Tag 1161: Ein Aufkleber als Andenken

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Tag 1161: Ein Aufkleber als Andenken

Tag 1161: Ein Aufkleber als Andenken

08.03.2017

Man muss sagen, man begegnet auf so einer Reise schon immer wieder auch sehr skurrilen Gestalten. Heute beispielsweise wurden wir auf der Straße von einem Autofahrer angehalten, der uns begrüßte und dann über unsere Reise ausfragte. Es war kein angenehmes Gespräch sondern erinnerte eher an ein Verhör. Lediglich die Schreibtischlampe fehlte, die er uns ins Gesicht halten konnte. Am Ende fragte er uns, wo wir übernachten wollten und wir erzählten von unserer üblichen Adresse beim Rathaus. Seine Reaktion war seltsam, doch wir dachten zunächst nicht weiter darüber nach. „Ihr fragt lieber in der übernächsten Ortschaft, nicht in der nächsten hier, in Ordnung?“ sagte er und wirkte dabei weit mehr wie jemand, der einen Befehl erteilte, als jemand der einem einen Rat geben wollte.
Kurz darauf verstanden wir auch warum. Als wir das Rathaus betraten standen wir dem Mann erneut gegenüber. Er war der örtliche Bürgermeister und schaute uns irritiert an, da er gehofft hatte, dass wir wirklich einfach an seinem Büro vorbei gingen. „Es tut mir sehr leid, aber unser Festsaal wird leider gerade umgebaut, deshalb kann ich euch keinen Schlafplatz anbieten!“ antwortete er auf unsere konkreter formulierte Bitte hin mit der gleichen eiskalten Freundlichkeit eines professionellen Serienkillers wie zuvor. Dabei ging er auf einen kleinen Schrank zu und holte etwas heraus, das er uns kurz darauf in die Hand drückte. „Hier sagte er mit einem gespielten Lächeln, „als kleines Andenken an unseren schönen Ort!“

Ein Aufkleber!
Er hatte uns tatsächlich mit einem Aufkleber abgespeist, auf dem der Wappen seines Ortes zu sehen war. Dreister ging es ja kaum noch. Keinen Platz anzubieten, obwohl man ihn hatte, war ja in Ordnung. Aber einen von sich aus anzusprechen, einem ohne erkennbaren Grund die Zeit zu stehlen, einem daraufhin nichts hilfreiches anzubieten, einen dann noch dreist anzulügen und einem am Ende einen billigen Aufkleber in die Hand zu drücken, mit der Bitte, sich positiv an diesen Ort zu erinnern? Das ging dann doch ein bisschen weit.
Wir verließen das Rathaus und schauten uns auf dem Vorplatz ein wenig um. Tatsächlich gab es hier nicht nur einen Saal, sondern gleich zwei und beide waren so ganz und gar nicht im Umbau. Noch einmal kehrte ich ins Rathaus zurück und suchte unseren Bürgermeister wieder auf. „Entschuldigung“, sagte ich, „aber wir haben gerade gesehen, dass es hier zwei Räume gibt, die nicht umgebaut werden. Wie sieht es denn damit aus?“
„Oh, naja,“ gab er nach einem Ausweg suchend zurück, „Ich meinte natürlich, sie sind belegt. In beiden Räumen findet heute eine Versammlung statt. Sehr schade! Ja, da kann ich nichts machen!“
Schade, dass die Sprachbarriere hier so hoch ist, denn ein paar gute Sprüche wären mir dazu schon eingefallen. Nur eben nicht auf Französisch. So blieb mir nichts als die Gewissheit, ihn beim Lügen ertappt zu haben und ihm seine Aufkleber demonstrativ vor die Tür zu legen.

Das ganze Ausmaß der Unfreundlichkeit dieses Mannes bemerkten wir aber erst im nächsten Dorf, denn als wir dort eintrafen stellten wir fest, dass das Rathaus heute den ganzen Tag geschlossen hatte. Er hatte uns also ganz bewusst an eine Adresse abgeschoben, von der wusste, dass sie uns kein bisschen weiterhelfen würde.
Meine Suche nach dem hiesigen Bürgermeister blieb erfolglos doch ich traf auf ein Ehepaar, das bereit war uns für eine Nacht zu beherbergen. Wir überlegten eine Weile, entschieden uns dann aber dagegen. Selbst wenn wir nun noch zwei Stunden weiter wandern mussten, würden wir damit im Verhältnis immer noch Zeit sparen. Und auch wenn die beiden sicher nette und freundliche Leute waren, war es uns doch lieber, für uns alleine und unsere eigenen Herren sein zu können. Es war nicht zu leugnen, aber wenn man so lange unterwegs war, wurde man doch etwas eigenbrötlerisch.
Nach weiteren 6 oder 7km erreichten wir ein merkwürdig dreieckiges Dorf, das zwischen zwei große Straßen gequetscht war. Hier bekamen wir vom Bürgermeister ein Quartiert in einem kürzlich geschlossenen Minimarkt. Die Regale und Kühltruhen standen noch darin, ebenso wie der Tresen für die Registrierkasse. Spannend war, dass es kaum mehr als ein paar Tage her sein konnte, dass man den Laden aufgegeben hatte, dass aber trotzdem einige der Wände verschimmelt waren und an mehreren Stellen die wasserdurchweichte Zimmerdecke in Fetzen nach unten hing. Der Laden musste also schon zu Betriebszeiten so ausgesehen haben, obwohl er anhand der verbliebenen Einrichtung einen recht noblen Eindruck machte.

Meine Essensrunde an diesem Abend wurde zu einer der deprimierendsten der ganzen Reise. Ich klingelte an rund 15 verschiedenen Türen und bekam gerade drei Mal eine positive Antwort. Leicht geknickt kehrte ich um und stellte fest, dass Heiko in der Zwischenzeit, rein durch seine Anwesenheit an unserem Platz mehr Essen aufgetrieben hatte, als ich durch meine Suche.
Als wir den Tag am Abend noch einmal Revue passieren ließen fiel uns auf, dass wir seit einigen Tagen eine ähnliche Phase erlebten, wie direkt nach meinem letzten Ritual. Dieses Mal war es Heidi, bzw. Tolinka gewesen, die einen wichtigen Wandlungsschritt unternommen hatte, doch die Wirkung war offensichtlich die gleiche. Anscheinend war es egal, wer von unserer Herde einen Schritt machte, die Auswirkungen bekamen immer alle zu spüren.

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Spruch des Tages: Ich bin 21.000km bis nach La Chaussée gewandert und alles, was ich bekam war dieser lausige Aufkleber

Höhenmeter: 50 m
Tagesetappe: 7 km
Gesamtstrecke: 21.269,27 km
Wetter: regen und heftiger Sturm
Etappenziel: Festsaal der Stadt, 86190 Latillé, Frankreich

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About the Author:

Heiko Gärtner und Franz von Bujor sind ausgebildete Survivalexperten und Extremjournalisten. Seit 2014 wandern sie zu Fuß und ohne Geld um die Welt um auf diese Weise tiefe Einblicke in unsere Gesellschaft mit all ihren Facetten, Kulturen und Systemen zu bekommen. Als Medizinjournalisten sind sie unter anderem Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten Verbandes und schreiben neben Artikeln für Blogs, Zeitungen und Magazine auch Sachbücher und Ratgeber. 2013 veröffentlichten sie gemeinsam ein Grundlagenwerk über Antlitzdiagnose mit dem Titel "Krankheiten auf einen Blick erkennen". 2016 folgte ihr zweites Werk "Die natürliche Heilkraft der Bäume". Dabei handelt es sich um ein Lehrbuch, um die Grundlagen der Naturheilung zu erlernen, wie sie seit Jahrtausenden von indigenen Völkern überall auf der Welt angewendet werden. Heiko Gärtner ist zudem gelernter Natur- und Landschaftspfleger, Wildnislehrer, Hochseilgartentrainer sowie Berg- und Höhlenretter. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungsfachwirt leitete er unter anderem Motivation und Verkaufstrainings und übernahm später eine eigene Generalagentur. Aus dieser Zeit konnte er unter anderem auch ein umfangreiches Verständnis und Wissen aus den Bereichen Versicherungsrecht, Recht im Allgemeinen, Buchhaltung, Wirtschaftsmathematik und Unternehmensführung mitnehmen. Um mehr seinem Herzensweg zu folgen, gab er seine Büro-Karriere schließlich auf, um sich zum Survivalexperten, Nationalparkranger und Wildnismentor ausbilden zu lassen. In diesem Rahmen besuchte er unter anderem Naturvölker in Neuseeland, Kanada, den USA und Thailand. Dabei gründete er unter anderem seine eigene Wildnisschule, die bis heute besteht und Ausbildungen aus dem gesamten Wildnissektor anbietet. Franz von Bujor ist studierter Kultur- und Sozialpädagoge, sowie ausgebildeter Wildnislehrer, Mediator und Erlebnispädagoge. Auf seinen vielzähligen Reisen unter anderem nach Australien und Lateinamerika sammelte er Expertenwissen im Bereich alternatives Leben und Reisen, Minimalismus, Backpacking und Work and Travel, sowie allgemein im Bereich Kunst, Kultur, Religion und Geschichte. Seit 2016 lebt er als Wandermönch.

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