desto schlimmer wurde es. Auf eine verquere Art wurde ich nun zu einem aggressiven Schlägerwesen. Nicht in dem Sinne, dass ich wirklich Schläge verteilt hätte, sondern dass ich allen permanente Seitenhiebe verpasste. Weil meine Wut nicht auf direktem Wege heraus durfte, versuchte ich sie durch subtilere Ventile nach außen abzulassen. Ich wurde gemein, bewertend, verurteilend, einnehmend und erniedrigend. Ich wertete andere ab, verurteilte sie, nahm mir selbst stets das größte Stück vom Kuchen, manipulierte, saugte Energie, ging über jede Piätetsgrenze, machte kaputt, beleidigte, lästere, verurteile, und hielt mich stets für etwas besseres. Ich stehe über den Anderen und darf deswegen urteilen. Wenn Andere diese Urteile fällen, dann ist dies verwerflich und engstirnig. Bei mir waren es aber keine Bewertungen, sondern reine Beobachtungen und die durfte ich jederzeit treffen, ohne dass ich mich deswegen schlecht fühlen musste.

Fortan trug ich nun beide Aspekte in mir. Auf der einen Seite war ich noch immer ein Duckmäuser, der allen nach der Pfeife tanzte und der Angst vor jeder Art der Konfrontation hatte. Mein größtes Ziel war es noch immer, die oberflächliche Harmonie aufrecht zu erhalten und so zu funktionieren, dass mir niemand böse sein konnte. Auf der anderen Seite verhielt ich mich aber gleichzeitig wie das größte Arschloch und zahlte es jedem hinterrücks heim, dass ich mich für ihn verbog.
Im Nachhinein wird mir nun auch klar, dass ich selbst hier auf der Reise stets in allen Aspekten versuche zu funktionieren, damit ich keine Schläge bekomme. Weder von Heiko noch vom Leben. Es geht mir nicht darum, unser Material pfleglich zu behandeln, damit es nicht kaputt geht. Es geht mir darum, dass alles funktioniert, damit ich keine Probleme in Form von Spiegelsituationen erhalte, die mich auf meine Gottabgewandheit hinweisen. Es geht mir nicht darum, wirklich etwas zu erschaffen, hilfreich zu sein und ein lebendiges Mitglied unserer Herde zu sein. Es geht mir darum, so zu funtkionieren, dass Heiko keinen Grund hat, böse auf mich zu sein und wütend zu werden. Denn auch bei ihm glaube ich noch immer, dass er mich nicht mehr mag, wenn er wütend auf mich ist, dass wir uns dann vielleicht trennen und dass ich alleine nicht überleben kann. Ich bin also noch immer im gleichen Todesangstkonflikt: Wenn ich nicht richtig funktioniere, dann bekomme ich Schläge, ergo werde ich nicht mehr geliebt, ergo muss ich sterben.
Doch das Buch machte mir ein reines Funktionieren unmöglich. Es waren Texte, die man fühlen, erkennen und begreifen musste. Um sie schreiben zu können, musste man leben und sein Leben mit allen Facetten fühlen können. Ich lebte aber überhaupt nicht, sondern war nur eine funktionierende Marionette, die einen Punkt nach dem nächste auf ihrer To Do Liste abhaken wollte. Auf diese Weise wurde das Arschloch in mir immer größer und übermächtiger. Als Buchautor funktionierte ich nun überhaupt nicht mehr. Ich produzierte nur noch Scheiße, die kein Mensch lesen oder verwerten konnte. Ich war weder hilfreich noch produktiv. Und nicht nur in Bezug auf das Buch. Alles, was ich anfasste zerbrach in meinen Fingern. Es verging nun kaum mehr ein Tag, an dem ich nicht irgendetwas kaputt machte. Aus Unachtsamkeit übersah ich einen Rubinienzweig, der in meiner Sitzmatte steckte und zerstach mir damit meine Schlafmattratze. Vor Tollpatschigkeit ließ ich einen unserer Gelakkus fallen, ich zerriss meine Hose, schaffte es, dass der Zeltreißverschluss unter meinen Händen nicht mehr zu schließen war und vieles mehr. Hinzu kam, dass ich uns immer wieder in die Irre lotste, uns über einen geschlossenen Grenzposten von Bulgarien nach Rumänien führen wollte, uns durch ein Sumpfgebiet navigierte in dem wir zwei mal im Schlamm versanken und letztlich kilometerweit zurück auf die Hauptstraße gehen mussten. Ich war umgeben von einer Aura der blanken Egomanie, des Arschlochseins und des Selbsthasses. Dass ich Heiko das Leben damit zur Hölle machte, steht außer jeder Frage. Jeden Tag wurde ich mehr wie ein kleines, nerviges Kind, auf dass man ständig aufpassen musste, auf dass man sich niemals verlassen konnte und das jeden Scheiß baute, den es nur bauen konnte. Nicht einmal die einfachsten Aufgaben brachte ich mehr zustande und wenn Heiko mich darauf ansprach, erstarrte ich zur Salzsäule und brachte kein einziges Wort mehr heraus. Die Gespräche, die wir zu diesem Zeitpunkt noch führten, waren reine Monologe von Heiko, bei denen ich mit erstarrter, hilfloser und selbstmitleidiger Miene dasaß und Löcher in die Luft starrte. Auf diese Weise musste ich jeden Menschen in den Wahnsinn treiben, egal wie reflektiert und gelassen er auch sein mochte. Vor genau einem Jahr hatte uns Paulina in unseren Gesprächen mit der selben erstarrten Fratze angeschaut und damals hatte es mich so wütend gemacht, dass ich sie fast erschlagen hätte. Nun verhielt ich mich nicht nur ganz genauso, sondern sogar schlimmer. Ich durchlebte die gleichen Phasen und Stufen, wie Paulina vor einem Jahr und obwohl ich es merkte, konnte ich nichts dagegen tun. Ich war wie in einem Autopilotenmodus, den ich nicht beenden konnte. Und dafür hasste ich mich nur noch um so mehr. Unsere Konsequenz bei Paulina war es, uns von ihr zu trennen, weil sie ganz offensichtlich nicht bereit war, sich zu wandeln und aus ihrem Ego-Schlaf aufzuwachen. Nun galt für mich das Gleiche. Und das nicht erst seit kurzem. Ich befand mich schon seit jahrzehnten in der Ego-Angst, erstarrte bei jedem kleinen Konflikt und war absolut lernresistent. Ich schaffte es immer wieder, so zu tun, als würde ich neue Schritte machen, doch in Wirklichkeit trat ich auf der Stelle. Meine Angst vor jeder Form der Veränderung war so groß, dass ich ein gigantisches Schauspielstück aufführte, um mich selbst zu täuschen und weiterhin gleich bleiben zu können. Ich hatte es geschafft, Paulinas lage komplett zu verstehen und zu analysieren, ohne daraus auch nur das geringste für mich selbst zu lernen. Ich hatte sie abgewertet und verurteilt, für das was sie war und was sie machte, ohne zu merken, dass sie nur ein Spiegel meiner selbst war und dass ich alles in einem noch größeren Maß selber tat, was ich ihr vorwarf. Ich befand mich in reiner Todesangst, war nur auf der Flucht, wollte mich selbst um keinen Preis anschauen und war zu feige, mich auch nur der kleinsten Angst zu stellen, die in mir schwelte.

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Tag 509: Verschollen

Als Feigling und Duckmäuser war ich das genaue Gegenteil von dem, zu dem sich Heiko entschieden hatte. Sein Weg war es stets gewesen, sich jeder Angst zu stellen und um jeden Preis sein wahres Sein zu leben, auch wenn dies Schmerz und Leid verursachen sollte. Meine Strategie war es, mich vor jeder Form von Schmerz und Leid zu verstecken, auch wenn dies bedeutete, dass ich niemals wirklich zu leben begann, dass ich meine Gefühle nicht spüren konnte und dass ich im Umkehrschluss auch niemals wirkliche Freude, Dankbarkeit oder Liebe empfand. Ich war einfach kalt und tot. Als mein Freund und Mentor machte es sich Heiko zur Aufgabe, mich aus diesem Egoschlaf wachzurütteln und herauszureißen. Ich kann inzwischen nicht mehr sagen, wie oft er mich packte, schüttelte, schlug und anschrie, um irgendwie die Seele in mir zu erreichen und wachzurütteln. Ich selbst muss ehrlich sagen, dass ich mich schon längst zum Mond geschossen hätte. Oftmals verstand ich nicht einmal, warum Heiko überhaupt noch etwas mit mir zu tun haben wollte und mich nicht einfach am Wegesrand sitzen ließ. Wäre ich mein Wandergefährte gewesen, ich hätte es getan. Ich hasste mich einfach so sehr dafür, dass ich so ein unnützes, schmarotzendes und mies gelauntes Arschloch war, dass ich nicht verstehen konnte, wieso mich überhaupt noch irgendjemand mochte. So sehr ich mich auch vor den Schlägen und den Wutausbrüchen Heikos fürchtete, so sehr spürte ich doch, dass sie sanfte Streicheleinheiten waren, gegen das, was ich mir selbst angetan hätte, wenn ich mein eigener Wandergefährte und Spiegelparter gewesen wäre. Heikos Wut kam nur etwa zu dreißig Prozent von ihm selbst, weil er durch mich mit eigenen Themen in Resonanz ging. Die restlichen 70% handelte er rein als Mentor und spiegelte mit meinen eigenen inneren Selbsthass und meine Wut auf mich selbst, so dass ich endlich aufwachen konnte. Wäre ich mein Spiegelpartner gewesen, hätte ich 100% aus Wut und blanker Rage gehandelt. Ich hätte mich weder zurückgehalten noch erbarmen gezeigt und mich einfach tot geprügelt. Wahrscheinlich hätte ich sogar noch stundenlang auf mich eingeschlagen, nachdem ich schon nur noch eine matschige Leiche war und selbst dann wäre der Hass auf mich noch immer nicht verraucht gewesen. Ich hatte also mehr als nur Glück, dass nicht ich selbst mein Spiegelpartner war, sondern Heiko. Und doch konnte ich dieses Glück in diesen Momenten nicht sehen. Ich spürte nur, dass ich mich selbst noch mehr dafür hasste, dass ich Heiko durch mein Arschlochsein in eine Rolle drängte, die ihn eigentlich nichts anging. Ich machte ihm zum Bösen, damit ich mich selbst weiter als armes, gebeuteltes Opfer fühlen konnte. Später sagte mir Heiko einmal, dass mein Verstandesgegner seine Rolle so perfekt spielte, dass mich niemals jemand spiegeln konnte, der kein Seher war. All mein Arschlochsein, all meine Trotteligkeit, meine Sabotage, mein zur Weißglut bringen, machte ich stets so geschickt, dass ein normaler Mensch nicht merkte, was ich da tat. Es musste immer so wirken, als könne ich überhaupt nichts dafür, als würde ich stets mein bestes geben und als geschähen all diese Dinge rein zufällig. Man konnte mir dafür einfach nicht wirklich böse sein und somit konnte ich auch nie einen wirklichen Spiegel bekommen, durch den ich hätte erwachen können. Die einzigen, die das bisher ignoriert und mich trotzdem knallhart gespiegelt hatten, waren meine Mitschüler in der Gesamtschule. Hier war es egal, ob man etwas für sein Verhalten oder Auftreten konnte oder nicht. Wenn man sich verhielt wie ein Depp, dann wurde man gemobt und verarscht bis es kracht. Damals habe ich meine Mitschüler dafür gehasst, doch jetzt wird mir zum ersten Mal klar, dass sie die einzigen waren, die mir ehrlich begegneten und mir eine Chance gaben, um aufzuwachen und um mich zu erkennen. Eine Chance, die ich jedoch nicht nutzte und so war ich nun noch immer das nervige kleine Arschloch, dass ich mit sechzehn geworden bin. Und in den letzten Tagen wurde es nun fast von Minute zu Minute schlimmer. Mein Selbsthass stieg ins Unermessliche und mit ihm auch meine Trotteligkeit und mein Arschlochgebaren, durch dass ich Heiko in die Weißglut trieb. Immer wieder kamen es zu kleineren und größeren Entladungen. In diesen Momenten konnte ich sie nie als Positiv wahrnehmen, sondern hasste mich immer nur noch mehr dafür, dass ich sie immer wieder aufs Neue heraufbeschwor. Doch im Nachhinein wird klar, dass jede dieser Endladungen zu einer kleinen, aber extrem wichtigen Teillösung geführt hat und dass sie uns beide immer auf ihre Art weiter brachten. Zum einen entstanden dadurch viele wichtige Erkenntnisse für unser Buch, auf die wir sonst nie gekommen wären, die aber für das Verständnis von zentraler Bedeutung sind. Zum anderen erkannte ich aber auch immer wieder ein kleines Stück über mich selbst, dass mich näher und näher zum Kern brachte, wer ich wirklich war, worin meine Aufgabe bestand und warum ich mich so verhielt, wie ich mich verhielt.

Zunächst waren es kleine Dinge, die für sich genommen noch keinen wirklichen Sinn zu machen schienen. So kam Heiko nach einem Wutgewitter plötzlich auf den Gedanken, ob zu meinem Sein nicht auch ein Tattoo gehören könnte. Ich habe Tattoos mein ganzes Leben lang immer abgelehnt und wäre nie auf die Idee gekommen, dass so etwas zu mir gehören könnte. Die Idee, dass ein Tattoo überhaupt zu jemandem gehören könnte, kam erst durch Heidi auf, als wir bei ihrem letzten Besuch immer mehr Klarheit über ihren wahren Medizinkörper erlangten. Durch verschiedene Austestungen und Überprüfungen kam heraus, dass es für sie ein wichtiger Teil war, ihre innere Stärke unter anderem durch ganz bestimmte Tattoos nach außen zu tragen. Damals hätte ich nie gedacht, dass so etwas auch für mich eine Rolle spielen könnte. Doch nun zeigten auch meine Muskeln auf, dass mein höheres Selbst von dieser Idee absolut überzeugt war. Zunächst war es noch sehr unspezifisch. Irgendwo an meinem Körper sollte ich ein rituelles Tattoo tragen, das mich dabei unterstützen sollte, in meine Männlichkeit zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich damit nur sehr wenig anfangen und mein Verstand sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen, diesen Gedanken auch nur im Ansatz zuzulassen. Später fühlte sich dann die Vorstellung plötzlich sehr stimmig an, eine Art von indianischem Kriegertattoo zu tragen. Ich dachte dabei zunächst an einen Stil der Maori. Als wir Tage später noch einmal genauer nachtesteten, kam jedoch heraus, dass es eine traditionelle Darstellung eines Medizinrades der Aborigines sein sollte. Rein optisch sagte mir die Vorstellung von dem Bild noch nicht besonders zu, jedenfalls nicht so, wie wir es auf Fotos im Internet gesehen haben. Aber in einer abgewandelten Form die ich noch ausfindig machen muss, kam es mir dann tatsächlich langsam stimmig vor. Wenngleich ich noch immer nicht den Bezug finden konnte. Es dauerte noch eine lange Zeit, bis die Vorstellung konkreter wurde und noch immer liegt der Kernpunkt bei dem Tattoo-Thema in meiner immensen Angst begraben. Ich konnte mich mit der Idee anfreunden, mir ein rituelles Tattoo auf rituelle Weise stechen zu lassen, wenn wir in Australien sind. Auf der einen Seite hat diese Vorstellung auch noch immer eine große Kraft für mich, auf der anderen Seite merke ich aber auch, dass hier schon wieder die Angst ordentlich mitmischt. Denn bis wir nach Australien kommen dauert es noch ewig. Es ist also vor allem auch eine Möglichkeit, die Entscheidung wieder einmal bis ins Unendliche hinauszuzögern. Und dies kann nicht im Sinne meines höheren Selbst sein. Die Angst wurde mit der Zeit sogar so groß, dass nicht einmal mehr meine Muskeln eine klare, konkrete Auskunft geben wollten. Nur über Tricks und mit Heikos Hilfe kamen wir schließlich auf ein konkretes Motiv. Es sollte im Stil der Aborigines der australischen Westküste gehalten sein und eine Kombination aus allen Tieren des Medizinrades also des Bärs, des Wolfs, des Büffels und des Adlers beinhalten. Ganz allmählich kann ich mich nun mit dieser Idee anfreunden und je öfter ich mir das Motiv anschaue, das in die richtige Richtung geht, desto mehr beginnt es mir zu gefallen. Langsam fühlt sich auch die Vorstellung sehr gut an, dass diese vier Krafttiere meinen Rücken- und Schulterbereich bewachen und hüten. Es ist der Punkt, an dem meine Aufmerksamkeit am geringsten ist und an dem sich daher auch mit die meisten Energieräuber ansiedeln. Es wird noch einige Zeit dauern, bis ich meine Angst in diesem Bereich wirklich überwunden habe, aber ich spüre, dass sie bereits jetzt kleiner wird.

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Gedanken sind Handlungen (F.W. Nietzsche)

Höhenmeter: 220 m
Tagesetappe: 21 km
Gesamtstrecke: 16.440,27 km
Wetter: sonnig und heiß
Etappenziel: Zeltplatz im Wald, nahe Schit-Orăşeni, Rumänien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

2 Comments

  1. Emelie 30. August 2016 at 7:12 - Reply

    Erschreckend, wie guruhaft deine Beziehung zu Heiko ist. Du versuchst eine gesunde Beziehung zu dir selbst aufzubauen und gerätst dabei jedoch in einen selbstreferentiellen, selbsthassenden Abwärtsstrudel und in eine unglaubliche Abhängigkeit gegenüber deinem „Mentor“, der deine Liebe, die du dir so nicht eingestehen willst, ausnutzt. Ich hoffe für dich, dass du da irgendwann wieder rauskommst.

    • info@naturspirit.de 9. September 2016 at 21:19 - Reply

      Hallo Emilie,
      vielen Dank für dein schnelles Komentar…
      Du hast uns damit heute noch einmal einige Inspirationen gegeben, so dass wir auf wichtige Punkte stoßen konnten, über die wir zuvor noch nicht wirklich nachgedacht haben.
      Du schreibst, dass es dich erschrickt, dass unsere Freundschaft so „guruhaft“ geworden sei. Hierbei kamen bei uns mehrere Fragen auf.
      Zum einen: Was bedeutet eigentlich „guguhaft“? Was ist ein Guru? In der ursprünglichen Form ist Gugu das indische Wort für Mentor oder Lehrer. In sofern hast du also vollkommen Recht, wir haben eine guruhafte Beziehung, bei der einer der Mentor und der andere der Schüler ist. Ein Gugu ist immer jemand, der über Wissen und Fähigkeiten verfügt, die andere nicht, bzw. noch nicht haben und die sie deshalb von ihm lernen wollen. Er ist also ein Wegbegleiter, der seine Schüler auf dem Weg in die Erleuchtung begleitet und unterstützt. Warum aber ist dies erschreckend? An einem Guru ist von sich aus ja nichts verwerfliches? Das Problem ist dabei nur, dass wir heute mit Guru vor allem einen Lehrmeister verbinden, der es mit seinen Schülern nicht ernst meint. Ich glaube, das Wort, dass du hier eigentlich verwenden wolltest war „Sektenführer“. Noch immer ist der Guru oder der Führer ein Seher, der aufgrund seiner Aufmerksamkeit und seiner Fähigkeiten wahrnehmen kann, was andere benötigen und wohin ihr Lebensweg sie führt. Nur setzt er dieses Wissen nicht ein, um seine Schüler ins Lernen, ins Wachsen und in die Erleuchtung zu führen, sondern um sie klein zu halten, damit sie als seine Sklaven das machen, was er von ihnen will. Die Methoden, die dabei angewendet werden, das Wissen, die Fähigkeiten des Seelenleesens und die Aufmerksamkeit sind in beiden Fällen die selbe. Nur die Absicht ist eine andere.
      Die Frage ist nun, mit welcher Absicht ist Heiko mein Mentor? Geht es ihm wirklich darum, mich klein zu halten, damit er den Rest seines Lebens mit einem unselbstständigen Tropf umherwandern muss, der nichts alleine auf die Reihe bekommt und immer überprüft und kontrolliert werden muss? Geht es ihm darum, mich bewusst in eine Abhängigket zu treiben, damit wir auf ewig eine Beziehung führen, in der ich der Parasit bin und er mein Wirt ist, den ich durch mein Opfersein und meine Unselbstständigkeit aussaugen kann?
      Oder geht es ihm vielleicht eher darum, mich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln in die Selbstverantwortung zu schubsen und wenn nötig zu prügeln, damit ich meine Lernresistenz ablegen und meine Stärken entdekcne und entwickeln kann? Geht es ihm also darum, mich zu unterstützen, ein vollwertiges Mitglied unserer Herde zu werden, damit ich wirklich hilfreich bin und meinen Beitrag leisten kann, damit ich kein Energieparasit mehr sein muss sondern ein Heiler werde, der in seiner Kraft steht?
      Wovon hätte er mehr? Welche Absicht macht für ihn überhaupt einen Sinn?
      Die Frage ist also noch einmal, warum ist es erschreckend, eine Mentor- (oder auch Guru-)Schüler-Beziehung zu führen, bei der einer dem anderen hilft, in sein Sein und auf seinen Weg zu kommen?
      Was ist an dieser Art der Beziehung falsch?
      Hinzu kommt ein weiterer Punkt, den man bei der Sache bedenken muss. Wenn du meinen Bericht gelesen hast, dann weißt du, dass ich bereits von frühster Kindheit unter Manipulatoren aufgewachsen bin. Ich hatte also schon seit meiner Geburt mit meiner Mutter eine (in deinem Sinne) guruhafte Beziehung, bei der es darum ging, mich klein zu halten und zu dem zu Formen, was ich in ihren Augen sein sollte. Durch diese Beziehung bin ich ja überhaupt erst in die Unselbstständigkeit und in mein Opferbewusstsein geraten. Ist es also nicht viel erschreckender, dass ich dies so lange hingenommen habe, ohne es auch nur zu merken? Wieso ist es in unserer Gesellschaft vollkommen normal und in Ordnung, sich von Bestimmten Menschen unterdrücken und manipulieren zu lassen, von anderen aber nicht. Wenn mein Cheff mich zwingt, über meine Leitungsgrenzen hinauszuarbeiten, wenn er mich klein hält und runtermacht und wenn er mein Leben und meine Seele zerstört, ist das in Ordnung, denn ich bekomme ja Geld dafür. Wenn mein Partner dafür sorgt, dass ich nach seiner Pfeife tanze, ist das ebenfalls in Ordnung und auch niemand hat etwas dagegen, wenn man von den eigenen Eltern wie eine Marionette an Fäden geführt wird. In all diesesn Fällen geht es bei der Fremdbestimmung jedoch immer darum, dem anderen den eigenen Willen aufzuzwengen und sich aus dem Ego heraus eine Sklavenpuppe zu erschaffen. In all diesen Beziehungen läuft die Manipulation aber meist unbewusst und vor allem unfreiwillig ab.
      Entscheidet man sich jedoch bewusst dafür, einem Mentor oder geistigen Führer zu folgen, weil man auf diese Weise lernen will, in sein eigenes Sein zu kommen, so ist dies plötzlich ganz und gar nicht mehr in Ordnung. Sofort wird der Schrei nach „Sekten-Alarm“ laut, weil niemand glauben kann, dass ein Mentor wirklich im Sinne der entwicklung seines Schülers handeln kann. Wenn jemand ein Seher ist und einen Schüler ausbilden will, dann muss er zwangsläufig ein Sektenführer sein, der niedere Absichten hat. Und ja, die Angst ist berechtigt, denn in sehr vielen Fällen ist dies auch wirklich der Fall. Es wird einfach unglaublich viel Scheiße getrieben in diesem Gebiet. Das liegt aber vor allem daran, dass fast nur die Mentoren oder Gurus bekannt werden, die nicht im Sinne ihrer Schüler handeln. Diejenigen, die es tun, werden meist nicht weiter beachtet, da sie einfach ihre Lehren durchziehen und ansonsten keine Skandalmeldungen provozieren. Aufmerksam werden wir also vor allem auf die schwarzen Schafe. Und auch hier muss man sagen, dass man diese Menschen ein gutes Stück weit verstehen kann. Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch bei einer indischen, spirituellen Führerin namens Amma in München. Die Messehalle, in der sie vor ihre Schüler getreten ist, was bis zum zerbersten gefüllt, vor Leuten, die in ihr die Erfüllung finden wollten. Sie hatte dabei wirklich die Absicht, den Menschen einen Weg zur Selbsterkenntnis aufzuzeigen, aber die Menschen wollten ihn nicht sehen. Sie wollten nicht selbstverantwortlich zum Schöpfer ihres eignen Lebens werden, sondern Amma als Erlöserin ansehen, die sich um alles kümmert. Wenn es also so viele Menschen gibt, die bereit sind, dir überall hin zu folgen, ohne darauf zu achten, ob dies in ihrem Sinne ist oder nicht, dann ist die Versuchung, dies für den eigenen Vorteil auszunutzen verdammt hoch. Doch natürlich nur dann, wenn es auch einen Vorteil gibt, den man ausnutzen kann. Dies währe zum Beispiel dann der Fall, wenn die Schüler besonders vermögend sind und ihr Geld nun dem Mentor überschreiben, wenn sie sich für sexuelle Dienste zur Verfügung stellen oder ähnliches. In meinem Fall gibt es all diese Vorteile nicht. Ein unselbstständiger, kleingehaltener Tobi ist und bleibt ein Klotz am Bein, den man mit um die Welt schleifen muss, was zum einen Anstrengend und zum enderen auch Nerv- und Energieraubend ist. Mein Gesamtvermögen, vor meinem Entschluss, vollkommen ohne Geld zu leben, betrug knapp 1000€, die ich zu 100% aus Quellen gewonnen hatte, auf die ich nur dank der Unterstützung von Heiko zugreifen konnte. Hinzu kommt, dass dieses Geld ja nicht an Heiko sondern in unser Projekt fließt.
      Die Entscheidung, im Zölibat, ohne Geld und als Mönch zu leben, ist aufgrund meiner Lebenssystematiken entstanden und hat nichts mit Heiko zu tun. Warum hätte er mir dies auch einreden sollen? Es macht ja keinen Sinn, einen Freund und Reisegefährten davon zu überzeugen, dass er nun plötzlich als Mönch mit einer Kutte leben soll. Dies macht vieles komplexer, angefangen bei der Logistik mit der Kleidung bis hin zu dem Punkt, dass wir keine Ahnung haben, wie die Menschen auf uns reagieren, wenn ich plötzlich in einer Mönchskutte vor ihnen stehe. Die Entscheidung kam nicht, weil Heiko sie sich ausgedacht hat, sondern weil ich durch einen langen Prozess immer mehr über mich herausgefunden und irgendwann erkannt habe, dass das Mönchsein zu mir gehört. Da ich selbst so gut wie keine Verbindung zu meiner Intuition und meinen Gefühlen habe, brauchte ich Heikos Hilfe in Form des Coyote-Teachings, also in Form von gezielten Fragen, Aufgabestellungen, Austestungen und Leidensdrucksituationen, um dies erkennen zu können, doch als ich es erkannt hatte, fühlte es sich für mich zu 100% stimmig an. Es war nicht das Gefühl, in etwas hineingepresst zu werden, das man nicht sein wollte und auch nicht war. Dieses Gefühl kenne ich inzwischen recht gut, denn so habe ich ja sehr lange gelebt. Es war vielmehr das Gefühl, dass einem plötzlich die Schuppen von den Augen fallen und man plötzlich den Wald erkennt, den man zuvor vor lauter Bäumen nicht hatte sehen können. Mir wurde klar, dass mein ganzes bisheriges Leben darauf ausgerichtete gewesen war, irgendwann ein wandernder Bettelmönch zu werden und dass ich dies auch bereits in früheren Leben war. Die Verbindung zu Franz von Assissi fühlt sich stark an und das war auch schon so, als ich noch nichts über ihn wusste. Im Nachhinein zu erkennen, dass ich in einem früheren Leben er war und nun noch einmal die Chance bekomme, seinen Weg zu gehen und dabei auch die Zusammenhänge zu erkennen, die ihm damals entgangen sind, war ein überwältigendes Gefühl und brachte plötzlich eine unglaubliche Klarheit, die ich zuvor immer vermisst hatte. Natürlich gibt es noch unendlich viele Dinge, die mir überhaupt nicht klar sind und ich stehe noch immer ganz am Anfang von meinem Weg, ohne eine Ahnung davon zu haben, wo er mich letztlich hinführen wird, aber es ist nun zum ersten Mal ein Anfang da.
      Und ja, dieses Erkennen und das Gehen der ersten Schritte auf dem Weg, ist mit einer Menge Leid verbunden. Es gibt im Moment viele Phasen, in denen ich mich aus voller Inbrunst hasse, in denen ich unglücklich, unzufrieden, wütend, traurig, deprimiert und verzweifelt bin. Aber dies ist ja auch logisch, wenn man sich zum ersten Mal in seinem Leben, alles anschaut, was man bisher verbockt hat. Der Selbsthass, den ich empfinde entsteht ja nicht jetzt hier auf der Reise. Ich trage ihn schon immer in mir. Nur habe ich ihn bisher nicht wahrnehmen wollen und ihn daher immer verdrängt, wodurch die Gefühlskälte und die permanente Unzufriedenheit ja überhaupt erst entstanden ist. Zum ersten Mal in meinem Leben komme ich wirklich ins Fühlen und das schließt auch eine Menge wirklich unangenehmer Gefühle mit ein. Zum ersten Mal empfinde ich aber auch echte Dankbarkeit, die nicht nur aus einem Pflichtgefühl heraus entsteht, sondern weil ich die Geschneke des Lebens wirklich erkennen kann. Ob ich oft verzweifle, wenn ich sehe, wie viel ich verkackt habe und wenn ich das Gefühl bekomme, niemals aus diesem Strudel herauszukommen? Ja! Ob ich das Gefühl habe, deswegen auf dem falschen Weg zu sein und lieber wieder zurück in mein altes Leben zu wollen? Nein. Klar war es oft einfacher, wegzusehen und mir einzubilden, dass alles in bester Ordnung ist. Aber dies war eben nie authentisch. Ich war nie echt und konnte daher auch nie echte Freude, Zufriedenheit und Glückseeligkeit empfinden. Ich war eben ein Zombie und auch wenn es oft weh tut, nun keiner mehr zu sein, bin ich froh, dass in mir nun wieder ein Herz schlägt. Wenn auch noch ganz leise.
      Was die Sanktionen und die Kasteiung anbelangt, kann ich gut verstehen, dass dies erst einmal vollkommen befremdlich ist. Warum wünscht sich jemand Schmerz, der zuvor keinen bekommen hat? Warum will jemand freiwillig verletzt werden?
      Hier geht es darum, wirklich ins Lernen kommen zu wollen. Das Prinzip der Sanktionen als Feedback für Lernresistenz und Fehlverhalten ist ja nicht neu und es ist in unserer Gesellschaft bis zu einem bestimmten grad auch anerkannt. Andernfalls dürfte kein Mörder, kein Verbrecher, kein Dieb und kein Vergewaltiger für seine Taten ins Gefängnis kommen. Was ist ein Gefängnis anders als Sühne? Die Idee dahinter ist, dass der Gefangene die Zeit des Freiheitsentzuges nutzt, um die Schuld, die er durch seine Tat aufgebaut hat wieder abzubauen und damit für sich selbst wieder ins Reine zu kommen. In der Regel funktioniert das nur sehr schlecht, weil unser Konzept der Umsetzung etwas fragwürdig ist. Aber das ändert ja nichts daran, dass die Grundidee richtig und wichtig ist. In der Kirche gibt es seit Jahrtausenden die Buße, um sich von seinen Sünden wieder reinzuwaschen. Heute ist es heruntergebrochen auf ein „bete drei Vater-Unser und dann hat sich die Sache“, weil niemand mehr das Konzept dahinter versteht und ernst nimmt. Früher jedoch gab es eine fühlbare Buße, wie das Karzerknien, die Selbstkasteiung oder beispielsweise die Tradition, schwere Steine an einen heiligen Ort in der Nähe von Santiago de Compostela zu tragen. Es geht dabei nie darum, sich künstliches Leid aufzubürden, sondern das Leid, das ohnehin schon da ist, fühlbar und damit auch abbaubar zu machen. So habe ich mein ganzes Leben lang als Parasit gelebt und tue es noch heute. Der Selbsthass, den ich in mir spüre ist ja nicht einfach vom Himmel gefallen. Ich habe ihn mir hart erarbeitet, in dem sowohl mich selbst als auch andere verletzt und geschädigt habe. Wie du schon sagst, in dieser Spirale des Selbsthasses zu bleiben und sich immer tiefer und noch tiefer hineinzudenken bringt einen nicht weiter. Man muss ihn auf eine andere Ebene bringen, so dass man sich aus dem Strudel befreien kann. Und dazu muss der gedankliche Schmerz auf irgendeine Weise spürbar werden. Das ist keine Idee, die wir erfunden haben, weil uns in der rumänischen Steppe so langweilig war. Es ist ein Naturprinzip, nach dem unsere Welt funktioniert. Wenn in der Natur ein Wesen gegen seine Intuition handelt und irgendeinen Scheiß baut, bekommt es dafür unmittelbar eins auf die Schnauze. Kaninchen, die unaufmerksam werden, weil sie während der Paarungszeit nur noch ans Vögeln denken, werden relativ schnell gefressen. Mäuse, die versuchen einem Fuchs auf den Leim zu gehen ebenfalls. Alles hat hier eine direkt spürbare Konsequenz, nur eben in unserer Gesellschaft nicht. Und genau dies macht es uns so schwer, zu lernen und uns zu entwickeln. Schau dich einmal wirklich aufmerksam um und frag dich, wie viele Menschen du kennst, die sich ernsthaft auf einem Lernweg befinden, um in ihre volle Kraft zu kommen? Wie viele Menschen nutzen ihr gottgegebenes Potential zu 100%? Wie viele Menschen sind erleuchtet, also nicht esotherisch veranlagt und im Glauben, dass die Welt eine Hippi-Komune ist, sondern in ihrem Gottbewusstsein, in dem sie alles erschaffen können, was sie wollen und in dem sie vollkommene Zufriedenheit, Glückseeligkeit und Gesundheit erreichen? Es gibt fast niemanden! Wir sind meist schon mit den einfachsten Lernaufgaben überfordert. Es fällt uns schwer, am Ball zu bleiben, wenn wir eine neue Sprache lernen wollen. Wie schwer muss es uns dann also fallen, unsere grundlegenden Verhaltensmuter abzulegen und durch neue zu ersetzen, weil wir erkannt haben, dass die alten nicht unserem Sein entsprechen? Wie soll dies ohne ein direktes, spürbares Feedback überhaipt möglich sein?
      Spannend ist hierbei, welche Formen der Sanktionen wir in der Gesellschaft ablehnen und welche für uns vollkommen in Ordnung sind. Jemanden dafür zu Sanktionieren, weil er an der falschen Stelle parkt, ist in Ordnung. Er bekommt eine Geldstrafe, die dazu führt, dass er nun mehr Arbeiten muss um das gleiche zu erhalten. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch in seinem Beruf zu 100% seine Berufung gefunden hat, die er mit vollem Herzen ausführt und die seinem wahren Sein und seiner Lebensaufgabe entspricht, wäre das keine große Sache. Doch in den meisten Fällen haben wir Jobs, die wir nicht mögen, die uns körperlich, geistig oder emotional schädigen, die weder unseren Interessen noch unserem Sein entsprechen und bei denen wir gegen einen inneren Widerstand unseres Herzens antreten müssen. Unsere Arbeit führt also letztlich dazu, dass wir uns krank machen und eine Sanktion, die dies unterstützt und fördert ist für uns in Ordnung. Auch schlechte Noten, durch die ein Kind das Gefühl bekommt, dass es unfähig und somit wertlos ist, finden wir Ok, genauso wie Nachsitzen und Strafarbeiten. Eine körperlich fühlbare Sanktion ist jedoch nur im Sport, vor allem aber im Kampfsport erlaubt. Hier darf der Trainer seinen Schützlinge Extra-Laufrunden, Liegestütze oder ähnliches bis zur vollen Erschöpfung aufbrummen. Und hierbei sieht man tatsächlich auch, dass diese Taktik funktioniert. Es ist doch seltsam, dass sich kaum ein Erwachsener an irgendetwas aus seiner Schulzeit erinnern kann, dass man aber die Techniken, die man im Sport gelernt hat, in der Regel nicht wieder verlernt oder vergisst.
      Wichtig ist auch, dass die Strafen, bzw. Sanktionen von außen aufgebrummt werden müssen, damit wir sie annehmen können. Wenn jemand einen Strafzettel bekommt, ist das in Ordnung. Greift er hingegen ganz bewusst zum Mittel der Selbstkasteiung um eine Schuld abzubauen, erklären wir ihn hingegen für verrückt und würden es ihm am liebsten verbieten. Als Heiko vor vielen Jahren für eine psychologische Studie mit Massen- und Serienmördern gearbeitet hat, lernte er dabei einen Mann kennen, der mehr Menschenleben auf dem Gewissen hatte, als man an den Händen abzählen könnte. Jeden Tag leistete er eine freiwillige Karzerabeit in der Form, dass er sich für mindestens eine Stunde auf einen Karzerblock kniete. Dies ist ein spitzer Keil, der in die Knie einschneidet und dadurch einen starken Schmerz verursacht. Niemand verlangte diese Selbstkasteiung von ihm und er wusste auch, dass er damit niemals aufwiegen konnte, was er getan hatte. Und doch war es wichtig für ihn, dies zu tun, weil er so zum ersten Mal wieder einen Frieden in sich spürte. Steht es uns wirklich zu, darüber zu urteilen und dem Mann wohlmöglich zu verbieten, die Kasteiung durchzuführen? Wieso sind bei uns alle Formen von Sanktion, bei denen kein Lernen stattfinden kann erlaubt, die anderen aber nicht?
      Und wieso glauben wir, dass jemand der aktiv und offensichtlich jemandem schadet, eine Sanktion verdient, ein indirekter Energieräuber und Parasit, der seine Mitmenschen krank macht hingegen nicht. Wenn eine Frau ihren Mann über Wochen und Monate in die Weißglut treibt, weil sie immer wieder stichelt, ihn reizt, ihn manipuliert und mit Verachtung straft, dann ist dies in Ordnung. Wenn der Mann dann jedoch platzt, eine Grenze setzt und die Frau schlägt, ist er ein schlechter Mensch und wird verurteilt. Anders herum wäre es das selbe, nur dass dieses deutlich seltener vorkommt, weil Frauen eher auf eine andere Art und Weise explodieren. Wieso also ist ein langsames Ausbeuten und Krankmachen erlaubt, ein Grenzensetzen aber nicht?
      Der letzte Punkt, den du angesprochen hast und mit dem du in Resonanz gehst, ist die Abhängigkeit. Auch hier hast du wieder vollkommen Recht, was deine Beobachtung anbelangt. Ich bin in dieser Konstellation vollkommen abhängig von Heiko, da ich alleine weder die Ausrüstung, noch die Fähikeiten, noch das Knowhow hätte, um frei überleben zu können. Im besten Fall würde ich irgendwo als Bettler auf der Straße landen, im schlimmsten Fall müsste ich zurück in ein bürgerliches Leben und einen Job annehmen, bei dem ich wieder meine Seele verkaufe. Die Abhängigkeit besteht also vollkommen. Die Frage ist jedoch, ob diese Abhängigkeit zu bewerten ist oder nicht.
      Erst einmal muss man dabei verstehen, dass ich noch nie in einem Nicht-Abhängigkeits-Verhältnis war. Alleine bin ich tatsächlich nicht überlebensfähig und so habe ich mir immer Menschen gesucht, von denen ich mich abhängig machen konnte. Das war natürlich zuerst einmal meine Familie und vor allem meine Eltern. Dann waren es Freunde und deren Eltern oder Familien. Irgendwie habe ich es immer geschafft, mir Nester zu suchen, in die ich mich hineinsetzen konnte. In den meisten Fällen ist dies jedoch nicht aufgefallen, da immer ausreichend Menschen in der Nähe waren, auf die ich diese Abhängigkeit verteilen konnte. Doch einen realen Unterschied zu jetzt gab es dabei nicht. Der Unterschied, der jedoch besteht, ist dass ich mir der Abhängigkeit dieses Mal bewusst bin.
      Gleichzeitig muss man aber auch erkennen, dass die Abhängigkeit in beide Richtungen besteht. Jeder von uns beiden ist sich zu 100% im klaren darüber, dass wir ohne den anderen nicht auf diese Weise unterwegs sein könnten. Jeder hat seine speziellen Aufgaben im Clan, die es zu erledigen gilt, jeder braucht den anderen als Spiegelpartner, damit er an seinen Themen arbeiten und sich entwickeln kann. Und jeder braucht den anderen als moralische, seelische, gedankliche und emotionale Unterstützung, um schwierige Situationen und Prozesse durchstehen zu können. Ohne den anderen hätten wir beide längst die Flinte ins Korn geworfen und würden nun gottweißwas machen. Als Zweiergespann sind wir ein Team, eine Lebenspartnerschaft, die nur deshalb funktioniert, weil wir zusammen sind.
      Die Frage ist jedoch, ob es so etwas wie „Unabhängigkeit“ überhaupt gibt oder auch nur geben kann. Alles ist eins, das bedeutet, die Welt ist ein einziger, gigantischer Organismus, von dem wir alle ein Anteil sind. Ist es da überhaupt sinnvoll, unabhängig sein zu wollen, oder ist dies nur eine fixe Idee von uns Zivilisationsmenschen, die vergessen haben, was Gemeinschaft überhaupt bedeutet? Wenn ich nun also eine Zelle im kleinen Finger des Gotteskörpers bin, kann es dann mein Ziel sein, mich von allem unabhängig zu machen und alleine außerhalb dieses Körpers zu überleben? Selbst wenn ich es Schaffe, alle meine Nachbarzellen zu überreden, bei dem Unabhängigkeitskampf mitzuachen, so dass wir uns am Ende als gesamter Finger vom Körper abspalten (wodurch wir natürlich auch schon nicht mehr unabhängig wären, weil wir ja wieder eine Gruppe sind) würden wir automatisch sterben, sobald. Es gibt keine Einzelwese, die unabhängig von einander agieren, sondern nur einen einzigen lebendigen Organismus, von dem wir alle ein Teil sind. Jedes Wesen im Universum ist immer von allen anderen abhängig. Je mehr Verbindungen wir jedoch kappen, weil wir glauben, dadurch unabhängiger und freier zu werden, desto härter und schwerer machen wir uns das Leben. Wenn man in der Natur in einem Clan zusammen lebt, ist das Leben ein Paradies der Fülle und der Leichtigkeit. Die tägliche Arbeitszeit, also die Zeit, die man aufwenden muss, um alles zu erledigen, was man zum überleben braucht (was sogar den Toilettengang mit einschließt) dauert im Schnitt vier Stunden. Dies funktioniert jedoch nur, weil es eine klare Aufgabenverteilung gibt, die von allen eingehalten wird. So ist eine Frau niemals alleine für die Erziehung ihres Kindes zuständig, weil sich immer alle Frauen des Klans darum kümmern. Jeder bringt seine Talente mit ein und übernimmt die Aufgaben, die ihm am besten liegen und die er aus vollem Herzen übernehmen kann.
      Versucht man jedoch unabhängig zu sein, wird das Leben plötzlich zu einem Kampf. Man ist nun alleine für alles zuständig, muss seine Augen und Ohren überall haben und gleichzeitig, für Feuer, Essen, Unterkunft und Sicherheit sorgen. Zeit für Entspannung und Freizeit bleibt nun nicht mehr. Statt eines vollwertigen und bereichernden Teil einer Gemeinschaft ist man nun ein Einzelkämpfer, ein Rambo, der Tag für Tag gegen die Überforderung ankämpfen muss. Doch genau dieses Rambo-Bild ist unsere Idealvorstellung. Wir wollen keinen Clan mehr um uns herum haben, sondern so unabhängig wie möglich sein. Plötzlich haben wir lauter Kleinfamilien und alleinerziehende Mütter, die sich um alles kümmern und müssen und dabei noch ihr Kind auf eine Weise erziehen sollten, durch die es nicht vollkommen von seinem Weg abkommt. Wie soll das funktionieren? Unterliegen wir hier nicht einem vollkommenden Trugschluss? Machen wir uns nicht gerade durch unseren Versuch, unabhängig zu werden, von all jenen abhängig, die uns am aller wenigsten etwas gutes tun wollen? Wir sind nun vielleicht nicht mehr abhängig von unseren Familien und Freunden, von unserer Ernte, dem Wetter, der Natur und den Tieren. Dafür sind wir aber abhängig von den Supermärkten, den Banken, den Versicherungen, den Ärzten, den Landwirten, der Ölindustrie, den Medien, der Regierung und vielen mehr. Und gerade diejenigen unter uns, die sich besonders unabhängi machen wollen, machen sich gerne zusätzlich noch Abhängig von Zigaretten, Alkohol, Kaffee und anderen Drogen. Haben wir dadurch wirklich einen Fortschritt erziehlt?
      Also ja, die gegenseitige Abhängigkeit zwischen mir und Heiko besteht, aber sie ist in meinen Augen nichts verwerfliches oder negatives, sondern ganz natürlich.

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