Tag 350: Villa Saint Camille

///Tag 350: Villa Saint Camille

Tag 350: Villa Saint Camille

Tag 350: Villa Saint Camille

Luis, unser 86 jähriger Gastgeber war mehr als nur ein alter Mann, der uns einen Schlafplatz anbot. Er war ein Mentor und auch noch ein wichtiger Mentor für uns in diesem Moment. Dass er mit seinen 86 Jahren noch fitter war als wir uns im Moment fühlten obwohl er nur zu gerne mit der Zigarette im Mund herumlief, war kein Zufall. Er steckte so voller Lebensfreude und Gelassenheit und war gleichzeitig so voller Erfahrungen und Weisheit, dass er fast unergründlich war. Auf der einen Seite hatten wir einen tiefen Respekt vor ihm und auf der anderen Seite war er dann wieder so ein Scherzkeks, dass man ihn unmöglich ernst nehmen konnte. Er war einfach wie er war und er scherte sich nicht im geringsten darum, was man über ihn dachte. Wenn er mitten im Gespräch aufs Klo musste, dann stand er auf und verschwand, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Wie unglaublich gesund musste diese Einstellung sein? Wir konnten wirklich viel von ihm lernen. Und vor allem die Leichtigkeit und die Freude mit der er an Dinge heranging. Allein schon, die Zeit die er sich nahm, um sich eine Zigarette zu drehen. Egal wie schädlich der Rauch in seiner Lunge auch war, die Gelassenheit mit der er die Zigarette baute, glich es wieder aus. Er musste Energiegefäße des Lebens haben, die er so randvoll füllte, dass er es bei den anderen, wie beispielsweise bei gesunder Nahrung nicht mehr so ernst nehmen musste.

Auch seine Frau war ein Herz von einem Menschen und wir waren wirklich froh, die beiden getroffen zu haben.

Mehr für dich:
Tag 316: Einklang

Beim Frühstücken erzählten sie uns noch von ihren Erfahrungen aus Griechenland. Auch hier bedeutete Gastfreundschaft etwas anderes als in Mitteleuropa. Es gab den Glauben, dass jeder Bettler und jeder Wanderer, der einen Besuchte, Gott sein konnte, der auf die Erde herabgestiegen war. Deshalb war es eine große Ehre, einen Fremden aufzunehmen. Und durch diese Einstellung war auch Gott in jedem Wanderer, denn es wurde immer eine bereichernde Erfahrung. Es gab einen griechischen Schriftsteller, der in einem seiner Bücher von seinem Onkel erzählte. Der alte Mann machte sich jeden Tag in der Früh auf um mit einer Lampe hinunter in den Haven zu gehen, weil er sehen wollte, ob nicht vielleicht ein Fremder ankam. Denn wenn einer kam, dann wollte er der erste sein, der ihn sieht um ihn zu sich einladen zu können, nicht, dass ihm jemand zuvor kam.

Später überholten und die beiden dann noch einmal mit dem Auto, hielten an und wünschten uns eine gute Reise. „Wir haben ja gesehen, wie gerne ihr Obst mögt!“ meinte Ana, „deshalb haben wir euch etwas vom Einkaufen mitgebracht und gehofft, dass wir euch treffen.

In Theoule kamen wir dann an die Villa Saint Camille.

Gestern Mittag hatten wir einen Mann getroffen, der in der Pilger-Assoziation dieser Region war. „Wenn ihr nach Theoule kommt, dann fragt auf jeden Fall in der Villa Saint Camille,“ meinte er „denn es sind gute Leute und ich bin sicher, sie werden euch aufnehmen.“

Jetzt standen wir davor und stellten fest, dass der Mann Recht gehabt hatte.

Villa Saint Camille ist ein in seiner Form einzigartiges Projekt, das auf den Orden des heiligen Saint Camille de Lellis zurückgeht. Das Haus selbst wurde 1883 erbaut und wurde nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ein Urlaubszentrum für Familien. Heute ist es ein Ort, der eine Urlaubsresidenz, ein Altenheim und ein Sozialzentrum vereint. Unter einem Dach leben hier also sowohl Rentner, als auch Touristen als auch Menschen mit sozialen Problemen wie Armut, Obdachlosigkeit oder Drogenabhängigkeit. Die Idee ist es, dass alle Gruppen voneinander lernen und sich gegenseitig helfen können. Auf diese Weise ist ein Urlaub hier mehr als ein Urlaub an der Küste, denn man trägt als Tourist gleichzeitig noch etwas zum Leben der alten oder bedürftigen Menschen bei. Gleichzeitig ermöglicht es der Kontakt mit diesen Menschen, die Region nicht nur aus Sicht eines Touristen zu sehen sondern auch noch andere Perspektiven kennen zu lernen. Die Rentner wiederum haben auf diese Weise ständig kontakt zu jungen Menschen, so dass sie sich nicht einsam oder abgeschoben fühlen müssen. Auch die Bedürftigen werden auf diese Weise nicht aus dem Sozialgefüge ausgeschlossen sondern direkt wieder integriert.

Neben Familien-, Paar- und Singleurlauben kann man hier auch seine Hochzeit, seinen Geburtstag oder seine Kommunion feiern, da zum Haus auch eine eigene Kapelle gehört. Darüber hinaus gibt es jede Menge Seminarräume und die Möglichkeit als Gruppen oder als Team hier anzureisen und eine schöne Zeit mit Blick über das Mittelmeer zu verbringen. Die Aussicht von der Anhöhe auf der die Villa steht ist atemberaubend. Von hier aus kann man nicht nur Canne sehen, sondern auch bis tief in die Alpen hineinblicken. Und das macht uns gerade zugegebener Weise ein bisschen Angst, denn die dritte Reihe an Bergen ist bereits mit einer dichten weißen Schicht aus Schnee überzogen. Auch wenn wir heute wieder im T-Shirt wandern konnten, es lässt sich nicht leugnen, dass es Winter ist. Hoffen wir nur, dass der Schnee noch eine Weile dort oben auf den Bergen bleibt und nicht bis zu uns ins Tal herabkommt.

Mehr für dich:
Tag 864: Heydi ist zurück

Spruch des Tages: Früher dachte ich, dass schlimmste was im Leben passieren könnte ist, am Ende ganz alleine zu sein. Ist es nicht. Das Schlimmste im Leben ist, am Ende mit Menschen zu sein, die dir das Gefühl vom alleine Sein zu geben. (Robin Williams)

Höhenmeter: 560 m

Tagesetappe: 28 km

Gesamtstrecke: 6489,37 km

Bewertungen:

 

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

Leave A Comment

Translate »