Tag 977: Über den Berg nach Polen

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Tag 977: Über den Berg nach Polen

Tag 977: Über den Berg nach Polen

21.08.2016

Die letzten Meter in der Slowakei hatten es noch einmal ordentlich in sich. Von dem Tal aus, in dem wir übernachtet haben, führte eine kleine, mittelmäßig befahrene Straße immer weiter den Berg hinauf und wurde dabei immer steiler. Am Ende betrug die Steigung über mehrere Kilometer hinweg laut Schild 19%. Die Hitze sorgte nicht gerade dafür, dass uns dieser Anstieg leichter fiel und so fürchteten wir schon, dass wir entweder an einem Herzinfarkt sterben oder an unserem eigenen Schweiß ertrinken würden, noch ehe wir die polnische Grenze erreicht hatten. Hätten die deutschen Soldaten damals versucht, über diese Grenze nach Polen einzumarschieren, wäre der Krieg wahrscheinlich etwas anders ausgegangen.

Jeder halbwegs vernünftige Befehlshaber hätte gesagt: „Männer! So eine Weltherrschaft ist ja schön und gut und dieses Polen einzunehmen ist sicher ein wichtiger ein wichtiger Schritt dahin. Aber die ganze Sache wird hier einfach zu anstrengend. Was immer auch hinter diesem Berg liegt, es kann sich nicht lohnen, dafür diese Steigung hinaufzumarschieren. Der neue Befehl lautet daher: Umdrehen und wieder nach hause gehen!“

Tatsächlich lohnte sich der Anstieg auch nur bedingt, denn auf der anderen Seite des Passes, auf dessen höchstem Punkt sich die Grenze befand, sah es genauso aus, wie zuvor. Ohne das Schild mit dem großen PL darauf, hätten wir niemals gemerkt, dass wir ein neues Land betreten hatten. Nur die Sprache änderte sich wieder einmal. Polnisch war dem Slowakischen zwar nicht unähnlich, beinhaltete aber noch weitaus mehr „S“, „Sc“, „Zc“, „Cs“, „Zs“ und „Sczsc“-Laute, von denen wir uns nicht vorstellen konnten, dass wir jemals lernen würden, sie richtig auszusprechen.

Das erste Dorf kam nach etwa zwei Kilometern und da wir komplett ohne Frühstück gestartet waren, fragten wir gleich am ersten Haus nach etwas zum Essen. Eine Frau in einem Jeansrock und ein dicker, älterer Mann in Unterhose mit einem selbst gestochenen Kugelschreibertintentattoo auf dem Arm öffneten die Tür. Wir bekamen ein Brot und zehn Eier, womit wir schon einmal etwas anfangen konnten. Die Sprachbarriere war gigantisch, aber der erste Eindruck der Menschen war durchaus positiv.

Fünf Kilometer weiter erreichten wir eine kleine Touristenstadt. Zunächst fragten wir in einem Hotel nach einem Schlafplatz, doch dieses war, wie die meisten anderen auch, noch bis ende September vollkommen ausgebucht. Dafür bekamen wir eine großartige Zwiebelsuppe, einen Kuchen und eiskaltes Wasser mit Stachelbeeren, Zitrone und Minze. Warum dieser Ort so beliebt bei den einheimischen Touristen war, wollte uns am Anfang noch nicht so ganz einleuchten.

Es gab zwei recht schöne Kirchen und einen Skilift in der Nähe aber ansonsten war es ein Ort wie jeder andere. Erst später erfuhren wir, dass nur fünf Kilometer weiter ein großer Kurort mit mehreren Thermalbädern und Reha-Kliniken war und dass dieser Ort von den Touristen profitierte, die von dort überschwappten. Nach einigem hin und her bekamen wir schließlich einen Schlafplatz im ehemaligen Wohnhaus eines Nonnenordens, den wir bereits aus Italien kannten. Später zeigte sich, dass es ein wahrer Segen war, diesen Platz bekommen zu haben, denn am Abend begann es wie aus Eimern zu schütten und zu gewittern.

Nachdem es nun bereits seit einigen Tagen nicht geklappt hatte, war heute mal wieder rasieren an der Reihe. Zum ersten mal habe ich mich nun darin versucht, meinen Schädel selbst zu rasieren. Ich muss sagen, dass ist gar nicht so einfach. An den Stellen, die man von vorne sehen kann, funktioniert es echt gut, aber am Hinterkopf ist es ein ziemliches Gefriemel. Als ich fertig war und Heiko noch einmal drüber schaute, fand er noch jede Menge Stellen, die ich übersehen hatte und die nun wie kleine Grasbüschel von meinem Kopf abstanden.

Für eine Weile dachte ich ernsthaft darüber nach, ob ich mich nicht in irgendwelchen Neo-Nazi-Foren anmelden und dort nach einigen Tipps fragen sollte. Die Jungs aus der rechten Szene müssten sich damit ja eigentlich auskennen, wie sonst niemand. Andererseit kommt es wohl auch nicht so gut an, wenn man hinschreibt: „Hi Leute vergesse mal für einen Moment euren ganzen Schwachsinn von wegen Deutsche Rasse und so weiter, ich habe mal eine wirklich wichtige Frag: Wie macht ihr dass, dass ihr eure Schädel immer so schön sauber rasiert bekommt?“

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Spruch des Tages: Gar nicht so leicht, so eine Glatze!

Höhenmeter: 260 m
Tagesetappe: 28 km
Gesamtstrecke: 17.741,27 km
Wetter: überwiegend sonnig und warm
Etappenziel: Kloster, Cieszyn, Polen

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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