Tag 123: Im Surferparadies

///Tag 123: Im Surferparadies

Tag 123: Im Surferparadies

Tag 123: Im Surferparadies

Das Pfarrhaus war den ganzen Nachmittag und die halbe Nacht voller Jugendlicher aus der Gegend. Unten im Haus gab es einen großen Aufenthaltsrum mit einer Mikrowelle, einem Fernseher und einem Haufen Sofas. Hier trafen sich die Teenager zum Abhängen, Fußball schauen und Wasserpfeife rauchen. Der Pfarrer war die meiste Zeit des Abends unterwegs, da er zur Messe und nach Santander musste, um dort einen befreundeten Pfarrer aus Cuba abzuholen. „Wenn ihr irgendetwas braucht, dann fragt die Jungs, die kennen sich hier aus,“ meinte er und behielt damit Recht. Die Kids halfen uns tatsächlich bereitwillig bei den Reparaturen. Den Pfarrer sahen wir erst am nächsten Morgen wieder, denn von seinem Ausflug nach Santander kam er erst weit nach Mitternacht zurück. Doch die Jugendlichen gingen trotzdem im Haus ein und aus, wie es ihnen gefiel. Regeln gab es dafür kaum. Alles war ein bisschen Chaotisch aber es war trotzdem auf seine Art besonders wie locker und selbstverständlich hier alles war.

Am Morgen frühstückten wir zusammen mit dem Pfarrer, seinem kubanischen Kollegen und einem dritten Mann, den wir nicht kannten. Das Frühstück war in Spanien offenbar noch etwas spartanischer als in Frankreich. Es bestand aus Kaffee, bzw. heißer Schokolade, Zwieback, einem Käse und Keksen. Eine Frühstückskultur wie in Deutschland gab es also auch hier nicht. Nach dem Essen verabschiedete sich der Pfarrer, weil er zu seiner Predigt musste. Der Kubaner blieb bei uns und schaute uns beim Packen zu. Am Ende bat er uns noch darum, eine Videonachricht für die Kinder in seiner kubanischen Gemeinde aufzunehmen. Er hielt uns sein iPad vor die Nase und ich versuchte erfolglos eine möglichst flüssige Nachricht in die Kamera zu sprechen. Es war ein reines Gestotter ohne besonderen Inhalt, aber der Mann freute sich trotzdem.

Mehr für dich:
Tag 244: Funktionierende Beziehungen

Zum ersten mal seit Tagen konnten wir heute ohne Regenkleidung starten. Der Tag wurde sonnig und windig, wodurch man es beim Wandern gut aushalten konnte. Die Landschaft wurde immer Weitläufiger, während die Berge als Panorama in den Hintergrund rückten. Hier gab es keine Industrie mehr, wie in den Städten zuvor, sondern ausgedehnte Landwirtschaft. Auch diese Machte die Landschaft kaputt, doch im Vergleich zur Schwerindustrie in den Hafenstädten war es noch immer idyllisch. Auch die Menschen waren hier freundlicher und die Gegend insgesamt war reicher.

Ein Bauer bestellte sein Feld und scheuchte damit alle Kleintiere auf, die sich im hohen Gras versteckt hatten. Dies wiederum zog Unmengen an Vögeln an, die über dem Traktor kreisten. Heiko versuchte sie zu Fotografieren, doch trotz des lärmenden Traktors spürten sie, dass er da war und zogen sich zurück.

Kurze Zeit später entdeckten wir in einem kleinen Graben einen riesigen Blutegel. Dann noch einen. Und noch einen. Schließlich merkten wir, dass es hier vor den kleinen Viechern wimmelte. Eigentlich waren die Wesen hier nicht Heimisch. Was sie hier machten blieb uns ein Rätsel.

Als wir an einer Kirche vorbeikamen, beschlossen wir, diese als Nachtquartier auszuwählen. Der Pfarrer war zwar noch nicht da, aber uns hielt ja nichts davon ab, ein Nickerchen in der Sonne zu machen, uns von den letzten Tagen zu erholen und zu warten bis er kam. Es dauerte nicht lange und er fuhr mit dem Auto vor. Unsere Bitte schmetterte er jedoch eiskalt mit der Begründung ab, dass er keinen Platz hätte und außerdem nicht da war. In sein Privathaus könne er schließlich keine Fremden einfach so hineinlassen. Das war natürlich absolut verständlich. Und doch waren wir wieder verblüfft über die Unterschiede zwischen den Menschen. Der Pfarrer von gestern lud die gesamte Stadtjugend zu sich ein, besaß keine einzige verschlossene Tür und vertraute jedem und dieser wollte uns nicht einmal einen einzigen Raum anvertrauen, wenn er uns nicht kontrollieren konnte.

Mehr für dich:
Tag 1074: Tanzende Kühe

Wir mussten uns also nach einer Alternative umsehen und stießen dabei auf eine Surfschule mit angegliederter Herberge und eigenem Restaurant. Leider war auch hier zunächst niemand da. Vor der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift: „Gone Surfing“ – „Wir sind Surfen“. Es dauerte jedoch nicht lange, da tauchte ein junger, sympathisch aussehender Mann mit langen Dreadlocks auf. Ich erzählte ihm, dass wir seit 2500km ohne Geld unterwegs waren und gerade einen Korb vom Pfarrer bekommen hatten. Nach einer kurzen Rücksprache mit seinem Chef sagte er zu. Unter der Voraussetzung, dass wir ihnen ein wenig bei der Renovierung halfen. Damit waren wir einverstanden und so bekamen wir einen Platz in einem Teil der Herberge, der für normale Gäste noch geschlossen war. Besser hätte es nicht laufen können, denn so waren wir wieder einmal unter uns. Dafür bekam ich eine Schleifmaschine und eine Bank die neue Farbe und daher einen Abschliff brauchte. Für Heiko war diese Arbeit nichts, da die Maschine zu laut für seine Ohren war und so zog er sich zurück und trainierte mit der Glaskugel. Als ich fertig war und ihn abholte, sahen die Bewegungen bereits recht flüssig aus. Vielleicht konnten wir uns damit demnächst doch schon auf die Straße wagen um vor Publikum zu spielen.

Nach getaner Arbeit gingen wir zum Strand hinunter. Hier war es wirklich traumhaft. Die Dünen hatten sich zu Steilküsten aufgetürmt, und sahen aus wie Klippen aus Sand. Vor der Küste gab es Felsen und auf der anderen Seite der Bucht sah man die Häuser von Santander. Das einzige, dass das Bild störte war eine Häuserreihe, die direkt am Strand gebaut worden war. Die letzte Winterflut hatte sie zur Hälfte eingerissen und nun lag der Strand an dieser Stelle voller Bauschutt.

Mehr für dich:
Tag 459: Ostern auf Italienisch

Doch bereits zwanzig Meter weiter befanden wir uns wieder an einem Traumstrand mit dem Meer auf der einen und den Bergen auf der anderen Seite.

Spruch des Tages: Es bring nichts, wenn man sich hetzt. Dadurch läuft man nur an allem schönen vorbei.

 

Höhenmeter: 160m

Tagesetappe 15 km

Gesamtstrecke: 2503,97 km

Bewertungen:

 
52

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

Leave A Comment

Translate »