Tag 975: Das Land wandelt sich

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Tag 975: Das Land wandelt sich

Tag 975: Das Land wandelt sich

19.08.2016

Bevor wir aufbrachen, bekamen wir noch ein Frühstück im Haus der Bürgermeisterin. Es gab heißen Hollundersaft und frisch in Butter gebratene Eier. Besser konnte man also kaum in den Tag starten.
Unsere Schule lag gleich am Beginn des Weges, der uns über den Pass ins Nachbartal führte. Es war ein überwucherter Feldweg, der kaum mehr verwendet wurde und den die Landmaschienen leider recht übel zugerichtet hatten. Dafür aber führte er über ruhige, schöne Hügelkuppen hinweg. So waren unsere Wanderwege ganz am Anfang unserer Reise gewesen und die gesamte Umgebung gab uns nun wieder ein Gefühl von Heimat. Es waren nur noch Nuancen, die das Wandern hier von einer Wanderung in Bayern oder Österreich unterschieden und solange keine Menschen oder Besiedelungen sichtbar waren, merkte man überhaupt keinen Unterschied.

haengebruecke franz zerstoert

Was die Menschlichkeit anbelangte begannen wir die Ungarn nun richtig zu vermissen. Die Menschen hier waren kein unangenehmes Volk, aber sie waren sehr reserviert und sehr unstet in ihren Aussagen und Entscheidungen. Heute bekamen wir gleich mehrfach eine Zusage für einen Platz, die sich dann wieder in eine Absage wandelte, weil irgendjemand irgendetwas übersehen hatte. Es schien wirklich, als wäre das ganze Volk ein Spiegel von mir, da jeder auf seine Art vollkommen verplant war und sich selbst wie auch allen anderen das Leben schwer machte.
Fast den ganzen Tag wanderten wir über kleine Sträßchen durch eine schöne, ruhige Gegend. Erst als wir uns auf die Schlafplatzsuche machten, kamen wir plötzlich wieder an eine Hauptstraße, die so stark befahren war, dass man es kaum aushielt, sich in ihrer Nähe aufzuhalten. Und doch gab es hier Häuser mit Gärten, hübschen Beeten, Planschbecken und Gartenstühlen. Teilweise waren sie gerade erst vor ein oder zwei Jahren hier her gebaut worden. Sie waren top gepflegt und überall sonst auf der Welt wäre es sicher schn gewesen, sich im Sommer mit einem Buch auf die Terrasse zu setzen oder abends eine kleine Grillparty zu veranstalten. Aber hier war es kaum vorstellbar. Allein in den zwei Minuten, die eine alte Dame brauchte, um mit dem Pfarrer zu telefonieren, fuhren 163 Fahrzeuge an uns vorrüber. Davon waren 87 LKWs, 14 Busse und 3 Traktoren. Heiko hatte sich die Mühe gemacht, sie zu zählen. Wie konnte man hier freiwillig leben wollen?

Nachdem uns auch diese Pfarrer zu und dann wieder abgesagt hatte, folgten wir der Hauptstraße für einige Kilometer und bogen dann in ein Seitental ab. Hier versuchten wir unser Glück an der nächsten Kirche noch einmal, wobei wir dieses Mal zum umgekehrten Ergebnis kamen. Der Pfarrer war gerade dabei, sich ein Abendessen zuzubereiten und zeigte daher nicht das geringste Interesse, uns weiterzuhelfen. Kaum waren wir weg, packte ihn jedoch das schlechte Gewissen und er fuhr uns im Auto hinterher. Zwei Orte weiter holte er uns ein und bot uns doch noch eine Lösung an. Unsere Wagen wurden in einer Kirche verstaut und er fuhr uns mit dem Auto die gesamte Strecke zurück zur Hauptstraße und noch einige Kilometer weiter in eine Kleinstadt. Dort bezahlte er eine Hotelübernachtung für uns, steckte uns 25€ zu und gab uns noch Essensgutscheine für die gegenüberliegende Pizzeria im Wert von 32€. Insgesamt hatte er nun also fast 100€ für uns ausgegeben, obwohl wir mit einem einfachen, kostenlosen Platz in seinem Gemeindehaus zufrieden gewesen wären. Das dumme dabei war, dass wir nun wieder direkt an der Hauptstraße schliefen, von der wir uns schon so schön weit entfernt hatten. Dafür bekamen wir dann aber jeder eine Riesenpizza, die einiges wieder gut machte.

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Spruch des Tages: Die ungarischen Slowaken waren mir irgendwie lieber.

Höhenmeter: 390 m
Tagesetappe: 25 km
Gesamtstrecke: 17.692,27 km
Wetter: überwiegend sonnig und warm
Etappenziel: Pfarrhaus, Janowice, Polen

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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