Tag 316: Einklang

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Tag 316: Einklang

Tag 316: Einklang

Die letzten drei Tage verschwimmen ein wenig in einander. Die Herbstlandschaft ist wunderschön, gleichzeitig jedoch auch vollkommen im Gleichklang. Das außen ändert sich kaum noch, weder der Kanal, noch die Bäume noch die Dörfer. Es ist ein stetes friedliches und harmonisches Bild voller Sanftheit und ohne markante Punkte. Es ist, als würde man durch ein Aquarellgemälde wandern.

So wie die Farben der Künstler Verläufen auch unsere Gedanken, Erinnerungen und Wahrnehmungen in einander. Wenn wir an die Reise zurückdenken, die nun hinter uns liegt, dann sind die Erinnerungen an unsere Erlebnisse im Januar zum Teil klarer als die von gestern. Dafür sind die Prozesse in uns jedoch umso intensiver. Man spürt deutlich, dass das Jahr zu Ende geht und dass eine neue Phase unserer Reise vor der Tür steht. Das ändert jedoch nichts daran, dass es für uns trotzdem ein vollkommen absurdes Bild war, einen riesigen Weihnachtsmann auf der Tür eines Supermarktes zu sehen, vor dem wir in der Sonne im T-Shirt frühstückten. Weihnachtsstimmung ist im Moment noch so fern wie die Karibik oder Japan.

Im Moment sind es wieder die kleinen Dinge, die das Leben besonders machen. Zum Beispiel vor einem geschlossenen Supermarkt, mit besagtem Weihnachtsmann auf der Tür, auf dessen Öffnung warten und in Ruhe zu frühstücken. Unsere Unterkunft mussten wir an diesem Morgen bereits um 8:00 Uhr verlassen, und so waren wir bereits mit Sonnenaufgang aufgebrochen. Vor nunmehr zehn Tagen haben wir von einem freundlichen Familienvater eine Gasflasche und einen dazu passenden Campingkocher bekommen. Zunächst wusste ich nicht was ich davon halten sollte, da ich nicht sicher war, ob es wirklich Sinn machte, noch mehr ausrüstung mit sich herumzutragen. Dann jedoch war ich von unserer neuen Errungenschaft mehr als nur begeistert und währe am liebsten nochmal zurückgegangen, um den netten Mann zu knutschen. Ich meine, stellt euch einmal vor, wie großzügig das war! Ich hatte ihn um etwas Gemüse gebeten und er schenkte mir einen kleinen Gaskocher im Wert von bestimmt 100€ und gleich noch eine passende Gaskartusche dazu. Das beste an dem Kocher war jedoch, dass er genauso funktionierte wie ein Gasherd und das wiederum bedeutete, dass man mit ihm sogar in einem geschlossenem Raum kochen konnte. Unser Multi-Fuel-Kocher war nicht nur verstopft und noch immer ohne Benzin, er hatte auch den Nachteil, dass er ein reines Outdoorgerät war. Im Sommer machte das nicht das Geringste. Im Gegenteil, in Spanien hatte es mir viel Spaß gemacht, in den heißen Nächten im Freien zu sitzen und zu kochen. Doch nun wurde es am Abend so kalt, dass einem bereits innerhalb der Räume die Zähne klapperten. Sich bei diesen Temperaturen auf die Straße zu setzen bis einem der Hintern daran fest fror, war nicht gerade ein Highlight. Der Gaskocher hingegen verschaffte uns eine neue Form der Unabhängigkeit, mit der wir nun auch in der Lage waren, Gemüse anzunehmen, das roh ungenießbar war. Selbst dann, wenn unser Schlafplatz keine eigene Küche besaß.

Vor zwei Tagen jedoch passierte dann das unvermeidbare. Die Gaskartusche war leer. Zum Glück waren wir darauf vorbereitet und haben erst die Eier und die Auberginen gekocht, so dass nur noch Gemüse übrig war, dass man auch kalt essen konnte. Doch nun musste eine neue Lösung her und da kam uns der einzige, große Supermarkt im Umkreis gerade recht.

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Nur waren wir wie gesagt eine halbe Stunde zu früh. Wir kamen zwar durch die Eingangstür, wurden jedoch gleich wieder hinausgeworfen und mussten sie die Hunde draußen warten. Spannenderweise waren wir dabei nicht die einzigen. Der ganze Parkplatz war voll von Menschen, die an den Schiebetüren des Marktes kratzen um eingelassen zu werden. Was wollten die alle hier? Wir saßen hier herum, weil wir keinen Plan davon hatten, wie die französischen Öffnungszeiten waren. Doch diese Menschen waren einheimisch und kannten sich damit aus. Warum waren sie trotzdem hier?

Die Frauen setzten sich meist in die Sonne, rauchten und spielten in ihren Handys. Die Männer hingegen stellten sich mit ihren Einkaufswagen in den Schatten oder liefen wie Tiger im Käfig vor dem Laden auf und ab. Es gab dabei sogar eine Art Stammplätze für verschiedene Wartegruppen, die sich trafen und unterhielten. Ob es ihnen dabei wohl darum ging, möglichst schnell von zuhause wegzukommen? Oder waren sie vielleicht von ihren Partnern rausgeworfen worden? Oder gab es vielleicht ein spezielles Sonderangebot, wie Computer beim Aldi, die auch jedes Mal einen Ausnahmezustand auslösen?

Dann schlug die Kirchturmuhr neun und die Pforten wurden geöffnet. Wie Wassermassen durch eine geöffnete Schleuse flossen die Einkaufslustigen in den Laden. Wir warteten noch eine Weile, zum einen, weil wir unser Frühstück noch nicht beendet hatten und zum anderen, weil das Schauspiel einfach zu spannend war.

Dann machte sich Heiko auf die Suche nach einer neuen Gasflasche. Mit dem kleinen Kocher bewaffnet arbeitete er sich durch die Regale und probierte jede Flasche aus, ob sie passte. Wieso gab es eigentlich so unverschämt viele verschiedene Systeme? Das machte doch keinen Sinn. Auf diese Weise konnte man mit seinem Kocher doch nie reisen, weil man immer von den passenden Flaschen abhängig war, die man nur an bestimmten Orten bekam. Und was nutzte einem ein Campingkocher, mit dem man zuhause in der Nähe des Gasflaschendealers seines Vertrauens bleiben musste?

Zschhhhhh…

Ein lautes Zischen wies Heiko auf das Ausstöhmen von Gas hin. „Oh,“ dachte er, „offenbar habe ich vergessen, den Kocher gestern Abend wieder zu zudrehen, weil die Flasche ja leer war!“ Schnell schraubte er den Kocher wieder ab und versteckte ihn in seiner Tasche, bevor die neugierigen Blicke der anderen Einkäufer darauf fielen, die sich nach dem sonderbaren Geräusch umdrehten.

Offenbar hatte er eine Flasche erwischt die passte. Das war schon mal gut. Der einzige Haken war, dass die Flasche die Form einer Spraydose hatte. Mit Stabilität beim Kochen sah es da eher mal schlecht aus. Aber eine andere gab es nichts und dies war besser als nichts.

Am Abend probierten wir sie dann aus. Es wurde eine sonderbare Konstruktion, da wir die Flasche zum Stabilisieren in unsere Wanderschuhe stecken. Wer hätte gedacht, dass sie doch noch einmal so einen wichtigen Zweck erfüllen?

Die Nahrungssuche jedoch treibt mich im Moment fast in den Wahnsinn. Klar treiben wir jeden Tag wieder etwas auf und am Ende ist es sogar meist etwas Leckeres. Doch es dauert Stunden und es ist mühsamer als Flöhe sortieren. Viele Menschen sind nett, ernähren sich jedoch so ungesund, dass sie nichts für uns haben. Andere hingegen sind richtig ekelig und behandeln einen so herablassend und abwertend, dass es wirklich schwer ist, ihnen nicht vor die Tür zu kotzen. Ich versuche zurzeit wirklich allen Menschen in Liebe zu begegnen und ein Nein auch als Geschenk anzunehmen. Doch manche treiben mich so sehr zur Weißglut, dass ich ausrasten könnte. Es ist ja vollkommen Ok, nein zu sagen, aber warum muss man dabei so absolut unfreundlich und unausstehlich sein? Gibt es in diesem Teil von Frankreich gerade einen Kontest im Arschloch-Sein und die Leute versuchen einene neuen Rekord aufzustellen? Das war doch bei unserem ersten Frankreich-Besuch nicht so! Ich kann nicht verhindern, dass täglich mehr Endtäuschung in mir aufkommt. Und gleichzeitig gibt es dann wieder solche Seelen von Menschen, die einen sofort wieder aufbauen. Dennoch ist die Grundmentalität eigenartig. Um 17:30 Uhr werden die Fensterläden verschlossen und die Menschen verbarrikadieren sich in ihre Häuser. Es ist natürlich verständlich, dass sie das tun, denn bei den dünnen Fenstern und ohne Zentralheizung müssen sie irgendwie die Wärme im Haus behalten. Doch diese Technik vermittelt auch das Gefühl von abschotten und einkerkern und dieses Gefühl spürt man in den Menschen. Drei von vier Hausbewohnern öffnen ihre Türen bereits so argwöhnisch, dass ich kaum dagegen ankomme. Es ist als müsste man erst einmal eine Meterdicke Eisschicht durchbrechen bevor man überhaupt an die Menschen herankommt.

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Hinzu kommt dann natürlich die Sprachbarriere, die mich zum Teil in den Wahnsinn treibt. Wenn sich die Leute bemühen, etwas zu verstehen, dann funktioniert es auch recht gut und man kann fast alles verstehen und ausdrücken was wichtig ist. Zum Teil entstehen dabei sogar lustige Situationen, die die Gesamtstimmung auflockern. Doch wenn die Menschen beschließen, nur klares Hochfranzösisch zu verstehen und wenn sie sich weigern auch nur einen Hauch langsamer zu sprechen, dann ist es eine Katastrophe.

Eine lustige Situation, die alle beteiligten in dem Moment ebenfalls in den Wahnsinn getrieben hat, ereignete sich heute Mittag beim Mesmer. Nachdem uns das Rathaus abgewiesen hatte, mit der Begründung, dass es in diesem Ort keine Infrastruktur für die Übernachtung von Wanderern gäbe, stellte uns der Mesmer ein Pfarrhaus zur Verfügung. Als es um die Frage ging, wann wir den Saal beziehen wollen, entstand eine hitzige Diskussion, die keiner von uns wirklich verstehen konnte. Ich hatte zuvor ein paar neue Vokabeln aufgeschnappt und etwas falsch interpretiert und so kam es, dass jeder von uns seine eigene Realität des Gesprächs erschuf.

Mein Gespräch verlief folgendermaßen:

„Wann wollt ihr in den Saal einziehen?“ fragte der Mesmer.

„Wenn möglich jetzt gleich!“ antwortete ich.

„Aber wann genau?“

„Jetzt, wenn es geht?“

„Nein, nein, wann? Um 20:00 Uhr?“

„Nein, jetzt sofort!“ sagte ich verzweifelt und konnte nicht verstehen, warum der Mann so stur darauf beharrte, uns den Schlüssel erst heute Abend zu geben.

„19:00 Uhr?“

„Nein! Jetzt! Wir haben alle Sachen parat und würden gerne unsere Wagen unterstellen!“ Verdammter Mist, dachte ich dabei, das kann doch nicht so schwer sein!

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„Um wie viel Uhr? 18:30? 18:00?“ fragte er und verzweifelte ebenfalls.

Zur gleichen Zeit führte der Mesmer mit mir das folgende Gespräch:

„Wann wollt ihr in den Saal einziehen?“ fragte der Mesmer.

„Wenn möglich heute Abend!“ antwortete ich.

„Aber wann genau?“

„Heute Abend, wenn es geht?“

„Nein, nein, wann? Um 20:00 Uhr?“

„Nein, heute Abend!“

„19:00 Uhr?“ sagte er verzweifelt und konnte nicht verstehen, warum ich so stur darauf beharrte, ihm keine genaue Zeit nennen zu wollen.

„Nein! Am Abend! Wir haben alle Sachen parat und würden gerne unsere Wagen unterstellen!“ sagte ich und verzweifelte ebenfalls.

„Um wie viel Uhr? 18:30? 18:00?“ Verdammter Mist, dachte er dabei, es kann doch nicht so schwer sein, sich auf eine Zeit festzulegen!

Erst als der Pfarrer kam, der etwas Spanisch sprach und den Übersetzungsfehler aufklären konnte, wurden wir aus unserer Spirale erlöst.

Jetzt hatten wir also einen Schlafplatz. Leider wieder einen ohne Dusche, ohne Heizung, ohne Küche und ohne warmes Wasser. Körperliche Hygiene kam zurzeit wirklich etwas zu kurz. Auch Internet war schwerer zu finden als ein Goldschatz auf dem Grund des Atlantiks. Den Nachmittag verbrachten wir mit der Suche nach Essen, Internet und einem Doktor für Heikos Bein. Von der Essenssuche habe ich ja bereits berichtet. Die Internetsuche blieb erfolglos doch der Arztbesuch war dieses Mal besser. Wir fanden einen Osteopaten, der Heikos Rücken genau anschaute und ihm sogar eine Massage verpasste.

„Ihr müsst viel mehr trinken!“ sagte er, „deine Muskeln sind total dehydriert. Es scheint, dass dein Körper im Moment sehr stark entgiftet und daher auch viel Wasser verliert. Warum er das macht kann ich mir jedoch nicht erklären!“

Das musste er auch nicht, denn die Antwort darauf wussten wir ja bereits. Direkt neben der Praxis befand sich ein Optiker. Auch so einen hatte ich schon ewig gesucht, da meine Brille die dumme Angewohnheit hatte, mir ständig von der Nase zu rutschen. So konnten wir auch dieses Problem beheben.

Zur Feier des Tages wurden wir dann sogar von einem kleinen Restaurant auf eine Portion Pommes eingeladen, wie wir auf der Außenterrasse vor dem Hafen essen konnten. Das allein war bereits großartig, doch noch besser war die Begegnung, die wir dabei hatten. Gerade als wir in unseren ersten Kartoffelstick beißen wollten, tauchte eine Bisamratte neben uns im Wasser auf und schaute uns direkt an. Heikos Fotografenherz war sofort angetickt und die Pommes rückten in den Hintergrund. Auch die Bisamratte war begeistert von uns und blickte Heiko einige Male direkt in die Kamera. Später entdeckten wir sogar noch den Stammplatz der Ratten. Es war eine Schiffsschraube von einem Hausboot, auf die sie sich legten um sich zu sonnen. Hier tauchten nicht nur eine sondern gleich zwei Bisamratten auf, die für die Fotos Modell standen. Oder besser gesagt: Modell schwammen.

Spruch des Tages: Wo ist verdammt nochmal diese universelle Sprache, wenn man sie mal braucht?

Höhenmeter: 5 m

Tagesetappe: 6 km

Gesamtstrecke: 6051,37 km

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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