Tag 20: Im Altenheim

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Tag 20: Im Altenheim

Tag 20: Im Altenheim

Unsere letzte Übernachtung war in vielerlei Hinsicht speziell und wir sind sehr Dankbar dafür. Zum einen danken wir für die Möglichkeit im Altenheim schlafen zu dürfen. Zum anderen danken wir aber auch dafür, dass wir heute morgen wieder gehen durften. Denn so herzlich wir von den Schwestern auch empfangen wurden und so wertvoll die Erfahrung für uns auch war, wohnen wollen würden wir dort nicht.

Um 17:30 gab es Abendessen, an dem auch wir teilnehmen durften. Ein alter Mann im Rollstuhl, den wir bereits ganz zu Beginn unseres Besuches kennengelernt hatten, schwärmte in den höchsten Tönen von der Küche. Er wisse zwar nicht, was es gibt, aber es sei auf jeden Fall gut. Im Speisesaal saß nur eine Hand voll Leute, die sich sehr vereinzelt an den Tischen verteilt hatten. Geredet wurde kaum. Einige Damen hatten sich zu zweit oder dritt zusammengesetzt und unterhielten sich gelegentlich. Die Herren waren hingegen allein und hüllten sich in Schweigen. Eine Oma am Nachbartisch grüßte uns freudig und auch die anderen Bewohner freuten sich sichtlich über die Abwechslung durch zwei junge Burschen. Auch wir hatten einen Tisch für uns. Kurz nachdem wir uns gesetzt hatten, kam die Köchin und brachte uns Tee, Brot, Würstchen, Senf und Käse. Leider konnten wir die Euphorie des Rollstuhlfahrers nicht ganz teilen. Vielleicht waren wir etwas verwöhnt vom gutbürgerlichen Essen aus den Traditionsbäckereien und Hausschlachtereien der letzten Tage. Dieses Essen hier lag uns jedenfalls schwer im Magen. Für uns stand fest: Wenn essen der Sex des Alters ist, dann war das hier auf jeden Fall die Missionarsstellung. Für einen Tag war´s ok, aber spätestens nach einer Woche würde es einem zum Hals heraus hängen. Da wir es geschenkt bekamen, waren wir wirklich dankbar dafür, doch gleichzeitig mussten wir uns auch in die Situation der Bewohner hineinversetzen, die täglich von dieser Nahrung leben mussten. Es war nicht übermäßig schlecht, aber es war der gleiche Standard, den man aus Jugendherbergen und Krankenhäusern her kennt. In einer Jugendherberge weiß man jedoch, dass man es maximal eine Woche durchhalten muss, bevor wieder etwas mit Geschmack kommt. Auch in einem Krankenhaus hat man die Hoffnung bald wieder entlassen zu werden. Doch was war mit den Menschen hier? Wenn man mit 70 hier her kam, konnte es sein, dass man noch locker 15 bis 20 Jahre hier lebte. Plötzlich konnten wir den Mann im Rollstuhl sehr gut verstehen. Es gab nicht viele Möglichkeiten um mit der Situation umzugehen. Sich über die Zustände aufzuregen, sich zu ärgern oder zu grämen, brachte einen nicht weiter. Im Gegenteil, es machte die Sache nur schlimmer und früher oder später würde man dadurch krank werden. Die andere Möglichkeit war Hingabe. Und diese Strategie hatte der alte Mann perfektioniert. Er hatte nun mal nur dieses Essen, also konnte er es auch genießen. Doch war die´s wirklich der Lebensabend, den er verdiente? Das Essen war nicht das einzige, was an ein Krankenhaus erinnerte. Die langen, sterilen Gänge, die funktional gedeckten Tische, ohne jede Verzierung, die Leuchtstoffröhren an den Decken, der Laminatfußboden und die gesamte Atmosphäre. Alles erweckte eher den Anschein eines Krankenhauses, als den einer Altersresidenz.

Nach dem Medizinkreis, der Naturvölker, ist der Lebensherbst dir Erntezeit. Hier bekommt man die Früchte dessen, was man in seinem Leben alles geleistet hat. In unserer Kultur gilt das leider nicht ganz so. Was mögen die älteren Herrschaften wohl früher einmal gemacht haben? Was haben sie erlebt? Was waren ihre Träume? Was es auch war, hier lässt sich davon fast nichts mehr erkennen.

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Wir fragten die Köchin, ob es schon immer so war, dass die Menschen hier kaum miteinander sprechen. Sie schüttelte den Kopf. Als sie vor Jahren mit der Arbeit begann, saßen sie noch zusammen, redeten oder spielten Karten. Dann kam ein Fernseher in den Aufenthaltsraum. Die Interaktionen wurden weniger, aber zumindest saßen noch immer alle zusammen. Heute hat jeder seinen eigenen Fernseher auf dem Zimmer und seit dem ist die Kommunikation immer weniger geworden. Sie war traurig über diese Entwicklung, aber sie sei kein Altersheimproblem. Der Jugend ginge es ja nicht besser. Auch hier sitzt jeder nur noch vor seinem Smartphone oder seinem Computer. Die Einsamkeit ist eine Seuche, die sich in unserer Gesellschaft immer weiter ausbreitet. Und die Heilung dafür suchen wir in noch mehr Medienkonsum…

Vor dem Zubettgehen probierten wir noch die Badewanne aus. Diese überstieg all unsere Erwartungen! Es war die erste Badewanne an die ich mich in meinem erwachsenen Leben überhaupt erinnern kann, in die ich ganz hineinpasste. Die Temperatur ließ sich mit Gradangaben regeln und wir durften so lange baden wie wir wollten. Trotzdem ließ uns auch hier das komische Gefühl nicht los, dass sich seit Betreten des Heims in uns breit machte. Als Gäste konnten wir einfach bescheid geben, dass wir da waren und dann die Tür abschließen. Als Bewohner hingegen konnte jederzeit eine Schwester hereinkommen um nach einem zu schauen. Das war natürlich wichtig um sicher zu gehen, dass es einem gut ging. Gleichzeitig bedeutete es aber auch den Verlust sämtlicher Privatsphäre. Auch die Zimmer ließen sich nicht abschließen. Das Ess- und Trinkverhalten wurde kontrolliert und notfalls korrigiert. Man war ein offenes Buch, mit allen Vor- und Nachteilen.

Und dabei war dieses Altenheim durchaus kein schlechtes. Das Personal war freundlich und hilfsbereit. Die Schwestern nahmen sich Zeit für Gespräche mit den Bewohnern und die Arbeitsatmosphäre war durchaus locker und entspannt. Es gibt tatsächlich niemandem, den man hier einen Vorwurf machen kann. Außer unserer Lebensweise als solches. In jedem Naturvolk sind die Ältesten immer auch diejenigen, denen man am meisten Ehre entgegen bring. Es sind die, die für die Ausbildung der Jungen zuständig sind, die man um Rat in allen Lebenslagen fragen kann, diejenigen die als erste etwas zu Essen bekommen. Wo ist diese Ehrerbietung bei uns?

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Beim Frühstück erfuhren wir, dass am Abend vor unserer Ankunft ein Mann aus dem Heim verschwunden war. Er war dement und hatte nur einen Moment vor die Tür gewollt. Dann war er nicht mehr aufgetaucht und hatte dadurch eine großangelegte Suchaktion ausgelöst. Polizei, Feuerwehr, Hubschrauber, Spürhunde, alle waren in der Umgebung unterwegs und suchten den Vermissten. Für die übrigen Heimbewohner war das ein Spektakel wie sie es sich nicht hätten träumen lassen. Schließlich wurde der Mann gefunden, der sich in einem Vorgarten zum Schlafen gelegt hatte. Dass jetzt, einen Tag später, zwei komische Wanderer vorbeikamen und schon wieder für Unterhaltung sorgten, machte diese Woche zur voraussichtlich spannendsten des Jahres. Als wir uns zum gehen wandten, verabschiedeten uns die Leute feierlich, wünschten uns eine gute Reise und baten uns, sie bald einmal wieder zu besuchen. Wir gingen mit einem lachenden und einem weinenden Auge, voller Dankbarkeit und sehr nachdenklich.

Während das Wetter mit seinem üblichen grau in grau keine innovativen Ideen zu bieten hatte, versuchte uns der Jakobsweg mit seinem guten alten Verwirrspiel wieder auf andere Gedanken zu bringen. Mal gab es ganze Vollversammlungen von Muschelwegweiser, die man sicher als Demonstration hätte anmelden müssen. Mal gab es über mehrere Kilometer gar keinen. Unser Jakobsführer konzentrierte sich parallel dazu ebenfalls auf einzelne Streckenabschnitte, die er bis ins kleinste Detail beschrieb, um dann andere Passagen ganz auszulassen. Wir waren also mal wieder auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen.

Auf einem Feldweg wurden wir Augenzeugen eines Szenarios, dass uns bis dahin auch völlig unbekannt war. Einige Arbeiter waren gerade dabei, die Felder links und rechts von uns in eine Schutzhülle aus weißem Plastik zu hüllen. Erst bei genauerer Betrachtung erkannten wir, was hier gerade geschah. Es waren Erdbeerfelder. Die Erde war mit schwarzen Folien abgedeckt worden, aus denen nur die kleinen Pflänzchen herausschauten. Diese wurden dann mit einer milchigen Gewebeplane Abgedeckt. Dann kam ein Drahtgestell darüber, das wiederum mit einer weißen Folie bespannt wurde, so dass sie eine Art Minigewächshaus bildete. Darüber kam dann als krönender Abschluss noch eine Klarsichtfolie. Dies passierte also, wenn man Erdbeeren aus regionalem Anbau zu einer Zeit wollte, in der es hier eigentlich keine gab. Beim Anblick der vielen Plastikfolien mussten wir an unsere Recherchen über Weichmacher zurückdenken. Die chemischen Stoffe mit dem wohlklingenden Namen Phthalate, die in nahezu all unseren Kunststoffprodukten vorhanden sind, sind eine der Hauptursachen für die ständig zunehmende Unfruchtbarkeit bei Männern. Wie weit wollen wir unsere Selbstvergiftung mit den Kunststoffen eigentlich treiben, wenn wir jetzt sogar bereits auf den Feldern damit beginnen?

Bei einer Studie in Dänemark kam heraus, dass bereits über ein drittel aller Männer nur noch eingeschränkt Fruchtbar sind. Die Tendenz ist stark steigend. Die gesamten Hintergründe zu erklären würde heute etwas zu lange dauern, aber für alle die mehr darüber wissen wollen, haben wir hier einen Bericht von arte verlinkt.

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In Herxheim trafen wir dann auf unseren persönlichen Schutzengel des Tages. Wir liefen die Straße in Richtung Ortsmitte entlang, als uns eine Frau auf unsere Reise ansprach. Wir kamen ins Gespräch und sie fragte uns, ob sie uns vielleicht etwas gutes tun könne. Einen Tee vielleicht, oder einen Kaffee.  Ehe wir uns versahen, saßen wir bei ihr im Wohnzimmer vor einer heißen Kanne mit einem Tee aus 49 Kräutern und aßen Süßgebäck. Unsere Gastgeberin war gerade dabei uns Spiegeleier mit Zwiebeln uns Palatschinken zu braten. Ihre Kinder waren auch immer viel gereist und damals hätte sie sich gewünscht, dass sie ebenfalls überall gut aufgenommen wurden. Wanderer zu unterstützen wäre für sie etwas Selbstverständliches. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Nicht nur, dass dies der erste Tag war, an dem wir morgens keinen Tee für den Weg hatten kochen können, wir hatten uns auch gerade kurz zuvor eine warme Mittagsmalzeit gewünscht. Als wir die Dame auf der Straße getroffen haben, hätte ich sie auf etwa Mitte fünfzig geschätzt. Jetzt im Gespräch erfuhren wir, dass ihre Kinder in diesem Alter waren. Sie selbst war 72. Einige Frauen im Altenheim waren wahrscheinlich jünger gewesen als sie und doch lud sie noch jeden Samstag ihre ganze Familie mit Enkelkindern zu sich ein. Was war der Unterschied? Sie verzichtete grundsätzlich auf jede Art von Medikamenten, ging jeden Morgen joggen und ernährte sich nur von Dingen, von denen sie wusste, wo sie herkamen. Sie strahlte eine solche Lebensfreude und so ein Urvertrauen aus, wie wir es nur selten bei Menschen erlebt haben. Nicht eine Sekunde lang, war ein Mistrauen oder ein Zweifel da gewesen, ob sie uns einladen sollte. Als wir uns schließlich verabschiedeten, rief sie sogar noch einige Freunde und Bekannte in Landau an, um uns einen Schlafplatz für die Nacht zu organisieren. Da sie niemanden erreichte, gaben wir ihr unsere Nummer für den Fall dass sich später noch etwas ergab.

Einige Kilometer später kamen wir in Offenbach in der Pfalz an. Es hatte wieder einmal zu regnen begonnen und langsam wurde es immer ungemütlicher. Landau war mit seinen 40.000 Einwohnern wieder eine richtige Stadt und nach unseren bisherigen Erfahrungen was die Schlafplatzsuche anbelangte damit eher komplex. Da wir noch keinen Anruf bekommen hatten, klingelten wir bei der Pfarrei in Offenbach, wo man uns einen Schlafplatz im Gemeindezentrum anbot. Für den Abend lud uns der Pfarrer sogar noch zum Essen ein. Bis dahin nutzten wir die Zeit um unsere Fähigkeiten in der Dorntherapie weiter auszubauen.

Spruch des Tages: Ist das Leben arm? Ist nicht vielmehr deine Hand zu klein, sind deine Augenlinsen trübe? Du bist es, der wachsen muss. (Dag Hammarskjöld)

Tagesetappe: 13,5 km

Gesamtstrecke: 419,27 km

Bewertungen:

 
51
2019-03-12T07:26:32+00:00 Allgemein|

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One Comment

  1. Bayer Marcus 19. April 2014 at 11:18 - Reply

    Hallo, ich wollte nur was zum Altenheim sagen.
    Ihr könnt euch nun evtl. vorstellen was ich in 10jahren in den Heimen als Pflegekraft gesehen und erlebt habe!?! Wenn ich mich dann mit dem koch und der heimleitung anlegte, eben weil sie nur noch das essen als einzigen Genuss haben, dann dauerte es nicht lange und ich wurde gemoppt wo es nur ging!!!
    Ich hatte das Glück in meinem ersten heim einen fähigen Arzt zu haben der mir sehr viel beibrachte und ich durfte Dinge tun die normalerweise eine Pflegekraft nicht macht! Wie z.b. Dekus ausschneiden usw.
    Arzneikunde, wundversorgung vom Hausmittel bis zur modernsten Technik wie hautpflaster aus dem Labor wo deine eigene Haut gezüchtet wurde usw.
    Dies kam mir und vor allem den Bewohnern in den späteren Heimen sehr zu Gunsten.
    Dies passte aber den Vorgesetzten wieder nicht das ich tat was half und nicht das was so etliche Ärzte die leider keine Ahnung haben verschrieben. Wenn dann wiederum Dermatologen kamen wurde es gelobt das die Patienten einen guten heilungsprozess hatten und es doch besser nicht gemacht werden hätte können, das half mir aber nichts da ich ja vorher bereits Abmahnungen erhielt da ich ja nur ein Pfleger war und nicht das Recht habe mich über ärztliche Anweisungen hinwegzusetzen auch wenn ich es kann und heilen dürfe ich schon gar nicht!
    Ihr könnt euch also vorstellen was da so los ist und das ist kein Einzelfall!!!
    Na ja genug, denn darüber könnten ganze Bücher gefüllt werden, die Missstände in unseren Heimen und die gefährliche Pflege die überall herscht ist so gewaltig das eigentlich mind. 70 Prozent der Heime geschlossen werden müssten!
    MfG
    Bayer Marcus

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