Tag 1215: Männerspielplatz

von Heiko Gärtner
09.08.2017 07:08 Uhr

29.04.2017 

Ist es nicht faszinierend, dass wir auf eine Jahrtausende lange Entwicklungsgeschichte zurückblicken, in der wir uns vom primitiven Steinzeitmenschen zum hoch modernen Menschen der Neuzeit entwickelt haben, der auf den Mond fliegen und innerhalb von Sekundenbruchteilen Nachrichten um die ganze Welt schicken kann – und dass wir uns trotzdem kein bisschen verändert haben?

Wir sind immer noch die gleichen Jäger und Sammelrinnen wie vor Zehntausend Jahren. Heute durften wir den Beweis dafür noch einmal mit unseren eigenen Sinnen erleben. Denn wie bereits erwähnt war Stonehenge zu einem großen Teil von Militärgebieten umgeben, nur hatten wir gestern noch nicht abschätzen können, wie weit dieses Gebiet reichte. Wir verbrachten heute noch einmal den kompletten Tag darin, bis wir schließlich auf der gegenüberliegenden Seite den Ausgang zu den umliegenden Ortschaften erreichten. Die übrigens auch zum größten Teil noch mit dazu gehören, da hier fast nur Soldaten und ihre Familien leben.

Anders als wir es von Deutschland her kennen, ist das Militärgebiet hier ein halb öffentliches. Es gibt keine Zäune und kein generelles Verbot, das Gebiet zu betreten. Im Gegenteil, es gibt sogar viele öffentliche Wege, die mitten hindurch führen. Als Zivilist muss man dabei lediglich darauf achten, ob irgendwo eine rote Fahne zu sehen ist. Wenn das der Fall ist, gibt es verschiedene Arten der Interpretation, was einem dieses Zeichen sagen soll. Entweder es heißt, dass man das komplette Gebiet nicht mehr betreten darf oder aber es besagt, dass bestimmte Wege nicht mehr benutzt werden dürfen. So genau wusste das niemand und die Beschilderung stimmte nichts im geringsten mit den Aussagen der Soldaten überein, die wir auf dem Weg trafen. Mal hieß es, wir dürften zwar links aber nicht rechts, mal war es umgekehrt und mal hatten wir Glück, dass wir aufgefunden wurden, bevor man uns aus Versehen mit einer Bombe in die Luft gesprengt hatte. Da aber außer uns auch noch eine zivile Jagdgesellschaft, ein Trupp Landschaftsgärtner sowie rund 4000 Kühe über das Gelände huschten und hier niemand irgendetwas von irgendwelchen scharfen Übungen wusste, war das Risiko gering. Einer der Jäger brachte es sehr gut auf den Punkt: „Wenn ihr hier links geht, kommt ihr direkt aus dem Militärgelände heraus und könnt einfach außen herum gehen. Allerdings müsst ihr dann der Hauptstraße folgen und um ganz ehrlich zu sein denke ich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ihr hier erschossen werdet um ein vielfaches geringer ist als die Chance, dass man euch auf der Straße überfährt!“

Tatsächlich war das Militätgelände sogar eines der friedlichsten, harmonischsten und ruhigsten Areale, die wir in der letzten Zeit durchwandert hatten. Auf einer Anhöhe, auf der auch einige Dixi-Klos standen, machten wir erst einmal eine Picknickpause. Hinter uns befand sich ein kleines Wäldchen, in dem die Eichhörnchen auf den Bäumen herumsprangen und in dem die Vögel leise und friedlich zwitscherten. Es klingt paradox, aber es war wirklich der schönste und friedlichste Picknickplatz seit dem am See in Frankreich an Heikos Geburtstag. Und das mitten in einem Kriegsgebiet. Am Horizont fuhren die Panzer vorbei und wirbelten riesige Staubwolken auf und hin und wieder konnte man ganz leise aus weiter Ferne vereinzelte Schüsse hören. Und trotzdem war es friedlicher als jede Ortschaft durch die wir gekommen waren. Auffällig dabei war, dass hier über dem gekennzeichneten Militärgebiet kein einziger Hubschrauber und kein einziger Jet zu sehen war, während sie im Umkreis fast immer über den Köpfen der Menschen kreisten. Wie kam das? Ich meine, wenn man doch schon ein Übungsgebiet zur Vergfügung hat, warum fliegt man dann trotzdem über Ortschaften hinweg, so dass ein deutlich höheres Unfallrisiko entsteht und man das Leben von Menschen gefährdet, die nicht das geringste damit zu tun haben.

Auf dem weiteren Weg wurden wir zwei Mal direkt von Panzern und Kettenfahrzeugen überholt aus denen die großen Jungs herausschauten, die hier Krieg spielen durften. Es war keine Frage, was für eine Art von Gelände es war. Es war kein Areal, in dem man sich wirklich auf eine ernste Situation vorbereitete, es war ein gigantischer Spielplatz für Männer. Der Traum jedes kleinen Jungen. Es war ein Gelände, auf dem man nach Herzenslust mit Geländewagen, großen Trucks und Panzern durch Schlamm, über Hügelpisten und durch Wälder heizen konnte, auf dem man sich verstecken und mit seinen Freunden Krieg spielen durfte und auf dem es sogar erlaubt war, einfach so irgendetwas in die Luft zu sprengen. Uns fiel auf, dass es tatsächlich vor allem Männer waren, die man mit diesen Dingen begeistern konnte und so stellten wir uns die Frage, wie wohl ein vergleichbarer Spielplatz für Frauen aussehen würde. Das erste, was uns dazu einfiel war ein riesiges Shoppingcenter in dem man eine unendliche Auswahl an Schuhen, Kleidung, Handtaschen, Dekorationen und anderen Dingen hatte. Und da wurde es uns noch einmal richtig bewusst. Wir waren eben wirklich noch immer Jäger und Sammlerinnen. Die Aufgabe der Männer war es seit je her, sich zu tarnen und auf die eine oder andere Weise einen Jagderfolg zu erzielen, während die Frauen für das Sammeln von Früchten, Kräutern, Feuerholz und ähnlichem Zuständig waren. Diese beiden Uristinkte stecken noch immer tief in uns und sorgen dafür, dass wir uns in unserem zivilisierten Rahmen noch immer genauso verhalten, wie wir es in der freien Natur tun würden.

Spruch des Tages: Je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich!

Höhenmeter: 90 m

Tagesetappe: 17 km

Gesamtstrecke: 22.314,27 km

Wetter: trocken aber kalt und windig

Etappenziel: Kirche, Market Lavington, England

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Heiko Gärtner
Heiko Gärtner ist Wildnismentor, Extremjournalist, Survivalexperte, Weltreisender und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Antlitz- und Körperdiagnostik. Nachdem er einige Jahre als Agenturleiter und Verkaufstrainer bei einer großen Versicherungsagentur gearbeitet hat, gab er diesen Job auf, um seiner wahren Berufung zu folgen. Er wurde Nationalparkranger, Berg- und Höhlenretter, arbeitete in einer Greifenwarte und gründete schließlich seine eigene Survival- und Wildnisschule. Seit 2014 wandert er zu Fuß um die Welt und verfasste dabei mehrere Bücher.

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