Tag 86: Krafttiere

///Tag 86: Krafttiere

Tag 86: Krafttiere

Tag 86: Krafttiere

Heute haben wir ein Eichhörnchen gesehen! Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht noch nicht mega-spektakulär, aber verglichen mit dem was heute sonst noch alles passiert ist, war es wirklich ein Ereignis. Ihr denkt vielleicht, so eine Weltreise ist voller unglaublicher Erlebnisse und jeder Tag ist ein Abenteuer. Zugegeben, dass dachte ich auch, aber das ist durchaus ein Irrtum. Manche Tage sind einfach absolut ereignislos. Sie sind weder besonders positiv, noch negativ, es gibt keine großen Probleme und auch keine großen Begegnungen. Sie sind einfach da. Und das ist auch gut so, denn so kann man ab und zu den Blick auf die kleinen Dinge richten, denen man sonst oft keine Bedeutung beimisst.

Wie die Sache mit dem Eichhörnchen zum Beispiel. Wir wanderten nichts ahnend eine beliebige Straße entlang und dachten an nichts Böses, als plötzlich ein wildgewordenes Eichhörnchen aus dem Gebüsch schoss, wie ein geölter Blitz die Straße entlang fegte und dann über eine Mauer sprang. Ihr müsst euch das wirklich einmal vorstellen! Die Mauer war gut einen Meter hoch und das Eichhörnchen noch rund eineinhalb Meter davon entfernt. Der kleine Kerl hat also locker einen Sprung mit einer Distanz hingelegt, die gut zehn Mal so lang war, wie er selbst. Hätten wir das im Verhältnis nachmachen wollen, hätte uns mit rund hundert Metern Anlauf ein Sprung vom Gartentor bis auf das Dach des nächsten Hauses gelingen müssen. Wir waren jedoch nicht einmal sicher, ob wir es bis auf die Mauer geschafft hätten, die das Eichhörnchen überwunden hatte. Dass die Menschen bei solchen Beobachtungen auf die Idee von Superhelden wie Batman, Spiderman oder Chip und Chap kamen, ist wirklich kein Wunder.

„Wo wir gerade fast von diesem kleinen Fridolin hier überrannt wurden,“ begann Heiko, „fällt mir gerade ein, dass ich gestern einiges über Krafttiere gelesen habe. Ich habe ein Buch über Schamanismus angefangen, was ganz passend ist, wo wir gerade durch eine Gegend wandern, in der es so viele Funde in diese Richtung gab. Einiges in dem Buch ist wirklich interessant, obwohl auch viel dabei ist, dass ich für Unsinn halte. Auf jeden Fall erklärt sie einige Sachen zum Thema Krafttiere.“

„Wenn ich das richtig in Erinnerung habe,“ sagte ich, „dann sind die Krafttiere, jene Tiere, die uns im Leben auf besondere Art begegnen und uns bei der Lösung einer Aufgabe oder eines Lebensthemas helfen, oder?“

„Genau!“ sagte Heiko, „Es gibt Tierboten, Krafttiere und Dodemtiere. Tierboten begegnen dir, um dich auf etwas Hinzuweisen. Meistens zeigen sie dir, dass du deinen Weg verlassen oder nicht auf deine Intuition oder deine Herzensstimme gehört hast. Dann zeigen sie dir, wie du wieder zurück zu dir selbst finden kannst. Oder sie kommen, um dich auf eine Aufgabe oder eine Gefahr hinzuweisen. Krafttiere sind Helfer, die dich für eine längere Zeit in deinem Leben begleiten und die zu dir kommen, um dich bei wichtigen Lebensthemen zu unterstützen. Ein Dodem wiederum ist das Tier, dass dich dein ganzes Leben lang begleitet und das die gleichen Stärken hat, wie du. Es zeigt dir, was deine Lebensaufgabe ist und wohin dich dein Weg führen wird. In dem Buch spricht sie erst mal von Krafttieren. Sie können uns in der physischen wie auch in der oberen oder unteren Welt begegnen.“

Mehr für dich:
Tag 369: Hummer – Mehr Leid als Genuss

„Was meinst du mit oberer und unterer Welt?“ fragte ich.

„So wie sie es beschreibt, gibt es drei Welten. Die untere ist der Bereich von Mutter Erde. Erinnerst du dich noch an unsere Meditationen bei Darrel? Da sind wir doch immer in abgesunken zum Erdmittelpunkt und haben uns mit dem Planeten und dessen Bewusstsein verbunden. Dies ist die untere Welt. Die mittlere Welt ist die physische in der wir leben und die obere ist die Kosmische, in der alle spirituellen Himmelswesen zuhause sind. Beide Welten kann man über Meditationen oder durch tiefe innere Ruhe erreichen. Die Autorin redet dabei immer von Trance und zitiert viele Schamanen, die mit Hilfe von Drogen zu diesen Welten gereist sind. Eine absolute Koryphäe auf diesem Gebiet hat anscheinend sein ganzes Leben damit verbracht sich zuzudröhnen und dann Bücher über seine Erfahrungen zu schreiben.“

„Ok,“ warf ich ein, „aber das kann ja nicht der Weg sein! Nach allem was wir von den Medizinleuten gelernt haben ist es ja für die Geistheilung und alle Verbindungen zur geistigen Ebene wichtig, dass man absolut präsent und aufmerksam ist. Drogen können einem dann zwar helfen, in Trance zu kommen, aber dass sie für eine Heilung oder eine geistige Entwicklung hilfreich sind, kann ich mir nicht vorstellen!“

„Das denke ich auch!“ bestätigte Heiko, „und es widerspricht auch allem, was ich bislang über das Thema gelernt habe. Soweit ich weiß, haben die Menschen erst mit bewusstseinserweiternden Mitteln angefangen, als sie den Kontakt zur Natur immer mehr verloren haben. Die Autorin schreibt selbst, dass es sehr gefährlich ist, weil man dadurch die Kontrolle verliert und dass nur die erfahrensten Schamanen überhaupt mit Drogen experimentieren dürfen. Wobei ich mich wiederum frage, ob sie es überhaupt brauchen, wenn sie wirklich etwas von ihrem Handwerk verstehen. Aber zurück zu den Krafttieren. Wirkliche Krafttiere zeigen sich in den meisten Fällen auf verschiedene Arten. Erst sieht man in der Regel nur einen Teil von ihnen. Eine Pfote, ein Auge, einen Flügel oder ähnliches. Dann sieht man sie seitlich, von vorne oder hinten und schließlich als ganzes. Wenn ich noch einmal an die Treffen mit den Medizinleuten zurückdenke, war es bei mir mit dem Wolf genauso. Erst habe ich im Feuer eine Silhouette gesehen, dann während der Meditation eine Pfote und später, als wir die Heilungsübungen gemacht haben, kam er ganz. Seitdem ist er ja eigentlich bei jeder Heilungsmeditation mit dabei. Die Kunst ist natürlich bei den ganzen Geschichten zu unterscheiden, ob es sich dabei um Einbildung und Phantasie oder um eine wirkliche Begegnung handelt. Das ist glaube ich die größte Schwierigkeit. Die Autorin schreibt auf jeden Fall, dass Krafttiere grundsätzlich wilde Tiere sind. Domestizierte Käfig- oder Zuchtgenossen kommen also nicht in Frage. Insekten kommen ihrer Meinung nach auch nicht als Krafttiere vor, sondern sind eher Boten, die auf eine Krankheit hinweisen. Wobei ich mir da nicht so sicher bin.“

Zwei Dinge über den heutigen Tag gibt es dann allerdings doch noch zu berichten. Eines vom Morgen uns eines vom Abend. Beginnen wir mit dem Morgen. Oder noch besser mit dem gestrigen Abend. Wir haben ja bei der Dame vom Altenheim übernachtet, die uns bei sich aufgenommen hat. Genau wie unsere letzten Gastgeber sprachen auch sie und ihre Tochter keine Sprache außer Französisch. Die Bedingungen von letzter und vorletzter Nacht waren also im Grunde identisch und doch war es eine völlig andere Situation. Vorgestern hatten wir kein einziges Mal das Gefühl, dass es eine Sprachbarriere gab. Es gab natürlich Schwierigkeiten, Dinge auszudrücken aber es war kein einziges Mal ein Problem. Wir konnten sogar die Ohrakupressur und die Dornmethode erklären und wenn immer etwas nicht verstanden wurde, führte es zu lustigen Ratespielen, die allen Spaß machten. Gestern jedoch gab es fast überhaupt keine Kommunikation. Wir setzten immer wieder an, zeigten unsere Videos um zu erklären, was wir machen, nutzten den Googletranslater und gaben all unsere Französischen Wörter zum Besten. Doch es half nichts. Es wollte einfach keine Lockerheit aufkommen und am ganzen Abend gab es kein einziges zusammenhängendes Gespräch. Es war wirklich schade, denn an sich schienen die beiden Frauen wirklich nette Leute zu sein, die sicher auch einiges zu erzählen gehabt hätten. Auch hätte es uns allen geholfen, die Situation zu entspannen und wir hätten uns nicht den ganzen Abend als halbe Eindringlinge fühlen müssen. Doch es war nun einmal wie es war. Jeder ist seines Glückes Schmied. Und wir durften noch einmal lernen, dass Sprache nichts mit Verständigung zu tun hat. Sie ist ein hilfreiches Instrument, aber sie ist eben nur ein verschwindend kleiner Teil von dem, was eine Kommunikation ausmacht.

Mehr für dich:
Tag 818: Abschied vom Mittelmeer

Das zweite, was es über unsere Erlebnisse von heute zu berichten gibt, ist mein Besuch im Rathaus von Mussidan. Als ich nach einer kostenlosen Unterkunft für Pilger fragte, wurde ich sofort abgewiesen. Es gäbe zwar eine, aber die koste 10€. Ansonsten wollte man mir einfach nicht helfen. Es spielte keine Rolle, ob ich als Tourist, als Pilger, als Mönch oder als was auch immer dort war. Wer hier übernachten wollte, brauchte eine Credenzial und 10€. Von der Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft, die ich im nördlichen oder zentralen Frankreich in den Rathäusern erfahren hatte, war nichts mehr übrig. Später in der Touristeninformation erfuhr ich auch den Grund dafür. Die Pilgerstädten sind hier Städtisch. Es sind keine Privatpersonen mehr, die Pilger gegen einen Obolus aufnehmen, sondern die Stadt selbst hat einen Raum eingerichtet und kassiert das Geld dafür. Klar, 10€ sind nicht viel, aber für einen Pilger auch nicht gerade wenig. Und die Herbergen sind in der Regel nicht mehr als leere Räume mit einem Loch im Boden als Toilette. Wir mussten dabei an den jungen Belgier denken, der seine Pilgerreise vom Arbeitslosengeld finanzierte und aufgebrochen war um seinen Weg zurück ins Leben zu finden. War es wirklich richtig, einem Menschen wie ihm, zehn Euro abzuknüpfen und ihn dann an einem Ort übernachten zu lassen, an dem er sich noch mehr wie der Abschaum der Gesellschaft fühlte? Warum war das Pilgern hier zu einer solchen Kommerzveranstaltung verkommen, an der sogar die Städte verdienen wollten? Solange die Rathäuser kein eigenes finanzielles Interesse an den Pilgern hatten, waren sie immer Hilfreich gewesen, oder hatten es zumindest versucht. Doch jetzt war es damit vorbei. Und das mehr als 1000km vor Santiago.

Mehr für dich:
Tag 547: Vermessenheit

Spruch des Tages: Jeder ist seines Glückes Schmied

 

Tagesetappe: 16,5 km

Gesamtstrecke: 1791,47 km

 

Bewertungen:

 
53

About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

Leave A Comment

Translate »