Tag 347: Lernen ohne Zwang

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Tag 347: Lernen ohne Zwang

Tag 347: Lernen ohne Zwang

Gerade als Heiko unter die Dusche steigen wollte, begann sein Ohr wieder zu pfeifen.

„Ich glaube, der Lärm und die Ereignisse der letzten Tage waren etwas zu viel für meine Ohren. Ich werde mich erst Mal hinlegen und mich etwas ausruhen!“ sagte er mir, als er an der kleinen Küche vorüber kam.

Eine Weile ließ ich ihn schlafen. Dann machten wir eine kurze Heilungssession, bei der ich meine Hände auf seine Ohren legte. Es wurde wieder etwas besser und Heiko war bereit für ein kurzes Abendessen, bevor er sich dann endgültig für die Nacht hinlegte. Es dauerte nicht lange und er fiel in einen unruhigen Schlaf, bei dem er sich wild hin und her wälzte. Ich war ganz froh, dass ich mich am Tisch hinter meinem Computer befand denn mehrere Male wälzte er sich mit solchem Schwung auf meine Luftmatratze herüber, dass er mich sicher erschlagen hätte, hätte ich bereits dort gelegen.

Als ich mich dann schließlich wirklich hinlegte, war die schlimmste Phase jedoch bereits vorbei. In der Früh erzählte er mir dann, dass ich mich anschließend etwa genauso hin und her geworfen hatte.

Als wir die Autobahn hinter uns gelassen hatten und wieder zwischen den Bergen hindurchwanderten, begann Heiko von seinen nächtlichen Erfahrungen zu berichten: „Tobi, ich bin gestern Nacht noch auf einen Schluss gekommen, der glaub ich nicht so unwichtig ist. Du erinnerst dich doch noch an die Geschichte mit Hans und an die Auswirkungen, die seine Verkettung für unser Familiensystem hatte. Er kam damals ja nur deshalb ins Heim, weil er Autist war und somit kam die Angst in unsere Familie, dass einen eine Schwäche oder eine Behinderung töten wird. Die gleiche Angst habe ich heute noch immer, wenn mir Menschen am Herzen liegen. Wenn ich sehe, dass Paulina ihren Lebensweg aufgrund von Ängsten und Blockaden nicht gehen kann, dann kommt bei mir sofort die Angst auf, dass sie daran sterben wird. Auf der einen Seite stimmt das natürlich. Hans ist damals tatsächlich gestorben, weil es keinen Entwicklungsschritt aus dem Autismus heraus gab. Wäre ihm dieser Schritt möglich gewesen und hätte er ihn auch gemacht, dann hätten die Nazis keinen Grund mehr gehabt, Menschenversuche mit ihm zu machen und ihn schließlich verhungern zu lassen. Genauso läuft auch Paulina in Gefahr, an ihrer Arbeit und an der Nichtentscheidung zu ihrem Dharma zu zerbrechen. Sie wird stetig neue und immer härtere Hinweise der Schöpfung bekommen, damit sie ihr Darma lebt und dadurch kommen auch immer größere Leiden und Krankheiten in ihr Leben, die sie schließlich töten können. Das gleiche ist es bei dir, wenn du nicht lernst in deine Aufmerksamkeit und deine Kraft zu kommen, denn dadurch bringst du uns immer wieder in Gefahr und in unangenehme Situationen, die nicht sein müssten. Auch du bekommst ja immer wieder Hinweise in Form von Krankheiten und Schmerzen, mit denen dich die Schöpfung auf den Darmaweg zurückleiten will.

Der Unterschied ist nur, dass ich das bei dir sehr gut annehmen kann und dass es mir leicht fällt zuzusehen, wenn du gerade wieder eine Heilungskrise durchmachst. Bei Paulina fällt mir das aus irgendeinem Grund nicht so leicht. Hier ist die permanente Angst in mir, dass sie scheitern wird und das dieses Scheitern ihren Tod bedeutet. Deshalb baue ich auch diesen Druck auf und versuche sie mit allen Mitteln zu ihrer Wandlung zu drängen. In der Nacht ist mir bewusst geworden, wie paradox das eigentlich ist, denn meine Motivation, sie bei der Wandlung zu unterstützen ist damit ja keine positive, sondern eine aus der Angst heraus. Es geht nicht darum, dass ich sage, wenn du dich entwickelst, dann kann etwas Wunderbares daraus entstehen, sondern dass ich sage, wenn du dich nicht entwickelst dann passiert etwas Schreckliches. Das hat aber nichts mit Vertrauen zu tun und es steht dem Entwicklungsprozess komplett im Weg.“

„Ok, ich glaube ich weiß, worauf du hinauswillst,“ antwortete ich, „durch diese Angst baust du einen Druck auf, der die Freude und die Leichtigkeit aus dem Prozess nimmt. Es ist kein Angebot mehr, sondern wird eine Forderung. Es ist keine Einladung mit dem Thema: Schau, was alles möglich ist, wenn du deinen Medizinkörper und dein wahres Selbst annimmst. Es ist Forderung die gestellt wird und die ein Gefühl des Zwangs mit sich bringt. Doch unter Zwang kann man nicht mir Freude lernen und wo keine Freude ist, findet eigentlich gar kein Lernen statt, weil man sich ja ständig blockiert. Es schürt nur die Angst in einem selbst.“

„Richtig!“ meinte Heiko. „Die Wandlung erfolgt dadurch nicht mehr aus den eigenen Willen heraus, sondern aus einem Pflichtgefühl und damit kann es nicht klappen. Und hier komme ich gerade an den Knackpunkt. Es geht wieder ums Urvertrauen. Es erfordert die Fähigkeit, neben einem geliebten Menschen zu stehen und zuzuschauen, wie er in den Tod geht, ohne ihn davon abzuhalten. Jeder Mensch darf sich frei entscheiden und wenn er sich dafür entscheidet zu sterben, dann müssen wir auch dies akzeptieren. Der Tod ist ebenfalls ein Weg der Heilung und auch hier kann Lernen, Wandlung und Wachstum stattfinden. Doch wir vertrauen der Schöpfung nicht, dass sie auf uns achtet und uns genau das schenkt was wir brauchen. Auch ist der Tod ja nur die vorerst letzte Konsequenz. Davor bekommt man ja genügend andere Hinweise und Krankheiten geschenkt, an denen man wachsen kann. Nur fällt es uns so schwer, sie wirklich als Geschenke zu betrachten. Als Mentor ist dies jedoch eine der wichtigsten Aufgaben. Wenn du als Mentor erkannt hast, was die nächsten Schritte in der Wandlung eines Menschen wären, dann ist das zwar schön, doch nicht ausschlaggebend. Erst wenn der Mensch es selbst erkannt hat, dann kann sich auch etwas wandeln. Der Mentor kann nur Fragen stellen und Hinweise geben, damit der andere auf die Erkenntnis kommt. Wenn er nicht darauf kommt, oder die Wandlung trotzdem nicht durchleben will, dann ist das sein gutes Recht und wir müssen es akzeptieren. Doch das fällt mir gerade unheimlich schwer. Ich glaube, es ist wahrscheinlich die höchste Kunst, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann man einfach zusehen und wann man eingreifen muss.“

„Oha!“ sagte ich, „da fällt mir gerade auf, dass das ja nicht nur Paulina gegenüber so ist. Wir machen es bei uns selbst ja genauso. Auch auf uns bezogen steckt immer die Angst in uns, dass etwas Schreckliches passieren wird, wenn wir unsere Entwicklungsschritte nicht gehen. Es ist kein Vertrauen darauf, dass wir immer die passenden Hinweise bekommen und auch erkennen werden und dass wir uns auf die Schöpfung verlassen können. Wir haben viel zu selten die großartigen Möglichkeiten im Kopf, die uns alle offen stehen, wenn die Entwicklung erfolgt und haben viel zu viel Angst vor dem was uns blüht, wenn sie nicht erfolgt. Das ist ja Blödsinn. Wir haben ja auch keine Angst, was passiert, wenn wir kein Französisch lernen sondern freuen uns einfach immer, wenn wir mal wieder ein neues Wort in unseren Wortschatz hinzufügen. Im Prinzip ist es ja das gleiche. Hätten wir die Sprache als Kinder gelernt, wäre es uns so leicht gefallen, dass wir es nicht einmal bemerkt hätten. Jetzt als Erwachsene ist es natürlich deutlich ansträngender. Nichts anderes ist es ja mit Aufmerksamkeit, der Fähigkeit Entscheidungen zu treffen und einer aufrechten Körperhaltung. Doch hier machen wir uns jedes Mal fertig, wenn es nicht klappt. Wenn wir das beim Französisch machen würden, wären wir bereits verhungert und erfroren, weil wir uns ja gar nicht mehr trauen würden überhaupt noch mit Menschen zu sprechen. Aber hier vertrauen wir einfach darauf, dass wir schon das lernen, was wichtig ist und dass wir die Fortschritte so machen, wie wir sie brauchen. Wenn wir gerade keinen Bock haben, dann lernen wir eben nichts und wenn es uns Spaß macht dann lernen wir umso mehr. Genauso sollte es ja mit allem anderen eigentlich auch möglich sein.“

„Genau!“ gab Heiko zurück, „das ist mir auch schon durch den Kopf gegangen. Es mangelt also schon wieder am Urvertrauen. Ist doch krass, wie oft wir schon dachten, damit durch zu sein und von wie vielen Seiten es dann immer wieder auftaucht. Und du must rechnen, was wir schon alles erlebt und verstanden haben.“

„Das stimmt!“ meinte ich kopfnickend, „wie oft die Menschen beeindruckt davon sind, wie sehr wir im Urvertrauen leben und für uns fühlt es sich an, als wären wir bei 0,1%.“

„Es geht uns eben nicht mehr um ein Brötchen oder eine Tasse Tee,“ antwortete er, „sondern um unser Leben und das ist noch einmal eine größere Hausnummer. Mir fällt übrigens gerade auf, dass es bei deinen Eltern ebenfalls das gleiche Thema ist. Du hast immer den Wunsch in dir gehabt, dass sie sich ebenfalls wandeln und dass es so zu einer echten Harmonie in eurer Familie kommt. Aber wenn du das als Sohn von ihnen einforderst kann das ja nur zu Krieg führen. Wenn, dann müssen sie es selbst wollen, aus ihrer eigenen Überzeugung heraus. Doch es muss für dich genauso Ok sein, wenn sie sich dagegen entscheiden.“

Wir schwiegen eine Weile und wanderten durch die düster-nebelige Berglandschaft. Heute war seit langem wieder der erste Tag, an dem es heftig regnete. Doch der Regen jetzt war nichts gegen den, der in der Nacht hier heruntergeprasselt sein musste. Überall waren noch die Zeichen der Überschwemmung zu sehen. Zum Teil stand das Wasser zentimeterhoch auf den Straßen und der Fluss hatte große Mengen an Sand auf dem Asphalt zurückgelassen.

„Ist dir eigentlich aufgefallen,“ meinte Heiko schließlich, „dass du gestern deine Entscheidung getroffen hast und heute weint der Himmel?“

„Nein,“ gab ich zu, „darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber es stimmt, jetzt wo du es sagst, ist es schon etwas auffällig.“

Er sah mich vielsagend an: „Vielleicht ist es ein Zufall. Vielleicht!“

Spruch des Tages: Es ist das natürlichste auf der Welt, zu lernen und sich zu entwickeln. Bis zu dem Moment, an dem jemand kommt und einen dazu zwingt.

 

Höhenmeter: 250 m

Tagesetappe: 20 km

Gesamtstrecke: 6447,37 km

Bewertungen:

 
52
Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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