Tag 580: Krisengespräche – Teil 2

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Tag 580: Krisengespräche – Teil 2

Tag 580: Krisengespräche – Teil 2

Fortsetzung von Tag 579:

Wie ihr ja wisst ist die Antlitzdiagnose Heikos Steckenpferd und da er wirklich gut darin ist, Körpersignale zu sehen und zu deuten, kann er diese Fähigkeit auch nicht abstellen. Daher machte er sich bereits seit Paulinas Ankunft viele Gedanken über das was er sah und auch in den vergangenen Tagen und Nächten haben wir schon oft darüber gesprochen. Vieles hing mit der Esssucht zusammen, wie beispielsweise das Fett am Bauch und an der Hüfte. Dabei ging es nicht um das Essen selbst, denn davon allein wird man nicht dick. Es ging viel mehr um die Angst, nicht genug zu bekommen, die dem Körper signalisierte, dass er so viel wie möglich aus der Nahrung aufnehmen und speichern muss. Gleichzeitig waren aber auch die Bindegewebsschwächungen und die Zellulitis ein Zeichen dafür, dass viele Giftstoffe, vor allem aber auch sehr viel Wut im Körper gespeichert wurden, die Paulina ebenso wenig los lassen konnte. Doch am Meisten beunruhigten Heiko die vielen Besenreißer und Blutschwämme, die sich überall auf Paulinas Körper ausgebreitet hatten. Sie waren ein deutlicher Hinweis darauf, dass ihr Herzkreislaufsystem aus dem Gleichgewicht geraten war. Es waren Zeichen, die sonst nur bei Menschen mit starken Herzproblemen auftraten.

All diese Zeichen deuteten auf ein und das selbe Problem hin: Auf den Umstand, dass Paulina einen inneren Konflikt mit sich austrug, der lange geschwelt hatte, nun akut geworden war und der sie innerlich fast zerriss. Ein Konflikt, der ihr nur allzu bewusst war, vor dem sie aber viel zu viel Angst hatte, um ihn anzugehen, so dass sie ihn lieber verdrängte. Beispielsweise dadurch, dass sie sich mit Essen ablenkte. Doch der Konflikt wollte sich nicht verdrängen lassen. Wie ein alter Mentor von mir gerne gesagt hat: Er ist ein bisschen wie ein Elefant. Wenn er einmal im Raum steht, ist es schwer, ihn zu ignorieren!

Der Konflikt, den sie da in sich trug, war der gleiche, den auch jeder Homosexuelle ausfechtet, der noch nicht bereit ist, sich zu outen. Es ist der gleiche Konflikt, den auch wir in uns trugen, als wir uns entschieden, auf diese Reise zu gehen und der letztlich zu dem Disput mit meinen Eltern geführt hat: Es ist an der Zeit zu sich zu stehen! Doch wie fast jeder Mensch hat auch Paulina ihr Leben lang Masken getragen. Die Masken eines netten, gesellschaftskonformen aber toten Mädchens, die Masken einer guten, erfolgreichen Tochter und die Masken einer folgsamen Partnerin. Langsam jedoch erkennt sie, wer sie wirklich ist und dass dieses Selbst nichts mit den alten Masken zu tun hat. Es wird also Zeit, das wahre innere nach außen zu tragen. Doch was ist, wenn ihre Freunde, ihre Eltern, ihre Familie und all die alten Bekannten sie dann nicht mehr mögen?

Wie jeder Mensch hatte auch sie gute Gründe, die Masken aufzusetzen. Sie lernte, wie wir alle, bereits als kleines Kind, dass sie nicht gut genug ist, so wie sie ist. Sie musste also lernen, jemand anderes zu sein und glaubt wie fast jeder Mensch, dass diese Scheinfigur mehr wert ist und damit auch mehr geliebt wird, als ihr wahres Ich. Dementsprechend schwer ist es natürlich, zu seinem wahren Ich zu stehen. Doch wenn man es erst einmal erkannt hat, dann wird das Lügen immer mehr zu Qual. Der ganze Organismus sträubt sich dagegen und reagiert mit geistigen, körperlichen und seelischen Symptomen. Man wird unruhig, kann kaum mehr schlafen, fühlt sich gestresst, bekommt Konzentrationsschwierigkeiten, fühlt sich immer schwerer und schwerer und kann sich kaum mehr vorstellen, dass es so etwas wie Freude im Leben überhaupt noch gibt. Gleichzeitig fängt das Herz an zu streiken, da es beleidigt ist, weil man es so vergrämt, weil man nicht danach lebt, sondern die Meinung der anderen der eigenen Herzensstimme vorzieht. Wenn man sich damit abgefunden hat, dass man sein Leben nicht lebt, sondern lieber eine Maske, eine Marionette der Gesellschaft bleibt, dann kann man damit sehr alt werden und es gibt durch unsere Ablenkungsindustrie eine Menge Wege, sich damit zu arrangieren. Doch Paulina hat sich dagegen entschieden. Sie wollte die Masken nicht länger tragen sondern ein neues Leben beginnen, ein Leben, dass eigentlich schon immer ihres hätte sein sollen. Gleichzeitig hat sie aber auch Angst davor, ihr altes Leben loszulassen. Und im Moment ist die Angst sogar so groß, dass es sie innerlich fast zerreißt. Es ist, als würde sie sich mit je einer Hand an zwei Züge krallen, die in die entgegengesetzten Richtungen fahren. Sie weiß, dass nur einer davon in ihre Richtung fährt, doch sie will keinen davon verlieren. Ihre Angst vor dem Verlust ist so groß, dass Gefahr läuft entweder zu zerreißen oder beide Züge zu verlieren. Und genau dies ist die Sorge, die Heiko an diesem Abend aussprach. Denn Paulinas Ansatz mit diesem Problem umzugehen war bislang der, sich eine noch größere Maske aufzusetzen, als zuvor. Eine Maske, die es ihr ermöglichte, die Gefahr in der sie schwebte zu übersehen und die ihr stattdessen eine heile Welt mit parallel verlaufenden Gleisen vorgaukelte, auf der beide Züge nebeneinander fuhren, so dass sie mit jedem Fuß auf einem stehen konnte.

Das Problem dabei war nur, dass sie vor allem sich selbst anlog. Denn noch etwas größer als die Angst davor, wie andere ihr wahres Ich wahrnehmen könnten, war die Angst davor selbst hinzusehen. Auf eine gewisse Art kann man das auch nachvollziehen, denn genau in diesem Moment bestand ihr Ich aus einem verunsicherten kleinen Kind, das keine Struktur halten und sich nichts merken konnte, das mit Zeit nicht zurecht kam, das voller Ängste war und dessen Körper ihr die Quittung für alle früheren Entscheidungen in ihrem Leben in Form von Zellulite, Besenreißern sowie überflüssigem Fett an Bauch, Hintern und Beinen aushändigte.

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Genau dies war der Grund dafür, warum das Gespräch an diesem Abend eskalierte. Sie selbst hatte ein Konzept von sich und dazu gehörte auch, dass sie eine tolle Figur und eine reine Haut hatte. Doch ihr Körper wollte da nicht mitspielen und dafür hasste sie ihn. Sie hasste ihn auch dafür, dass er sich oftmals so trottelig anstellte und beispielsweise ihren Trinkbeutel nicht richtig fest machte. Am meisten hasste sie sich jedoch dafür, dass sie selbst keine Ahnung hatte, wie sie das ändern sollte. Sie wollte wirklich gerne eine Wandlung durchlaufen, um wieder ihren göttlichen Körper zu bekommen, doch sie wusste einfach nicht wie. Und ohne eine überzeugende Antwort hatte sie angst, sich die Frage zu stellen. Sie wollte nicht in den Spiegel schauen, weil sie wusste, was sie sehen würde und weil sie das Gesicht, das ihr entgegenblickte nicht lieben konnte.

Dummerweise waren nun wir dieser Spiegel. Zunächst Heiko, weil er sie auf die Körpersignale ansprach, dann auch ich, weil wir gemeinsam versuchten, ihr die Zusammenhänge zu erklären. Uns fiel auf, dass Paulina nur etwas tat, was fast alle Menschen in unserer Gesellschaft tun. Sie hasste den Überbringer einer schlechten Nachricht. Oder besser gesagt, einer Nachricht, die sie selbst für schlecht hielt. Diese Boten waren nicht nur wir, sondern auch ihr Körper, ihr Wagen und alles, was sonst noch mit ihrem Leben zu tun hatte. Das Problem ist, dass wir die Welt wirklich in Gut und Schlecht einteilen. Wenn wir merken, dass wir beispielsweise Zellulite haben, dann glauben wir, dass das etwas Schlechtes ist. Wir glauben, es sei eine Schwäche unseres Körpers, ein Zeichen des Verfalls, des nahenden Todes. Es ist ein Zeichen dafür, dass wir sterblich sind und dass unser Schöpfer ein minderwertiges Material für unsere Konstruktion verwendet hat. Ein Material, das nicht einmal dreißig Jahre lang richtig hält, bevor es die ersten Verschleißerscheinungen bekommt. Doch ist es das wirklich?

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Wenn man eine Wüste durchqueren will, dann kann man dies entweder mit einem Kamel machen oder mit einem Pferd. Menschen, die sich in diesen Gebieten auskennen nehmen meist Kamele doch für einen Anfänger ist das gefährlich. Denn ein Kamel ist ein sehr zähes Tier. Es läuft und läuft und läuft und kommt dabei über einen langen Zeitraum ohne Wasser aus. Dann aber, wenn es seine körperliche Grenze überschritten hat, fällt es einfach von einer Sekunde auf die andere um und ist tot. Ein Pferd hingegen schwächelt, wenn es nicht genug Energie bekommt. Es verdreht die Augen, lässt die Zunge hängen und zeigt klar und deutlich, dass es am Ende ist, so dass man sich darauf einstellen kann.

Unser Körper ist ist ähnlich aufgebaut wie ein Pferd. Er signalisiert uns frühzeitig, dass etwas nicht stimmt, so dass wir darauf reagieren können, bevor wir völlig überraschend tot umfallen. Doch anstatt uns darüber zu freuen, hassen wir unseren Körper dafür. Wir nehmen die Botschaft nicht an und sagen: „Danke, dass du mich darauf hinweist, dass ich am verdursten bin!“ Lieber wäre es uns, wenn wir wie ein Kamel unser ganzes Leben lang ohne Einschränkungen durch eine wasserlose Wüste rennen könnten um dann einfach eines Tages Tod umzufallen. Wir wollen nicht hören, dass wir auf dem Holzweg sind.

Und genau dies war nun auch Paulinas Problem. Sie hasste ihren Körper für die Signale, die er ihr sandte, anstatt sie dankbar anzunehmen, da sie sie vor dem Verdursten bewahrten. Sie wollte die Zeichen nicht sehen, weil sie keine Lösung hatte, weil sie nicht wusste, wo eine Oase war. Es war ein bisschen, als würde sie ihr Pferd schlagen, weil es langsam schlapp machte. Doch auf diese Weise verbrauchte sie natürlich noch mehr Energie und sie war so sehr mit dem Selbsthass und der Selbstverleumdung beschäftigt, dass sie die vielen Wasserquellen die um sie herum lagen überhaupt nicht sehen konnte. Dies war genau der Punkt, auf den wir sie aufmerksam machen wollten. Die Tatsache, dass sie keine Lösung brauchte, sondern dass es nur darum ging, sich selbst mit all ihren Problemen anzunehmen.

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In unseren Augen war das eine freudige Erkenntnis, die eigentlich ein Gefühl von Leichtigkeit hätte auslösen müssen. Doch Paulina sah das anders. Für sie waren diese Gespräche nur voller Schwere und je mehr wir versuchten ihr zu erklären, desto trübsinniger wurde sie. Schließlich wurde klar, dass die Botschaft, die wir vermitteln wollten nicht angekommen war.

„Was hast du denn an positiven Informationen aus dem Gespräch mitgenommen?“ fragte ich, „Was ist hängen geblieben? Was bringt dich weiter?“

Paulina schwieg. Es war ein Schweigen, das mehr sagte als 1000 Worte: „Nichts!“ Sie hatte nichts behalten, konnte nichts wiedergeben und hatte auch nicht das Gefühl gehabt, dass wir ihr irgendetwas Positives, Hilfreiches offenbart hatten. Dies wiederum brachte Heiko und mich an die Verzweiflungsgrenze. Ich fühlte mich wie früher, in den Zeiten in denen ich mein Taschengeld mit Nachhilfe aufgebessert hatte. Damals hatte ich eine Chemie-Schülerin gehabt, die mich fast in den Wahnsinn getrieben hatte, da sie einfach nichts begreifen wollte, egal wie ich es auch erklärte. Ich erzählte Geschichten, erfand Beispiele, zeichnete Grafiken und Tabellen und malte sogar bunte Bilder, die alles veranschaulichten. Doch nichts davon half. Als ich einmal einen Sachverhalt zum fünften Mal erklärt hatte und selbst wirklich stolz auf meinen Ideenreichtum und meine Veranschaulichungsmethoden war, kam von ihr nur ein einziges Kommentar: „Hier in deiner Grafik ist ein Rechtschreibfehler!“

Ein Rechtschreibfehler? Ich hatte gerade einen viertelstündigen Vortrag gehalten, der mir all mein Erklärungstalent abverlangt hatte und alles was bei ihr angekommen war, war meine Rechschreibschwäche?

Damals beendete ich die Nachhilfe mit einem halben Nervenzusammenbruch und musste ihr und mir eingestehen, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich ihr helfen sollte.

Ähnlich ging es mir nun auch in dieser Nacht. Wir hatten uns nun bereits zwei Stunden mit Geschichten, Beispielen, Zusammenfassungen und Erklärungen den Mund fusselig geredet um Paulina die Bewältigung ihrer Lebensthemen so einfach wie möglich zu machen und nun war nicht einmal ein Krümel einer Idee bei ihr hängen geblieben.

Fortsetzung folgt …

Spruch des Tages: Wenn eine Frau wütend ist, nimm sie in den Arm. Wenn das nichts bringt, halte Abstand und wirf ihr Schokolade und Schuhe hin. (Heiko)

 

Höhenmeter: 140 m

Tagesetappe: 8 km

Gesamtstrecke: 10.265,77 km

Wetter: sonnig und heiß

Etappenziel: Zeltplatz auf einer Wiese neben einer Kuh, nahe Pear, Serbien

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