Tag 877: Klosterleben wie im Mittelalter

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Tag 877: Klosterleben wie im Mittelalter

Tag 877: Klosterleben wie im Mittelalter

08.05.2016

Die Zimmer von Mönchen im Kloster werden oft auch als Zellen bezeichnet. In Italien war das meist einfach ein Wort, das man vor allem mit der geringen Größe der Zimmer rechtfertigen konnte. Hier schienen sie es jedoch wirklich ernst damit zu meinen. Unser winziges Verließ hatte drei Betten, die aus Brettern mit einem dünnen Futon darauf bestanden. Die Bretter waren hart, aber der Futon war sogar noch härter. Unweigerlich mussten wir an Adrian denken, den jungen Mann, den wir vor gut zwei Jahren in Frankreich kennengelernt hatten und der sich damals für ein Leben im Kloster entschieden hatte. Das Kloster seiner Wahl musste ähnlich gewesen sein. Nur kaltes Wasser zum Waschen und nichts als Bretter mit einer dünnen Bastmatte darauf zum Schlafen. Einige Wochen hatte er es in diesem Kloster ausgehalten, dann hatte er beschlossen, dass sein Weg zu Gott doch ein anderer war. Wir konnten diese Entscheidung bereits nach einer Nacht sehr gut verstehen.

Vor allem, weil zu dem harten Untergrund auch noch dieses ständige Glockengebimmel hinzukam, das jedes Mal in den Ohren weh tat. Was hatten diese Christen nur immer mit ihren Glocken? Da baut man ein Kloster ganz bewusst auf den Gipfel eines Berges um seine Ruhe zu haben und macht dann ständig selber wieder Lärm. In Italien ging das wenigstens alles automatisch, so dass man als Mönch sagen konnte: „Tut mir leid, dass es hier ständig bimmelt, aber es ist eine Maschine und ich habe keine Ahnung wie man sie abstellt!“ Hier aber mussten die Mönche selbst rüber zur Kirche gehen und an den dicken Seilen ziehen. Es gab also keine Ausreden mehr. Gestern Nachmittag, kurz nach unserer Ankunft gab es ein rund zehnminütiges Dauergebimmel, das von einem kleinen Kind ausgelöst wurde. Ich war schon drauf und drann hinzugehen und dem Kind zu sagen, dass es endlich aufhören solle, an diesen Seilen zu spielen, als ich feststellte, dass es von einem der Mönche dazu angeleitet wurde. Er war so stolz auf seine Glocken, dass er dem Kind unbedingt zeigen wollte wie es geht. Wenn er sich im normalen Leben auch so verhalten hat, dann ist es kein Wunder, dass er hier ins Kloster in eine Zelle gesperrt wurde.

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Das Kloster war ein gigantischer Komplex, in dem gut und gerne fünfzig bis hundert Personen Platz hatten. Effektiv lebten aber auch hier nur drei Mönche sowie einige Angestellte und ein paar Gäste. Obwohl nahezu alle Zimmer leer waren, bekamen wir eine Zelle, die dierekt neben der einzig bewohnten Zelle auf unserem Flur lag. Hier wohnten gleich fünf Personen, obwohl es nur drei Betten gab. Das Klo mussten sie sich mit uns teilen und die Dusche war nichts weiter als ein Duschkopf in der Mitte des Badezimmers, mit dem man sich waschen konnte, während man auf dem Klo saß. Da das Wasser aber ohnehin eiskalt war, machte das kaum einen Unterschied. Dennoch fragten wir uns, ob wohl ein System dahinter stand, dass die Mönche ihre Gäste in die kleinsten, unbequemsten Zimmer steckten und dann auch noch so gut wie möglich ballten. Denn die anderen Zimmer standen offen, waren teilweise größer und verfügten manchmal sogar über echte Mattratzen. Anders als wir es von unseren bisherigen Reiseländern gewöhnt waren, waren unsere Nachbarn jedoch sehr ruhige und rücksichtsvolle Leute. Die Eltern ermahnten die Kinder zu flüstern, wenn sie sich vor unserer Tür befanden und die Kinder hörten darauf.

In der Früh war das Kloster wie ausgestorben. Wir sahen weder unsere Nachbarn noch einen der Mönche. Man kann auf jeden Fall sagen, dass eine Klosternacht hier deutlich entspannter ist, als in Italien. Wir bekamen unser Zimmer, am Abend brachte uns jemand ein Tablett mit Essen herein und ansonsten waren wir vollkommen für uns alleine. Nicht einmal zum Besuch der Messe wurden wir aufgefordert. Besser hätte es also nicht laufen können.
Nach verlassen des Klosters und des dazugehörigen Ortes kamen wir immer tiefer in ein Hügelland. Die Straßen waren hier deutlich stärker befahren als in Griechenland und auch wenn die Hälfte der Fahrzeuge Kutschen waren vermissten wir die Ungestörtheit beim Wandern doch ein wenig. Dafür war die Landschaft großartig und auch die Menschen wirkten sehr freundlich und respektvoll. Man hatte nicht mehr das Gefühl, wie ein Verbrecher oder ein Terrorist angesehen zu werden, nur weil man fremd war. Oft wurden wir gegrüßt und sogar angelächelt. Wenn wir Fotos von Kutschen, Häusern oder Personen machen wollten, waren die Betreffenden sogar bedeistert und stolz darauf, dass wir sie ausgewählt hatten. Auch Nahrung schien hier kein Problem zu werden, nur was die Schlafplatzmöglichkeiten anbelangte sah es aus, als würde es wieder mau werden. Die Wohnsituation der Menschen hier war aus sicht eines Mitteleuropäers katastrophal. Die meisten Gebäude wirkten, als hätte man sie vor über hundert Jahren verlassen, doch sie waren noch immer voll bewohnt. Eine alte Klarsichtplane die man vor einen Fensterrahmen genagelt hatte, stellte ein astreines Wohnzimmerfenster dar. Nur weil irgendwo ein Loch in der Wand war, hieß das nicht, dass das Zimmer dahinter nicht mehr genutzt werden konnte. Vieles erinnerte uns an Albanien oder Bosnien. Vieles hatten wir selbst dort noch nicht gesehen. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis wir uns wieder an diese Verhältnisse gewöhnt hatten. Doch wir hatten ja genug Zeit, den in Rumänien, Moldawien und der Ukraine würde es wahrscheinlich nicht viel anders aussehen.

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Zu unserer Überraschung gab es in den folgenden Dörfern keine Kirchen mehr, sondern Moscheen. Das der Anteil der Moslem in Bulgarien so groß ist, hatten wir nicht vermutet. Aber es erklärte vielleicht, warum hier die künstlich geschürte Angst vor islamischen Fundamentalisten keine Wirkung zeigte.
Am frühen Nachmittag suchten wir uns in den Bergen eine abgelegene Wiese und bauten unser Zelt auf. Kurz darauf kam ein Mann vorbei. Wir fürchteten schon, dass er uns vertreiben oder in ein nerviges Gespräch verwickeln wollte, doch nichts davon war der Fall. Er war Pilzesammler und wollte uns nur darauf aufmerksam machen, dass es hier großartige Champignongs gibt. Um diese Jahreszeit hätten wir auf jeden Fall nicht damit gerechnet, vor allem nicht mit so schönen. Kaum hatte der Mann uns die Botschaft überbracht, verabschiedete er sich freundlich und verschwand. Ein entspanntes Zelten war hier anscheindend doch möglich.
Zumindest für eine gewisse Zeit…

Fortsetzung folgt…

Spruch des Tages: Auch das Mönchsein ist nicht überall gleich

Höhenmeter: 260 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 15.418,27 km
Wetter: überwiegend sonnig
Etappenziel: Hotel Tcareva Livada, 5380 Zarewa Liwada, Bulgarien

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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