Tag 242: Am Scheidepunkt

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Tag 242: Am Scheidepunkt

Tag 242: Am Scheidepunkt

Heute war ein wichtiger Tag, an dem es viel zu verstehen und zu begreifen gab. Seit ein paar Wochen befinde ich mich in der vierten Schwelle, der Schwelle von „Alle anderen sind doof.“ Irgendwo war es mir die ganze Zeit über schon vollkommen bewusst, aber ich wollte es trotzdem nicht wahr haben. Klar fragte ich mich hin und wieder, ob es auch an mir liegen konnte, wenn die Dinge einmal nicht so liefen, wie sie liefen, doch ich stellte die Frage nie ernsthaft. Eigentlich wollte ich es nicht wissen. Ich wollte weiterhin glauben, dass ich alles richtig mache, während die ganze Welt ein Arschloch war. Die Spanier waren Schuld daran, wenn wir nicht genügend zu Essen hatten und so lange mit der Schlafplatzsuche beschäftigt waren, dass ich nicht zum Arbeiten kam. Meine Mutter war Schuld daran, dass ich nicht zu mir stehen kann, das ich Ängste habe, keine Verantwortung für mich übernehmen kann, mich nicht männlich fühle und meine Sexualität nicht leben kann. Und Heiko war natürlich an allem schuld, was uns so im Alltag wiederfuhr. Nur mich selbst wollte ich als unschuldigen Helden sehen, der sein Bestes zur Rettung der Welt gab. Dass ich das nicht war wusste ich selbst und ich verurteilte mich dafür ununterbrochen. Ich war wütend auf mich, über jeden kleinen Fehler den ich machte und ich versuchte ihn deshalb vor mir selbst und vor allem vor anderen zu verstecken. So manövrierte ich uns heute Morgen aus der Stadt und übersah dabei, dass eine Straße am Bahnhof eine Unterbrechung hatte. Als wir schließlich in der Sackgasse standen und den Kilometer zurücklaufen mussten, gab ich Google die Schuld und behauptete, dass die Straße auf der Karte als durchgängig eingezeichnet war. Zu meinem Pech warf Heiko selbst einen Blick auf die Karte und konnte dort klipp und klar erkennen, das die Straße als genau die Sackgasse eingezeichnet war, in der wir nun standen. Solche Fälle häuften sich in der letzten Zeit und damit machte ich das Leben für meine Mitmenschen ungeheuer schwierig. Gleichzeitig war ich so sehr im Ego verhaftet, dass ich mir meine Fehler nicht eingestehen konnte, ohne dabei gleich im Selbstmitleid zu versinken. Es gab nur noch zwei Modi: Entweder ich versuchte ein egoversessener Rambo zu sein, der alles alleine schaffte und der vor allen gut dastand, oder ich versank in Selbstmitleid und fühlte mich wie die letzte erbärmliche Muschi. Was ich dabei nicht merkte war, das beides nur dazu diente, mein Ego zu streicheln. Als Rambo bekam es Anerkennung und wollte dafür gelobt werden, was für ein harter und cooler Hecht ich bin, der einfach zu Fuß um die Welt wandert. Meine Hoffnung war, dass nun plötzlich alle Frauen auf mich stehen, weil ich jetzt ein Abenteurer war. Ich wollte gefeiert und anerkannt werden. Als Muschi hingegen erschlich ich mir das Mitleid meiner Mitmenschen, um damit wieder mein Ego streicheln zu können. Es wollte schließlich nicht nur anerkannt sondern auch gehätschelt und liebgehabt werden.

Auf einer Ebene war mir das alles absolut bewusst und doch merkte ich, dass ich nichts daran veränderte. Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht konnte. Es erschien mir zu schwierig und deshalb gab ich lieber gleich ganz auf und steckte meinen Kopf so tief in den Sand, dass ich Nackenschmerzen bekam. Anschließend wunderte ich mich, warum ich keinen Ausweg sehen konnte. Mit jedem Mal, dass ich mich selbst dabei erwischte, wieder etwas falsch gemacht habe, und das kommt in letzter Zeit verdammt oft vor, steigerte sich der Ärger über mich selbst. Ich konnte einfach keine Freude mehr daran empfinden, wachsen und lernen zu dürfen, weil ich in allem nur noch das Negative sah. Ich weiß, viele von euch haben mir das schon des Öfteren einmal in Mails oder Kommentaren mitgeteilt, doch ich wollte es nicht wahr haben. Ich hatte meine Weltsicht und eine andere wollte ich nicht zulassen. Die Menschen waren nun einmal komisch und kaltherzig und wollten uns nicht helfen. Sie machten sich krank, hatten keine Gefühle, lebten ihr Leben nicht und drehten sich immer in den gleichen Gedankenspiralen, die sie zu Zombies machten. Und ja, diese Beobachtungen stimmten. Viele Menschen, denen wir begegneten, hatten genau diese Probleme. Sie waren zu Zombies geworden und sie hatten ihre Lebensfreude verloren, so dass sie nicht mehr Hilfreich sein konnten. Doch war das nicht der gleiche Prozess in dem auch ich steckte? Waren sie deshalb schlechte Menschen? Aus meiner Perspektive ja. Wenn diese Menschen nicht so verkappt wären und sich endlich einmal entwickeln würden, dann könnte ich ihnen folgen. Wer Unschuldig ist, wirft den ersten Stein! Doch ich warf mit Steinen um mich, obwohl ich so voller Schuld war, dass ich mich selbst nicht mehr leiden konnte. Das Problem bestand nicht darin, dass die anderen Menschen in ihrer Negativität und in ihrem Ego verhaftet waren. Es bestand darin, dass ich es selbst war. Die Splitter in ihren Augen konnte ich erkennen doch der Balken vor meinem eigenen Kopf, an dem ich mir ununterbrochen das Gehirn anschlug, der war für mich unsichtbar. Ich war nicht sauer auf die Menschen, weil sie uns nicht halfen, ich hasste sie dafür, dass sie mich spiegelten. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass ich selbst in den gleichen Schleifen steckte, dass ich selbst genauso wenig hilfreich war und dass auch ich ein Parasitenleben führte, in dem ich davon lebte, dass ich anderen Energie, Zeit und Kraft stahl. So musste Heiko immer alles hinter mir herräumen, musste jeden morgen zwei Mal nachschauen, ob wir auch sicher nichts vergessen haben und selbst wenn ich versicherte, dass ich alles eingepackt hatte, konnte er sich dessen nie sicher sein. Alle Entscheidungen wälzte ich auf ihn ab, weil ich mich selbst nicht traute, eine klare Entscheidung zu fällen und auch die Verantwortung dafür zu übernehmen. Und hinzu kam, dass ich mit meinen Aufgaben ständig im Verzug war. Nach acht Monaten hatte ich es noch immer nicht geschafft, mit dem Blog ins verdienen zu kommen, ich hatte viele Texte, die ich schreiben wollte nicht fertig gestellt und kam kaum mit irgendeinem Projekt voran. Trotzdem ich mich auf einer Weltreise befand, auf der ich alle Zeit der Welt hatte, fühlte ich mich ständig überfordert. Wie konnte das sein? Vor allem deshalb, weil ich ständig den Fokus verlor, weil ich kein Gefühl dafür hatte, was gerade anstand und was nicht. Und weil ich immer wieder vergaß, was meine eigentlichen Ziele waren. War ich unterwegs nur um vor mich hinzuvegetieren und um Tagesberichte zu schreiben, in denen ich versuchte mich selbst als tollen Hecht darzustellen? Ich denke nicht! So oft ich auch bereits geglaubt hatte, dass ich einen Schritt weiter war, so sehr musste ich jetzt wieder feststellen, dass ich jedes Mal wieder in die gleiche Schiene zurück rutschte. Auf der einen Seite arbeitete ich ohne jedes Ziel und wunderte mich dann, dass es mir keine Freude machte und dass ich mich ununterbrochen verzettelte. Und auf der anderen Seite wollte ich meine Ziele erreicht haben, ohne jemals etwas dafür zu tun.

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Dadurch kam es auch, dass ich versuchte, nur noch zu funktionieren, ohne nach links und rechts zu schauen. Und wieder brachte ich dadurch unsere ganze Mission in Gefahr.

Dies war der zweite Punkt, der heute wichtig war. Kurz nachdem wir die richtige Straße eingeschlagen hatten und durch eine lärmende und stinkende Industrieanlage wanderten, bekam mein rechter Reifen einen Platten. Ich ärgerte mich darüber, dass es genau an dieser ungemütlichen Stelle sein musste und machte mich ans Reparieren. Dabei bemerkte ich, dass mein Reifenmantel zum Teil bis aufs Gewebe abgerieben war. Erst im Nachhinein wurde mir klar, was der Platten für ein Geschenk war, denn ohne ihn hätte ich nie darauf geachtet. Gleichzeitig macht es mir noch einmal bewusst, wie engstirnig ich gerade bin, dass ich erst einen Plattfuß brauche, dass ich einmal einen Blick auf meinen Reifen werfe.

Auf dem weiteren Weg sprachen Heiko und ich intensiv über dieses Thema. Ihm war der Prozess in dem ich gerade steckte natürlich nicht unbemerkt geblieben. Er wusste genau was mit mir los war und wie sehr ich gerade in der vierten Schwelle verhaftet war. Auch er hatte eine Phase in seinem Leben gehabt, in der er allen anderen die Schuld gegeben hat, außer sich selbst. Er war irgendwann an einen Punkt gekommen, an dem er erkannt hatte, was die Menschen mit sich selbst und mit dem Planeten Erde machen. Damals hatte er begonnen, alle Menschen zu hassen und er wäre am liebsten zu einer anderen Spezies konvertiert. Nun ging es mir ganz genauso, wenngleich ich es mir nicht eingestehen wollte. Ich redete mir ein, dass ich optimistisch und positiv gestimmt war und dass ich die Menschen verstehen konnte. Unter dieser harmoniesüchtigen Oberfläche war ich jedoch bitterlich endtäuscht wurde mit jeder Begegnung wütender. Immer, wenn ich mir vornahm, positiv auf die Spanier zuzugehen, dann folgte eine Begegnung wie die mit Julio, der uns erst Hoffnung gemacht und uns dann sitzen gelassen hatte und schon war ich wieder voller Wut. Gleichzeitig vergaß ich alle Geschenke die sie uns gaben und ich wurde blind für all das Positive, dass uns wiederfuhr. Auch erkannte ich nicht, dass die Menschen nicht aus Böshaftigkeit handelten, sondern aus ihren eigenen Systemen und Ängsten heraus. Wie jedoch soll ein Mensch positiv auf mich reagieren, wenn ich ihm von vornherein mit Ablehnung und Hass begegnete? Er konnte es nicht! Wie wollte er mir glauben, dass ich ihm Helfen konnte, wenn ich es selbst nicht tat? Wie wollte er mich verstehen, wenn ich selbst nicht einmal wusste, wer ich überhaupt war. Dass ich trotz meiner fehlenden Authentizität, und trotz der mangelnden Ausstrahlung dennoch so viel geschenkt bekam, grenzte eigentlich an ein Wunder. Aber war ich dafür dankbar? Nein! Ich ärgerte mich stattdessen über diejenigen, die mich ablehnten. Obwohl es jeden Grund dazu gab, mir nicht zu helfen. Ich war mir ja oft nicht einmal sicher, ob ich mich selbst unterstützen würde. Doch all das wollte ich nicht sehen. Ich wollte weiterhin glauben, dass ich der Gute und die anderen die Bösen waren. Ich lebte in meinem Ego, versuchte jeden an die Wand zu diskutieren und hatte mein eigenes Herz wieder einmal ausgesperrt.

Heiko war vollkommen bewusst, dass ich mich auch weiterhin in dieser Spirale drehen würde, wenn ich es nicht schaffte irgendwie aufzuwachen. Mit Gesprächen und Hinweisen hatte er es bereits versucht und das nun schon seit mehr als vier Jahren. Doch nichts hatte bislang geholfen. Ich wollte den Schritt in die Selbstverantwortung nicht gehen, weil ich wusste, dass er Anstrengung und Arbeit bedeutete. Der Fehler meiner Eltern hatte nicht darin bestanden, dass sie sich nicht gut um mich gekümmert hatten, er bestand darin, dass ich es zu gut hatte. Ich hatte nie lernen müssen, selbst wieder aufzustehen, weil mir immer wieder eine helfende Hand hingehalten wurde. Solange ich die Einstellung hatte, dass ich selbst nichts tun musste, würde ich mich immer auf den Schultern der anderen ausruhen. Ihm war klar, dass ich nur aufwachen würde, wenn ich wirklich einmal spürte, was eine Grenze war.

Aus diesem Grund stellte er mich auf halbem Wege vor eine Entscheidung: „Ich weiß, dass du dich entwickeln WILLST und ich weiß auch, dass du an den Buchprojekten arbeiten WILLST. Aber es gibt einen Unterschied zwischen WOLLEN und HANDELN und vom WOLLEN ist noch nichts passiert. Seit vier Jahren sagst du nun schon, dass du zeiteffektiver werden willst, dass du deine Aufmerksamkeit trainieren willst, dass du deinen Körper und deine Ausstrahlung trainieren willst und dass du erfolgreich werden willst. Was ist davon bis jetzt passiert?“

„Noch nichts!“ antwortete ich niedergeschlagen.

„Wie oft hast du etwas für deinen Oberkörper getan? Wie sehr hast du dich schon damit auseinandergesetzt, dass deine Trichterbrust verschwindet? Oder deine Kurzsichtigkeit? Wie viel hast du bereits zu den Buchprojekten beigetragen? Wo sind die Texte, die du fertigstellen wolltest?“

„Es stimmt, das meiste davon ist unerledigt!“ sagte ich.

„Das Problem ist, dass du nicht willst. Es ist nicht so, dass du das nicht alles schon hättest tun können, du willst nicht! Du bist einfach eine faule Sau. Die Frage ist, willst du dass es so ist? Willst du ein Obdachloser sein, der nichts beiträgt und nichts erschafft? Wenn ja, dann ist das Ok, aber dann steh auch dazu! Dann sei es und tu nicht so, als würdest du etwas machen, was du gar nicht machst. Gerade bist du ein Parasit, der den Menschen Energie raubt! Sei mal ehrlich! Wie vielen Menschen auf dieser Reise hast du schon geholfen? Wirklich geholfen?“

„Sehr wenigen!“ antwortete ich.

„Also“, antwortete Heiko, „bis heute Abend will ich eine Entscheidung! Willst du ein Teil des Teams sein, dass seine Aufgaben ernst nimmt, oder willst du es nicht? Dann entscheiden wir, ob wir weiter zusammen gehen wollen oder ob wir ab sofort getrennte Wege gehen!“

Das Ultimatum kam hart. Noch härte waren jedoch die Gehirnstimmen, die danach in meinem Kopf herumgeisterten. Die Idee einfach loszulassen und alleine weiter zu ziehen kam mir gerade sogar recht gut vor. War es vielleicht das Richtige, eine Weile alleine Unterwegs zu sein? Vielleicht war dies der einzige Weg um zu lernen, wirklich selbstständig zu sein? Gleichzeitig fühlte ich mich unendlich schuldig, weil ich Heiko das Leben mit meiner Miesmufflichkeit, meiner Unstrukturiertheit und meiner ständigen Negativität das Leben so schwer machte. Ich wollte ihm nicht zur Last fallen. Ich wollte die Mission nicht gefährden. Alleine war er vielleicht besser dran und ich konnte einmal wirklich sehen, ob ich selbstständig sein konnte oder nicht. Wenn es nicht klappte, dann starb ich vielleicht bei dem Versuch oder ich endete irgendwo als Straßenpenner, aber dann wusste ich wenigstens Bescheid.

„Warum so schweigsam?“ fragte Heiko.

Ich erklärte ihm meinen Gedankengang und die Überlegung dass ich vielleicht wirklich alleine weiter ziehen musste.

In meinem Gedankenbild hatte ich mir die Situation so vorgestellt, dass wir uns einfach in Güte trennen würden und dann vielleicht später wieder gemeinsam laufen würden. Doch keine Sekunde lang hatte ich mir einen Gedanken darüber gemacht, wie diese Entscheidung bei Heiko ankommen musste. Er hatte vier Jahre lang auf mich gebaut, hatte mich in all seine Projekte mit einbezogen, hatte mich in seine Familie mit aufgenommen, mich in seiner Wohnung wohnen lassen und mir meine Reise bis hier her ermöglicht. Und anstatt diese Geschenke zu wertschätzen und etwas daraus zu machen, wollte ich sie jetzt einfach wegwerfen. Ich wollte ihn hier mitten in der Wüste allein lassen, weil mein Ego glaubte, dass es als einsamer Kämpfer besser lernen konnte. Oder besser gesagt, dass es alleine, ohne Spiegel und Mentor besser beim Alten bleiben konnte. Dass es sich dem Leben nicht stellen musste und dass es weiterhin sein Schmarotzerdasein frönen konnte. In meinem Kopf hatte ich die Idee so hingedreht, dass sie selbstlos wirkte. Ich opferte mich, um Heiko nicht länger ein Klotz am Bein zu sein. Doch in Wirklichkeit wollte ich ihn im Stich lassen um mich vor meiner Aufgabe zu drücken.

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Dementsprechend wütend reagierte Heiko: „Was bist du nur für ein verschissenes, egobesessenes Arschloch!“ schrie er mich an. „Du bist der ekelhafteste und undankbarste Mensch den ich kenne! Dass dich deine Eltern verstoßen haben kann ich absolut verstehen! Ich hätte es genauso gemacht! Alles hab ich dir gegeben! Ich habe dich aufgenommen und in meine Familie geholt! Ich habe dir ermöglicht frei zu sein und du trittst es mit Füßen! Ich habe dir über die Jahre tausende von Euro geschenkt, damit du überhaupt auf diese Reise gehen konntest. Alleine bist du nichts! Ich will dich nie wieder sehen! Verpiss dich! Du ekelst mich an! Ich will alles haben, was mir gehört und dann scher dich zum Teufel!“

Ich stand da wie ein Kaninchen vor der Schlange und regte mich nicht. Ich spürte, dass er Recht hatte. Ich war undankbar und ich hatte nichts davon verdient, was ich als mein Eigentum betrachtete. Ich fühlte mich Schuldig und ich wusste, dass ich es verdient hatte, in der Wüste zu verrecken.

Heiko ging zu seinem Wagen zurück und nahm seine Wasserflasche. Er trank einen Schlug und kam dann mit festen Schritten wieder zu mir zurück.

„Jetzt hol dir deine verdammte Tracht Prügel ab, die du verdient hast, du widerlicher Arsch!“ schrie er und kam direkt auf mich zu. Ich stellte mich ungeschützt vor ihn hin und wartete auf die Schläge. Aus irgendeinem absurden Grund, der mir in diesem Moment noch nicht klar war, wünschte ich sie mir sogar. Doch sie kamen nicht. Stattdessen schüttete mir Heiko das Wasser aus seiner Flasche ins Gesicht.

„Merkst du nicht, was du da tust? Andere Menschen sind dir scheiß egal. Du denkst nur an dich! Du willst nicht dienen, du willst nur haben! Du elender undankbarer Drecksack!“

Ein weiterer Schwall Wasser landete in meinem Gesicht.

„Ich warne dich! Das ist das letzte Mal, dass ich deinen Egowahnsinn durchgehen lasse! Das nächste Mal werde ich dich windelweich prügeln, so wie du es verdient hast! Und jetzt komm und nimm deine Sachen!“

Er ging die Straße hinunter zu seinem Wagen und ließ mich stehen. Langsam setzte ich meinen Rucksack wieder auf und schnallte meinen eigenen Wagen an. Dann trottete ich ihm hinterher. Es dauerte ein paar Meter, dann blieb er stehen und ließ mich aufholen. Zu meiner Überraschung, war er nicht wütend.

„Dir ist schon klar, dass du nicht mich vor dir gesehen hast, sondern deinen Vater?“ fragte Heiko ernst.

Ich schluckte. Jetzt wo er es sagte, fiel es mir tatsächlich auf. Ich hatte ihn nicht als meinen besten Freund gesehen, der mich anschrie weil wir einen Streit hatten. Ich hatte in ihm wirklich meine Eltern gesehen.

„Tobias“, sagte er, „ich bin wirklich nicht sauer auf dich, aber es ist überhaupt nicht in Ordnung, dass du deine Kriegsschauplätze an mir austrägst. Du erinnerst dich an die Gestalttherapie, die wir mit Paulina gemacht haben. Nichts anderes habe ich jetzt mit dir gemacht. Doch am Abend an einem ruhigen Platz hätte es bei dir keine Kraft gehabt. Du musstest glauben, dass es echt ist. Und glaub mir, es ist mir leicht gefallen, denn du bist im Moment ein undankbares Arschloch. Nicht nur deinen Eltern sondern auch den Spanien und mir gegenüber. Doch mit dir darüber zu Reden hätte nichts geändert. Du musstest es einmal spüren. Ich denke, dass es wichtig gewesen wäre, wenn dein Vater einmal so auf den Putz gehauen hätte, um dich in deine Schranken zu weisen. Sie haben dir das Leben geschenkt, sie haben dich aufgezogen, die eine schöne Kindheit ermöglicht, sie haben dir die Uni finanziert und sie haben alles dafür gegeben, dass du ein gutes Leben haben kannst. Ist es also Fair, sie dafür zu hassen und ihnen mit nichts zu danken? Ist es fair nur das negative zu sehen und ihnen die Schuld für deine Probleme zu geben?“

„Nein!“ sagte ich traurig. Die Tränen liefen mir herunter und ich weinte fast den Rest des Weges. Doch zum ersten Mal seit langem schämte ich mich nicht dafür.

„Es ist richtig,“ fuhr Heiko fort, „dass ihr euch immer nur im Ego unterhalten habt und dass sie dich oft manipuliert hat. Doch es war deine Entscheidung, so damit umzugehen, wie du es getan hast. Dafür kann sie nichts. Sie hat ihren Teil der Waagschale gehalten und du deinen. Es ist wahrscheinlich gut, die Kommunikation auf der Ego-Ebene abzubrechen, doch du kannst ihr nicht deinen Teil der Schuld hinhalten und ihr die Verantwortung für dein Leben zuschieben. Du verlangst von ihr, dass sie dich versteht, aber du gibst ihr dazu keine Chance. Du bist immer vor ihr weggelaufen und wunderst dich, dass sie nicht nachvollziehen kann, was du in deinem Leben machen willst. Aber du versuchst nicht einmal sie zu verstehen! Du sagst das immer in deinen oberflächlichen Mediationsvokabeln, aber ein tieferes Verstehen findet nicht statt. Es ist dir scheißegal, wie es ihr damit geht. Und das ist nicht in Ordnung. Wenn du offen bist und begreifen kannst, wie sie sich fühlt, dann kann ein Boden entstehen auf dem es sein KANN, nicht MUSS, dass wieder eine Verständigung stattfindet. Doch im Moment willst du einfach nur Recht haben. Und das Prinzip überträgst du auf jeden. Du versuchst jeden aus deinem Leben zu vertreiben. Sogar mich. Überleg dir das mal! Du musst die Gefühle dort lassen, wo sie hingehören, aber du trägst sie überall mit dir herum und wunderst dich dann, dass die Menschen nichts mit dir zu tun haben wollen!“

Später kamen wir noch auf einen anderen Punkt. Warum hatte ich die Schläge haben wollen?

„Du wolltest einen Teil deiner Schuld abbauen!“ sagte Heiko. „Dir ist ja vollkommen bewusst, was für eine Scheiße du baust und du wolltest dafür bestraft werden, damit du dich nicht mehr so schlecht fühlst. Ist dir klar wie krass das ist?“

Am Nachmittag bekam ich dann gleich mehrere Begegnungen, die mir meine Situation wie ein klarer See spiegelten. Zuerst fragte ich in einem Landgasthaus nach einem Schlafplatz. Die freundliche, ältere Dame sagte sofort zu und ihre Tochter nahm die Daten von unseren Personalausweisen auf. Wir unterhielten uns kurz über unser Projekt und unsere Reise und die Tochter fragte mich, wie es denn funktionierte, dass wir ohne Geld reisten. Ich erklärte ihr, dass wir die Schlafplätze gegen Werbung tauschten und dass wir uns außerdem mit Naturmedizin beschäftigten und den Menschen dadurch helfen konnten, wenn sie es wollten.

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Dann verließ ich das Haus um Heiko zu holen. Als wir zurückkamen war die Tür verschlossen. Die Mutter öffnete und reichte uns unsere Pässe.

„Es tut mir leid!“ sagte sie, „aber meine Tochter möchte doch nicht, dass ihr hier übernachtet.“

Einen Grund wollte sie nicht nennen und sprechen wollte die Tochter nun auch nicht mehr mit uns.

Warum hatte sie diesen plötzlichen Sinneswandel? War ich so unauthentisch gewesen? Oder hatte sie das gleiche Problem mit Harmoniesucht und Entscheidungsunfähigkeit wie ich?

In einer Bar fragte ich nach dem Pfarrer oder einem Bürgermeister. Die Frau begann sofort wild und schnell zu diskutieren, wobei sie sich rein im Ego befand und für nichts offen war, was an Informationen von meiner Seite hätte kommen können. Sie wollte Recht haben, alles andere war ihr egal. Kurz geriet ich in Versuchung mich auf die Diskussion einzulassen und mein Ego gegen das ihre zu stellen. Dann merkte ich, was ich machte und bat sie lediglich um eine Flasche Wasser.

„Was seit ihr denn für Schmarotzer?“ fragte sie. „Draußen ist ne Quelle, da kannste dir Wasser holen!“

Ihr Kollege wies sie in die Schranken und schickte sie zur Kühltruhe um ein Wasser zu holen. Ich spürte, wie ich schon wieder wütend wurde. So sehr ich es auch versuchte, ich konnte sie nicht mögen. Doch sie hatte auch einen Kernpunkt getroffen. Wo diente ich? Was trug ich wirklich bei, das meine Reise rechtfertigte?

Kurz darauf bekam ich die Gelegenheit, die Frage zu beantworten. Ein altes Ehepaar begegnete uns auf der Straße und nach einem kurzen Anfangsgeplänkel kamen wir auf die Wassereinlagerungen der Frau zu sprechen, die ihre Beine aufquellen ließen. Ich selbst konnte ihr keine Diagnose erstellen, doch ich konnte die von Heiko übersetzten und durch meine eigenen Überlegungen ergänzen. Es war nicht viel, aber es war ein Beitrag, über den sich die Frau freute.

Nun suchten wir den Bürgermeister auf, der wohl die schicksalhafteste Begegnung des Tages war. Seine Frau öffnete uns die Tür und bot uns beide ins Wohnzimmer, wo ihr Mann auf dem Sofa saß und Fernsehen schaute.

Wir stellten uns vor und erzählten ihm unser Anliegen. Dabei stellte sich heraus, dass er ebenfalls schwer Krank war. Er hatte eine seltene Krankheit, die den Ärzten nahezu unbekannt war. Seine Muskeln und Nerven zersetzten sich langsam und er wurde immer schwächer. Nachdem was wir aus seinen Erzählungen heraushören konnten war das Problem, dass sein Körper kein Eiweiß mehr aufnehmen konnte, und daher langsam die eigenen Eiweißvorräte aus den Muskeln aufbrauchte, um nicht zu sterben. Die Folge war, dass er kaum mehr laufen und sich bewegen konnte.

Er selbst wollte uns keinen Schlafplatz anbieten. Er hatte zwar eine Garage und es gab auch einige Räume der Stadt, doch er hatte Angst, dass die Einladung einen Rattenschwanz nach sich ziehen würde. Denn aufgrund der vielen Landwirtschaft lebten hier in diesem Dorf viele Marokkaner, die auf den Feldern arbeiteten. Sie waren sehr arm und unter den Spaniern nicht gerne gesehen, wenngleich sie es waren, die die Afrikaner als Arbeiter brauchten.

„Wenn ich euch einlade“, sagte der Bürgermeister, „dann kommen morgen 10 Marokkaner und wollen das gleiche! Das kann ich nicht machen.“

Es war nicht einfach zu verstehen, dass dies eine wirklich existierende Angst war, die ihn vom Helfen abhielt. Er fühlte sich sichtlich schlecht damit, konnte aber nicht aus seiner Haut. Und das obwohl er wusste, wie irrational die Angst war, denn niemand würde unsere Anwesenheit überhaupt mitbekommen.

Er rief den Pfarrer an und begann sein Gespräch mit „Ich habe hier ein Problem!“

Dass der Pfarrer nicht zusagen konnte, war ab diesem Moment klar.

Obwohl klar war, dass uns der Mann nicht helfen würde, entschieden wir uns dennoch dafür, ihm bei seiner Krankheit weiterzuhelfen. Wir stellten ihm Fragen, äußerten Vermutungen und überprüften an seiner Reaktion, ob wir richtig gelegen hatten oder nicht. Er war jedoch so verbohrt darauf, dass seine Krankheit unheilbar war, dass er uns fast nicht zuhören konnte. Schließlich erhob sich seine Frau und meinte: „Das Essen wird kalt! Wir sollten jetzt wirklich in die Küche gehen!“

Heiko und ich sahen uns ungläubig an. Dass sie uns nicht weiterhelfen wollten, war nachvollziehbar. Aber dass sie ihrem Mann eine Möglichkeit auf eine Heilung verbaute, weil es jetzt Zeit zum essen war, das leuchtete uns nicht ein. Ob wir am Ende wirklich auf eine Idee gekommen wären, die ihm hätte helfen können wissen wir natürlich nicht, aber die Chance war da. Eine Chance, die einfach so in sein Haus kam, die ihm geboten wurde, ohne dass er sich dafür auch nur einen Zentimeter bewegen musste und für die er nichts bezahlen musste. Doch er wollte sie nicht wahrnehmen und schickte sie einfach wieder weg.

War dies nicht genau das gleiche, das ich auch immer wieder versuchte? Heiko, Paulina, die Spanier, die Tiere, mein Wagen, meine Eltern, das Universum und Mutter Erde, sie alle boten mir täglich Chancen mich zu entwickeln und meine Themen aufzulösen, doch ich werte sie alle mit der Fliegenklatsche ab und war deswegen beleidigt.

„Muskeln stehen direkt in Verbingung mit Handeln!“ sagte Heiko später.

„Du meinst also, der Mann war ein wirklich deutlicher Spiegel für mich?!“

„Ja, er hat dir gezeigt, wohin es auch für dich gehen kann, wenn du nicht ins handeln kommst. Er hat sich dafür entschieden untätig zu bleiben und sich hinter seiner Angst zu verstecken, bis er in seinem Körper gefangen war. Ich weiß nicht, ob du das auch willst?“

„Nein!“ sagte ich bestimmt, „das will ich nicht!“

Mir wurde auch bewusst, dass ich genau wie der Mann, in meinen Existenzängsten verhaftet war. Ich war so darauf fixiert, dass ich kein Geld hatte, dass ich nicht merkte, wie gut ich ohne zurecht kam. Seit acht Monaten lebte ich im wahren Wohlstand und doch hatte ich ständige Existenzängste, die mich völlig starr werden ließen. Diese Ängste waren auch der Grund, warum sich mein Ego so aufspielte. Es hatte Angst und musste sich deshalb behaupten.

Auf dem Weg aus der Stadt hielt plötzlich ein Auto neben uns. Ein junges Paar mit einem Baby saß darin. Der Mann sprang sofort heraus und fragte, ob er ein Foto von uns machen könne. Wir hatten nichts dagegen. Als wir ihn fragten, ob er eine Idee für einen kostenlosen Schlafplatz hätte, lud er uns zu sich nach hause ein. Allerdings erst am Abend. Wir sind also noch nicht sicher, ob es diesmal wirklich ein Schlafplatz wird, oder ob er sich ebenfalls in letzter Sekunde wieder umentscheidet. Time will tell.

Spruch des Tages: Alles hat einen tieferen Sinn.

 

Höhenmeter: 20 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 4795,47 km

 

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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